
Forschung ist das Fundament medizinischen Fortschritts. Neue Medikamente, verbesserte Diagnostik, individualisierte Therapien – all das basiert auf klinischen Studien. Doch obwohl ihre Bedeutung unumstritten ist, fehlt es vielen Ärztinnen und Ärzten an einer soliden Ausbildung in diesem Bereich. Der Grund liegt u.a. im Medizinstudium: Die Ausbildung bereitet kaum auf die Anforderungen klinischer Forschung vor. Die Folgen sind spürbar – nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für die Versorgung.
Der blinde Fleck im Medizinstudium
Die Approbationsordnung für Ärztinnen und Ärzte formuliert zwar das Ziel, wissenschaftliche Kompetenzen zu vermitteln. Doch was das konkret bedeutet, bleibt vage. Zwar lernen Studierende im Studium medizinische Statistik und erhalten Einblick in die Evidenzbasierte Medizin (EbM), doch der Umgang mit Studienprotokollen, regulatorischen Rahmenbedingungen oder ethischen Anträgen bleibt meist außen vor. Klinische Forschung ist kein verpflichtendes Thema im Curriculum, sondern oft ein Randaspekt in Wahlfächern oder Promotionsvorhaben.
Hinzu kommt: Viele Studierende absolvieren eine experimentelle oder theoretische Promotion, ohne je an einer klinischen Studie mitgewirkt zu haben. Der Einblick in Studienplanung, Einwilligungsprozesse oder Monitoring fehlt. Genau das ist ein Mangel, der sich später nur schwer aufholen lässt, aber Folgen für die Gesundheitsversorgung haben kann.
Forschung neben der Klinik – ein Spagat
Wer klinisch forschen will, braucht mehr als medizinisches Wissen. Man muss die Prinzipien guter klinischer Praxis (Good Clinical Practice, GCP) beherrschen, ein Studienprotokoll lesen und bewerten können, regulatorische Anforderungen verstehen und mit Ethikkommissionen kommunizieren. All das wird weder im Studium noch in der Facharztausbildung systematisch vermittelt.
Stattdessen bleibt es dem Einzelnen überlassen, sich in der Forschung zurechtzufinden. Das gelingt vor allem jenen, die früh Zugang zu Forschungsgruppen finden, etwa über strukturierte Promotionsprogramme oder durch Mentorinnen und Mentoren an Universitätskliniken. Für Ärztinnen und Ärzte in der Versorgungspraxis oder kleineren Krankenhäusern ist der Zugang zur Forschung dagegen oft erschwert.
Dabei wäre ihre Beteiligung essenziell: Klinische Studien leben von der Mitwirkung derjenigen, die Patientenkontakt haben. Je breiter die Studienlandschaft aufgestellt ist, desto realistischer lassen sich Ergebnisse auf die Versorgung übertragen. Studienzentren an Universitätskliniken können das allein nicht leisten. Hinzu kommt, dass besonders junge Ärztinnen und Ärzte häufig ein hohes Interesse an Forschung haben – genauso wie ihre Patientinnen und Patienten, wenn sie gut informiert sind. Beide Parteien wollen etwas bewirken, Therapien voranbringen und an der Verbesserung von Medikamenten oder kompletten Neuentwicklungen mitwirken. Das ist ein großes ungenutztes Potenzial, das sich Deutschland nicht leisten kann.
Regulatorische Hürden und Qualifikationen
Ärztinnen und Ärzte, die als Prüfärzte oder Hauptprüfärzte an klinischen Studien teilnehmen wollen, benötigen ein GCP-Zertifikat. Dieses wird in spezialisierten Kursen erworben, die neben methodischen auch ethische und rechtliche Inhalte vermitteln. Darüber hinaus braucht es institutionelle Rahmenbedingungen: Verträge, Studienkoordinatoren, Datenmanagement und Ansprechpartner für Ethik und Behörden.
Gerade in kleineren Einrichtungen fehlen diese Strukturen nicht selten. Studien sind dort oft nur als Beobachtungsprojekte möglich – interventionelle Studien mit Arzneimitteln oder Medizinprodukten sind komplex und aufwendig. Das engt den Spielraum für wissenschaftliches Arbeiten erheblich ein.
Ein weiteres Hindernis: Der Forschungsbetrieb ist in der Klinik häufig nicht refinanziert. Zeit für Forschung geht zulasten der Patientenversorgung – ein Zielkonflikt, der sich in wirtschaftlich angespannten Zeiten kaum lösen lässt. Wer forscht, muss oft unbezahlte Überstunden leisten oder Fördermittel einwerben, die den Aufwand decken.
Studienkoordination – das Rückgrat klinischer Forschung
Ein oft unterschätzter, aber unverzichtbarer Bestandteil klinischer Studien sind Studienkoordinatorinnen und -koordinatoren. Meist handelt es sich dabei um Pflegekräfte oder medizinisches Fachpersonal, das sich gezielt weitergebildet hat. Sie übernehmen eine Vielzahl organisatorischer Aufgaben: Sie koordinieren die Terminvergabe, überwachen die Einhaltung von Protokollen, betreuen Studienteilnehmende und sorgen für den reibungslosen Ablauf zwischen Ärztinnen, Ärzten, Sponsoren, Ethikkommissionen und Prüfzentren. Ohne diese Fachkräfte wäre die Durchführung klinischer Studien kaum realisierbar, denn sie sichern Qualität, Effizienz und Compliance.
