Als Facharzt in Namibia: „Hier ist klinisches Denken viel wichtiger!“

12 Dezember, 2019 - 16:18
Stefanie Hanke
Dr. Jan Wnent (rechts) und sein Kollege Michael van der Colf auf der Intensivstation des Katutura Hospital in Windhoek, Namibia.

Wie ist es, ein paar Jahre ins Ausland zu gehen und in einer ganz anderen Kultur zu leben und zu arbeiten? Der Anästhesist und Notarzt Dr. Jan Wnent leitet die Intensivmedizin in einem Krankenhaus in Namibia. Im Interview berichtet er von seinen Erfahrungen.

Herr Dr. Wnent, Sie sind seit Oktober 2018 Leiter der Intensivmedizin am Katutura Hospital in Windhoek, der Hauptstadt von Namibia. Wie ist es denn dazu gekommen?

Dr. Jan Wnent: Ich habe vorher am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel und in Lübeck gearbeitet. In Lübeck gibt es seit inzwischen sieben Jahren ein Ausbildungs- und Kooperationsprojekt mit der University of Namibia. Wir haben damals aus dem Bereich Anästhesie einen Notfall-Medizinkurs für die Studenten aufgebaut. So bin ich in Kontakt mit der Universität hier in Windhoek gekommen und habe auch das namibische Gesundheitssystem kennengelernt. Vor drei Jahren haben meine Frau und ich dann entschieden, dass wir mal für eine Weile hier leben möchten. Hier im Katutura Hospital, einem der beiden großen staatlichen Krankenhäuser in Windhoek, war ein Posten als Leiter der Intensivmedizin frei. Und da habe ich mich dann beworben. Ich hatte eigentlich eine gute Stelle als stellvertretender Direktor des Instituts für Rettungs- und Notfallmedizin des UKSH. Aber es hat uns einfach gereizt, auch mal etwas Anderes auszuprobieren und hierher zu ziehen.

Was genau hat Sie daran so gereizt?

Dr. Jan Wnent: Ich wollte einfach nochmal in einem anderen Gesundheitssystem arbeiten. In Deutschland sind die meisten Patienten eher im betagten Alter – das wissen Sie ja selber. Bei Diagnostik und Therapie können wir da aus dem Vollen schöpfen. Im Wesentlichen ist alles gut organisiert – da wollte ich gern auch mal etwas Anderes kennenlernen und für einige Zeit im englischsprachigen Ausland leben und da Erfahrungen zu sammeln.

Wie ist das Gesundheitssystem in Namibia genau aufgebaut?

Dr. Jan Wnent: Es gibt im Wesentlichen zwei parallele Systeme: Es gibt das staatliche Gesundheitssystem, in dem ich arbeite – da wird erstmal jeder Namibier behandelt. Dafür entstehen fast keine Kosten für die Patienten – es gibt nur einen ganz kleinen Beitrag als eine Art „Krankenhaus-Eintrittsgebühr“. Umgerechnet sind das etwa 1,50 Euro. Danach sind aber die Behandlungen im staatlichen Gesundheitssystem kostenlos. Außerdem gibt es das private Gesundheitssystem mit privaten Praxen und Krankenhäusern, das entsprechend bezahlt werden muss. Wir haben zwei große Krankenhäuser in Windhoek, die als Referenzzentren fungieren. Daneben gibt es in den einzelnen Regionen mittelgroße, kleinere und vor allem sehr kleine Krankenhäuser. Das sind eher Ambulanzen, in denen auch nicht immer ein Arzt arbeitet.

Wie werden die Fachärzte ausgebildet?

Dr. Jan Wnent: Die Organisation ist an das anglo-amerikanische System angelehnt. Wir haben sogenannte “Medical Officer“ in den Krankenhäusern – das sind Nicht-Fachärzte. Daneben gibt es die Fachärzte, die als „Consultants“ ihre Station leiten und die fachärztliche Expertise einbringen. Außer im Bereich Anästhesie gibt es keine eigene Facharztausbildung – und den Facharzt für Anästhesie gibt es auch erst seit zwei Jahren in Namibia. Dabei ist die Facharztausbildung eher verschult und an die Universitäten angegliedert – wie in Südafrika, Großbritannien oder den USA. Das kann man ja durchaus als Vorteil sehen, dass die Ausbildung so strukturiert ist. Eigentlich alle Fachärzte, die hier sind, sind nicht in Namibia ausgebildet worden. Eine School of Medicine gibt es auch erst seit sieben Jahren – es haben also auch alle im Ausland studiert: die meisten in Südafrika, einige aber auch in Deutschland oder in Großbritannien. Wir haben im Ärzteteam Kollegen aus vielen verschiedenen Nationen – die meisten wissen also, wie es ist, in einem ganz anderen Gesundheitssystem zu arbeiten.

