Akute Überlastung im Klinikalltag: Hier gibt es Hilfe

3 März, 2023 - 07:18
Gerti Keller
PSU-akut kollegiale Unterstützung

Erfolglose Reanimationen, ein totes Kind oder der Freund aus dem Nachbardorf: Dramatische Ereignisse in der Klinik können zur dauerhaften seelischen Belastung werden. Der bayrische Verein PSU-Akut e. V. hat sich auf den Weg gemacht, das zu verhindern: mit frühzeitigen kollegialen Unterstützungsangeboten – von einer Helpline über Teaminterventionen bis zum festinstallierten Peer. Wie das genau funktioniert, erklärt im Interview Dr. Andreas Schießl, ehrenamtlicher Vorstand des Vereins.

Während manche scheinbar alles wegstecken, bleibt anderen plötzlich die Sprache weg. Gibt es eine Regel, wie Ärztinnen und Ärzte auf dramatische Ereignisse reagieren?

Dr. Andreas Schießl: Das ist ganz individuell. Allerdings haben bestimmte Geschehnisse generell ein höheres Trauma-Potenzial, wie Reanimationen von Kindern oder Kollegen, Großschadensereignisse sowie sexualisierte Gewalt. Auch wer sich mit einem Patienten oder einer Patientin ein Stück weit identifiziert, wird verletzlicher. Dann kann ein kleineres Ereignis plötzlich „durchschlagen“. Zum Beispiel bei verletzten Kindern, wenn man Nachwuchs im gleichen Alter hat, oder wenn Verwandte oder Freunde versorgt werden müssen.

Nimmt das mit den Jahren und der Routine ab?

Dr. Andreas Schießl: Im Gegenteil. Studien zeigen, dass das Trauma-Risiko sogar mit dem Alter steigt. Man hat herausgefunden, dass nicht aufgearbeitete Ereignisse die psychische Verletzungsgefahr beim nächsten Mal erhöhen. So kann es auch die reine Kumulation sein, wenn man sich keine Zeit nimmt, aufzuräumen.

Wie steht es um die psychosoziale Unterstützung für Ärztinnen und Ärzte bei uns? 

Dr. Andreas Schießl: In der Schmerz- und Palliativmedizin läuft schon einiges. In den anderen Bereichen fehlt es – im Vergleich zu Feuerwehr, Polizei oder Rettungsdienst – an ganz vielen Ecken. Viele Kliniken wissen, dass sie was tun müssen. Manche führen dann die psychologische Sprechstunde ein, andere machen Supervision, die aber oft nicht wahrgenommen wird. Letztlich lautet die Devise: einfach weitermachen. Es herrscht immer noch die Auffassung, wer Medizin studiert hat, hält das auch aus. Das stammt noch aus der Zeit, als es genügend Mitbewerbende gab, die den Job dann eben übernehmen konnten – nach dem Fisherman‘s-Friend-Motto „ist das zu stark, bist du zu schwach“.

Wie will PSU-Akut das ändern?

Dr. Andreas Schießl: Durch psychosoziale kollegiale Unterstützung auf Augenhöhe – und zwar möglichst früh, damit es erst gar nicht schlimm wird. Dafür bilden wir Peers aus. Zudem ist unsere kostenfreie Helpline für alle Berufsgruppen des Gesundheitswesens geöffnet. Darüber rufen uns einzelne Menschen an, die ein Ereignis ganz schlecht verkraftet haben. Oft steht hinter dem Anruf auch die ganze OP-Mannschaft, weil zum Beispiel bei einer Sectio etwas Dramatisches passiert ist. Außerdem bieten wir für den Großraum München Akutinterventionen für Teams an, auch in MVZs und Praxen.

Wie laufen diese Akutinterventionen ab?

