Dr. Cornelia Strunz über Weibliche Genitalverstümmelung: „Oft bin ich die Erste, mit der die Betroffenen sprechen“

4 Januar, 2020 - 10:04
Stefanie Hanke/Bianca Freitag
Desert Flower Foundation
Dr. Cornelia Strunz (vordere Reihe Mitte im roten T-Shirt) hat im Desert Flower Center auch eine Selbsthilfegruppe eingerichtet, in der Frauen über ihre Beschneidung und die Operation sprechen können.

Weibliche Genitalverstümmelung (FGM) wird immer noch in vielen Regionen Afrikas praktiziert – mit erheblichen körperlichen und seelischen Folgen. Im Desert Flower Center Waldfriede in Berlin bekommen die betroffenen Frauen Hilfe. Im Interview beschreibt die Oberärztin Dr. Cornelia Strunz, was sie und ihr Team tun können.

Im Desert Flower Center Waldfriede helfen Sie genitalverstümmelten Frauen. Was genau ist Ihre Aufgabe dort?

Dr. Cornelia Strunz: Das Desert Flower Center Waldfriede ist das erste Zentrum weltweit, in dem genitalverstümmelten Frauen eine ganzheitliche Hilfe angeboten wird – sowohl chirurgisch als auch psychologisch. Ich bin Fachärztin für Chirurgie – 2013 habe ich die Leitung des Zentrums übernommen. Eine wichtige Aufgabe ist die Sprechstunde: Einem Mann würden sich die betroffenen Frauen auf keinen Fall öffnen. Mittlerweile kümmere ich mich komplett um die Frauen und all ihre Fragen und Sorgen. Ich habe das Telefon immer dabei. So können die Betroffenen Kontakt zu uns aufnehmen und eine erste Beratung am Telefon erhalten. Dann machen wir meistens schnell einen persönlichen Termin. Zu meinen Aufgaben gehört auch die Gesundheits- und Sexualaufklärung. Das heißt: Ich erkläre, was eigentlich bei der Beschneidung entfernt wurde und wie wir hier helfen können. Ich begleite die Frauen bei der Operation und der Nachbetreuung. Die Operation selbst führt aber der plastische Chirurg Dr. Uwe von Fritschen durch. Seit Januar 2015 betreue ich außerdem einmal im Monat eine Selbsthilfegruppe.

Sie sind keine Gynäkologin, sondern Chirurgin. Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich auf dieses Thema spezialisiert haben?

Dr. Cornelia Strunz: Eigentlich wollte ich mich auf die Proktologie spezialisieren. Als ich im Sommer 2013 im Krankenhaus Waldfriede angefangen habe, hatte ich noch gar keinen Bezug zu afrikanischen Frauen. Aber als mich mein Chef Dr. Roland Scherer gefragt hat, ob ich die Leitung des Desert Flower Center übernehmen möchte, habe ich schnell ja gesagt: Mich hat das Thema sehr interessiert – außerdem habe ich als Chirurgin immer schon eine Nische gesucht. Deshalb hatte ich bei diesem Angebot das Gefühl, dass es genau das Richtige für mich ist. Mich hat es sehr gereizt, den afrikanischen Frauen mit meinem medizinischen Wissen helfen zu können.

Was genau wurde den betroffenen Frauen angetan?

Dr. Cornelia Strunz: Der Fachbegriff ist „female genital mutilation“‘ – kurz FGM. Die betroffenen Frauen sind als Mädchen zwischen vier und 14 Jahren beschnitten worden. Viele können sich auch sehr genau daran erinnern: Daran, dass sie festgehalten und dass ihre Beine zusammengebunden wurden. Manche sind auch mehrmals beschnitten worden. Später sind viele dann zwangsverheiratet worden. Viele sind geflüchtet. Die Beschneidung ist letztendlich eine Tradition, die Mädchen freuen sich sogar darauf. Sie werden darauf vorbereitet, ihnen wird eine warme Mahlzeit oder ein neues Kleidungsstück versprochen. Es gehört zu ihrer Gesellschaft dazu und wenn die Mädchen dazugehören wollen, dann muss das durchgeführt werden. Dass die Beschneidung höllisch weh tut, darauf werden die Mädchen nicht vorbereitet.

Welche Langzeitfolgen hat die Beschneidung für die betroffenen Frauen?

