
Im Verein Flying Hope bringen ehrenamtliche Piloten schwerkranke Kinder zu Kliniken und Einrichtungen, die sie sonst kaum erreichen könnten. Der Chirurg Dr. Michael Offermann ist einer von ihnen. Er berichtet über diese ganz besonderen Flüge.
Was ist Flying Hope?
Dr. Michael Offermann: Wir sind das einzige europäische Pilotennetzwerk, das sich um den kostenlosen Transport von schwerstkranken, -behinderten und geschädigten Kindern kümmert.
Wohin fliegen Sie die Kinder?
Dr. Michael Offermann: Dorthin, wo die Hoffnung am größten ist, wo die Eltern oder ärztlichen Kolleginnen und Kollegen sagen: „Das Kind muss da hin“. Dabei handelt es sich in der Regel um ganz verschiedene, besondere Ziele. Oft ist das die bestmögliche Spezialklinik für eine Krankheit, manchmal sogar die alleinige, die sich mit dieser Diagnose beschäftigt. Wir fliegen die Kinder aber auch zu Rehazentren oder Kinderhospizen, damit sich die oft auch sehr belasteten Eltern oder Betreuer ein paar Tage „erholen“ können.
In welche Spezialkliniken geht’s?
Dr. Michael Offermann: Zum Beispiel zur Düsseldorfer Uniklinik. Dort behandelt ein Kollege als Einziger deutschlandweit krebskranke Kinder nach OP oder Chemotherapie mit spezieller Hitze. Das reduziert Rezidive deutlich. Einige Fälle mit Morbus Hirschsprung fliegen wir nach Rostock. Die chirurgische Kollegin dort gilt als eine der besten für diese Darmoperationen bei kleinen Kindern.
Fliegen Sie auch mehrmals dieselben kleinen Passagiere?
Dr. Michael Offermann: Immer mal wieder. So bringen wir Kinder mit kindlicher Demenz alle 14 Tage nach Hamburg. Im UKE bekommen sie das Enzym, das ihnen genetisch bedingt fehlt, ins Gehirn infundiert. So können sie zumindest länger leben. Ein Mädchen habe ich schon vor fünf Jahren öfter in die Hansestadt geflogen. Die Eltern sind total froh, dass sie immer noch lebt – auch wenn sie jetzt nicht mehr laufen kann. Ein anderes Beispiel: Ich habe mehrmals einen Jungen aus Süddeutschland nach Hamburg geflogen. Ihm fehlte bei der Geburt die gesamte Muskulatur an der Wirbelsäule, die deswegen immer zusammenklappte. Die Hamburger fixierten das mit einem Metall. Da der Junge wuchs, musste das alle halbe Jahre verlängert werden.
Das sind eher ungewöhnliche medizinische Fälle, oder?
Dr. Michael Offermann: Da sind Krankheiten dabei, die ich mir mit meiner jahrzehntelangen Erfahrung nicht hätte vorstellen können. In besonderer Erinnerung ist mir zum Beispiel ein klitzekleiner Junge geblieben. Er war mit unvorstellbaren 480 Gramm geboren worden. Beim Flug war er schon ein paar Monate alt und trotzdem noch so winzig. Ein anderes Mal haben wir ein Mädchen zur Operation Richtung München geflogen. Bei ihr war aus irgendeinem Grund die Muskulatur komplett versteift. Sie konnte gar nicht laufen, weil der Fuß als Spitzfuß nach vorne/unten gezogen wurde. Beim Rückflug stand sie immerhin wieder auf ihren Füßen.
Warum sind diese Flüge nötig?
Dr. Michael Offermann: In Deutschland zahlen die Krankenkassen den Transport zur nächstgelegenen Klinik, aber nie zu einer gewünschten, insbesondere wenn die 1.000 Kilometer entfernt ist. Das ist einer der wichtigsten Gründe für uns. Hinzu kommt, dass wir viel schneller sind. Die kleinen Passagiere sind so schwer krank, dass sie gar nicht auf andere Art reisen könnten, nicht mit dem Auto oder schon gar nicht mit dem Zug oder einem normalen Flugzeug.
Geht’s auch ins Ausland?
Dr. Michael Offermann: In einige europäische Nachbarländer, wie Schweiz oder Österreich. Zu meinen häufigeren Zielen zählen zwei extrem gute Physiotherapiekliniken in Bratislava/Piestany. Vorletztes Jahr brachte ich ein wenige Monate altes Baby dorthin. Es hatte im Mutterleib zwei Schlaganfälle erlitten, war komplett gelähmt. Das hat damals schon eine Woche gedauert, bis die Diagnose feststand. Kürzlich rief mich ein Kollege aus Sylt an, ob ich eine 15-Jährige auch dorthin bringen kann. Sie war ein halbes Jahr vorher beim Schwimmen in Ohnmacht gefallen. Erst Stunden später fand man die Ursache heraus, ein geplatztes Aneurysma. Sie kann zurzeit nur die Augen bewegen.
