Frischer Wind und alte Hasen

17 März, 2020 - 11:35
Gerti Keller
Junge Chefärztin und erfahrener Oberarzt – diese Konstellation birgt Konfliktpotenzial

Fachkräftemangel und demografischer Wandel bringen es mit sich: Immer mehr junge Führungskräfte treffen auf ältere Mitarbeiter, was ein gewisses Konfliktpotenzial birgt. Doch gilt das auch für Kliniken? Arbeitspsychologe Matthias Barkhausen gibt Einblicke und Tipps für die ersten 100 Tage auf dem neuem Chefarztposten.

Wer die Zusage für seine erste Chefarztstelle bekommt, freut sich erst einmal riesig. Dennoch ist jeder Anfang eine Bewährungsprobe. Nicht selten ist der Vorgänger nach etlichen Jahren in Rente gegangen. Und einige der Oberärzte sind so alt, dass sie die Eltern ihrer neuen Leitung sein könnten. Das stellt mitunter die Hierarchie „gefühlt“ ganz schön auf den Kopf. Trotzdem kann der Start gut gelingen. Dabei liegt das Erfolgsrezept dafür weniger in den fachlichen Kompetenzen, sondern mehr im zwischenmenschlichen Bereich.  

„Entscheidender als das Verhalten ist die eigene Haltung“, erklärt Matthias Barkhausen, der seit vielen Jahren Führungskräfte von Krankenhäusern coacht. Das Allerwichtigste sei, dem Team offen entgegenzutreten: „Nicht jeder hat automatisch etwas gegen einen jungen Chef“, erläutert Barkhausen. Falls aber jemand skeptisch ist, so ist eine einladende Ausstrahlung umso wichtiger. Nachwuchstalenten rät Barkhausen dafür zu einem Perspektivwechsel: „Fragen Sie sich, was bräuchte ich in der Situation als älterer Mitarbeiter, was würde mir guttun?“ Das gilt besonders bei enttäuschten Kollegen, die sich selbst auf die Position beworben haben, aber auch für „etwas schwierige“ Zeitgenossen. Deren Namen bekommt der neue Chef, wenn er von außen kommt, meist recht schnell zugeflüstert. „Vielleicht hat der Mitarbeiter gute Gründe dafür. Versuchen Sie das herauszubekommen und Verständnis dafür aufzubringen“, empfiehlt der 54-jährige Coach.

Gegenwind vorbeugen

Darüber hinaus kann man sich ein wenig wappnen – und Einwände quasi vorweg behandeln. „Um ältere Kollegen mit ins Boot zu holen, können Sie sagen: Ich kann verstehen, dass die Situation für Sie vielleicht etwas schwierig ist. Sie haben mit Dr. XY bestimmt gut zusammengearbeitet. Mir ist Ihre Expertise aber ebenfalls sehr wichtig.“ Und das ist sie auch. Zumal Oberärzte vor allem in großen Krankenhäusern sehr spezialisiert sind und in bestimmten Bereichen größeres Wissen als alle anderen besitzen. Zudem heißt es längst nicht mehr: einmal Chefarzt immer Chefarzt. „Wenn Mitarbeiter vermehrt kündigen, wird die Geschäftsführung dies auf Dauer nicht hinnehmen“, so Barkhausen.

Generell sollte auch ein junger Chefarzt, wie alle neuen Führungskräfte, zunächst den ersten Schritt machen und die Einzelgespräche sofort starten. „Wichtig ist, konkret die Projekte und Arbeitsbereiche zu definieren, in denen die Mitarbeiter weiterhin eigenständig arbeiten können“, so Barkhausen. Denn die Sorge genau das nicht mehr tun zu können, treibt erfahrene Kliniker oft um. Darüber hinaus sollte man immer nach ihren Erwartungen fragen – allerdings ohne falsche Hoffnungen zu wecken. „Weisen Sie darauf hin, dass Sie noch mehr solcher Gespräche führen werden, auch mit Assistenzärzten und Pflegern, um sich ein ganzes Bild zu machen“, betont Barkhausen. Erst danach sei eine Rückmeldung möglich, über das was verwirklicht werden kann. Ohnehin braucht alles etwas Zeit.

Denn auch wenn das Management der neuen Leitung etliche Zielvorstellungen mit auf den Weg gegeben hat und man selbst voller Tatendrang steckt, darf nicht gleich alles umgekrempelt werden. Barkhausen: „Der größte Fehler ist, sich sofort aufs Fachliche zu stürzen und zu rasche Veränderungen anzustoßen. Selbst wenn diese noch so richtig sind.“ Denn dann fragen sich die Alteingesessenen unvermeidlich: Ja, haben wir denn vorher alles falsch gemacht?

Die alte Regel der ersten 100 Tage aus der Politik gilt auch für die Klinik. Dabei steht zunächst die Wertschätzung im Vordergrund. Ist ein gutes Verhältnis erst aufgebaut, lassen sich Veränderungen beispielsweise mit solchen Sätzen vermitteln: Ich weiß, ihr habt bislang super gearbeitet, aber jetzt gibts eine neue Technik, Erkenntnis oder Richtlinie und deswegen machen wir nun eine Veränderung.

Das Senioritätsprinzip wackelt

Egal, ob man in einer fremden Klinik anfängt oder das Team links außen überholt hat, Sensibilität ist wichtig. Denn es steht unserer evolutionsbiologischen Rangordnung entgegen, wenn Jüngere die Karriereleiter emporschnellen, statt sich wie früher hochzuarbeiten. Digitalisierung & Co. bringen es aktuell jedoch mit sich, dass das bislang gültige Senioritätsprinzip in der ganzen Wirtschaft wankt. Und längst nicht jeder Jungspund wird akzeptiert, wie das Randstad Arbeitsbarometer 2018 aufzeigte. In Kliniken erwachse daraus aber noch kein allzu großer Generationskonflikt, meint Barkhausen.

Zwar wird man heute etwas früher Chefarzt und ist konfrontiert mit Oberärzten aus der Babyboomer-Generation. Aber zumindest die älteren Vertreter der Generation Y haben noch einen ähnlichen Berufsweg hinter sich wie ihre etablierten Kollegen. „Zu den größten Konfliktherden zählt eher der Neid in dem Sinne: Wir mussten uns noch aufopfern und 24-Stunden-Dienste schieben und ihr lasst um fünf Uhr das Skalpell fallen“, so Barkhausen. Auf längere Sicht werde es in der Chefetage aber bestimmt lockerer zu gehen. „Ich erlebe, dass die jungen Oberärzte durchaus ein anderes Verständnis von Autorität haben und viel partnerschaftlicher und kommunikativer auf Menschen zugehen“, sagt der Diplom-Psychologe. Und das ist wiederum eine wunderbare Ausgangsbasis für Loyalität.

 


Der Experte:

Matthias Barkhausen, geb. 1965, begann als Alten- und Krankenpfleger, schloss ein Studium der Psychologie und Soziologie an und gründete 2008 Barkhausen Health Care Consulting.

 

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