Dr. Liebrich: „Medizin kann man lernen, Haltung nur bedingt“

6 November, 2025 - 07:23
Dr. Sabine Glöser
Köpfe und Karriere: Dr. med. Clemens Liebrich
Dr. med. Clemens Liebrich ist seit 1. August 2025 Leiter der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Harzklinikum in Wernigerode.

Über wichtige Erfahrungen, gewonnene Einsichten und ausgefallene Wünsche spricht aerztestellen.de mit erfolgreichen Ärztinnen und Ärzten. Dieses Mal stellt sich Dr. med. Clemens Liebrich unseren Fragen. Er ist seit 1. August 2025 Leiter der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Harzklinikum in Wernigerode.

Herr Dr. Liebrich, warum eigentlich sind Sie Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe geworden?

Dr. med. Clemens Liebrich: Schon während des Studiums an der Medizinischen Hochschule Hannover habe ich die Vielseitigkeit des Fachs kennengelernt: Operative Medizin, Geburtshilfe, Onkologie und die Begleitung von Patientinnen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen von 0 bis 99 Jahren. Mich hat besonders die Verbindung aus hochmoderner Chirurgie und der menschlich sehr nahen Betreuung von Frauen und Familien fasziniert. Unabhängig davon beeinflusste mich in meiner ersten Famulatur der damalige Chefarzt der Frauenklinik am Vinzenzkrankenhaus Hannover, Dr. med. Helmut Geldmacher, maßgeblich. Seine Haltung, Einstellung und damit Vorbildfunktion verstärkten meinen Wunsch, das Fachgebiet Gynäkologie und Geburtshilfe zu wählen.

Was ist für Sie unabdingbar, damit Sie gut arbeiten können?

Dr. med. Clemens Liebrich: Unabdingbar sind ein engagiertes Team, das fachlich stark und menschlich zuverlässig ist, eine offene, respektvolle Kommunikation mit Kolleginnen und Kollegen, sowohl im Krankenhaus als auch mit den niedergelassenen Ärzten, sowie eine moderne Infrastruktur und interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Wie lautet der beste Rat, den Sie auf Ihrem Karriereweg bekommen haben?

Dr. med. Clemens Liebrich: Der beste Rat war, neugierig zu bleiben und meinen Patientinnen genau zuzuhören. Das hat mir geholfen, fachlich immer weiter zu lernen und gleichzeitig die persönliche Seite der Medizin nie aus dem Blick zu verlieren. Wichtig ist auch, sich Vorbilder zu suchen. Medizin kann man lernen, Haltung nur bedingt.

Was schätzen Sie an anderen Menschen am meisten?

Dr. med. Clemens Liebrich: Ich schätze Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit, den Mut, auch in schwierigen Situationen Entscheidungen zu treffen und aus negativen Erlebnissen zu lernen.

Was treibt Sie an?

Dr. med. Clemens Liebrich: Mich treibt der Anspruch an, Patientinnen eine moderne, sichere und individuelle Medizin anzubieten. Ich habe den Wunsch, Strukturen aufzubauen und damit die Versorgung in der Region zu verbessern und dabei das ganze Team auf dem gemeinsamen, teils schwierigen Weg mitzunehmen.

Mit wem würden Sie gern einmal einen Abend verbringen?

Dr. med. Clemens Liebrich: Gern mit Professor Dr. med. Harald zur Hausen, dem Nobelpreisträger, der die Zusammenhänge zwischen HPV und Gebärmutterhalskrebs erforschte, im besten Fall gemeinsam mit meinem ehemaligen Chefarzt Professor Dr. med. Karl Ulrich Petry, dessen Arbeit auf den Forschungen von Professor zur Hausen basiert und der meine Entwicklung, Persönlichkeit und Karriere maßgeblich beeinflusst hat. Leider ist er im Jahr 2020 verstorben.

Was raten Sie jungen Ärztinnen und Ärzten?

Dr. med. Clemens Liebrich: Suchen Sie sich Mentoren, die Sie fachlich und persönlich begleiten. Nutzen Sie jede Möglichkeit zur Weiterbildung – gerade operative Erfahrung und Kommunikation sind im Fachgebiet entscheidend. Und behalten Sie immer die Perspektive der Patientinnen im Blick.

Wie gelingt Ihnen eine gesunde Work-Life-Balance?

Dr. med. Clemens Liebrich: Familie, Freunde und ein individueller Rückzugsort sind für mich ein wichtiger Rückhalt. Ich finde Ausgleich beim Sport und in der Natur. Das geht im Harz besonders gut, sofern ich das nach der kurzen Zeit im Harzklinikum beurteilen kann.

Woran mangelt es dem deutschen Gesundheitssystem?

Dr. med. Clemens Liebrich: Es mangelt vor allem an Personal in Pflege und Medizin sowie der Digitalisierung zur Vermeidung von unnötigen Mehrfachdokumentationen und -untersuchungen. Wir brauchen bessere Rahmenbedingungen, damit Menschen in Gesundheitsberufen langfristig motiviert bleiben, inklusive verbesserter Vergütung der Pflegeberufe. Unabhängig davon sollten die sozialen Berufe besser anerkannt werden, der Beifall vom Balkon während der COVID-Pandemie reicht nicht. Zudem brauchen wir eine verlässliche Finanzierung moderner Medizintechnik und Digitalisierung sowie Visionen.

Wann sind Sie glücklich?

Dr. med. Clemens Liebrich: Ich bin glücklich, wenn eine schwierige Operation gelungen ist und ich der Patientin anschließend sagen kann, dass wir alles gut geschafft haben oder wenn Eltern ihr Neugeborenes gesund in den Armen halten. Ganz privat bin ich glücklich, wenn ich einen ungestörten Abend mit meiner Familie verbringen kann, bei einem guten Essen oder wenn Hannover 96 verdient aufsteigen würde.

 

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