Wie viel Equipment kann mit?
Dr. Michael Offermann: Alles Mögliche wie Beatmungselemente oder Medikamente muss mit an Bord gebracht werden. Manchmal braucht man ganz wenig, manchmal mehr. Es muss immer eine Begleitperson dabei sein, die sich mit dem Kind bei Bedarf vollständig beschäftigt. Wer das täglich tut, hat in der Regel alles dabei, was gebraucht wird. Meist kommt die Mutter mit, ab und zu eine Pflegekraft, selten ein Arzt. Nur in Ausnahmefällen geht etwas nicht.
Was geht denn nicht?
Dr. Michael Offermann: Vor ein paar Monaten bekamen wir die Anfrage für den Transport eines 13-jährigen Mädels. Sie hatte eine so schwere Atmungsunterlassung – die Lunge war aufgrund eines Tumors weitgehend ausgefallen – dass sie unglaubliche 15 Liter Sauerstoff pro Atmungsverlauf benötigte. Die Mutter nutzte dafür schwarze, sogenannte Stroller mit Flüssiggas, die unter großem Druck standen. Da bekam ich Bedenken und fragte beim Hersteller nach, ob wir diese mit an Bord nehmen können. Denn mit den größeren Maschinen sind wir wie ein Linienflug auf 6000 bis 9000 Meter Höhe unterwegs, mit entsprechend sinkendem Kabinendruck. Die Firmenleute baten uns, das nicht zu tun. Sie konnten nicht sagen, ob die in der Höhe platzen könnten. Zudem waren die Flaschen nicht für die Nutzung in der Luft zugelassen. Wir haben der Mutter dann einen potentiellen Flug per Hubschrauber vermittelt.
Übernehmen Sie auch Liegendtransporte?
Dr. Michael Offermann: Das hängt theoretisch auch von der Größe der Maschine ab. Wir haben nicht nur vier-, sondern auch sechs- und achtsitzige. In diesen wäre ein Liegendtransport möglich. 99 Prozent unserer kleinen Fluggäste, auch die gelähmten, können allerdings sitzen, insbesondere da sie angeschnallt sind. Einige bringen spezielle Kindersitze mit. Wer laufen kann, erreicht den jeweiligen Parkplatz über das Terminal für Geschäfts- und Privatflieger. Ansonsten werden die kleinen Passagiere bis auf zwei Meter direkt zum Flugzeug gebracht, entweder im Auto der Eltern oder dem RTW. Manche müssen vielleicht ins Flugzeug getragen werden. Wenn es ihnen noch möglich ist, lieben sie es natürlich auch raus zu gucken und lachen die ganze Zeit. Das ist natürlich ein sehr schöner Nebeneffekt… aber auf besondere Situationen muss man immer gefasst sein.
Was haben Sie da schon erlebt?
Dr. Michael Offermann: Ich brachte mal einen Jungen nach Friedrichshafen. Der kam auf mich zu und ich wunderte mich, was mit ihm los ist. Er lachte, quatschte. Wir gingen in die Luft, er war total begeistert und musste plötzlich beatmet werden. Was war passiert? Er hatte einige Jahre zuvor eine allerschwerste Hirnhautentzündung erlitten. Dabei verlor er sein Atemzentrum. Anschließend musste er trainiert werden, daran zu denken: Ich muss einatmen, ich muss ausatmen. Er hatte bereits 600 Tage Krankenhaus- oder Hospizaufenthalte hinter sich und muss nachts immer beatmet werden. Offensichtlich war er im Flugzeug so begeistert, dass er das Atmen vergessen hat.
Sie sind Chirurg, machen noch andere Ärztinnen und Ärzte mit?
Dr. Michael Offermann: Mit mir sind wir drei Ärzte. Die anderen 32 haben keinen medizinischen Background, was vollkommen okay ist. Denn wer im Cockpit sitzt, kümmert sich um den Flug. Allerdings führe ich mit den Piloten zumeist einmal im Monat ein Zoom-Meeting durch, bei dem ich berate und verschiedene Vorträge halte. Zu den Themen zählen etwa die zehn wichtigsten medizinischen Probleme, die an Bord passieren können. Zum Beispiel: Ein Kind muss brechen, wird ohnmächtig, bekommt einen epileptischen Anfall – und was dann zu tun und zu beachten ist. Dazu gehört auch, wie man damit umgehen würde, wenn ein Kind in der Luft stirbt, was Gott sei Dank noch nie passiert ist. Aber das hätte ja auch medizinrechtliche und sonstige juristische Konsequenzen. In einem Notfall, den wir noch nie hatten, kann das Flugzeug innerhalb weniger Minuten an bestimmten Landepunkten aufsetzen, wo dann ein RTW käme.
