
Der Nephrologe Klaus-Dieter Ehmke kümmert sich um vergessene jüdische Friedhöfe und verfallene Grabmäler, predigt von evangelischen Kanzeln, veranstaltet Trostkonzerte und, und, und. Was treibt den Wahlberliner an?
Warum interessieren Sie sich für die jüdische Geschichte? Haben Sie jüdische Vorfahren?
Klaus-Dieter Ehmke: Nicht, dass ich wüsste. Ich bin in einem evangelischen Elternhaus groß geworden. Aber die Thora und das Alte Testament meiner Bibel enthalten dieselben Schriften. Juden und Christen heute haben gemeinsame Wurzeln.
Was war die Initialzündung Ihres Engagements für die jüdische Kultur?
Klaus-Dieter Ehmke: Bei einer Fahrradtour in der Nähe meines Studienorts Greifswald, die eigentlich zur größten Kormorankolonie Europas nach Niederhof führte, entdeckte ich 1979 einen überwucherten jüdischen Friedhof. Früher stand dort auch ein Herrenhaus. Der alte Schlossgärtner erzählte mir, dass sich die Leute aus dem Dorf die Grabsteine als Baumaterial für die Treppenstufen ihrer Bungalows geholt hätten. Da dachte ich mit jugendlichem Leichtsinn, das darf doch nicht sein! Jüdische Gräber sind für die Ewigkeit gedacht. Über viele Jahre trug ich die Steine mit jungen Menschen zurück – und überzeugte die Bewohner mit Vorträgen, was für ein wertvolles Erbe sie haben. Daraus entstand die Ausstellung Spurensuche.
Gab es weitere Entdeckungen?
Klaus-Dieter Ehmke: Viele! Zum Beispiel tauchte Mitte der 90er Jahre bei ABM-Maßnahmen ein einzigartig schöner Grabstein auf, der in Hebräisch und Deutsch beschriftet war. Er war auf einem christlichen Friedhof in Wusterhusen in einem Fundament verbaut. Da haben die damals gesagt „da gibt's doch so einen Verrückten in Berlin, der sich um solche Steine kümmert“. Ich fuhr hin und wuchtete ihn in meinen Fiat Uno. Jetzt steht er im Pommerschen Landesmuseum Greifswald. Ein anderes, großes Projekt ist der Engelsche Hof in Röbel. Hier bauten wir mit dem Verein Land und Leute e.V. das alte Synagogengebäude zu einem Kulturbegegnungsraum aus, nahmen zwei Altstadthäuser dazu und richteten eine kleine Forschungsstätte zu jüdischem Leben in Mecklenburg ein. Nun finden dort Konzerte und Lesungen statt. Der Name stammt von dem praktischen Arzt Dr. Benjamin Engel und seiner Frau Täubchen. Als man in dem Ort einen Parkplatz baute, rettete man ihren Grabstein, den wir im Hof aufstellten.
Wären Sie da nicht besser Historiker geworden?
Klaus-Dieter Ehmke: Meine Berufung zum Arzt wurde mir erst in der klinischen Arbeit klar. Ich sage immer: Der liebe Gott hat mich beim Arbeiten erwischt. Mit Anfang 20 wusste ich noch nicht, was ich werden wollte. Die Medizin kam zu mir, als ich statt Wehrdienst in der NVA zu leisten, im Krankenhaus als Hilfspfleger arbeitete. Mit dem Studium ließ ich mir ein bisschen Zeit, war Gasthörer bei den Historikern und den Theologen. Als Famulant fand ich im St. Hedwig Krankenhaus in Berlin eine Krankenpflege, wie ich sie mir vorstellte. An meinem ersten Tag begegnete ich sogar Mutter Teresa, die ihre Ordensschwestern gerade besuchte. Ich erbettelte eine Audienz bei ihr, obwohl die Stationsschwester zu meinem Hippielook meinte: „Sie sehen mit ihren bunten Klamotten ja aus wie eine Tischdecke.“ Dort arbeitete ich später 15 Jahre als Internist und tauchte in die spannende Geschichte des Hauses ein.
