Frust in den ersten Berufsjahren: Damit der Einstieg nicht zum Ausstieg wird

3 Mai, 2023 - 07:26
Gerti Keller
Junge frustrierte Ärztin vor dem Computer

Enttäuscht? Frustriert? Ausgebrannt? „Bloß nicht hinwerfen“, sagt Prof. Wolfgang Kölfen. Der ehemalige, langjährige Klinikchef hilft heute als Coach jungen Ärztinnen und Ärzten bei Überforderung in den ersten Klinikjahren.

Herr Prof. Kölfen: Sie sind seit 37 Jahren Arzt, 22 davon als Chefarzt und jetzt als Coach und Kommunikationstrainer unterwegs: Was hat sich verändert? Was bekommen Sie vom aktuellen Nachwuchs mit?

Prof. Wolfgang Kölfen: Inzwischen sind es rund 90 Prozent Ärztinnen, die sich an mich wenden, da die Medizin immer weiblicher wird. Auffallend ist leider auch: Viele muten sich zu viel zu, manche wollen sogar aufhören. Warum? Diese Kolleginnen haben ihr Abitur in der Regel mit 1,0, bestanden, meisterten das Studium bravourös. Sie haben immer gepowert und wollen in der Klinik sofort genauso weitermachen, alles möglichst schnell und perfekt. Aber das funktioniert so nicht. Patienten sind unterschiedlich, Medizin lebt von Erfahrungen. Der Anspruch, den die jungen Leute an sich haben, ist somit gar nicht erfüllbar. Und genau da stecken so viele Selbstkritikfaktoren drin, die ihre Handlungsfähigkeit und Freude bremsen. Insbesondere Frauen suchen die Fehler „gern“ bei sich. Ich hatte jetzt gerade erst zwei junge überforderte Ärztinnen in der Beratung. Die eine wollte lieber ein Buch schreiben, die andere auf Weltreise gehen. Die überlegten ernsthaft nach sechs Jahren hartem Studium plus maximaler Anstrengung in der Schule einen tollen Beruf einfach hinzuschmeißen.

Was raten Sie ihnen?

Prof. Wolfgang Kölfen: Ich kann ihnen nur dringend empfehlen: Stoppen Sie Ihre Selbstkritik, üben Sie sich in Geduld! In die Klinik mit all ihren Herausforderungen müssen alle reinwachsen. Auch im zweiten und selbst im dritten Ausbildungsjahr dürfen Sie noch Defizite haben. Keine Ärztin, kein Arzt hat als Profi angefangen. Stärken Sie sich selbst den Rücken. Loben Sie sich, indem Sie sich sagen: Auch über kleine Schritte komme ich voran. Tolerieren Sie Ihre Schwächen und arbeiten Sie an Ihren Stärken: Bauen Sie das, was Sie schon gut können, weiter aus. Nichts ist schöner, als heute etwas zu schaffen, was gestern noch trotz viel Mühe nicht geklappt hat.

Was sind besondere Stolperfallen?

Prof. Wolfgang Kölfen: Ein häufiger innerer Antreiber flüstert einem ständig ins Ohr: „ich bin jung, unerfahren und muss extrem vorsichtig sein, um keine Fehler zu machen“. Daraus ergibt sich folgender Seiltanz: Achte immer darauf, dass du nicht das Risiko eingehst, einen Patienten falsch zu behandeln – also jemanden nach Hause schickst, den du hättest dabehalten sollen oder einen Patienten stationär aufnimmst, obwohl er nur eine Banalität hat und dich morgen alle Kolleginnen und Kollegen mit Unverständnis anschauen. Wie löst die exemplarische junge Assistenzärztin diesen Zielkonflikt dann? Sie macht eine ausführliche Anamnese, untersucht möglichst intensiv, überlegt hin und her. Die zur Verfügung stehende Zeit ist aber kurz und dadurch entsteht im Wartebereich oft ein Riesenstau. Wenn jemand so arbeitet, werden alle nervös, die Patientinnen und Patienten, die Pflege, die Vorgesetzten und vor allem man selbst.

Wie kann ich das vermeiden?

Prof. Wolfgang Kölfen: Ein wichtiger Schritt ist: Lerne, die Arbeit zu priorisieren! Was muss wirklich perfekt gemacht werden? Wenn Freitagnachmittag jemand in die Notaufnahme kommt, der irgendwo ein Hautjucken hat, ein Ekzem zum Beispiel, so muss ich den nicht komplett untersuchen und mir seine Krankengeschichte der letzten 40 Jahre anhören. Um hier rasch Orientierung zu finden, sollte ich mich trauen, mich mit den erfahrenen Kolleginnen und Kollegen auszutauschen, die das schon gut draufhaben. Und: Man muss nicht automatisch alle Arbeiten machen, die im Krankenhaus rund um die Uhr angespült werden. Erlauben Sie es sich auch, Verwaltungsarbeiten ruhen zu lassen, denn die Versorgung der Patientinnen und Patienten hat immer Vorrang. Nur so geht man nicht in dem tosenden Meer Krankenhaus mit vielen Riffs unter.