Dr. Cornelia Strunz: Meistens hat die Beschneidung zur Folge, dass die Mädchen ein Leben lang Schmerzen haben, nicht vernünftig zur Toilette gehen können, Probleme bei der Menstruation haben oder gar nicht schwanger werden können, weil sie komplett zugenäht sind. Wenn die Frauen dann verheiratet werden, muss der Mann sie so lange penetrieren, bis sie wieder aufreißen oder er muss eine professionelle Beschneiderin holen, die die Frauen wieder aufschneidet. Außerdem sterben auch viele an den Folgen der Beschneidung – zum Beispiel an einer Infektion. Die WHO geht davon aus, dass zehn Prozent an den akuten und 25 Prozent an den langfristigen Folgen versterben. Außerdem können sich diverse rektovaginale Fisteln entwickeln. Deswegen ist das Desert Flower Center übrigens auch in die Abteilung für Darm- und Beckenbodenchirurgie eingebettet – und nicht in die Gynäkologie.

Wie viele Frauen sind davon betroffen – weltweit und in Deutschland?

Dr. Cornelia Strunz: Weltweit sind 250 Millionen Frauen betroffen. Deutschlandweit sind es 70.000. Alle, die bisher zu uns kamen, kommen ursprünglich aus den afrikanischen Ländern. Insgesamt wird FGM in 29 afrikanischen Staaten praktiziert – vor allem in Nordost-, Ost- und Westafrika. In manchen Ländern wie Ägypten oder Somalia sind mehr als 90% der Frauen und Mädchen davon betroffen.

Wie können Sie im Desert Flower Center diesen Frauen konkret helfen?

Dr. Cornelia Strunz: Ich kann alleine schon damit helfen, dass ich am Telefon mit den Frauen rede. So merken sie, dass es da eine Frau am anderen Ende gibt, an die sie sich wenden können. Oft bin ich die erste Frau, mit der die Betroffenen darüber sprechen. Das ist sehr ergreifend. Ich bin „Dr. Conny“, ich bin für sie da, nehme sie auch mal in den Arm. Ich höre ihnen zu. Sie merken auch schnell, dass ich schon mit anderen betroffenen Frauen gesprochen habe. Wenn sie zum Beispiel vor mir sitzen und kein Wort herausbekommen, dann kann ich mit gezielten Fragen nachhaken. Da merken sie schnell, dass sie gut aufgehoben sind.

Welche Rolle spielt die Selbsthilfegruppe, die Sie für die Frauen anbieten?

Dr. Cornelia Strunz: Sie müssen sich vorstellen, dass die Frauen mit niemandem darüber sprechen, auch nicht mit anderen Frauen in ihrer Familie, ihren Freundinnen oder ihren Nachbarinnen. Das ist ein totales Tabuthema. Die Frauen denken ja, die Klitoris sei ein böser Stachel, der ein Leben lang weiterwächst. Und dass der ganze Genitalbereich unrein wäre. Deswegen können sie auch nicht darüber reden, was ihnen angetan wurde. Bei der Selbsthilfegruppe versuche ich in der ersten halben Stunde immer einen kleinen Vortrag zu halten oder mich mit den Frauen über das Thema Beschneidung zu unterhalten. Und ich frage, ob eine Frau, die schon bei uns operiert worden ist, über ihre Erlebnisse reden möchte. Das ist auch meistens der Fall. Da wird den anderen Frauen, die vielleicht noch nicht in der Sprechstunde waren, ein gutes Gefühl gegeben, dass sie sich bei uns melden können und dass man mit einer Operation etwas Gutes erreichen kann.

Welche operativen Möglichkeiten gibt es?

Dr. Cornelia Strunz: Den meisten Frauen können wir operativ sehr gut helfen. Wie wir ihnen helfen, hängt aber auch von der Art der Beschneidung ab. Davon gibt es vier Typen. Beim Typ I wird das Präputium entfernt, hier würde ich von einer Operation abraten, da durch die Operation wieder eine neue Narbe auf der Vorhaut entsteht. Beim Typ II ist die Klitoris und die kleinen Schamlippen beschnitten. Wenn sich im Bereich der Klitoris ein Narbenstrang ertastet, kann man diesen abtragen und den Rest der Klitoris wieder so rekonstruieren, dass sie auch wieder eine Empfindung bekommt. Beim Typ III ist alles so zugenäht, dass nur noch eine kleine stecknadelkopfgroße Öffnung bleibt. Diese Frauen haben die größten Probleme, zum Beispiel kann es eine halbe Stunde dauern, bis die Blase entleert ist. Auch hier können wir alles so wiederherstellen, dass sich die Frauen schnell wieder in ihrem Körper wohlfühlen können.

Wie erleben Sie diese Frauen, wenn sie zum ersten Mal zu Ihnen kommen?