Aber es sind trotzdem so viele traurige Schicksale dabei…
Dr. Michael Offermann: Leider gibt es immer wieder Kinder, bei denen klar ist, dass sie jung sterben werden. Aber wenn es nur fünf oder sechs Jahre später passiert, ist das doch eine so wertvolle Zeit für sie und die Eltern. Manchmal fliegen wir Kinder auch zum Sterben irgendwohin. So brachten wir vor wenigen Jahren einen 14-Jährigen in ein Hospiz nach Wilhelmshaven. Ihm war klar, er muss gehen, aber er wollte nicht zu Hause sterben. Da haben wir lange überlegt, ob er den Flug überhaupt überleben wird. Drei Tage danach ist er am Strand gestorben.
Wieviel Flüge schaffen Sie?
Dr. Michael Offermann: Ich übernehme je nach meiner Freizeit zwischen zehn und 20 im Jahr, insgesamt führen wir zurzeit etwas mehr als 100 durch. Das ist nicht wenig, aber gemessen an der Anzahl der schwerstkranken Kinder, die das bräuchten, ein Tropfen auf den heißen Stein. Deswegen sind wir froh, wenn wir immer bekannter werden. Wir haben das Ziel, unsere Flüge zu verdoppeln oder zu verdreifachen. Dafür freuen wir uns über jede Spende, brauchen aber auch mehr Pilotinnen und Piloten.
Was sollen diese mitbringen?
Dr. Michael Offermann: Wir stellen relativ hohe Anforderungen. Alle müssen ein eigenes Flugzeug haben und viel Flugerfahrung. Wenn jemand noch nicht alle nötigen Flugstunden zusammen hat, kann man bei uns erst mal als Co-Pilot mitfliegen.
Und für die Passagiere ist es wirklich komplett gratis?
Dr. Michael Offermann: Ja. Unsere Piloten stellen ihre Zeit und ihre Maschinen ehrenamtlich zur Verfügung. Sämtliche europäischen Flughäfen lassen uns zudem kostenlos starten, landen und behandeln uns perfekt, sodass wir nicht lange warten müssen. Toll ist auch, dass wir vor ein paar Jahren auf der Flugmesse AERO einen Simulator gespendet bekamen, an dem wir die verschiedensten Situationen trainieren können. Die Treibstoffkosten übernimmt unser gemeinnütziger Verein aus Spenden. Leider müssen wir Kerosinsteuer zahlen, die ungefähr ein Drittel dieser Kosten ausmacht. Die kommerziellen Luftfahrtgesellschaften sind davon befreit. Ich versuche seit knapp zwei Jahren unter anderem in Brüssel zu erreichen, dass das für uns als gemeinnütziger Verein auch gilt. Wir könnten ein Drittel mehr Flüge durchführen, wenn wir das nicht zahlen müssten.
Wieso engagieren Sie sich für Flying Hope?
Dr. Michael Offermann: Ich war viel in aller Welt unterwegs, unter anderem zehn Jahre als Notarzt. Oft habe ich mich gewundert – ob in Afrika, im Nahen Osten oder Asien – dass von den vielen Milliarden Hilfsgeldern, die die die westliche Welt zur Verfügung stellt, vor Ort nichts zu sehen ist. Einmal landete ich direkt hinter der kenianischen Grenze und sah viele Flugzeuge, die Medikamente und Lebensmittel in den Südsudan bringen sollten – stattdessen wurden alle beschossen! Da dachte ich mir, ich will anders helfen. Als ich von Flying Hope hörte, war ich sofort begeistert. Man landet, das Kind wird behandelt, kann länger leben oder ist vielleicht sogar geheilt worden, da ist die Spende doch genau in dem Augenblick angekommen.
Der Experte
Dr. Michael Offermann ist Chirurg und Berufspilot. Er arbeitete zunächst als OP-Pfleger, war bei der Bundeswehr Ausbildungsoffizier für Medizin und flog zehn Jahre als Notarzt unter anderem für den ASB. 1991 ließ er sich nieder und gründete das erste ambulante Gefäßzentrum in Deutschland. Als einer der Pioniere operierte er bereits 2003 das medizinisch indizierte Lipödem, hielt viele Vorträge darüber und bildet bis heute Fachleute in aller Welt dazu aus. 2024 verließ er das Gefäßzentrum Rhein-Ruhr, das zuletzt 16 Fachärztinnen und -ärzte beschäftigte. Seit 2015 ist er bei Flying Hope e.V., seit 2021 als Vorstandsvorsitzender.


