Frauen als MVZ-Gründerinnen

27 April, 2023 - 16:03
Miriam Mirza
Junge, selbstbewusste Ärztin

Die Medizin ist weiblich dominiert! Aktuelle Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung beweisen das. Demnach waren im Jahr 2022 erstmals mehr Frauen als Männer in der Vertragsärztlichen Versorgung tätig. Was die Verteilung angeht, so zeigt sich, dass je jünger Ärztinnen und Ärzte sind, desto höher der Frauenanteil wird.

Doch warum spiegelt sich diese Entwicklung nicht auch bei der Gründung und Leitung von MVZ wider? Und das, wo die Zahl der MVZ-Gründungen in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung waren es 4.179 im Jahr 2021. Im Vorjahr wurden 3.846 gegründet.

Die ungleiche Verteilung von Frauen ist auch bei einer genaueren Betrachtung nach Fachrichtungen zu erkennen. So ist der Anteil weiblicher Ärztinnen höher in Bereichen wie Frauenheilkunde, Pädiatrie, Kinder- und Jugendpsychotherapie oder Psychologischer Psychotherapie. Die meisten MVZ-Gründungen gibt es jedoch in der Chirurgie, Orthopädie, Innere Medizin, Radiologie, Augenheilkunde so wie in der hausärztlichen Versorgung. Dies sind allerdings Fachrichtungen, in denen mehr Männer als Frauen praktizieren.

Frauen wollen mehr Sicherheit

Tatsache ist, dass Frauen oft andere Erwartungen an ihren Beruf haben als ihre männlichen Kollegen. Das gilt auch, wenn es um die Gründung von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) geht. Sie gehen oft weniger Risiken ein und haben ein höheres Sicherheitsbedürfnis. Das liegt in der Regel in ihrer Lebenssituation begründet: Eine mögliche Unternehmensgründung fällt für viele Medizinerinnen zeitlich mit der Familiengründung zusammen. Die Folge: Ärztinnen können oft weniger arbeiten, weil sie sich um Kinder kümmern müssen.

Leider hat die Corona-Krise die ohnehin schon negative Entwicklung weiter zurückgeworfen. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln haben Frauen insbesondere in der Pandemie deutlich seltener gegründet als Männer. Die Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass Frauen in der Krise angesichts von Schulschließungen und Quarantäne deutlich häufiger die Care-Arbeit zu Hause übernahmen. All diese Entwicklungen haben dazu beigetragen, dass weibliche MVZ-Gründerinnen immer noch rar gesät sind. Langfristig wird es aber notwendig sein, Frauen zu bestärken und ihnen bessere Möglichkeiten zu schaffen, sich die Unternehmensgründung zuzutrauen. Unsere Gesellschaft ist nämlich darauf angewiesen, denn ohne ausreichende MVZ wird die medizinische Versorgung kaum zu gewährleisten sein.

Wo gibt es nützliche Informationen?

Ein Problem, das viele Frauen haben ist, dass sie zu wenig darüber wissen, was es heißt, ein MVZ zu gründen und welche Anforderungen damit verbunden sind. Doch hier gibt es inzwischen verschiedene Angebote. So lohnt ein erster Blick in den „Sicherstellungsatlas“ der Kassenärztlichen Vereinigungen. Die interaktive Webseite zeigt gibt einen Überblick über die verschiedenen Maßnahmen für die Sicherstellung der ambulanten Versorgung in den Regionen. Das können beispielsweise finanzielle Hilfen, Patenschaften oder Beratungsangebote für Ärztinnen und Ärzte sein, die sich niederlassen wollen.

Die Webseite www.lass-dich-nieder.de wird von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) betrieben. Sie wendet sich gezielt an Medizinstudierende und junge Ärztinnen und Ärzte. Sie wollen den Ärztenachwuchs über die Arbeit in der Niederlassung informieren – und dafür begeistern. Denn in der Aus- und Weiterbildung gibt es oft nur wenige Möglichkeiten, den Praxisalltag kennenzulernen.

Was gilt es zu beachten?

