Bündnis junge Ärzte: „Wir wollen mehr Flexibilität, mehr Wertschätzung und ein besseres Miteinander“

23 Februar, 2022 - 07:21
Miriam Mirza
Max Tischler
Max Tischler ist Facharzt für Dermatologie und seit November 2019 Sprecher des Bündnis Junge Ärzte (BJÄ).

Viele Ärztinnen und Ärzten sind unzufrieden mit ihrer Arbeitssituation. Max Tischler arbeitet als Dermatologe in einer Gemeinschaftspraxis und ist Sprecher des Bündnis Junge Ärzte. Im Interview verrät er, was sich junge Medizinerinnen und Mediziner von ihrer Arbeit wünschen.

Herr Tischler, was ist jungen Medizinern und Medizinerinnen wichtig, wenn es um die Arbeit geht?

Max Tischler: Da sehe ich drei Punkte: Mehr Flexibilität, Wertschätzung und dass das Miteinander gefördert wird.

Wie flexibel hätten Sie es denn gern?

Max Tischler: Wir sind als Ärztinnen und Ärzte nicht anders als die meisten Menschen. Wir wissen, dass wir heute den Beruf, den man mit Mitte 20 begonnen hat, vielleicht mit 60 nicht mehr ausüben werden, und wahrscheinlich bleibt man auch nicht das gesamte Berufsleben beim selben Arbeitgeber oder in der einen Praxis. Zur Flexibilität gehört auch, dass die Arbeit als Arzt nicht alles ist. Heute wollen wir Zeit für unser Familienleben, für unsere Hobbys, für Forschungsarbeit oder auch andere berufliche Aktivitäten haben. Deshalb wollen manche nur in Teilzeit arbeiten. Ich beispielsweise schaue beruflich gerne über den Tellerrand, interessiere mich für Start-Ups im Gesundheitswesen, mache mich in der Interessensvertretung für die Belange junger Ärztinnen und Ärzte stark oder halte Vorträge. Das macht mir genauso Spaß wie die Arbeit in der Praxis. Bei den meisten dieser Aktivitäten wurde früher grundsätzlich erwartet, dass sie in der Freizeit oder im Urlaub geleistet werden. Das muss sich ändern, z. B. indem etwas von der Forschung in der regulären Arbeitszeit gemacht werden kann.

29.03.2024, Ambulantes Zentrum für Lungenkrankheiten und Schlafmedizin (AZLS)
Cottbus

War das der Grund, warum Sie vom Krankenhaus den Wechsel in eine Praxis vollzogen haben?

Max Tischler: Ja, ich wollte damals genug Zeit für meine anderen Interessensgebiete haben und hätte gerne eine 80-Prozent-Stelle gehabt. Das war im Krankenhaus damals nicht möglich. Ich glaube, es war weniger ein organisatorisches Problem, sondern es scheiterte an der Umsetzungsbereitschaft. Aus diesem Grund habe ich mich bei einer Praxis beworben. In einer Praxis funktioniert so etwas tendenziell besser. Da haben die Kliniken einen gewissen Nachholbedarf. Wobei klar ist, dass es in Krankenhäusern viel aufwändiger zu planen ist, wenn es etwa um Diensteinteilungen und Notfalldienste geht. Das ist sicher eine Herausforderung. Ich glaube aber, dass Kliniken noch mehr machen können, als bisher geschehen ist.

Kommen wir zum nächsten Punkt, den Sie eben genannt haben, das war das Thema Wertschätzung. In welchen Bereichen wünschen Sie sich mehr davon?

Max Tischler: Zum Beispiel bei der Weiterbildung. Ich wünsche mir mehr Wertschätzung sowohl für den Assistenzarzt oder die Assistenzärztin als auch für die Weiterbildenden. Letztere sollten gut geschult werden. Im Arbeitsalltag bleibt häufig kaum Zeit für Weiterbildung, Fehler werden eher als befremdlich wahrgenommen und es gibt keine positive Fehlerkultur. Wenn Schulungen stattfinden, sind sie oft nur negativ belastet, weil sie die Ärztinnen und Ärzte Zeit kostet, in denen sie eigentlich zehn anderePatientinnen und Patienten behandeln könnten. Das müssten wir ablegen und erreichen, dass die Oberärztinnen und -ärzte, die Praxisinhaberinnen und -inhaber und jede, die die Weiterbildung betreiben, das auch zeitlich, qualitativ und fachlich machen können. Und auf der anderen Seite brauchen die Weiterzubildenden die Zeit, diese Maßnahmen durchzuführen und vor- und nachzubereiten.

Wo spielt Wertschätzung noch eine Rolle?

Max Tischler: Wertschätzung im Miteinander ist auch sehr wichtig. Die Zusammenarbeit von Praxis und Klinik über Sektorengrenzen wird in Zukunft enger. Wir müssen aber auch viel mehr mit anderen etablierten und neu entstehenden Berufsgruppen zusammenarbeiten. Das muss nicht nur der neuen Generation an Ärztinnen und Ärzten, sondern auch jenen beigebracht werden, die schon zehn Jahren im Beruf sind. Sonst dauert es wieder 30 Jahre, bis die Etablierten aus dem Beruf ausscheiden.

Was braucht es denn, damit das Miteinander besser wird?

Max Tischler: Es braucht Modelle, die abbilden, wie das Miteinander funktioniert und wie man das aktiv gestalten kann. Dafür müssen Fragen geklärt werden wie: Wer hat den Hut auf? Wer ist für die Behandlung der Patientinnen und Patienten verantwortlich? Stellen Sie sich vor, ein Assistenzarzt lernt von einem Physician Assistant, wie man eine Sonografie macht, ist ihm aber gegenüber weisungsbefugt. Dann ist das eine hierarchische Konstellation, die nicht einfach ist. Künftig müssen wir lernen, mit solchen flacheren Hierarchien umzugehen. Dazu gehört die richtige Kommunikation – nicht nur zwischen den Berufsgruppen, sondern auch innerhalb des Krankenhauses oder der Praxis. Das muss man lernen.

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