Wenn aus Kollegen Feinde werden: Was tun gegen Mobbing im Klinikalltag?

3 Dezember, 2020 - 10:04
Stefanie Hanke

Nette Kolleginnen und Kollegen gehören zu einem guten Arbeitsumfeld dazu – dann hält man es auch leichter aus, wenn der Job in der Klinik oft stressig ist. Was aber passiert, wenn Einzelne von ihren Kollegen ausgegrenzt, angefeindet oder ständig unsachlich kritisiert werden? Mobbing kann für die Betroffenen gravierende Folgen haben.

Mobbing ist leider kein seltenes Phänomen: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes machen derzeit in Deutschland 1,5 Millionen Menschen Erfahrungen damit. Und auch Ärzte bilden da keine Ausnahme: Allein bei der Mobbingberatungsstelle der Ärztekammer Nordrhein gehen pro Jahr etwa 25 Anfragen von Ratsuchenden ein. Dabei leiden viele der Betroffenen schon sehr lange unter der Situation. Die Hemmschwelle, sich Hilfe zu suchen, ist offenbar auch im medizinischen Bereich hoch: Bei vielen Betroffenen vergeht zunächst eine geraume Zeit, zwischen den ersten Mobbing-Situationen bis zum ersten Kontakt zur Beratungsstelle, heißt es von der Kammer. Zudem kann von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden, da sich die Betroffenen erst dann Hilfe holen, wenn die Situation schon ziemlich eingefahren ist.

Mobbing kann extreme Auswirkungen haben

Das erlebt auch Stefanie Esper, Ansprechpartnerin für das Thema Mobbing bei der Ärztekammer Nordrhein, in ihren Beratungsgesprächen: „Die Auswirkungen des Mobbings sind leider oft sehr extrem. Es kommt vor, dass die Ratsuchenden in Tränen ausbrechen, weil sich so viel in ihnen aufgestaut hat. Manche kündigen freiwillig ihre Stelle, oft sogar ohne direkte Folgeanstellung. Manche sind dauerhaft krankgeschrieben. Und es gibt auch Betroffene, die nie wieder ins Arbeitsleben zurückkehren können.“

Die Situationen, in denen es zum Mobbing kommt, haben ein breites Spektrum „Allerdings lassen sich im hierarchischen Gefüge der Kliniken verschiedene Konstellationen beobachten, die es immer wieder gibt“, erklärt Esper. Häufig werden die Vorgesetzten zu Mobbern: „Die Ratsuchenden sind z.B. Oberärzte, die von dem leitenden Oberarzt oder Chefarzt gemobbt werden. Oder Oberärzte mobben die Assistenzärzte oder Fachärzte. Es gibt aber auch Mobbing im Team auf horizontaler Ebene, z.B. bei Assistenz- oder Oberärzten“.

Grundsätzlich könne es jeden treffen, weiß die Expertin: „Menschen mit den unterschiedlichsten Charaktereigenschaften können zum Opfer werden. Es sind oft sehr taffe Personen, die sich grundsätzlich nichts gefallen lassen würden. Trotzdem geraten sie in diese Situation. Aber es gibt auch die Menschen, die verlernt haben, in gewissen Situationen ‚nein‘ zu sagen, um persönliche Grenzen aufzuzeigen. Solche Menschen können leichter Opfer von Mobbing werden“.

Vielschichtige Gründe für Mobbing

Und warum werden Menschen zu Mobbing-Tätern? Das lasse sich oft nicht ohne weiteres nachvollziehen, erklärt Esper: „Die von den Mobbern genannten Gründe erscheinen mir eher vorgeschoben: Da wird den Opfern beispielsweise eine mangelnde Kompetenz und Leistungsbereitschaft vorgeworfen.“ Die eigentlichen Gründe seien aber deutlich vielschichtiger: Ein Auslöser für Mobbing-Situationen könnte sein, dass der Klinikalltag stressig und die Personaldecke dünn ist. Manchmal könnte auch Neid eine Rolle spielen, wenn z.B. ein Assistenzarzt bei der Vergabe von OP-Einsätzen bevorzugt wird. Manchmal erscheint mir auch die Angst vor Konkurrenz ein Faktor zu sein. Aber wer sich bei uns beraten lässt, kann die Motive für das Mobbing natürlich auch nur erahnen.“