Auch die pharmazeutische Industrie hat die strukturellen Defizite erkannt und beginnt, sich stärker in der Unterstützung von Forschungsstrukturen zu engagieren. Pharmaunternehmen sehen es zunehmend als Teil ihrer Verantwortung, nicht nur Medikamente zu entwickeln, sondern auch die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Forschung überhaupt möglich wird. Dazu gehört die Qualifizierung von Ärztinnen und Ärzten ebenso wie die Unterstützung bei der Information der Patientinnen und Patienten oder bei der Infrastruktur vor Ort. Natürlich verfolgt die Industrie dabei eigene Interessen – neue Medikamente brauchen klinische Evidenz. Doch der Nutzen geht über Unternehmensgrenzen hinaus: Forschung schafft Erkenntnis, verbessert Versorgung und ermöglicht medizinischen Fortschritt und das hat Auswirkungen auf das Gemeinwohl.
Medizinischer Fortschritt braucht Forschung
Trotz aller Widrigkeiten ist klinische Forschung unverzichtbar. Sie ermöglicht neue Therapien, sicherere Medikamente, zielgenauere Diagnosen. Ohne Studien gäbe es keine evidenzbasierte Medizin. Und doch steht die Forschung in vielen Einrichtungen am Rand.
Das gefährdet langfristig auch die Innovationskraft des Standorts Deutschland. Studienprotokolle wandern ab, wenn sie hierzulande nicht umgesetzt werden können. Die Folge: Patientinnen und Patienten, die in Studien eingeschlossen werden könnten, erhalten keinen Zugang zu neuen Therapien. Kliniken verzichten auf wissenschaftliches Renommee und attraktive Kooperationsmöglichkeiten.
Was sich ändern muss
Damit sich das ändert, braucht es ein Umdenken in der Ausbildung, aber auch in der Versorgung. Forschung darf nicht als Luxus betrachtet werden, sondern als integraler Bestandteil der medizinischen Tätigkeit. Dafür braucht es strukturelle Voraussetzungen:
- Verankerung klinischer Forschung im Medizinstudium
- Förderung von Forschungskompetenz bereits während der Facharztausbildung
- Ausbau klinischer Studienzentren auch außerhalb von Universitätskliniken
- Bessere Refinanzierung von Forschungsaktivitäten im Klinikalltag
- Unterstützung durch Studienkoordination, Datenmanagement und Ethikberatung
Werden diese Bedingungen geschaffen, können mehr Ärztinnen und Ärzte an klinischer Forschung teilnehmen und so dazu beitragen, dass Medizin nicht nur angewendet, sondern auch weiterentwickelt wird.
Verlässliche Infoquellen für Ärztinnen und Ärzte
Wo finden sich aktuelle klinische Studien oder Studienregister?
- ClinicalTrials.gov: weltweit größtes Register klinischer Studien (NIH, USA)
- EU Clinical Trials Register (EU-CTR): Studien, die in der EU durchgeführt werden
- Deutsches Register Klinischer Studien (DRKS): öffentlich zugängliches Register für Deutschland
- BfArM Studienportal: Informationen zur Studienzulassung in Deutschland
- WHO ICTRP: Register der Weltgesundheitsorganisation mit Daten aus allen nationalen Registern
Diese Portale bieten nicht nur Informationen über laufende Studien, sondern auch über Teilnahmekriterien, Studiendesign und Ansprechpartner. Für Ärztinnen und Ärzte sind sie wertvolle Werkzeuge – sei es zur Information, zur Patientenvermittlung oder zur eigenen Forschungsbeteiligung.
Klinisch forschen
Um klinisch zu forschen, braucht es mehr als Interesse. Essenzielle Schritte sind:
1. GCP-Zertifizierung (Good Clinical Practice)
- Pflicht für alle, die Studien durchführen oder leiten.
- Vermittelt Standards für Ethik, Datenerhebung und Patientensicherheit.
- Kurse werden von Universitäten, Fachgesellschaften oder CROs (Clinical Research Organizations) angeboten.
2. Praxiserfahrung und Netzwerk
- Klinische Expertise ist unersetzlich – doch Forschung erfordert auch Kooperation mit Statistikern, Ethikkommissionen und Studienassistentinnen und -assistenten.
- Tipp: Frühzeitig Kontakt zu universitären Forschungsabteilungen oder regionalen Studienzentren aufbauen.
3. Zeit und Ressourcen
- Forschung ist zeitintensiv. Viele Kliniken bieten keine Freistellungen.
- Lösungsansätze: Drittmittel einwerben (z. B. DFG, BMBF) oder Teilzeitmodelle nutzen.
4. Regulatorisches Know-how
- Anträge für Ethikvoten, Studienregistereinträge oder Datenschutzkonzepte erfordern Bürokratiekompetenz.
- Fortbildungen zu Medizinprodukteverordnung (MPG) und Arzneimittelgesetz (AMG) sind ratsam.
Wie Ärztinnen und Ärzte Forschung lernen können
1. Nachgraduierte Programme
- Masterstudiengänge (z. B. „Clinical Research“) vermitteln systematisch Methodenwissen.
- DFG-Graduiertenkollegs fördern Promovierende mit interdisziplinären Programmen.
2. Mentoring-Programme
- Erfahrene Forschende begleiten Einsteigerinnen und Einsteiger – von der Antragstellung bis zur Publikation.
3. Industrieunabhängige Förderung
- Stiftungen (z. B. Else Kröner-Fresenius-Stiftung) unterstützen unabhängige Studien.
- Fachgesellschaften wie die AWMF bieten Leitlinien und Schulungen.
4. Digitale Tools
- Plattformen wie Forscherdiabetes oder ClinLife vereinfachen Studienmanagement.



