Das kultursensible Krankenhaus

9 Dezember, 2021 - 09:51
Miriam Mirza
Ältere Ärztin behandelt jungen afrikanischen Patienten

In den letzten Jahren haben immer mehr Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund in die Krankenhäuser gefunden und sind auf kulturelle oder sprachliche Barrieren gestoßen. Viele Krankenhäuser haben das erkannt und wollen Abhilfe schaffen, weil diese Hindernisse sich negativ auf die Versorgung der Betroffenen auswirken.

Dabei haben diese einen Anspruch darauf, dass man ihren weltanschaulichen, soziokulturellen und religiösen Bedürfnissen Rechnung trägt. Dieser Anspruch wurde sogar im Zuge des Gesetzes zur Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen im Krankenhausgestaltungsgesetz verankert (§ 3 Absatz 1 KHGG NRW). Kultursensibles Handeln verringert Missverständnisse im Klinikalltag, hilft Fehldiagnosen und Mehrfachuntersuchungen zu vermeiden, optimiert Gesundheitsleistungen, steigert die Behandlungszufriedenheit der Patientinnen und Patienten und trägt gegebenenfalls dazu bei, Kosten zu senken.

Experten geben an, dass Menschen mit Migrationsgeschichte ein erhöhtes Gesundheitsrisiko haben. Gleichzeitig steigt jedoch die Zahl dieser Patientinnen und Patienten, sodass Krankenhäuser langfristig dazu gezwungen sind, sich mit der angemessenen Versorgung von Menschen anderer Herkunft auseinanderzusetzen. Personen aus unterschiedlichen Kulturkreisen haben nicht immer gleiche Vorstellungen von der Krankheitsrolle, die Patientinnen und Patienten in ihren eigenen Kulturkreisen einnehmen oder ausleben, und wünschen sich vielleicht mehr oder auch weniger Zuwendung durch Ärztinnen, Ärzte oder Pflegekräfte. Manchmal können migrationssensible Aspekte im üblichen Anamnesebogen schon helfen, Missverständnissen vorzubeugen.

Eigene Sozialisation und Vorstellungen hinterfragen

Gleichzeitig arbeiten mehr Ärztinnen und Ärzte mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund in den Krankenhäusern. Das hat Auswirkungen auf deren Arbeit, z.B. auf ihr Selbstverständnis als Medizinerinnen und Mediziner, ihre Beziehung zu Patientinnen, Patienten, Angehörigen, aber auch zu Kolleginnen und Kollegen, und zu den kulturellen oder traditionellen Auffassungen von Krankheit und Tod, die sie mitbringen. Um besser mit Patientinnen und Patienten und Kolleginnen und Kollegen umgehen zu können, ist es für Medizinerinnen und Mediziner wichtig, die eigene medizinische Sozialisation, berufliche Rollenvorstellungen und kulturelle Normen zu reflektieren. Das hilft herauszufinden, an welchen Stellen diese mit anderen kollidieren könnte. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Arzt-Patienten-Kommunikation aufgrund von Stereotypen-Denken nicht funktioniert.

Auch die Auseinandersetzung und das Hinterfragen eigener Vorurteile trägt zu mehr Toleranz und einem besseren Miteinander bei. So gibt es typische Vorurteile gegenüber Patientinnen und Patienten mit Migrationsgeschichte. Beispielsweise erhalten arabische oder türkische Menschen, die über Schmerzen klagen, nicht selten den Eintrag „Morbus Bosporus“ oder „Mama Mia Syndrom“ in ihrer Akte. Dahinter versteckt sich der Vorwurf, sie seien wehleidig und übertreiben. In den USA hängt die Schmerzmittelgabe vom Aussehen ab: Je dunkler die Hautfarbe, desto weniger Schmerzmittel verschreiben Ärztinnen und Ärzte in Notaufnahmen. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass dieses Verhalten mit Vorurteilen zusammenhängt.

Interkulturelle Kompetenzen sind gefragt

Um diese Hindernisse zu überbrücken und Vorurteile abzubauen, ist eine gute Kommunikation entscheidend. Darum ist es wichtig, in Krankenhäusern entsprechende Strukturen zu entwickeln, die diese Kommunikation zwischen den Menschen stärken. Um Mitarbeitende im Umgang mit Patientinnen und Patienten unterschiedlicher kultureller Hintergründe zu schulen, sind Fortbildungen, Schulungen und Workshops sinnvoll, damit diese interkulturellen Kompetenzen entwickeln.

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