"Erinnerung ist Gegenwart": Das Jüdische Krankenhaus Berlin

27 November, 2025 - 07:52
Miriam Mirza
Jüdisches Krankenhaus Berlin

Das Jüdische Krankenhaus in Berlin ist nicht nur ein modernes Krankenhaus, sondern auch ein geschichtsträchtiger Ort. Es gilt als eines der ältesten und traditionsreichsten Krankenhäuser der Stadt. Heute werden hier mit rund 25.000 Notaufnahmen jährlich Patientinnen und Patienten aus ganz Berlin versorgt.

Im Foyer des Bettenhauses steht eine Kaffeemaschine, groß wie ein Schrank. Sie gurgelt und spuckt wie ein Wasserfall Kaffee aus. Personen kommen und gehen, es werden die unterschiedlichsten Sprachen gesprochen, meistens ist jedoch Arabisch zu hören. Es ist ein sonniger Tag und die Grünanlage auf dem Gelände des jüdischen Krankenhauses in Berlin wirkt wie eine kleine Oase der Ruhe im Gewusel der Stadt. Kaum zu glauben, dass sich auf diesem Boden so viel Schreckliches ereignet hat.

Historischer Resonanzraum

1756 von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern in der Oranienburger Straße gegründet, ist das Jüdische Krankenhaus eines der ältesten und traditionsreichsten der Stadt. Schon früh verband es medizinische Versorgung mit Gelehrsamkeit: Der Philosoph und Arzt Marcus Herz, ein Schüler Immanuel Kants, wirkte hier als Mediziner. Später zog das Haus in die Auguststraße, seit 1914 steht es in Mitte. Bald trug es den Spitznamen „die kleine Charité“, weil jüdische Ärzte wie James Israel, Hermann Strauß oder Paul Rosenstein hier Medizin von Rang betrieben.

Die dunkelste Zeit begann 1933. Das Jüdische Krankenhaus war das einzige seiner Art, das den Nationalsozialismus überstand. Es war gleichzeitig ein Ort der Heilung, aber auch des Schreckens. Gegenüber einer Gestapo-Außenstelle gelegen, fanden hier Deportationen ihren Ausgang, viele Menschen nahmen sich aus Verzweiflung das Leben. Und doch gab es auch Momente der Hoffnung: Rund 1.000 Menschen überlebten in den Heizungskellern und unterirdischen Verbindungsgängen des Hauses. Nach Kriegsende wurde am 11. Mai 1945 das erste Kind geboren – ein Symbol dafür, dass neues Leben wieder möglich war.

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Heute erinnern eine Gedenktafel am Eingang und die Büste von Heinz Galinski an Verfolgung, Zivilcourage und Aussöhnung. Im Inneren der Klinik zeigt die Ausstellung „Erinnerung ist Gegenwart“, wie sehr die Geschichte Teil dieses Hauses geblieben ist. Vergangenes und Gegenwärtiges liegen hier im Jüdischen Krankenhaus nah beieinander. Auch jüdische Traditionen sind Teil des Alltags: Auf Wunsch gibt es koscheres Essen, ein Rabbiner besucht Patientinnen und Patienten. Chanukka wird gemeinsam mit Mitarbeitenden, Patientinnen und Patienten sowie Kindern der jüdischen Grundschule gefeiert.

Versorgung heute

Das Jüdische Krankenhaus ist heute ein modernes Notfallkrankenhaus mit 384 Betten und rund 840 Mitarbeitenden. Es ist akademisches Lehrkrankenhaus der Charité und bietet Schwerpunkte in Kardiologie, Neurologie, Psychiatrie mit Suchterkrankungen, Gefäßmedizin, Unfallchirurgie und Orthopädie. In der interventionellen Kardiologie zählt das Haus zu den größten Einrichtungen Berlins, die Neurologie hat sich mit einer überregionalen Stroke Unit und komplexen Rehabilitationskonzepten einen Namen gemacht.

Besonders ist die Krankenhausstruktur: Seit 1963 ist die Klinik eine Stiftung des bürgerlichen Rechts, gegründet vom Land Berlin, die die Tradition des Krankenhauses der Jüdischen Gemeinde fortführt und zu den frei-gemeinnützigen Einrichtungen zählt. Finanzielle Vorteile ergeben sich daraus nicht. Im Gegenteil: Dr. Gerhard Jan Jungehülsing, Chefarzt der Klinik für Neurologie, betont, dass die Klinik unabhängig sei. Genau das stellt sie jedoch auch vor Finanzierungsprobleme, da sie im dualen System der Krankenhausfinanzierung und den derzeitigen gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen nicht dieselbe Unterstützung erfährt wie z.B. kommunale Kliniken.