Dr. Andreas Schießl: Wir versuchen, innerhalb von 72 Stunden auf das Ereignis zu reagieren. Idealerweise setzen sich die Betroffenen in einem geschützten Rahmen zusammen, schauen zusammen auf diese Erfahrung, jeder aus seiner Perspektive, um so voneinander zu lernen. Wie kann man damit umgehen? Wie lässt sich das als Erfahrung ablegen? Nach der Maxime: Vermeide das Verdrängen. Der angeleitete Austausch hilft zu verstehen: Was geschieht mit mir? Wenn jemand plötzlich keine Worte mehr findet, bedeutet das nicht, dass der jetzt spinnt. Man spricht ja auch vom sprachlosen Entsetzen. Das ist hirnphysiologisch normal in solchen Stresssituationen. Auch dass man in der Folge schlecht schläft, plötzlich nachts diese Bilder auftauchen. Solche akute Belastungsreaktionen sind zunächst nichts Pathologisches. Wir sagen immer: Das sind normale Reaktionen auf ein nicht normales Ereignis.

Können Sie eine Gruppenintervention schildern, die Ihnen in Erinnerung geblieben ist?

Dr. Andreas Schießl: Eine Kollegin berichtete von einer Entbindung. Die Schwangere war Covid-positiv, vital gefährdet und das Kind reanimationspflichtig. Alles wurde fachgerecht durchgeführt, aber das Kind starb und die Mutter blieb hochgefährdet. Trotz der großen Verunsicherung und Traurigkeit, gab es am Ende auch die positive Erfahrung, festzustellen: Sie hatten in der Situation gemeinsam wirklich das Beste gegeben.

Wie lässt sich das akut umsetzen? Im laufenden Betrieb geht's ja gleich weiter…

Dr. Andreas Schießl: Was den operativen Bereich betrifft, zählen natürlich die OP-Minuten. Das bedeutet möglicherweise, dass man ein anderes Team umschichtet. Das machen wir ohnehin ständig. Und wenn das nicht sofort gelingt, schafft man es am Schichtende. Die Kollegen helfen sich da untereinander und springen gegenseitig ein.

Wie sieht der Idealfall aus?

Dr. Andreas Schießl: Der Königsweg wäre: In der Klinik wurde bereits ein niederschwelliges System für psychosoziale Unterstützung integriert. Heißt: Dort ist ein ausgebildeter Peer installiert, der bei einem tragischen Ereignis informiert wird und mit der Chefetage pflegerisch wie ärztlich schaut, was braucht es wann? Ein akutes Angebot? Oder sind alle so stabil, dass sie weitermachen können? Im zweiten Fall organisiert man das Nachgespräch vielleicht ein paar Stunden später oder zwei Tage danach. Dabei wird auch ein weiterführendes Angebot gemacht, wenn darüber hinaus mehr Hilfe benötigt wird.

Was muss so ein Peer mitbringen?

Dr. Andreas Schießl: Oft sind es die „Naturtalente“, die alt-erfahrenen grauen Eminenzen, manchmal die Mutter der Kampagne genannt, oder die Assistenten- oder Oberarztsprecher. Stabile Personen mit Erfahrung, denen alle vertrauen, weil der Vorgesetzte schließlich auch eine gewisse Form der Fürsorge an sie abgibt. Das Rüstzeug bekommen sie in unseren Schulungen.

Was genau lernen sie dort?

Dr. Andreas Schießl: Wir verstehen alles, was wir machen, als Prävention. Wir wollen keine kleinen Psychotherapeutinnen und -therapeuten ausbilden, sondern Akteure, die anderen helfen, gesund zu bleiben. Bei uns bekommen sie das Handwerkszeug, um Situationen einzuschätzen zu können, sowie Grundkenntnisse über Psychotraumatologie und -edukation: Wie funktionieren die Verarbeitung und Speicherung von Erinnerungen? Auf dieser Wissens-Vermittlungsebene kommen wir gerade auch bei Ärztinnen und Ärzten weiter. Sie verstehen ‚aha ich erinnere mich im Augenblick gerade nur an dieses eine Bild, weil ich das neurophysiologisch nicht anders verschaltet habe‘. Oder ‚ich verstehe jetzt warum ich nicht verbalisieren konnte, weil diese Zentren im Gehirn in Hochstress-Phasen schlechter durchblutet sind‘. Als Peer erklären Sie ihnen das auf Augenhöhe.

