Alena Buyx: Longevity zwischen Evidenz, Verantwortung und öffentlichem Hype

2 März, 2026 - 07:38
Miriam Mirza
Expertin im Gespräch: Alena Buyx
Alena Buyx ist Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Technischen Universität München und ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrats.

Longevity ist Trendbegriff, Geschäftsmodell und Projektionsfläche zugleich. Zwischen wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen zur Prävention und zum gesunden Altern, extremen Formen der Selbstoptimierung und einer digitalen Öffentlichkeit, die Gesundheitsversprechen kaum filtert oder reguliert, entsteht ein komplexes Spannungsfeld. Dieses betrifft nicht nur Patientinnen und Patienten, sondern stellt auch Ärztinnen und Ärzte sowie die forschende Pharmaindustrie vor neue Herausforderungen.

Was ist medizinisch gesichert, wo beginnt gefährliche Vereinfachung und welche Folgen hat der Longevity-Hype für Versorgung, Beratung und Gesundheitskommunikation? Darüber spricht Alena Buyx, Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Technischen Universität München und ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, im Interview.

Zwischen Wissenschaft und Wirklichkeitsverlust

Longevity ist gerade sehr präsent in der Öffentlichkeit. Viele Menschen sprechen mit großer Begeisterung darüber und bringen das Thema auch in Gesprächen mit Ärztinnen und Ärzten auf. Wo stehen wir wissenschaftlich wirklich?

Alena Buyx: Wir erleben gerade einen klassischen Schweinezyklus. Das Thema kommt in Wellen und erzeugt dann enorme Aufmerksamkeit. Es gibt spannende Studien, die an biologischen Alterungsmechanismen arbeiten und bestimmte Substanzen oder Lebensstil-Maßnahmen genauer untersuchen. Einige dieser Projekte gehen in klinische Prüfungen und könnten für bestimmte Patientinnen und Patienten wichtige Erkenntnisse liefern. Gleichzeitig ist der öffentliche Hype weit größer als die wissenschaftlich gesicherte Evidenz. Vieles, was derzeit diskutiert wird, steht in keinem Verhältnis zu dem, was wir wirklich wissen. Das ist nicht neu, aber im Moment besonders ausgeprägt.

Sie unterscheiden deutlich zwischen seriöser Forschung und sehr extremen Formen der Selbstoptimierung. Was irritiert Sie daran?

Alena Buyx: Was mich daran irritiert, ist vor allem das Maß an Rigidität. Ich habe einen Podcast gehört, in dem eine Frau zunächst ganz vernünftig klang und immer wieder betonte, dass Lebensstil-Faktoren wie Bewegung und gute Ernährung belegt, vieles an Maßnahmen wie Nahrungsergänzungsmittel aber nicht evidenzbasiert sei. Je länger das Gespräch dauerte, desto klarer wurde aber, wie extrem streng ihr Alltag reglementiert war. Ihr Leben schien kaum noch außerhalb ihres Longevity-Protokolls stattzufinden. Das ist nicht gesund und hat mit seriöser Longevity wenig zu tun.

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Selbstkasteiung ist für Sie also offenbar nicht der richtige Weg. Aber was passiert gesellschaftlich an dieser Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Hype?

Alena Buyx: Es vermischen sich drei Ebenen. Wir wissen seit Jahrzehnten, was tatsächlich wirkt. Nicht rauchen. Sich ausreichend bewegen. Schlafen. Gesund essen. Sozial eingebunden sein. Eine Aufgabe haben. Das alles sind stabile Erkenntnisse und sie sind nicht kostenintensiv. Jeder kann morgen da was machen, und das bringt was. Parallel dazu gibt es seriöse Forschung, die an interessanten Mechanismen und Substanzen arbeitet und langsam in die klinische Prüfung geht.

Die dritte Ebene ist die Welt der Influencerinnen und Influencer. Dort werden extreme Protokolle, vermeintliche Wundermittel und Supplements propagiert, die oft keinerlei wissenschaftliche Grundlage haben. Das hat enorme Reichweite, erzeugt aber auch Desorientierung bis hin zu echten Schäden.

"Viele Menschen nehmen Dinge ein, von denen sie nicht wissen, was drin ist"

Diese Entwicklungen gehen an Ärztinnen und Ärzten nicht vorbei. Sie müssen in ihrer medizinischen Arbeit damit umgehen. Wie verändert das die Rolle von Ärztinnen und Ärzten?