Was ist an der Historie der Klinik so besonders?
Klaus-Dieter Ehmke: Zum einen die Lage. Sie befindet sich an der Großen Hamburger Straße, die auch als „Toleranzstraße“ bezeichnet wird. Dort war das jüdische Altenheim, der erste jüdische Friedhof Berlins, die evangelische Sophienkirche und eben das katholische St. Hedwig. Zum anderen haben die Ordensschwestern in „kalligraphischer“ Schrift alle Ereignisse in einer umfangreichen Chronik vermerkt. Im Lauf der Zeit arbeitete ich an mehreren Gedenktafeln ehemaliger Mitarbeitender mit. Eine soll an den berühmten jüdischen Urologen Alexander von Lichtenberg erinnern. Er wanderte über Budapest aus und überlebte den Holocaust. Eine andere an Marianne Hapig und Dr. Erhard Lux. Die Fürsorgerin und der Internist versteckten hier Juden vor der Deportation. 2000 machte ich eine Ausstellung zu einer berühmten Patientin: Mathilde Jakob, die Sekretärin von Rosa Luxemburg.
Spiegelt sich Ihr Interesse in Ihrem beruflichen Alltag wider?
Klaus-Dieter Ehmke: An meinem Eingang steht ein Apothekerschrank, an dem sich eine Mesusa befindet. Das ist eine Gebetskapsel, die fromme Juden an ihrem Türpfosten befestigen. Die schenkte mir ein Rabbiner zum Praxiseinzug. An der Wand hängt eine Ikone aus dem 19. Jahrhundert und in der Adventszeit grüßt ein großer Verkündigungsengel auf dem Tresen. Auch stelle ich immer verschiedene Weihnachtskrippen aus der ganzen Welt auf. Letztes Jahr bekam ich eine kleine aus Ton von einer besonderen Patientin geschenkt. Das ist eine politisch engagierte Nonne, die in der Gefängnisseelsorge gearbeitet hat, zunächst in der DDR, später in Kanada, dann in der Slowakei – und dort haben mir ihre Ordensschwestern die Krippe von Hand angefertigt. Das hat mich sehr gerührt. Aber mich interessiert nicht nur die jüdisch-christliche, sondern vor allem der multireligiöse Dialog.
Inwiefern?
Klaus-Dieter Ehmke: Ich bin seit 2007 im Dialysezentrum im multikulturellen Stadtteil Neukölln tätig. Dadurch haben wir viele Muslime, die im Ramadan fasten. Ihnen sage ich immer, dass Sie das als Nierenpatient und -patientin nicht brauchen. Dazu habe ich mit einem ägyptischen Philosophen einen kleinen Katalog erstellt mit Suren aus dem Koran, die erklären, dass Kranke nicht fasten müssen. Darüber hinaus arbeite ich mit im „House of One“. Das ist ein Projekt, das eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee unter einem Dach vereinen wird. Seit 1995 gebe ich auch einen Kalender mit den christlichen, jüdischen, muslimischen Feiertagen heraus. Und gelegentlich werde ich heute noch zu Predigten gerufen.
Zu welchen Themen?
Klaus-Dieter Ehmke: Ganz verschiedene. Einmal ging es um Gesundheit und Krankheit, inklusive des Themas Organspende. Oft sind es Gedanken zum Frieden. Ich überlege mir auch immer etwas zum 8. Mai. Dieses Jahr las ich bei einer Friedensandacht, die unter dem provokanten Motto „Wie krieg ich Frieden?“ stand. Ich stelle auch Friedenslichter auf, zum Beispiel am VVN-Denkmal vor Ort und für polnische, belgische und niederländische Zwangsarbeiter, wo sonst niemand eine Kerze hinstellt.
War Medizin die richtige Entscheidung?