Mit 25.000 Notaufnahmekontakten im Jahr erfüllt das Jüdische Krankenhaus schon lange die Kriterien der Notfallstufe II. Die behandelten Patientinnen und Patienten spiegeln die Vielfalt des Stadtviertels wider: Viele haben einen arabischen oder muslimischen Hintergrund, aber grundsätzlich kommen Menschen aus ganz Berlin. Ein verbreitetes Vorurteil, mit dem sich das Krankenhaus konfrontiert sieht, ist zudem die Vermutung, dass nur jüdische Mitarbeitende beschäftigt werden. „Hier arbeiten Menschen aus mehr als 50 Nationen. Religion oder Herkunft spielen bei uns keine Rolle. Natürlich freuen wir uns über jede jüdische Bewerberin beziehungsweise jeden jüdischen Bewerber. Entscheidend ist jedoch die Qualifikation und die Qualität der Versorgung“, widerspricht Jungehülsing und fährt fort: „Darauf achten unsere Patientinnen und Patienten.“ Religion und Herkunft seien daher auch bei Ihnen kein Thema.  

Gutes Miteinander als Ausdruck von Haltung

Die Krankenhausleitung legt großen Wert auf ein gutes Miteinander. „Wir liefern maximale Therapie in großen Abteilungen und gleichzeitig haben wir ein familiäres Klima. Hier kennt jeder jeden. Ärztinnen und Ärzte, die bei uns anfangen, merken schnell: Man muss hier anpacken, aber man lernt auch enorm viel“, sagt Jungehülsing. Und wie zum Beweis spricht ihn ein junger Auszubildender aus der Pflege mit dem Wunsch an, einmal bei einer Operation zuschauen zu wollen. „Ja, natürlich. Ich kümmere mich gleich darum“, versichert ihm der Chefarzt.

Auch in die Aus- und Weiterbildung der hier arbeitenden Ärztinnen und Ärzte legt man viel Sorgfalt. Mit Mentoring- und Buddy-Systemen sowie Rotationsmöglichkeiten durch Stroke Unit, Reha-Phase B und weitere Stationen bietet beispielsweise die Neurologie ein breites Spektrum. Die Abteilung erhielt als einzige neurologische Klinik in Deutschland ein Gütesiegel für gute Weiterbildung.

Zukunft im Blick

Das Krankenhaus hat eine lange Geschichte, und in einigen Bereichen merkt man ihm das auch an. Noch immer gibt es Mehrbettzimmer ohne eigenes Bad. Damit ist aber bald Schluss, denn das Bettenhaus wurde erweitert und der Neubau kürzlich feierlich eröffnet. Mit der aus Eigenmitteln und Krediten finanzierten Erweiterung stellt sich das Jüdische Krankenhaus zukunftsfest auf. Die sechs Stationen bieten moderne, freundliche Architektur, breite Türen, viel Licht und integrierte Therapiebereiche direkt auf den Stationen. Digitalisierung ist ein weiteres Feld, in das man investiert hat: Das Haus setzt auf moderne Dokumentationssysteme, kämpft aber wie viele kleinere Kliniken mit Schnittstellenproblemen und hohem bürokratischem Aufwand bei Förderprogrammen.

Bei aller Zukunftsgerichtetheit bleibt man sich der eigenen Historie – und auch Pflegegeschichte – jedoch stets bewusst. So findet sich im Eingang des Neubaus ein großes Porträt von Hannelore Isbruch, einer Krankenschwester, die den Holocaust überlebte und sich entschied, trotz ihrer Erlebnisse Deutschland nicht zu verlassen. Vierzig Jahre blieb sie weiter im Jüdischen Krankenhaus tätig, bis in die 1980er Jahre. „Ich selbst habe sie noch kennenlernen dürfen und viel von ihr gelernt“, erinnert sich Jungehülsing. Er fährt fort: „Solche Biografien prägen das Haus bis heute.“

Das Bild von Hannelore Isbruch erinnert daran, dass Geschichte nicht nur in Archiven ruht, sondern in den Menschen weiterlebt, die hier arbeiten. Wer heute durch die Flure des Krankenhauses geht, spürt, dass diese Haltung auch die junge Generation prägt: eine besondere Mischung aus Professionalität und Verantwortung, getragen von der Erinnerung an das, was war.

Die Besonderheiten des Hauses tragen sich auch nach außen. Der Fachkräftemangel ist hier weniger spürbar als anderswo: Der Standort und die Reputation ziehen junge Ärztinnen und Ärzte an. „Wir merken, dass die nächste Generation genau hinschaut, wo sie arbeiten will. Weiterbildung, Teamkultur und Lebensqualität spielen eine große Rolle“, berichtet Jungehülsing von seinen Erfahrungen.

Vor dem Restaurant Al Sham in der Müllerstraße, nur wenige Schritte vom Krankenhaus entfernt, steht ein junger Assistenzarzt im blauen OP-Anzug und mit weißem Kittel, zieht an seiner Zigarette. Neben ihm eine Kollegin, ebenfalls im Kittel, die müde lächelt, während sie auf Manakish, ein mit Thymian oder Käse belegtes libanesisches Fladenbrot, warten. Ihre Stimmen klingen leise, erleichtert, wie nach einer langen Schicht. Der Geruch von gebratenem Fleisch und Gewürzen erhebt sich in Richtung Neubau des Jüdischen Krankenhauses – Geschichte und Gegenwart in einem. Hier, zwischen Alltag und Erinnerung, arbeiten Ärztinnen und Ärzte in einem Haus, das einzigartig in Deutschland ist.

