Der Patient, den man nicht ausstehen kann

18 Mai, 2026 - 07:19
Miriam Mirza
Frau in Business-Kleidung diskutiert gestikulierend mit einem Arzt in weißem Kittel, an einem Schreibtisch mit Laptop und Dokumenten, in einem modernen Büro.

Antipathie gegenüber einem Patienten oder einer Patientin ist ein menschliches Gefühl und kein Fehler. Doch es kann zum Problem werden, wenn man aufhört, es wahrzunehmen.

Szenario

Zimmer 14, zweites Bett von links. Dr. Jonas F. weiß, noch bevor er die Tür aufdrückt, was ihn erwartet. Herr M., 58, seit neun Tagen auf der Station, Diagnose gesichert, Therapie läuft. Eigentlich unkompliziert. Wäre da nicht das tägliche Ritual: die Beschwerden, die sich je nach Tagesform verschieben, die Fragen, die keine echten Fragen sind, sondern Vorwürfe in Frageform, und der Blick, der sagt: Ich vertraue Ihnen nicht.

Jonas F. tritt ein. Lächelt. Fragt, wie die Nacht war. Hört zu. Notiert. Erklärt, zum dritten Mal, warum der Befund so zu bewerten ist, wie er ihn bewertet.

Was er nicht tut: es jemandem sagen. Nicht der Oberärztin, nicht dem Kollegen bei der Übergabe, schon gar nicht Herrn M. selbst. Denn was würde das über ihn sagen? Er ist Arzt. Er hat Menschen zu helfen, und zwar allen Menschen. Und er hat gelernt, dass er alle Patientinnen und Patienten gleich behandeln soll. 

Was bleibt ist oft ein Schweigen, und das ist verbreitet, hat aber seinen Preis.

Ein Gefühl, das im Klinikalltag keinen Platz hat

Antipathie gegenüber Patientinnen und Patienten gilt im ärztlichen Selbstbild als Makel. Wer zugibt, jemanden nicht leiden zu können, riskiert, als unprofessionell, kalt oder gar ungeeignet zu gelten. Dabei sind die Zahlen eindeutig: Eine Metaanalyse, die im Januar 2026 in den Annals of Internal Medicine erschienen ist und Daten aus 45 Studien aus zehn Ländern ausgewertet hat, kommt zu dem Ergebnis, dass Ärztinnen und Ärzte rund 17 Prozent ihrer Patientinnen und Patienten als schwierig einstufen. Und das gilt nicht nur für die Ambulanz. Qualitative Studien zeigen, dass auch Klinikärztinnen und Klinikärzte hospitalisierte Patientinnen und Patienten regelmäßig als schwierig erleben, auf Stationen ebenso wie in der Notaufnahme.

Was die Psychologie seit langem weiß: Gefühle, die keinen Platz haben, verschwinden nicht, sondern verlagern sich. Sie manifestieren sich in kürzeren Gesprächszeiten, in knapperen Erklärungen, in einer subtil anderen Qualität der Zuwendung, die Patientinnen und Patienten oft sehr genau spüren, auch wenn sie es nicht in Worte fassen können.

Das Thema hat also zwei Ebenen. Die erste ist die der persönlichen Integrität: Was macht es mit mir, wenn ich jemanden nicht mag und trotzdem behandle? Die zweite ist die der Versorgungsqualität: Bekommen Patientinnen und Patienten, die von ihrer Ärztin oder ihrem Arzt als schwierig erlebt werden, schlechtere Medizin?

Die Forschung gibt darauf eine unbequeme Antwort. Eine Studie der Erasmus-Universität Rotterdam zeigte, dass Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung bei Patientinnen und Patienten mit störendem Verhalten rund zehn Prozent weniger zutreffende Diagnosen stellten als bei solchen mit neutralem Verhalten. Und eine Kohortenstudie aus dem ambulanten Setting fand, dass als schwierig eingestufte Patientinnen und Patienten zwei Wochen nach dem Termin häufiger eine Verschlechterung ihrer Symptome berichteten als andere.