Dr. Cornelia Strunz: Meistens sind sie verängstigt und ganz schüchtern. Es dauert immer ein bisschen, bis sie sich öffnen. Viele Frauen fühlen sich nicht nur körperlich verstümmelt, sondern auch ihrer Weiblichkeit beraubt. Sie fühlen sich nicht mehr wohl in ihrem Körper. Sie haben Probleme, sich einem Mann gegenüber zu öffnen, weil sie sich für ihr Aussehen im Genitalbereich schämen. Aber wenn sie operiert und entlassen worden sind, dann sind sie total glücklich und dankbar, meistens schon direkt nach der Operation, wenn sie im Aufwachraum wach werden. Eine riesige Last fällt von ihren Schultern und sie fangen meist sofort an, aus Dankbarkeit zu weinen.

Wie verändert sich das Leben der Frauen nach der Operation?

Dr. Cornelia Strunz: Gerade erst hatte ich so ein Beispiel von einer Frau aus Äthiopien, die in Süddeutschland lebt. Sie hat sich nach Monaten dazu durchringen können, sich operieren zu lassen. Es ist auch alles wunderbar verlaufen. Aber am Anfang konnte sie nach der Operation nicht von einem Gynäkologen untersucht werden, weil sie große Angst vor Berührungen hatte. Ich habe sie dann noch einmal selbst untersucht und mit meiner somalischen Dolmetscherin auf sie eingeredet, dass sie jede Berührung zulassen kann und alles gut verheilt ist. Beim nächsten Anruf aus Süddeutschland erfuhr ich, dass die Frau im dritten Monat schwanger ist, und jetzt habe ich eine E-Mail bekommen, dass sie einen gesunden Jungen zur Welt gebracht hat. Das sind natürlich Verläufe, über die ich mich wahnsinnig freue. Da merke ich, dass wir mit unserer Art, wie wir mit den Frauen umgehen, gut und sensibel genug waren, dass sie wieder Berührungen zulassen und ein normales Leben führen können.

Was raten Sie anderen Ärzten, die in ihrem Berufsalltag mit FGM konfrontiert werden?

Dr. Cornelia Strunz: Nicht weggucken und schweigen, sondern die Frauen ansprechen, wenn man sieht, dass sie Probleme oder eine Narbe im Genitalbereich haben. Kollegen, die da einen Rat oder andere Unterstützung brauchen, können mich auch immer gern anrufen. Wir führen auch zweimal im Jahr ein Intensivseminar durch, bei dem wir Ärztinnen und Ärzte aufklären und informieren. Das Thema ist ja nicht im Lehrplan des Studiums vorgesehen, und viele Ärzte oder Hebammen sind deswegen natürlich überfordert.

Sie kämpfen auch gegen uralte Traditionen und religiöse Überzeugungen an. Was kann man überhaupt von Europa aus tun, um diese Überzeugungen zu durchbrechen und zumindest die jungen Mädchen vor Ort vor der Beschneidung zu schützen?

Dr. Cornelia Strunz: Das ist super schwierig und gerade die Aufklärung vor Ort ist sehr wichtig. Ein Schritt wäre, die Beschneiderinnen umzuschulen und ihnen einen anderen Job zu verschaffen. Das ist ja in den jeweiligen Ländern ein hoch angesehener Beruf. Diese Frauen werden verehrt und verdienen den Lebensunterhalt des ganzen Stammes damit. Natürlich ist Bildung ganz wichtig; auch die Mädchen – nicht nur die Jungen – müssen zur Schule gehen. Das ist das Allerwichtigste, damit die Mädchen auch ein selbstbestimmtes Leben führen können. Bei den Frauen, die in Deutschland leben, müssen wir auch ein Umdenken bewirken, damit sie sich von FGM abwenden und ihre eigenen Töchter nicht beschneiden lassen. Wenn wir das erreichen, haben wir schon sehr viel geschafft.

Wie wird das Desert Flower Center finanziert?

Dr. Cornelia Strunz: Wenn die Frauen krankenversichert sind, wird die Behandlung durch die Krankenkassen bezahlt. Wir wollen aber auch jede nicht versicherte Frau behandeln. Ich bin sehr froh, dass wir diesen Förderverein vom Krankenhaus Waldfriede gegründet haben. Über diesen Verein akquirieren wir Spenden, um auch nicht versicherten Frauen zu helfen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf operation-karriere.de, dem Online-Portal des Deutschen Ärzteverlags für Medizinstudenten und Berufseinsteiger (11.11.2019).

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