Arbeiten in einem „grünen Krankenhaus“: Die Vorteile

20 März, 2023 - 07:24
Gerti Keller

Wie viele andere Unternehmen, so werben auch immer mehr Kliniken bei der Personalsuche damit, nachhaltig zu sein. Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) ist hier ein Vorreiter. Frank Dzukowski, Chef der „grünen“ Stabsstelle für Nachhaltigkeit und Klimamanagement, berichtet, was alles möglich ist.

„Wir werden regelmäßig von anderen Kliniken um Rat gebeten, die ebenfalls nachhaltiger werden wollen. Denn wir haben uns schon sehr früh um dieses Thema gekümmert und können gute Antworten liefern“, sagt Frank Dzukowski, zu Recht selbstbewusst. Tatsächlich ist das Hamburger UKE seit mehr als 15 Jahren auf dem Weg zum immer grüneren Krankenhaus – mit etlichen praktischen Vorteilen für die Mitarbeiterschaft.

Ganz oben steht die Mobilität. „Dank unserer Lage mitten in Hamburg kommen relativ viele unserer Ärztinnen und Ärzte täglich mit dem Fahrrad, selbst bei ‚Schietwetter‘“, erzählt der Leiter der Stabsstelle Nachhaltigkeit/Klimamanagement. Das wird durch zahlreiche Maßnahmen zusätzlich gefördert. Dazu gehört die UKE-eigene Fahrradwerkstatt Dr. Bike. Für diese erhalten alle Mitarbeitende jährlich einen Gutschein über 20 Euro für vergünstigte Reparaturen oder Check-ups.

Zudem steht eine „vernünftige“ Anzahl an guten Fahrradabstellplätzen zur Verfügung. Auch werden immer wieder Sonderaktionen auf die Beine gestellt. So führte das UKE gemäß der Empfehlung der Polizei schon mehrfach Aktionen zur Rädercodierung durch, für eine leichtere Identifizierung bei Diebstahl. Ein anderes Mal wurde eine Fahrradwasch-Station aufgestellt. Vor dem Haupteingang befindet sich zudem eine große städtische Radstation mit günstigen robusten Leihrädern. Eine weitere liegt direkt auf dem Gelände des UKE, am Campus Lehre. Und in der Nähe stehen zwei öffentliche Luftpumpstationen.

Darüber hinaus ist einiges in der Pipeline: So versucht man in Zukunft auch die ärztlichen Mitarbeitenden am Fahrradleasing teilhaben zu lassen. Damit könnten sie rund 40 Prozent sparen. Und im nächsten Jahrzehnt soll das UKE als einer der größten Arbeitgeber Hamburgs eine eigene U-Bahn-Station bekommen.

Recycelte Atemschläuche

Auch wird immer mehr recycelt. „Ein aktuelles Pilot-Projekt befasst sich mit Atemschläuchen. Denn die sind hochrein, von hoher Güte, was sich für eine hochwertige Weiternutzung anbietet. Wir sammeln sie von vornherein getrennt und übergeben sie dann einer Verwertungsfirma. Zudem sind wir dabei, die gesamten Abfallströme im Labor zu erfassen und zu checken, welche dieser Materialien ebenfalls in einen Kreislauf gehen können“, so der Ingenieur. Auch die Medikamenten-Verabreichung findet individualisiert statt, um Verschwendung zu vermeiden. Die dann doch noch übrigbleibenden Tabletten & Co. gehen an eine Forschungsinstitution, die sie für ihre Projekte weiter nutzt.

Ferner können die Mitarbeitenden über „Die grüne Idee“ Verbesserungen selbst anstoßen. „Recht oft werden Bewegungsmelder und Dämmerungssensoren vorgeschlagen, damit Beleuchtungen nicht unnötigerweise den ganzen Tag durchlaufen. Aber auch für die komplizierten Funktionsbereiche wie die OPs gibt es viele proaktive Ideen von den Mitarbeitenden“, sagt der 57-Jährige. Sinnvolles wird mit einem Buch-Gutschein honoriert, bei Umsetzung winkt eine Geldprämie.

Automatisierte Versorgung

Darüber hinaus sind unter dem Gelände in einem weitverzweigten Tunnelsystem 33 fahrerlose, immissionsfreie Wägelchen unterwegs, die sogar selbstständig den Aufzug holen können. Über ein Streckennetz von 2,5 Kilometern bringen sie den Klinikmitarbeitenden jederzeit die notwendigen Materialien bis auf die Station: von medizinischem Bedarf über Sterilgut bis zur Entsorgung von infektiösem Müll. Rund 1.000 Transporte werden täglich auf diese Weise erledigt. Überhaupt ist die gesamte Beschaffung, inklusive der Bestellung, weitgehend automatisiert. „Diese sehr effiziente Versorgung führt dazu, dass Engpässe nahezu ausgeschlossen sind“, betont Dzukowski. Seit 2021 werden die Transportwagen wie das gesamte UKE mit 100 Prozent Grünstrom aus nachhaltigen Energiequellen betrieben.