Was Antipathie eigentlich ist

Zunächst gilt es, eine Unterscheidung zu machen, die wesentlich ist: Antipathie ist kein Urteil, sondern eine Reaktion. Zudem entsteht sie nicht im Vakuum, sondern an dem Berührungspunkt zwischen zwei Menschen, ihrer Geschichte, ihren Mustern, ihren unausgesprochenen Erwartungen. Wenn Herr M. die Kompetenz seines Arztes in Frage stellt, aktiviert das möglicherweise etwas in Jonas F., das mit Herrn M. herzlich wenig zu tun hat: zum Beispiel eine alte Wunde rund um Anerkennung, eine generelle Erschöpfung, einen Dienst, der schon um sechs Uhr morgens zu viel verlangt hat.

Das bedeutet nicht, dass das Verhalten von Herrn M. in Ordnung ist. Es bedeutet vielmehr, dass die Reaktion von Jonas F. auf ihn Information enthält, nicht über Herrn M., sondern über ihn selbst. Hier liegt der Kern dessen, was in der Psychologie als Eigenanteil bezeichnet wird. Entscheidend ist dabei, sich nicht in Form eines Selbstvorwurfes, sondern als diagnostisches Werkzeug zu fragen: Was bringe ich mit in diese Situation, das die Reaktion erzeugt, die ich gerade habe?

Den eigenen Anteil erkennen

Wie geht man das konkret an? Drei Annäherungen halten in nicht-therapeutischen Fachgruppen zunehmend Einzug und haben sich in der Praxis sowohl in der psychotherapeutischen Supervision als auch in kollegialen Intervisionsprozessen bewährt.

Erste Annäherung: Die Reaktion verlangsamen

Der erste Schritt ist der schlichteste und der schwierigste zugleich, dabei geht es nämlich darum, die automatische Reaktion zu unterbrechen. Antipathie läuft oft wie ein Reflex ab. Auslöser kann etwa der Name im Visitenplan, das Seufzen, die verkürzte Geduld sein. Wer lernt, zwischen Reiz und Reaktion einen Moment zu legen, auch wenn dieser Moment nur drei Sekunden dauert, schafft Raum für Wahrnehmung statt Autopilot.

In der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion nach Jon Kabat-Zinn ist das ein zentrales Element, und zwar nicht weil Meditation das Allheilmittel wäre, sondern weil die Fähigkeit zur Pause eine erlernbare Fertigkeit ist.

Zweite Annäherung: Die Reaktion befragen

Stellen Sie sich Fragen wie: Was genau passiert in mir, wenn ich an XY denke? Ärger? Erschöpfung? Ohnmacht? Abscheu? Diese Differenzierung ist wichtig, weil unterschiedliche Gefühle auf unterschiedliche Eigenanteile hinweisen. Ärger über das Verhalten eines Patienten oder einer Patientin kann auf eine verletzte Grenze hindeuten. Ohnmacht oft auf eine chronische Überforderungssituation. Abscheu auf etwas, das tief in der eigenen Geschichte verankert ist und mit der konkreten Person vor Ihnen möglicherweise nichts zu tun hat.

Dritte Annäherung: Die eigene Geschichte befragen

Das ist der unbequemste Schritt. Manche Patientinnen oder Patienten erinnern an Menschen aus der eigenen Biografie. Es gibt Verhaltensweisen, die auf Stellen treffen, die nicht ausreichend verheilt sind. Das ist kein Versagen, sondern menschliche Normalität. Wer in einem sozialen Beruf arbeitet, bringt sich immer selbst mit. Wichtig ist nur, sich dieser Tatsache bewusst zu sein und handlungsfähig zu bleiben.

Darüber hinaus können Supervision, Eigentherapie oder strukturierte Intervisionsgruppen helfen, weil sie den Rahmen bieten, in dem dieser dritte Schritt möglich wird. Sie sind in Deutschland für Klinikärztinnen und Klinikärzte noch kein Standard, sollten es aber sein.