Was für Patienten kommen in der Regel zu Ihnen?

Dr. Jan Wnent: Das Durchschnittsalter der Patienten ist viel, viel niedriger als in Deutschland. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei etwa 64 Jahren. Bei mir auf der Intensivstation sind die Patienten im Durchschnitt um die 40 Jahre alt. Das ist natürlich ganz anders als in Deutschland. Wir haben viel mit Infektionskrankheiten zu tun und auch HIV ist noch ein großes Thema. Allerdings ist die Inzidenz für HIV-Infektionen in den letzten Jahren in Namibia deutlich zurückgegangen. Trotzdem haben wir viel mit HIV-assoziierten Infektionen und Tuberkulose zu tun. Wir haben viele Patienten, die mit schwerer Sepsis zu uns kommen. Aber natürlich gibt es auch die operativen Patienten – also mit einem Trauma nach einem Verkehrsunfall, aber auch Patienten mit Stich- oder Schussverletzungen. Aber es gibt natürlich auch das ganz normale, geplante chirurgische Programm und Patienten, die postoperative Betreuung brauchen. Das ist dann eher wieder mit Deutschland vergleichbar.

Wie ist die Intensivstation in Ihrem Krankenhaus ausgestattet?

Dr. Jan Wnent: Es ist im Vergleich zu Deutschland schon eher eine Basisausstattung. Wir haben im Katutura Hospital offiziell 840 Betten, davon acht Intensivbetten. Da haben deutsche Krankenhäuser natürlich ein Vielfaches an Intensivbetten bei einer vergleichbaren Gesamtbettenzahl. Wir haben Basis-Monitoring, wir haben Beatmungsgeräte. Aktuell haben wir nur an einem Bett die Möglichkeit, invasives Monitoring – also arterielle Blutdruckmessung – zu betreiben. Eine Akut-Dialyse oder Hämofiltration können wir aktuell nicht durchführen. Ein Blutgas-Analysegerät haben wir auch nicht – das ist ja eigentlich auch Standard. Das ist bei uns im Moment die Realität. Die Intensivstation im Windhoek Central Hospital ist ein bisschen besser ausgestattet.

Wie beeinflusst das Ihre Arbeit? Was ist anders als in Deutschland?

Dr. Jan Wnent: Ich denke, man muss hier in Namibia mehr in seine klinischen Fertigkeiten vertrauen und kann sich weniger auf Gerätemedizin verlassen. Die Studenten werden hier an der Universität auch intensiver in diesem Bereich ausgebildet. Da musste ich mich am Anfang etwas „reinfuchsen“. Wir versuchen trotzdem gerade, die Sonografie mehr in den Alltag einzubringen. Wir haben von einer Partneruniversität in den USA zwei Ultraschall-Geräte zur Verfügung gestellt bekommen. Aber im Wesentlichen ist der Unterschied, dass wir mehr klinische Diagnostik-Fähigkeiten und mehr klinisches Denken brauchen. Wir können den Patienten eben nicht direkt zum MRT schicken – das gibt es höchstens im privaten Sektor. Man lernt dabei, mit den Basisinformationen Diagnosen zu stellen und die Patienten zu behandeln. Ich glaube, dass wir damit schon einigermaßen gute Medizin machen können. Das können auch Studierende aus Deutschland lernen, wenn sie beispielsweise für eine Famulatur oder einen Teil des PJs zu uns kommen.

Was müssen deutsche Studierende beachten, wenn sie sich für eine Famulatur oder ein PJ in Namibia interessieren?