Doch nicht nur junge Ärztinnen sollten die MVZ-Gründung wagen, auch wer bereits im Berufsleben steht, kann ein eigenes Unternehmen haben. Doch zuvor sollten sich Medizinerinnen vorbereiten. Dazu gehört, sich ein paar wichtige Fragen zu stellen. So ist es wichtig, ehrlich mit sich zu sein und sich zu überlegen, welcher Typ Mensch man ist: Brauche ich Sicherheit und die Arbeit im Team, oder finde ich den Gedanken, zu gestalten und ein Risiko einzugehen, spannend? Auch die aktuelle Lebenssituation muss berücksichtigt werden. Wie ist beispielsweise die Partnerschaft, in der man lebt? Hat man Familie, Kinder oder pflegt möglicherweise Angehörige? Und schließlich sollte man in sich gehen und schauen, wie viele Kenntnisse über wirtschaftliche Zusammenhänge und Abläufe man bereits hat und an welcher Stelle man sich solche aneignen muss.

Vier Tipps für MVZ-Gründerinnen:

  1. Suchen Sie sich gute juristische Beratung: Sparen Sie nicht am falschen Ende und suchen Sie sich einen erfahrenen Medizinanwalt bzw. eine erfahrene Medizinanwältin. Eine MVZ-Gründung gehört für spezialisierte Juristinnen und Juristen inzwischen zum täglichen Geschäft.
  2. Suchen Sie sich ein gutes Coaching: Eine gute Beratung, die Sie bei dem Reinwachsen in die Rolle als Unternehmerin und Chefin von Mitarbeitenden unterstützt, ist gut investiertes Geld. Besonders wichtig ist dabei, Ihre Stellung im Umgang mit angestellten Ärztinnen und Ärzten zu klären.
  3. Planen Sie Änderungen Ihrer Lebenssituation ein: Das Leben ist unvorhersehbar, aber bestimmte mögliche Veränderungen, z.B. Familiengründung, Trennung, Scheidung, eigene Erkrankung oder die von Angehörigen sollten Sie im Blick haben und Vorkehrungen (z.B. Nachfolgerregelungen) treffen
  4. Suchen sie sich eine gute wirtschaftliche Kooperation: Überlegen Sie genau, welche finanzielle Unterstützung Sie brauchen und mit welchen Partnern (Stichwörter an dieser Stelle: Bank, Steuerberater oder Steuerberaterin, Unternehmensberatung) Sie diese Umsetzen wollen.

Grundsätzlich gibt es drei Formen der Niederlassung für Ärztinnen und Ärzte: Die Gründung einer Einzelpraxis bringt übersichtliche Strukturen und klare Entscheidungswege mit sich. Auf der anderen Seite kann ein Ausfall der Praxisinhaberin, z. B. durch Krankheit der eigenen Person oder eines Familienmitglieds, Probleme bereiten. Die zweite Variante ist die Arbeit in einer Berufsausübungsgemeinschaft (BAG). Der Vorteil: Das finanzielle Risiko und die Verantwortung verteilen sich auf mehrere Schultern. Allerdings können in dieser Konstellation immer auch unterschiedliche Vorstellungen von Zielen und Arbeitsabläufen aufeinanderprallen. Schließlich gibt es die Gründung eines MVZ als mögliche Niederlassungsform. Die Vor- und Nachteile sind ähnlich wie bei der BAG. Doch es gibt weitere Aspekte zu bedenken. Es ist beispielsweise möglich, das MVZ als GmbH oder auch als GbR zu gestalten. Darüber hinaus kann im Idealfall expandiert werden. In der Folge kann mit angestellten Ärztinnen und Ärzten und mit der Aussicht auf Wachstum und Erweiterung gearbeitet werden.

Die Gründung eines MVZ ist für Männer wie Frauen nicht ohne Risiko, erfordert Eigeninitiative und Lust auf ein selbstbestimmtes Arbeiten. In naher Zukunft braucht es viele Frauen, die sich entschließen, ihr eigenen Unternehmen zu gründen. Dafür sollten bessere Bedingungen geschaffen werden, aber die Medizinerinnen sollten sich auch mehr zutrauen. Die Mühe lohnt sich.

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