Klaus-Dieter Ehmke: Ich arbeite heute noch mit großer Freude in dem Beruf, zumal mich das in meinem Glaubensleben und meiner Persönlichkeit verändert hat – auch im Umgang mit dem Tod. Ich erinnere mich noch genau an den ersten Patienten, den ich auf der Onkologie beim Sterben begleitete. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass mit dem Tod nicht alles vorbei sein kann. Das hat mich tief beeindruckt, da man dann auch über die eigene Sterblichkeit anders nachdenkt. Ich sage meinen Studierenden ganz häufig: „ihr müsst mit der eigenen Sterblichkeit umgehen lernen, sonst könnt ihr nicht gut erfassen, was ihr hier eigentlich macht“.
Sie machen auch Sterbebegleitung…
Klaus-Dieter Ehmke: Wenn Patienten nicht an die Dialyse möchten, wollen sie von mir häufig die Versicherung haben, dass ich sie auch dann weiterbehandle. Ich sage dann: „Selbstverständlich. Ich respektiere alle Ihre Entscheidungen“. Ich helfe auch, beim Wunsch auf Therapieabbruch den Einstieg zum Ausstieg zu finden, was gerade in der Dialyse gelegentlich vorkommt. Zudem unterstütze ich bestmöglich, wenn jemand zu Hause sterben möchte. Das ist normales ärztliches Handeln, was für mich übrigens nicht mit dem Tod aufhört.
Wie meinen Sie das?
Klaus-Dieter Ehmke: Von der Praxis aus schreiben wir Kondolenzpost. Wir behandeln die Menschen ja recht lange, man sieht sich dreimal die Woche, und da wird man ein bisschen zur Wahlfamilie. Ein Jahr nach dem Todestag rufe oder schreibe ich die Familien meist an, dass ich an sie denke und dass wir uns gern noch mal in der Praxis unterhalten können, einfach so bei einem Kaffee. Angehörigen, bei denen ich Sterbebetreuung gemacht habe, biete ich einen Hausbesuch an. Ich organisiere zudem Trostkonzerte.
Was passiert da?
Klaus-Dieter Ehmke: Auf dem evangelischen Auferstehungs-Friedhof stellen wir allmonatlich in der Kapelle ein kleines Andachtskonzert auf die Beine. Dabei werden die Namen aller Verstorbenen der letzten Wochen verlesen, egal ob sie kirchlich bestattet wurden oder nicht. Da kommen sonntagnachmittags auch Leute, die mit der Kirche nichts zu tun haben. Teilweise haben sie ihre bunten Gießkannen dabei – einmal waren es 13 Stück.
Friedhöfe sind Ihre liebsten Orte, oder?
Klaus-Dieter Ehmke: Irgendwie schon… Ich mache regelmäßig Führungen über die jüdischen Friedhöfe Weissensee und Schönhauser Allee, für meine Kolleginnen und Kollegen sogar zu medizinischen Themen. In Weissensee liegt zum Beispiel Max Jaffé, nach dessen Methode heute noch das Kreatinin bestimmt wird. An der Schönhauser Allee ist James Adolf Israel bestattet, der als einer der Begründer der modernen chirurgischen Urologie gilt. Manche Gräber bergen medizinische Geschichten, wie das der Familie, die alle an dem „erbsenbreiartigen Durchfall“ der Salmonellose erkrankten. Oder der berühmte Sänger Joseph Schwarz, der eine vererbbare Nierenerkrankung hatte und 1926 jung starb, weil es damals keine Dialyse gab. Das interessiert mich als Nierenarzt besonders.
Gibt es dort Lieblings-Orte?