Dr. Jan Wnent: Prinzipiell müssen sie in einem der Departments der Klinik akzeptiert sein. Seit eineinhalb Jahren müssen Studierende, die für eine Famulatur oder das PJ nach Namibia kommen, beim „Health Professions Council of Namibia“ – also der Ärztekammer – registriert sein. Grundsätzlich ist es möglich, aber die Planung kostet einfach Zeit. Und wenn man niemanden hat, der einem von Namibia aus hilft, ist es durchaus eine Herausforderung. Aber prinzipiell haben wir auch immer wieder Studierende und PJler aus Deutschland hier. Man kann sich zum Beispiel auch von einer Agentur bei der Organisation helfen lassen – die sorgt dann dafür, dass man alle Unterlagen einreicht. Für Praktika und andere unbezahlte Tätigkeiten ist es seit kurzem einfacher, ein Visum zu bekommen. Da sollte man sich aber unbedingt im Vorfeld gut informieren.

Was vermissen Sie denn aus dem deutschen Gesundheitssystem am meisten?

Dr. Jan Wnent: Ein bisschen Organisation und vorausschauende Planung. Natürlich ist das ein Klischee, und die Namibier ziehen mich als Deutschen damit ab und zu ein bisschen auf. Hier herrscht eine andere Mentalität – und das kann richtig anstrengend werden. Zum Beispiel Bestellungen oder die Bettenplanung sind oft nicht so vorausschauend. Da vermisse ich oft die Organisationsstruktur aus Deutschland.

Und was werden Sie aus Namibia vermissen, wenn Sie irgendwann zurück nach Deutschland kommen?

Dr. Jan Wnent: Die Freiheit. Ich bin hier relativ frei, was meine Arbeitszeitgestaltung betrifft. Ich kann selbst festlegen, wann ich was mache. Das hat man in Deutschland ja mit einem Oberarztvertrag so nicht. Und auch als Chefarzt hat man diesen Gestaltungsspielraum schon lange nicht mehr. Da ist diese weniger strukturierte Organisation auch manchmal ein Vorteil: Wenn wir am Wochenende relativ spontan wegfahren wollen, findet sich eigentlich immer kurzfristig ein Kollege für die Vertretung. Das ist in Deutschland sicher viel schwieriger. Das werde ich irgendwann bestimmt vermissen.

Wie sieht denn Ihr Leben außerhalb des Krankenhauses aus?

Dr. Jan Wnent: In dem Viertel von Windhoek, in dem meine Frau und ich wohnen, ist der Standard so wie in Europa. Allerdings sehe ich eine hohe Mauer und einen doppelten Elektrozaun, wenn ich aus dem Küchenfenster schaue. Wir wohnen hier in so einer Art Reihenhaussiedlung, die komplett eingezäunt ist. Das war am Anfang ein bisschen seltsam, aber inzwischen nehmen wir das gar nicht mehr wahr. Für mich war es ungewohnt, dass hier niemand herumläuft oder mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt – man nimmt auch für kurze Wege immer das Auto. Dabei geht es gar nicht unbedingt um Sicherheit: Tagsüber ist es hier auch nicht gefährlicher als in einer europäischen Großstadt. Wir haben uns hier in dem Jahr eigentlich nie bedroht gefühlt. Ich vermisse manchmal eine Innenstadt, in der man ein bisschen bummeln kann – so etwas gibt es hier nicht. Hier geht man wie in den USA in die Mall. Insgesamt kann man als Arzt hier auf einem guten europäischen Niveau leben.

Können Sie sich vorstellen, dauerhaft in Namibia zu bleiben?

Dr. Jan Wnent: Ich habe aktuell einen Zwei-Jahres-Vertrag, der im Oktober 2020 ausläuft. Dann muss man sehen, ob der verlängert wird. Generell denke ich aber, dass wir mittelfristig wieder zurück nach Deutschland ziehen werden – vor allem, weil meine Frau ihre Facharztweiterbildung in der Inneren Medizin in Namibia nicht abschließen kann. Wir können uns aber gut vorstellen, später nochmal ins Ausland zu gehen – vielleicht auch in ein ganz anderes Land. Das ist aber noch Zukunftsmusik.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf operation-karriere.de, dem Online-Portal des Deutschen Ärzteverlags für Medizinstudenten und Berufseinsteiger (20.12.2019).

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