Klares grenzüberschreitendes Verhalten

Es gibt sie natürlich dennoch: Den Patienten, der beleidigt, droht oder beim dritten Termin in Folge fünfzehn Minuten zu spät kommt und dann verlangt, trotzdem vollständig behandelt zu werden. Die Patientin, die wiederholt und systematisch falsche Angaben macht, um bestimmte Medikamente zu erhalten. Hier ist die Psychologisierung fehl am Platz und solche Situationen sind keine Frage des Eigenanteils, sondern eine der professionellen Grenzziehung. Diese ist in Deutschland rechtlich und standesrechtlich klar geregelt, wird aber im Alltag nicht immer konsequent genutzt.

Ärztinnen und Ärzte können Behandlungsverträge außerordentlich kündigen, wenn das Vertrauensverhältnis nachhaltig gestört ist. Allerdings müssen sie dabei eine angemessene Übergangsversorgung sicherstellen und dürfen nicht in akuten Notfallsituationen kündigen. Wer so handelt, ist nicht kalt oder unfreundlich, sondern zeigt professionellen Selbstschutz. Nicht zuletzt dient dies auch dem Interesse der betroffenen Patientinnen und Patienten, denn eine Behandlungsbeziehung, die von einem der Beteiligten als unerträglich erlebt wird, nützt niemandem.

Was im Klinikalltag oft fehlt, ist die Klarheit darüber, ab wann eine Situation diese Schwelle erreicht. Eine Faustregel kann an dieser Stelle helfen: Wenn die Gedanken an eine Patientin oder einen Patienten regelmäßig den Feierabend besetzen, wenn die Energie, die diese Person kostet, spürbar anderen Patientinnen und Patienten fehlt, wenn das eigene Wohlbefinden systematisch leidet, ist die Grenze entweder schon überschritten oder nah genug, um sie klar zu ziehen.

Die Patientenperspektive

Hier lohnt ein kurzer Perspektivwechsel. Was erleben Patientinnen und Patienten, wenn sie merken, dass sie nicht willkommen sind?

Die meisten sagen es nicht. Sie suchen sich, wenn möglich, eine andere Klinik. Oder sie kommen weiter, weil sie keine Wahl haben, und bringen ihre Defensivität, ihre Ungeduld, ihr Misstrauen mit, das das schwierige Verhältnis weiter verfestigt. Ein Teufelskreis, den niemand wollte und den beide Seiten spüren.

Was Studien zur Arzt-Patienten-Kommunikation zeigen: Patientinnen und Patienten sind sehr feinfühlig gegenüber nonverbalen Signalen. Kürzere Blickkontakte, weniger zugewandte Körperhaltung, knappere Erklärungen, ein minimal anderer Ton, das alles wird registriert, auch wenn es nicht verbalisiert wird. Eine im International Journal of Medical Informatics veröffentlichte Studie belegt, dass solche nonverbalen Signale direkt beeinflussen, wie zufrieden Patientinnen und Patienten mit ihrer Behandlung sind und wie zuverlässig sie Therapieempfehlungen befolgen. Daraus folgt, dass Antipathie kein rein privates Gefühl ist, sondern klinische Konsequenzen hat.

Was langfristig hilft

Keine Liste kann dauerhaft Antipathie wegzaubern, aber man kann einige Strukturen etablieren, die das Thema bearbeitbar machen.

Erstens: Benennung. Schon das Aussprechen im richtigen Rahmen, etwa in einer Intervisionsgruppe, im Gespräch mit einer Supervisorin oder einem Supervisor, in einem ehrlichen Moment mit der Kollegin oder dem Kollegen auf der Station, entzieht dem Gefühl einen Teil seiner Kraft. Dinge, die ausgesprochen werden dürfen, wachsen seltener ins Unkontrollierbare.

Zweitens: Wissen über Übertragung und Gegenübertragung. Diese Konzepte stammen aus der Psychoanalyse, sind aber für jeden Menschen in einem Beziehungsberuf relevant, ohne dass man deshalb in Therapie gehen müsste. Das Grundverständnis, dass alte Muster neue Situationen färben, und zwar auf beiden Seiten, ist eine der wertvollsten Grundlagen professioneller Selbstreflexion.