Was ist die größte Herausforderung bei diesen Gesprächen?

Dr. Andreas Schießl: Die Basis der Gesprächsführung ist aktives Zuhören, was für viele Ärztinnen und Ärzte ungewohnt ist. Es geht nicht darum, direkt die Lösung anzubieten, sondern sehr individuell zu schauen, was ist das Thema des oder der Betroffenen in diesem Augenblick. Oft triggern manche Ereignisse andere. Eine Kollegin hat mir nach einer erfolgreichen Reanimation eines Kindes erzählt, dass diese für sie gut händelbar war. Man kam auf die Ursache, es war kein Fehler da. Doch bei der Nachbesprechung sagte sie, sie müsse die ganze Zeit an eine OP vor drei Jahren denken, bei der jemand gestorben war. Da hätte sie einfach weiter gemacht und wüsste gar nicht, wie sie damals die nächste Narkose überhaupt gemacht habe.

Reicht das denn aus, damit die Belastungen nicht dauerhaft werden?

Dr. Andreas Schießl: Viele Kolleginnen und Kollegen möchten nicht gleich professionelle psychologische Hilfe, sondern wollen das erst einmal loswerden. Die meisten verarbeiten solche Ereignisse mit Unterstützung des Umfelds gut. In der Medizin lernt man doch am meisten von Beinahe-Katastrophen. Da spürt man die Selbsteffizienz: Ich habe das überstanden, fachlich gelernt, wie das gut laufen kann, und mir das auch fürs nächste Mal gemerkt, was mich wiederum stabilisiert.

Wie sieht Ihre Beratung für Führungskräfte aus?

Dr. Andreas Schießl: Wir vermitteln ihnen, wie ihre Leute in dieser Situation ticken. Und geben ihnen Methoden aus dem Krisenmanagement an die Hand. Zudem versuchen wir eine Kultur einzuführen, Komplikationen nicht nur fachlich aufzuarbeiten, sondern auch die emotionale Seite mitzunehmen. Um diese Hilfsstrukturen zu implementieren, braucht es jedoch schon eine Projektphase. Aber es lohnt sich in vielerlei Hinsicht: Psychosoziale Unterstützung wertschätzt die Mitarbeitenden und ist auch sehr im Sinne der nächsten Patientinnen und Patienten – nach dem Prinzip „Arztwohl ist Patientenwohl“. Wir wissen, dass hochbelastete Mitarbeitende, die gerade so etwas dramatisches erlebt haben, möglicherweise einen Fehler machen, weil sie nicht konzentriert und noch in dieser Schreckphase sind.

Wie stark ist PSU-Akut in Deutschland bereits ausgebaut?

Dr. Andreas Schießl: In München unterstützt uns die Ärzteschaft und die Stadt finanziert uns mit. Zudem konnten wir unser Konzept als Pilotprojekt mit der bayerischen Landesärztekammer und dem Gesundheitsministerium in drei Kliniken des Bundeslandes installieren. Außerhalb Münchens sind wir schon mit 20, 25 Kliniken in unterschiedlichen Ausbauformen zu Gange und dabei mit der Landesärztekammer und dem bayrischem Gesundheitsministerium eine Fach- und Koordinierungsstelle zu verstetigen. Noch ist kein Netz über Deutschland gespannt, aber wir haben uns auf den Weg gemacht – und können jedem anbieten, dass er bei uns anrufen kann und wir uns die ersten Themen gemeinsam anschauen.

Der Experte:

Dr. med. Andreas Schießl, ehrenamtlicher Vorstand von Verein PSU-Akut e. V., ist Oberarzt am Fachzentrum für Anästhesie und Intensivmedizin der SCHÖN KLINIK München-Harlaching.

Weitere Infos: www.psu-akut.de. Helpline: 0800 0 911 912, täglich von 9-21 Uhr.

Bild: © PSU-akut

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