
Jeden Advent tauscht er den weißen Kittel gegen die rote Robe, einen dicken Rauschebart, Mitra und Bischofsstab: Dr. Winfried Keuthage ist Arzt in Münster – und seit mehr als 30 Jahren als Nikolaus unterwegs. Und weil er nicht überall sein kann, betreibt der Diabetologe zudem die bundesweite kostenlose Internetvermittlung www.Nikolaus-Zentrale.de.
Herr Dr. Keuthage, waren Sie schon als Kind vom Nikolaus begeistert?
Dr. Winfried Keuthage: Damals kannte ich ihn gar nicht. Mein älterer Bruder bekam nach einem Nikolaus-Besuch mit Knecht Ruprecht Alpträume. Daraufhin sagten meine Eltern: „Das machen wir nie wieder“. Ich begann erst als Student, mich für den Brauch zu begeistern. Mit 23 schlüpfte ich für meine Neffen zum ersten Mal in das Kostüm. Früher konnte man sich dafür in einem nahegelegenen Kloster ausrangierte Priestergewänder ausleihen. Die Jungs waren aber mit sechs, sieben Jahren schon aus dem Alter raus. Bevor ich nur den Mund aufmachte, hatten sie mich erkannt und zogen mir am Bart. Daraufhin dachte ich, das kannst du nur mit fremden Kindern machen. Zu jener Zeit vermittelte das Arbeitsamt Nikoläuse. Ich besuchte erst Familien und trat später auch bei Betriebsfeiern auf.
Wie entstand die Nikolaus-Zentrale?
Dr. Winfried Keuthage: Das Arbeitsamt stellte irgendwann diesen Service ein, das Internet kam gerade auf und so gründete ich die Webseite für die kostenlose Vermittlung, auch von Weihnachtsmännern. Bis heute kommen darüber sehr viele, auch überregionale Anfragen. Unter www.nikolaus-muenster.de biete ich mich nach wie vor selbst an.
In welchem Alter ist die Freude am größten?
Dr. Winfried Keuthage: Kinder unter zwei Jahren verstehen das nicht immer und fremdeln eher. Danach, spätestens ab zwei bis sechs Jahren, ist es das schönste Alter. Die nehmen das ernst und glauben daran. Mit Schuleintritt wird ihnen bereits geflüstert, dass es den Nikolaus gar nicht gibt. Ich besuchte lange Jahre eine Grundschule. In den ersten und zweiten Klassen macht das noch ein bisschen Spaß. Die Vierer haben mir dann eher nachgestellt und mich geärgert. Jugendliche finden das natürlich generell uncool, aber halten ihren kleinen Geschwistern zuliebe dicht und spielen mit. Zu Hause konnte ich damit allerdings nicht punkten. Meine Tochter hat mich schon im Alter von drei Jahren auf dem Weihnachtsmarkt enttarnt.
Was mögen Sie daran?
Dr. Winfried Keuthage: Es ist eine wunderschöne Aufgabe, Kindern die Geschenke zu bringen und ihnen etwas zu erzählen. Die sind dann immer lieb und ehrfürchtig. Viele bereiten auch eine Kleinigkeit vor, singen ein Lied. Man kommt in die Familie, erlebt die Stimmung, die Atmosphäre. Die Augen strahlen. Es gibt auch ungewöhnliche Erlebnisse: Letztes Jahr kam ich zu einem Matheprofessor, der seinen Spanischkurs zu sich eingeladen hatte. Alles Leute über 50, die hatten einen Heidenspaß. Manchmal sind die Erwachsenen sehr lustig, und wenn ich dann schlagfertig bin, wird viel gelacht.
Gibt es Trends?
Dr. Winfried Keuthage: In meiner Anfangszeit erlebte ich tatsächlich einmal, dass ein Junge „ordentlich was auf den Hosenboden bekommen“ sollte. Heute wird viel weniger getadelt. Ich bin der Gute, der möglichst viel lobt. Inzwischen sagen tatsächlich viele, das ist kein Klamauk, sondern ein Kulturgut. Für mich ist es Brauchtumspflege. Zudem habe ich die Tradition quasi weiterentwickelt. Den grimmigen Knecht Ruprecht mag ich nicht so gern, also erfand ich als Begleitung die Engel. Momentan sind das meine Tochter und eine Freundin. Dann ziehen wir zu dritt los. Das macht mir persönlich noch mehr Freude. Und: Mittlerweile gibt es sogar Nikolausdamen und Weihnachtsfeen.
Geben sie auch mal medizinische Tipps?
Dr. Winfried Keuthage: Das ergibt sich nicht. Ich muss mich an die Texte halten, die die Eltern mir geben. Nur so kann ich einen persönlichen Bezug zum Kind herstellen. Das ist es auch, was die Rolle so faszinierend macht. Ich bin vermeintlich fremd, habe aber Insiderinformationen. Allerdings steht tägliches Zähneputzen häufig auf dem Wunschzettel der Eltern.
Was steht noch darauf?
Dr. Winfried Keuthage: Weniger Streit mit den Geschwistern kommt mit Abstand am meisten vor. Ein Klassiker ist zudem das Zimmeraufräumen. Häufig wünschen sich die Eltern noch, dass die Kinder nicht mehr zu ihnen ins Bett kommen. Bei Schulkindern wird oft die Leistung gelobt, dass sie ihre Hobbys wie Fußballspielen super machen, und tolle Freunde haben mit denen sie sich gut verstehen.
Werden Sie in Ihrer Praxis auf die Nikolaus-Einsätze angesprochen?
Dr. Winfried Keuthage: Sehr oft. Die meisten kennen mich, weil ich dadurch so viel in den Medien bin. Es gab auch mal einen Bericht in einer Münsteraner Tageszeitung. Da erschien ich in einer Fotomontage auf der einen Seite als Nikolaus und auf der anderen als Arzt. Erst diese Woche fragte mich eine neue Patientin: „Erinnern Sie sich noch an mich? Sie waren mal vor 20 Jahren bei uns zu Hause.“ Da ich Diabetologe bin, kommt allerdings mal der Spruch, dass ich als Nikolaus die Schokolade verschenke, die ich als Arzt verbiete.
Besuchen Sie am Nikolaustag auch Ihr Team?
Dr. Winfried Keuthage: Das würde ich nicht machen. Als Nikolaus ist man etwas frech, um für ein bisschen Stimmung zu sorgen. Man geht schon mal auf die leichten Schwächen und Charakteristika der Menschen ein, aber ohne zu verletzen und bloßzustellen. Vor meinen Mitarbeitenden wäre das trotzdem ein schmaler Grat. Auch funktioniert die Verkleidung nicht. Alle wissen, dass ich das bin. An diesem Tag gehe ich vormittags in eine Kita. Ist es ein normaler Wochentag, bin ich davor und danach im Sprechzimmer. Den Nachmittag nehme ich mir für meine Einsätze oft frei.
Brauchen Sie noch Unterstützung?
Dr. Winfried Keuthage: Immer. Momentan befinden sich circa 140 Namen in der bundesweiten Datenbank, aber ich freue mich über jeden Neuzugang. Sehr gerne dürfen sich auch Kolleginnen und Kollegen melden. Neben dem Spaß gibt es übrigens einen angenehmen Nebeneffekt: Als junger Erwachsener war ich sehr schüchtern. Im Kostüm hatte ich kein Lampenfieber, weil man im Zweifelsfall auch nicht wiedererkannt wird. Inzwischen habe ich bei Vorträgen kaum noch Lampenfieber.