Drittens: Strukturelle Entlastung. Viele Ärztinnen und Ärzte erleben Antipathie in Phasen massiver Überlastung stärker als in Phasen, in denen sie ausreichend Ressourcen haben. Das ist kein Zufall. Empathiefähigkeit ist eine begrenzte Ressource. Sie erschöpft sich, und wer sie nicht aktiv regeneriert, merkt das zuerst bei den Patientinnen und Patienten, die ohnehin schon mehr Energie kosten.

Viertens: Konsequenz. Wenn eine Behandlungsbeziehung trotz ehrlicher Reflexion nicht tragfähig ist, ist die Entscheidung, sie zu beenden, keine Niederlage. Sie ist eine professionelle Entscheidung, die im Zweifelsfall beiden Beteiligten nützt.

Fazit: Menschlichkeit als Ressource

Jonas F. wird Herrn M. nicht mögen lernen. Das ist wahrscheinlich. Aber unser fiktiver Arzt kann lernen, was das Gefühl, das dieser Patient in ihm auslöst, ihm über sich selbst erzählt. Er kann lernen, klarer zu werden, was er bereit ist zu geben und was nicht und er kann aufhören, das Nicht-Mögen als Schuld zu tragen.

Ärztinnen und Ärzte sind keine Automaten der Fürsorge. Sie sind Menschen mit Biografie, mit Grenzen und mit Mustern. Der Versuch, diese Menschlichkeit aus dem Klinikalltag herauszuhalten, scheitert regelmäßig, und er kostet mehr als das ehrliche Hinschauen je kosten würde. Der erste Schritt hin zu einer Verbesserung ist derselbe wie in jeder guten Diagnostik: wahrnehmen, was wirklich da ist und dann schauen, was das bedeutet.

FAQ: Antipathie gegenüber Patientinnen und Patienten im Klinikalltag

Wie häufig empfinden Ärztinnen und Ärzte Antipathie gegenüber Patientinnen und Patienten?

Studien zeigen, dass rund 15 bis 20 Prozent der Patientinnen und Patienten von Ärztinnen und Ärzten als schwierig wahrgenommen werden. Dieses Empfinden tritt sowohl im ambulanten Bereich als auch im Klinikalltag regelmäßig auf und ist kein Einzelfall.

Beeinflusst Antipathie die Qualität der medizinischen Versorgung?

Ja. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Ärztinnen und Ärzte bei als schwierig erlebten Patientinnen und Patienten weniger Zeit investieren, knapper kommunizieren und häufiger diagnostische Fehler machen. Auch die Therapietreue und Zufriedenheit der Betroffenen können darunter leiden.

Was versteht man unter dem „Eigenanteil“ in der Arzt-Patienten-Beziehung?

Der Eigenanteil beschreibt den Anteil der eigenen Biografie, Erwartungen und emotionalen Muster, der die Reaktion auf eine Patientin oder einen Patienten beeinflusst. Antipathie liefert damit Hinweise auf eigene Themen, nicht nur auf das Verhalten des Gegenübers.

Wie können Ärztinnen und Ärzte professionell mit Antipathie umgehen?

Zentrale Ansätze sind das bewusste Wahrnehmen der eigenen Reaktion, das Differenzieren von Gefühlen wie Ärger oder Ohnmacht sowie die Reflexion im kollegialen Austausch oder in Supervision. Ziel ist es, handlungsfähig zu bleiben und die Qualität der Versorgung zu sichern.

Wann ist es gerechtfertigt, eine Behandlung zu beenden?

Wenn das Vertrauensverhältnis nachhaltig gestört ist oder grenzüberschreitendes Verhalten vorliegt, können Ärztinnen und Ärzte den Behandlungsvertrag kündigen. Voraussetzung ist, dass keine akute Notfallsituation besteht und eine angemessene Weiterbehandlung organisiert wird.

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