Grundsätzlich rät Esper dazu, zunächst ein klärendes Gespräch zu suchen: „Manchmal ergibt sich daraus, dass die ganze Situation auf einem Missverständnis beruht und die beiden Parteien einfach nur einen ganz unterschiedlichen Kommunikationsstil haben.“

Oft genug kommen die Mobbingopfer aber allein nicht weiter. Dann hilft es, sich zunächst in der eigenen Klinik Unterstützung zu suchen. Dabei kann beispielsweise der Weg zum Vorgesetzten eine gute Idee sein: „Es gibt Vorgesetzte, die das Team mit klärenden Gesprächen wieder zusammenfügen möchten. Andere verhalten sich allerdings erstaunlich defensiv und möchten sich nicht einmischen“. Doch auch außerhalb der eigenen Abteilung gibt es Unterstützung für die Betroffenen: So gibt es heutzutage in größeren Kliniken neben Gleichstellungsbeauftragten auch spezielle Mobbingbeauftragte, die abteilungsübergreifend für das Thema zuständig sind und oft eine spezielle Weiterbildung zum Thema Konfliktmanagement absolviert haben.

Im Ernstfall: Hilfe suchen!

Bei der Beratungsstelle der Ärztekammer Nordrhein geht es in erster Linie darum, den Betroffenen zuzuhören und gemeinsam die Situation zu reflektieren. Die gesamte Beratung bleibt dabei vollständig anonym, betont Stefanie Esper, die Namen der Ratsuchenden und ihrer Peiniger werden nirgendwo notiert. Zusammen mit der Beraterin können Betroffenen eine Vorgehensweise erarbeiten und beispielsweise überlegen, mit wem ein Gespräch sinnvoll sein könnte und ob es in der Klinik Unterstützer gibt, die helfen könnten. Auch die gemeinsame Reflektion konkreter Ereignisse hilft häufig, die Situation besser zu deuten. Oft läuft es auf eine entscheidende Frage hinaus: Möchte das Mobbingopfer weiterhin an dieser Stelle festhalten? Oder kann es sinnvoll sein, sich einen neuen Job zu suchen? Für die Betroffenen bedeutet das einen harten Schritt. Doch wenn die Umstände jeden Arbeitstag zur Qual werden lassen, kann ein Abschied aus einer Klinik auch nach Jahren die richtige Entscheidung sein.

Die Ärztekammer kann aber auch noch mehr tun, als den Betroffenen beratend zur Seite zu stehen: Auf Antrag kann die Kammer ein kollegiales Schlichtungsgespräch initiieren, bei dem die beiden betroffenen Seiten unter Moderation der Ärztekammer, ggf. begleitet von einem Juristen aus der Rechtsabteilung, an einen Tisch geholt werden.
 


Was ist Mobbing?

Definition von Heinz Leymann, Diplompsychologe und Mobbingforscher:

"Mobbing ist dann gegeben, wenn ein Betroffener mindestens einmal in der Woche mindestens ein halbes Jahr lang attackiert wird – von einer oder von mehreren Personen."

Leymann definiert fünf Formen des Mobbings:

  1. Angriffe auf Möglichkeiten, sich mitzuteilen (z.B. ständiges Unterbrechen, Anschreien, Schimpfen, Drohungen, Abwertungen)
  2. Angriffe auf die sozialen Beziehungen (z.B. Verweigerung von Kommunikation, Ignorieren des Betroffenen)
  3. Angriffe auf das soziale Ansehen (z.B. Gerüchte verbreiten, den Betroffenen lächerlich machen, Entscheidungen öffentlich in Frage stellen, sexuelle Belästigung)
  4. Angriffe auf die Qualität der Berufs- und Lebenssituation (z.B. bewusste Zuweisung stark über- oder unterfordernder Aufgaben, sinnloser Aufgaben oder überhaupt keiner Aufgaben)
  5. Angriffe auf die Gesundheit (z.B. Androhung körperlicher Gewalt, Misshandlung, aber auch Zerstörungen am Arbeitsplatz des Betroffenen)

 

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