FAQ: Jüdisches Krankenhaus Berlin – Geschichte, Gegenwart, Bedeutung

Was ist das Jüdische Krankenhaus Berlin und warum ist es historisch bedeutend?

Das Jüdische Krankenhaus ist eines der ältesten Krankenhäuser Berlins. Es wurde 1756 von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern gegründet und besteht bis heute. Es überstand als einziges jüdisches Krankenhaus die NS-Zeit und war zugleich Ort der Heilung, der Verfolgung und des Überlebens. Rund 1.000 Menschen konnten sich während der NS-Zeit in unterirdischen Bereichen des Krankenhauses verstecken und überleben.

Welche Rolle spielte das Krankenhaus während der NS-Zeit?

Es lag direkt gegenüber einer Gestapo-Außenstelle und wurde zu einem Ausgangspunkt von Deportationen. Gleichzeitig bot es Menschen Schutzräume in Kellern und Verbindungsgängen. Nach dem Krieg wurde am 11. Mai 1945 dort das erste Kind geboren – ein Symbol der Hoffnung und des Neubeginns.

Welche Angebote und Traditionen bestehen heute noch aus der jüdischen Geschichte heraus?

Das Krankenhaus pflegt weiterhin jüdische Traditionen: Auf Wunsch gibt es koscheres Essen, ein Rabbiner besucht Patientinnen und Patienten und Feiertage wie Chanukka werden gemeinsam mit Mitarbeitenden, Patientinnen, Patienten und umliegenden Schulen begangen. Die Ausstellung „Erinnerung ist Gegenwart“ hält die Geschichte im Alltag präsent.

Wie ist das Jüdische Krankenhaus heute medizinisch aufgestellt?

Heute ist es ein modernes Notfallkrankenhaus mit 384 Betten, rund 840 Mitarbeitenden und als akademisches Lehrkrankenhaus der Charité anerkannt. Schwerpunkte sind Kardiologie, Neurologie (mit überregionaler Stroke Unit), Psychiatrie und Suchterkrankungen, Gefäßmedizin, Unfallchirurgie und Orthopädie.

Was macht die Struktur des Krankenhauses besonders?

Es ist seit 1963 eine Stiftung des bürgerlichen Rechts. Diese Unabhängigkeit bedeutet, dass das Krankenhaus nicht in gleichem Maß wie kommunale Häuser von politischer oder finanzieller Unterstützung profitiert. Das setzt es stärker unter wirtschaftlichen Druck – trotz hoher Versorgungsqualität.

Welche Patientengruppen werden im Jüdischen Krankenhaus versorgt?

Mit rund 25.000 Notaufnahmen jährlich versorgt das Krankenhaus Patientinnen und Patienten aus ganz Berlin. Viele haben einen arabischen oder muslimischen Hintergrund, was die Vielfalt des Stadtviertels widerspiegelt. Entgegen verbreiteter Annahmen beschäftigt das Krankenhaus Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion – insgesamt Mitarbeitende aus mehr als 50 Nationen.

Warum gilt das Arbeitsklima als besonders?

Das Krankenhaus verbindet hohe fachliche Ansprüche mit einem familiären Klima. Kolleginnen und Kollegen kennen sich oft persönlich, Chefärztinnen und -ärzte sind nahbar und ermöglichen Einblicke und praktische Lernmöglichkeiten. Mentoring-, Buddy-Systeme und Rotationen fördern gute Weiterbildung.

Welche Herausforderungen hat das Krankenhaus aktuell?

Vielerorts bestehen noch ältere Strukturen wie Mehrbettzimmer ohne eigenes Bad. Mit dem kürzlich eröffneten Erweiterungsbau wird jedoch modernisiert: neue Stationen, integrierte Therapiebereiche, viel Licht und zeitgemäße Architektur. In der Digitalisierung investiert das Krankenhaus in moderne Dokumentation, kämpft aber – wie viele kleinere Häuser – mit Schnittstellenproblemen und bürokratischem Aufwand.

Warum wirkt der Standort attraktiv für junge Ärztinnen und Ärzte?

Das Krankenhaus hat eine starke Reputation und zieht aufgrund seiner Geschichte, der guten Weiterbildungskultur und des kollegialen Klimas viele Nachwuchsmedizinerinnen und -mediziner an. Der Fachkräftemangel ist hier weniger spürbar als in anderen Häusern.

Welche Rolle spielt die Geschichte im heutigen Klinikalltag?

Im Neubau erinnert ein Porträt der Krankenschwester Hannelore Isbruch – Überlebende des Holocaust – an die historische Verantwortung des Hauses. Die Geschichte ist präsent und prägt die Haltung vieler Mitarbeitenden bis heute.

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