Dr. Rainer Jund über Empathie: „Auch ein Arzt bleibt immer Patient“

31 März, 2020 - 07:15
Stefanie Hanke/Bianca Freitag
Empathie ist wichtig, kommt im Arztberuf aber leider oft zu kurz. Wie schafft man es als Arzt, mitfühlend zu bleiben, aber trotzdem das Leid der Patienten nicht zu nah an sich heranzulassen? Diese Themen beschäftigen Dr. Rainer Jund in seinem Buch "Tage i

Angst und Hoffnung, Verzweiflung und Erleichterung – und auch immer wieder Frust: Im Klinikalltag werden Ärzte mit extremen Schicksalen und Emotionen konfrontiert. Mit „Tage in Weiß“ hat der HNO-Arzt Dr. Rainer Jund seine Erfahrungen literarisch verarbeitet. Im Zentrum steht dabei das Spannungsfeld zwischen Empathie und professioneller Rationalität.

„Die letzte Instanz war ich. Mein Handwerk entschied. Wenn ich jetzt versage, stirbt ein Kind. Eine Situation, die theoretisch als Arzt vorstellbar, praktisch jedoch nie greifbar ist.“ Diese Gedanken gehen Junds Ich-Erzähler durch den Kopf, als er zu einem Notfall gerufen wird. Eben noch Kaffee und Nussschnecken im Schwesternzimmer, jetzt Not-OP für ein siebenjähriges Mädchen, das heftig aus dem Mund blutet. Jund findet plastische Worte für die Panik, die in dem jungen Arzt aufsteigt – und schildert gleichzeitig auch sein Ringen um eine professionelle Haltung: „Wieso ich? Wieso ich? Wieso ich? Was für ein Riesenscheiß. In solchen Situationen darf die Distanz zur Rolle nicht verrutschen. Ich bin der Arzt. Das kreischende Monster ignorieren. Rationalität“.

Wie verwundbar das menschliche Leben ist, schwingt in Junds Buch immer mit – so zum Beispiel auch bei einem Jungen, der beim Klettern von einem Baum gefallen ist und nun viel Blut verliert – bis im Schockraum auf einmal sein Herz stehen bleibt: „Das Wunder des Lebens ist zart. Ein millimeterdickes Blutgefäß in der Nase entschied über Weiterleben, über Schule, Feiern, ans Meer fahren, lernen, abends alleine unter der Decke weinen, Liebeskummer, Vater werden“. In „Tage in Weiß“ gibt es keine Garantie für ein Happy End: Manche Patienten können die Ärzte retten, andere nicht – genau wie im realen Krankenhausalltag. Die Schicksale kommen und gehen. Nur selten erfährt der Leser, wie das Leben eines Patienten nach dem Krankenhausaufenthalt weitergeht – eine Erfahrung, die auch Krankenhausärzte ständig machen.

In episodenhafter Form lässt Jund seine Leser am Arbeitsalltag eines jungen Mediziners teilhaben: Vom ersten Präp-Kurs im Studium geht es über die Assistenzarzt-Zeit immer weiter die Karriereleiter hoch – am Ende ist er Oberarzt. Wie die Jahre vergehen, bekommt der Leser dabei gar nicht mit. Im Zentrum stehen die Szenen, die der Arzt mit seinen Patienten erlebt, und die durch den klaren, oft knappen Stil des Autors eine ungewöhnliche emotionale Wucht entwickeln. Mal kämpft der Ich-Erzähler um das Leben eines Kindes, mal verliert er fast die Geduld mit einem Patienten, der US-amerikanische Chemtrails für seine Mittelohrentzündung verantwortlich macht.
 

Interview mit Dr. Rainer Jund, HNO-Arzt und Autor von „Tage in Weiß“

Herr Dr. Jund, Sie sind selbst Arzt und haben lange an der HNO-Universitätsklinik München Großhadern gearbeitet. Warum haben Sie Ihre Erfahrungen als Klinikarzt in einem Buch verarbeitet?

Dr. Rainer Jund: Der Beruf des Arztes ist so schön und so intensiv, erfordert aber die ganze Aufmerksamkeit und Intensität eines Menschen, wenn man ihn ernsthaft betreiben will. Diese Aufmerksamkeit und Intensität geht im Alltag der Klinik verloren, insbesondere die emotionale Verarbeitung. Das war für mich der Anlass, mit dem speziellen Instrument der Literatur nochmal genauer hinzusehen.

Warum ist der Mikrokosmos „Krankenhaus“ für Sie auch literarisch spannend?