Alena Buyx: Ärztinnen und Ärzte müssen heute viel mehr navigieren. Patientinnen und Patienten kommen mit Informationen, die sie irgendwo im Netz aufgeschnappt haben. Sie nehmen Supplements, ohne zu wissen, was sie enthalten, oder ob sie miteinander oder mit anderen Medikamenten interagieren. Und sie erwarten Orientierung. Gleichzeitig bleibt der Arbeitsalltag knapp getaktet. Da soll man in wenigen Minuten herausfinden, welche Präparate jemand einnimmt und wie sie wirken. Das ist eine enorme Zumutung und ich ziehe meinen Hut vor Kolleginnen und Kollegen, die damit täglich umgehen.

In der öffentlichen Wahrnehmung fällt auf, dass wissenschaftliche und unseriöse Inhalte immer schwerer unterscheidbar werden. Woran liegt das?

Alena Buyx: Longevity ist ein perfektes Geschäftsmodell. Alle wollen lange und gesund leben, das macht es attraktiv für Unternehmen, die Versprechen verkaufen. Dann kommt eine digitale Öffentlichkeit dazu, in der Aufmerksamkeit das wichtigste Gut ist. Viele Influencerinnen und Influencer geben Ratschläge, ohne qualifiziert zu sein, doch die Art der Vermittlung wirkt so, als wären sie es. Gleichzeitig sind die Inhalte emotional, einfach, attraktiv und erreichen Millionen. Das ist eine gefährliche Kombination.

Sie erwähnten es eben, Supplements sind ein großes Thema. Was besorgt Sie daran besonders?

Alena Buyx: Mich besorgt, dass viele Menschen offenbar keinerlei Zurückhaltung haben, Dinge einzunehmen, deren Qualität sie nicht kennen. Nahrungsergänzungsmittel haben keine vergleichbare Regulierung wie Arzneimittel. Sie können verunreinigt sein, sie können interagieren, und es gibt Beispiele von Organschädigungen, wenn man zu viel nimmt. Ich finde es wirklich besorgniserregend, wie unkritisch solche Produkte konsumiert werden. Der Kontrast zu streng kontrollierten Medikamenten ist enorm.

Longevity zwischen Evidenz und Überzeichnung

Longevity umfasst sowohl gesicherte Erkenntnisse zu Prävention und gesundem Altern als auch laufende Forschung zu biologischen Alterungsmechanismen. Gleichzeitig ist der öffentliche Diskurs stark von Übertreibungen, extremen Selbstoptimierungspraktiken und kommerziellen Interessen geprägt. Im Interview ordnet Alena Buyx, Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Technische Universität München, ein, welche Maßnahmen wissenschaftlich belegt sind und wo der Hype den Blick auf belastbare Evidenz verstellt. Sie macht deutlich, dass seriöse Longevity-Forschung wenig mit rigiden Lebensprotokollen oder unkontrolliertem Supplement-Konsum zu tun hat.

Pharma zwischen Vorsicht und Verantwortung

Wie blickt die Pharmaindustrie Ihrer Einschätzung nach auf diese Entwicklungen?

Alena Buyx: Gerade die forschende Pharmaindustrie sollte ein Interesse daran haben, darauf hinzuweisen, auf was für einem hohen Sicherheitsniveau Arzneimittel inzwischen hergestellt werden. Der Kontrast zwischen der strikten Regulierung im Arzneimittelbereich versus der wilde Westen bei diesen ganzen zusätzlichen Geschichten ist wirklich enorm. Ich finde das selber immer total abgedreht. Es erstaunt mich, dass so viele Leute so wenig Zurückhaltung zeigen, wenn es darum geht, Sachen zu schlucken. Einfach so, bloß weil das irgendwer im Internet sagt, dass es gut ist. Und ich nehme an, dass dies auch einer der Gründe ist, warum Pharma wenig in dem Bereich macht. Also da ist Vorsicht vorhanden, und zwar aus gutem Grund. Gleichzeitig würde ich mir wünschen, dass die forschenden Pharmaunternehmen mit ihrer Expertise stärker in den Markt einsteigen, damit es mehr qualitativ hochwertige Produkte gibt, die ähnlich der Anforderungen an Arzneimittel hergestellt werden. Ich glaube schon, dass sie das lohnen würde. 

Gesundheitskompetenz, Eigenverantwortung und systemische Hürden

Welche Rolle spielt die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in diesem Zusammenhang?