Klaus-Dieter Ehmke: Die letzte Ruhestätte von Dr. Alfred Kirstein. Der Hals-, Nasen- und Ohrenarzt erfand das Laryngoskoskop zur Kehlkopfspiegelung. Er zeichnete auch, war mit Henri Matisse befreundet. Noch heute werden seine Bilder gehandelt. Die expressionistische Formensprache des Grabmals fasziniert mich, allerdings war es ziemlich verfallen. Da habe ich mir gedacht, wenn der liebe Gott mich meine Krebserkrankung überstehen lässt, schenke ich mir die Restaurierung zum 60. Geburtstag. Ein weiteres Projekt dort ist eine alte Tür, die ich erhalten möchte. Durch diese wurden Juden, die sich in der NS-Zeit dort versteckten, nachts von Berlinern versorgt.
Wie entdecken Sie diese Geschichten?
Klaus-Dieter Ehmke: Ich gehe nicht akribisch wissenschaftlich vor, außer in meinen Veröffentlichungen. Ich sehe mich eher als Hobby-Historiker. Die Geschichten finden mich, wie zum Beispiel die von Israel Abraham Pollak. Er überlebte den Holocaust, erkrankte psychiatrisch in Israel und reiste in einer Psychose nach Deutschland. Dann fuhr er mit einer Eisensäge nach Buchenwald und sägte dort ein Stück aus dem Zaun. Auf dem Bahnhof in Weimar wurde er mit diesem Zaunstück festgenommen und in eine psychiatrische Einrichtung überstellt. Wie der sogenannte Zufall es so will, erzählte ich bei einer speziellen Führung zum Thema Versöhnung von seinem Schicksal. Dabei stellte sich heraus, dass der behandelnde Oberarzt unter den Zuhörern war. Diese Geschichte hat mich auch gefunden und zu einem Projekt geführt.
Sie machen wirklich viel…
Klaus-Dieter Ehmke: Ich arbeite täglich mit chronisch kranken Nierenpatienten für Dialyse und Transplantation, begleite Sterbende und bin nebenbei in der Kirche aktiv. Zudem arbeite ich in der Obdachlosenversorgung hier um die Ecke, koche ein bis zweimal im Monat im Nachtasyl, gebe Essen aus und biete medizinische Beratung in der Obdachlosen-Sprechstunde an. Das sind so meine „normalen“ Beschäftigungen.
Wie schaffen Sie das zeitlich?
Klaus-Dieter Ehmke: Durch meine Schwerbeschädigung arbeite ich nur 80 Prozent. Unsere Dialysepraxis ist von Montag bis Samstag in zwei Schichten bereit, dadurch bin ich ein Stück weit flexibel. Unser Team im Nierenzentrum hat zudem großes Verständnis – und hält mir den Rücken frei für meine Hobbys. Da springt dann jemand ein oder ich übernehme eine Schicht extra. Gespräche über Patientenverfügungen mache ich ohnehin gern nach der offiziellen Dialyse-Schicht, weil man nie weiß, wie lange so etwas dauert.
Was sind für Sie die schönsten Momente in Ihrer ärztlichen Praxis?
Klaus-Dieter Ehmke: Wenn ich als Arzt Gespräche auf Augenhöhe führe, bringt mich das den Menschen näher. Es gibt so viele berührende Situationen, die im ärztlichen Alltag passieren. Einer der russischen Auswanderer lässt sich beispielsweise immer freitagnachmittags als letzter in die Sprechstunde eintragen. Er ist ein ärztlicher Kollege und stammt aus der ehemaligen Sowjetunion. Dort lebte er seine jüdische Identität aber nicht, um nicht aufzufallen. Der hat bei mir die Mesusa gesehen – und verabschiedet sich nun immer mit „Shabbat Shalom“. Das ist für mich immer ein schöner Austausch der guten Wünsche.
Was ist Ihre Motivation?
Klaus-Dieter Ehmke: Ich kann vielleicht in meinem kurzen Leben ein paar Namen aus der Vergessenheit reißen. Das hat nichts mit Wiedergutmachung zu tun – aber es gibt im Judentum die Vorstellung von Versöhnung und Heilung durch gute Werke. Und wenn ich da ein wenig dazu beitragen kann, macht mich das ein Stück weit lebendig.