Dr. Rainer Jund: Das Krankenhaus ist ein Abbild der Welt. Wie Menschen dort leben und dort arbeiten – egal ob Ärzte und Patienten oder Ärzte untereinander, spiegelt im Kleinen die ganze Gesellschaft. Es gibt ähnliche Hoffnungen, ähnliche Nöte und ähnliches Leid. Allerdings ist das alles im Krankenhaus extrem kondensiert: menschliches Leid, Helfen und Hoffnung, aber auch Freundschaft. Wir finden hier eine sehr fokussierte Abbildung der Welt. Für jemanden, der schreibt und darüber nachdenken will, ist das natürlich hochinteressant.

Wie stark sind die Patientenschicksale, die Sie schildern, von realen Vorbildern inspiriert?

Dr. Rainer Jund: Das Buch ist klar literarische Fiktion, aber es ist natürlich autobiographisch eingefärbt. Das betrifft einerseits den Lebenslauf des Ich-Erzählers, der genauso auch für jeden anderen Arzt stehen kann. Die einzelnen Patienten-Geschichten können sich genauso abgespielt haben. Fachlich und soziologisch ist das alles sehr realistisch, nur ist es eben vielleicht nicht mit genau diesen Personen so passiert.

Ihr Ich-Erzähler begleitet uns von seinem ersten Präp-Kurs im Studium bis zu seiner Zeit als Oberarzt. Wie würden Sie seine Entwicklung über diesen Zeitraum beschreiben?

Dr. Rainer Jund: Der Ich-Erzähler fängt an, wie ein Medizinstudent anfängt, voller Motivation und Leidenschaft. Er ist extrem begeistert von der Vorstellung, Arzt zu werden – mit all der Reputation, die dieser Beruf in der Gesellschaft mit sich bringt. Er betritt eine neue Welt, die ihn aber auch aus der Jugend und beschützten Träumerei seines bisherigen Umfelds herausreißt. Auf einmal erlebt er diese Situation im Präp-Kurs: Das ist kein Spaß mehr, da liegt wirklich ein toter Mensch. Das ist eine ungeheuerliche Erfahrung, die man aber nicht alleine macht, sondern in der Gruppe. Diese Bekanntschaften, die man im Präparierkurs macht, sind wahnsinnig intensiv und es sind oft Freunde und Bekanntschaften fürs Leben. Es ist fast wie eine Söldnertruppe, die in eine Welt abgeworfen wird, die auch feindlich sein kann, und man muss sich aufeinander verlassen. Danach folgen Episoden des Lernens für den Ich-Erzähler, der zunächst in die Neurochirurgie geht. Er lernt und erlebt, wie nah das Leben am Abgrund steht und wie eng manchmal Leid, Freude und Hoffnung beieinanderliegen.

Diese Verwundbarkeit des menschlichen Lebens ist ja ein zentrales Motiv des Buches. Was macht es mit Ihnen als Arzt, regelmäßig auch mit extremen Schicksalen konfrontiert zu sein?

Dr. Rainer Jund: Es geht in der Klinik ständig hin und her zwischen den abstrusesten Erkrankungen, die für die Menschen alles oder nichts bedeuten können. Bei einem jungen Arzt stellt sich dann ein ganz normaler Reflex ein: Man will und muss lernen. Die fachliche Kompetenz kann ja nur dann entstehen, wenn wir uns dem Erleben dieser Krankheiten stellen. Es ist wichtig für die Ärzte, Operationen durchzuführen und Schicksale zu erleben. Aber diese fachliche Kompetenz hat einen Preis. Bei vielen bleibt die emotionale Ebene, die Empathie sehr stark zurück. Viele Ärzte reagieren mit Mechanismen wie Resignation, Flucht oder Zynismus den Patienten gegenüber.

Stichwort Empathie: Es gibt in Ihrem Buch Ärzte, die empathisch reagieren und andere, die das nicht tun. Welche Rolle spielt Empathie im Krankenhausalltag?

Dr. Rainer Jund: Eine große Rolle. Wenn ein Arzt mit Resignation oder Zynismus reagiert, wird das im Volksmund als „abgestumpft“ beschrieben. In Wirklichkeit sind das Abwehrmechanismen, die Menschen davor schützen sollen, dass sie den ganzen Tag Leid erleben. Vielleicht kann man als Arzt nicht mehr empathisch reagieren, wenn zum x-ten Mal am Tag wieder jemand fragt „Ist es Krebs?“. Vielleicht ist ein Arzt in seiner Rolle nur so überlebensfähig. Junge Ärzte wie der Ich-Erzähler müssen für ihre Facharztweiterbildung ja bestimmte Fallzahlen bearbeiten. Natürlich stecken hinter den Fällen Menschen. Doch um professionell agieren zu können, muss man dieses Wissen manchmal in den Hintergrund schieben. Im weiteren Verlauf des Lernens gibt es erst einen Höhenflug. Aber dann kommt etwas, das extrem essentiell ist, wenn man ein guter Arzt werden will. Und das ist eine Demutserfahrung. Dann weiß man, dass man nur versuchen kann zu helfen – es aber keine Garantien gibt, selbst wenn man auf seinem Gebiet vielleicht der größte Experte ist. Je früher man diese Demut erreicht hat, desto besser wird man, kann seine Patienten gut behandeln und umso weniger muss man sich als Arzt in Zynismus und Resignation flüchten. Wenn einen Kurs gäbe, der sich mit den Geschichten und den Krankheiten beschäftigt und was auf menschlicher Ebene dahintersteckt, würde das sowohl den Ärzten als auch den Patienten sehr viel Leid ersparen.