Alena Buyx: Eine sehr große. Die Zahlen zur Gesundheitskompetenz sind teilweise erschreckend schlecht. Viele Menschen können grundlegende Gesundheitsinformationen nicht einordnen. 

Wie kann man dagegenhalten?

Alena Buyx: Ich glaube, wir müssten wir schon in der Schule ansetzen, damit junge Menschen lernen, Informationen zu verstehen und zu prüfen. Das ist außerdem eine essenzielle Kompetenz in einer Welt, in der Desinformation so leicht verbreitet werden kann.

Und was ist mit der Eigenverantwortung? Ist man nicht auch selbst verantwortlich, sich kundig zu machen und präventiv tätig zu werden? 

Alena Buyx: Eigenverantwortung ist wichtig und sogar im Sozialgesetzbuch verankert. Aber sie findet immer in einem Umfeld statt, das gesundes Verhalten leichter oder schwerer macht. Wir leben in einer Umgebung mit hochverarbeiteten Lebensmitteln, sedentären Tätigkeiten und zunehmender Vereinzelung. Das erschwert viele Bemühungen. Trotzdem bleibt Eigenverantwortung zentral. Man darf aber nicht in Schuldzuweisungen abrutschen, das verhindert jede konstruktive Diskussion.

In diesem komplexen Geflecht nimmt Gesundheitskommunikation eine zentrale Position ein. Wie verändert Social Media die Gesundheitskommunikation?

Alena Buyx: Dramatisch. Es gibt ein Werbeverbot in der Medizin, das in der Realität kaum wirksam ist. Gesundheitsbehauptungen erreichen Millionen von Menschen, und das oft von Personen, die nicht qualifiziert sind. Manchmal reicht es schon aus, sich ein Stethoskop vor der Kamera umzulegen, um Glaubwürdigkeit vorzutäuschen. Das muss reguliert werden, denn von selbst löst sich dieses Problem fürchte ich nicht. Die Plattformen profitieren von Aufmerksamkeit und haben wenig Interesse, diese Inhalte einzuschränken. Das ist ein strukturelles Problem, dem wir vermutlich auch auf gesetzlichen Ebenen begegnen müssen.

Regulierung tut Not

Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern?

Alena Buyx: Wir brauchen Regulierung. Wer Gesundheitsempfehlungen gibt und keine medizinische Qualifikation besitzt, sollte das klar kenntlich machen müssen. Ein Hinweis, der signalisiert, dass die Information nicht evidenzbasiert ist. Viele halten das für naiv oder nicht umsetzbar. Aber das Gegenteil wäre, nichts zu tun, und das halte ich für falsch. Wir sehen, welchen Schaden unregulierte Gesundheitsinformationen anrichten können. Dass die Regulierung schwierig sein wird, ist kein Grund dafür, gar nichts zu tun.

Viele Diskussionen in der öffentlichen Debatte kreisen um extreme Lebensverlängerung. Wie ordnen Sie das ein?

Alena Buyx: Diese Visionen von 300 oder 400 Jahren Leben sind unseriös, dafür gibt es keinerlei Evidenz. Ein realistischer Bereich sind etwa 120 Jahre, und dass mehr Menschen gesund dieses Alter erreichen, ist möglich. Aber die eigentlichen Herausforderungen liegen woanders: Der demografische Wandel ist längst da. Kinder und Jugendliche sind in diesem Land inzwischen eine Minderheit. Das hat weitreichende Folgen: Renten- und Versicherungssysteme müssen neu gedacht werden. Der klassische Generationenvertrag trägt nicht mehr. Das frühere Verhältnis von Alt zu Jung ist längst so, dass es auf Dauer nicht trägt. Aber das ist die Debatte, die wir eigentlich führen sollten, und keine Ablenkungsdiskussion über unrealistische Longevity-Erwartungen.

Folgen des Longevity-Hypes für Versorgung und Kommunikation

Der Longevity-Hype verändert die ärztliche Praxis und die Gesundheitskommunikation spürbar. Ärztinnen und Ärzte sehen sich zunehmend mit Patientinnen und Patienten konfrontiert, die Informationen aus sozialen Medien übernehmen und nicht regulierte Produkte einnehmen. Buyx beschreibt die daraus entstehenden Risiken, die sinkende Gesundheitskompetenz und die wachsende Belastung im Versorgungsalltag. Zudem diskutiert sie die Verantwortung von Pharmaindustrie, Politik und Plattformen sowie die Notwendigkeit klarer Regulierung, um evidenzbasierte Information von gefährlicher Desinformation zu trennen.

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