Regional, bio und lecker: Sterneküche in der Kantine

Kasinochef Gilbert Köcher wurde 2017 vom Hamburger Senat zum offiziellen Bio-Botschafter der Stadt ernannt. „Er baut den Anteil an regionaler und Biokost stetig aus und entwickelt auch das vegetarische und vegane Angebot weiter,“ erzählt Dzukowski. Ein Gericht wird immer vegetarisch oder vegan zubereitet, einmal pro Woche ist veggie day. Und das alles auf absolutem Top-Niveau: Denn Köcher war Sternekoch und kochte in Asien für den malaysischen König, dessen Staatsgäste und einmal sogar für Bill Clinton.

Allerdings sollte man nicht unbedingt als Letzter in die „Health Kitchen“ kommen. Damit möglichst nicht zu viel Speisemüll entsteht, wird nicht ständig alles bis zur zum letzten Gast nachgelegt. Mehrweggeschirr für die Essensmitnahme gibt es auch. Pfandbecher sparen zehn Cent per Getränk – und jede Menge Einweg-Pappbecher pro Monat.

Von ressourcenschonender Kühlung bis zu Wildbienenvölkern

„Ein großes ‚Faß‘ war für uns gleich zu Beginn die Energieeffizienz. Denn die ist gerade für eine so große Uniklinik mit vielen energieintensiven Bereichen elementar“, berichtet Dzukowski, der seit 20 Jahren im UKE tätig ist. Bereits 2013 wurde daher ein eigenes Blockheizkraftwerk gebaut. Dieses sorgt seitdem nicht nur für eine Einsparung von rund 4.000 Tonnen CO2 im Jahr, sondern auch für eine effiziente Verteilung der Abwärme. Unter anderem wird diese in die Kälteversorgung eingekoppelt. Damit fließt kaltes Wasser direkt zu den Klimaanlagen auf den Intensivstationen und den OPs.

Ebenfalls an dieses Netz angeschlossen sind die medizinischen Großgeräte wie Kernspintomografen, Herzkatheter-Messplätze, Strahlenbeschleuniger oder weitere Laborgeräte. Bereits seit 2011 gibt es auf drei UKE-Dächern zudem Photovoltaikanlagen, eine Vierte ist kurz vor der Fertigstellung. Wo es möglich ist, wird LED-Beleuchtung eingesetzt. Bei der Gestaltung von modernen Arbeitsplätzen und Patientenbereichen achtet man auf mehr Tageslicht. Und auf drei Gebäudedächern befinden sich insgesamt über 5.000 Quadratmeter Grünfläche.

Obendrein ist der Außenbereich grün: „Unser Gelände misst 34 Hektar, hat einige parkähnliche Bereiche und mehr als 1.000 Bäume. An vielen haben wir Nistkästen angebracht und stellen nun auch kleine Insektenhotels auf“, erläutert Dzukowski. Sukzessive wird mehr Rasen in Wildblumenwiese umgewandelt. Das spart sogar Unterhalt. Zudem brummt und summt es in der Nähe des Zentrums für Molekulare Neurobiologie, dort stehen zwei Bienenstöcke – patientenfern, versteht sich. Eine Wissenschaftlerin betätigt sich dort als Imkerin.

Punkten beim Nachwuchs

Leitenden Ärztinnen und Ärzte wird übrigens wie allen Führungskräften des UKE ein „Führungsschein“ angeboten. In diesem Seminar kommt auch der Umweltschutz zu Wort, was dann Dzukowski übernimmt: „Ich informiere die Teilnehmenden über alle grünen Maßnahmen und weise sie auch immer wieder auf ihre Vorbildfunktion hin, vom Licht ausschalten über Wertstofftrennung bis zum Treppe nehmen statt den Aufzug zu holen.“

All das lohnt sich auch, um im Wettbewerb um Fachkräfte die Nase vorn zu haben. Laut Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) wird der Faktor „Green Hospital“ bei der künftigen Generation immer mehr zum wichtigen Kriterium bei der Stellensuche.

Und die älteren UKE’ler können beim eigenen Nachwuchs punkten: „Das Credo des ärztlichen Berufs ist schließlich die Gesundheit. Wenn unsere ärztlichen Kolleginnen und Kollegen zu Hause am Abendbrottisch von ihren Kids, die zur Fridays-for-Future-Generation gehören, gefragt werden: ‚Mensch Mama oder Papa, achtest du in deinem Beruf eigentlich auf die Umwelt?‘, dann haben sie darauf gleich mehrere Antworten parat“, freut sich Dzukowski.

Der Experte

Frank Dzukowski

Frank Dzukowski ist Ingenieur, ursprünglich für Medizintechnik. Seit 2003 arbeitet er fürs UKE. Er leitete lange Jahre die Arbeitsgruppe „Das grüne UKE“, die 2009 startete. 2011 erschien dazu das Buch „Alles grün …auch im Krankenhaus“ bei Thieme. 2012 wurde das UKE als Hamburgs fahrradfreundlichster Arbeitgeber, 2016 als ökologisches Krankenhaus ausgezeichnet. 2020 wurde die Stabsstelle Nachhaltigkeit und Klimamanagement eingeführt, die Frank Dzukowski leitet.

Bild: © UKE

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