Muss man sich vielleicht ein Stück weit abschotten, um seiner Aufgabe als Arzt gerecht zu werden? Oder gerade nicht?

Dr. Rainer Jund: Als Arzt ist man sich viel mehr der Verletzlichkeit des menschlichen Lebens bewusst. Aber ist man wirklich aufmerksam? Ich habe eine lange Zeit versucht, mich davon abzulenken. Vielleicht gibt es die Befürchtung, dass die Professionalität im eigenen Handeln verloren geht, wenn der Gedanken an die Verletzlichkeit zu groß wird. Es ist ein Spannungsfeld zwischen Empathie und professioneller Rationalität. Wenn man einen Notfall reinbekommt, muss man schnell handeln – da ist erstmal keine Zeit für Empathie. Trotzdem muss es danach diese Minute geben, in der man darüber nachdenkt, ob es gut gelaufen ist und wer der Patient war usw. Wenn man das nicht macht, bleibt irgendwann die Empathie auf der Strecke – dies ist aber etwas, was Menschen brauchen. Man kann das nicht acht oder zehn Stunden am Tag ausschalten und dann nach der Arbeit gut gelaunt zur Familie zurückkehren. Man muss seine Gefühle zulassen und reflektieren dürfen. Dafür gibt es bisher wenige Räume. Ängste sind alltäglich. Wenn man sie gut einordnen kann, sind sie Bestandteil der täglichen Wahrnehmung. Jeder hat Ängste.

„Wir sind alle Patienten“ heißt es schon in der Widmung Ihres Buches. Denken Sie als Arzt auch ab und zu daran, dass Sie genauso gut auch der Patient sein könnten?

Dr. Rainer Jund: Natürlich, wir sind alle Patienten, das ist ein ganz elementarer Gedanke. Selbstverständlich sind auch Ärzte Patienten, meistens sogar sehr schwierige und schlechte Patienten. Weil sie nicht akzeptieren, dass das eigene Wissen ihnen nicht weiterhelfen kann. Ich selbst bin ein ganz schlechter Patient, besonders wenn es um meine Familie und meine Kinder geht. Man kann nicht akzeptieren, dass man machtlos ist und dass man genau das gleiche Schicksal erleiden kann wie jeder andere. Man sollte versuchen, jeden Patienten so zu behandeln, wie man es für sich selbst oder seine Familie wünscht. Dieser Perspektivwechsel ist für Ärzte enorm wichtig. Der Gedanke „Du bist auch nur ein Patient“ geht in unserem Beruf aber leider oft unter.

Was geben Sie jungen Ärzten auf Basis Ihrer Berufserfahrung mit auf den Weg?

Dr. Rainer Jund: Da gibt es ganz konkrete Ratschläge. Als junger Arzt sollte man sich darüber im Klaren sein, dass das größte Hindernis die Selbstüberschätzung ist. Diese Selbstüberschätzung steht dem wirklichen Erkenntnisgewinn und auch den eigentlichen Verpflichtungen eines Arztes im Weg. Wenn wir eine vertrauensvolle Gesellschaft bilden wollen, müssen wir alle ein Leben lang weiterlernen und dürfen nicht glauben, dass wir schon alles wissen. Für einen praktizierenden Arzt ist das besonders relevant. Die Hybris der Ärzte ist mit Sicherheit einer der stärksten qualitätsmindernden Faktoren in einem Gesundheitssystem. Extrem schlecht wäre es, immer die eigene Perspektive zum Maßstab alles Wichtigen zu nehmen.

 


Buchtipp:

Rainer Jund, Tage in Weiß
© Piper Verlag GmbH, München, 2019
240 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-492-05878-0
Preis: 20,00 Euro

Dieser Beitrag erschien zuerst auf operation-karriere.de, dem Online-Portal des Deutschen Ärzteverlags für Medizinstudenten und Berufseinsteiger (2.10.2019).

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