Gibt es noch mehr solcher Stolperfallen?

Prof. Wolfgang Kölfen: Ein weiterer innerer Antreiber lautet: Mach es allen recht. Eine häufige Folge ist, dass man mit allen möglichen Aufgaben von Vorgesetzten „zugemüllt“ wird. Und niemand sieht, wenn das Maß schon komplett voll ist. Das überfordert den Nachwuchs eindeutig. Dann reicht ein kleiner Misserfolg, und sie sagen „Schluss, ich mache da nicht mehr mit, ich steig aus“.

Sollte ich also Nein-Sagen lernen?

Prof. Wolfgang Kölfen: Damit habe ich ein kleines Problem. Viele Artikel fordern dazu auf, aber so kann Hilfe für Kranke nicht funktionieren. Wird mir zu viel übertragen, sollte ich stattdessen ebenfalls um Hilfe bei der Priorisierung bitten und zum Beispiel fragen: „Ich übernehme das gern, muss dafür dann aber dies und das aufschieben. Ist das okay?“. Dann weiß der andere, er muss jetzt auswählen, was Sie tun. Man kann auch die Bitte äußern: „Können Sie mir raten, welche Reihenfolge nun die beste ist?“ Oder: „Es würde mir helfen, wenn Sie mir sagen, was die wichtigsten Punkte aus Ihrer Sicht sind.“ Damit haben Sie nicht nur um Orientierung gebeten, sondern der Kollege oder die Kollegin sitzt plötzlich mit im Boot einer gemeinsamen Entscheidung. Dies schließt dann spätere Reklamationen und Genörgel aus. Es ist auch völlig okay, beim Berufseinstieg Unterstützung einzufordern, wenn sie nicht angeboten wird.

Und wenn man ständig Aufgaben bekommt, die den eigenen Karriereweg behindern?

Prof. Wolfgang Kölfen: Das entscheidende ist, sich in der Sache mit guten Argumenten abzugrenzen, sodass nicht der Eindruck entsteht, Sie wollen nicht arbeiten. Die hohe Kunst ist: das, was der eigenen Karriere nützt, in Einklang zu bringen mit den Interessen der Klinik, der Patientinnen und Patienten und der Kollegenschaft. Wenn man das gut rüberbringt, wird es gut funktionieren.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Prof. Wolfgang Kölfen: Neulich wandte sich eine sehr engagierte Kollegin an mich. Sie befand sich in der Weiterbildung in einer großen Uniklinik, operatives Fach. Vor Kurzem hatte sie ein hochdotiertes Forschungsprojekt an Land gezogen, leitete eine Arbeitsgruppe. Da sie gleichzeitig versuchte zu habilitieren, schrieb sie Papers und absolvierte weiterhin noch ein Begleitstudium zum Thema „Künstliche Intelligenz“ in der Medizin. Sie klagte: „Man lässt mich nicht weiterkommen. So schaffe ich das alles nicht mehr. Ich soll ständig in die Notaufnahme und nicht in den OP. Dies ist ja gerade für diese Fachrichtung nicht so zielführend, da man dann nicht vorankommt mit dem Operationskatalog. Zudem stellte sich heraus, dass ihr Chef ihr nachts Mails schrieb mit Anweisungen, obwohl sie keinen Dienst hatte. Darin stand dann, sie sollte bis morgen Mittag irgendetwas vorbereiten, was sie auch tat.

Wie wurde das besser?

Prof. Wolfgang Kölfen: Erstens, indem sie in einem Gespräch mit dem Chef erläuterte, dass es für Forschende einen Anspruch auf Freistellung von Routinearbeiten gibt. Denn die eingeworbenen Gelder sind ja zweckgebunden und müssen für die Wissenschaft ausgegeben werden, nicht für die klinische Versorgung von Patientinnen und Patienten. Dabei ging sie mit guten Win-Win-Argumenten vor, im Sinne von: Es bringt mir und Ihrem Renommee als Klinikleiter etwas, wenn wir hochrangig publizieren. Zweitens übten wir ein, was sie entgegnen wird, wenn – was wahrscheinlich war – dieser Chef sie nach drei Wochen anruft und sagt „Hier sind gerade drei Leute zu ersetzen, kommen Sie wieder in die Notfallaufnahme. Ich brauche Sie.“ Und dieser Anruf kam tatsächlich. Nun war sie aber innerlich vorbereitet und fragte ihn erst einmal: „Meine Bitte an Sie ist, ob Sie eine andere Möglichkeit finden können, damit ich jetzt das gemeinsame Paper zu Ende bringen kann.“ Der Chef hat dann nach einer alternativen Lösung gesucht und ihr forschungsfrei blieb erhalten. Welch ein schönes Gefühl, einen solchen Erfolg zu erzielen! Der Glaube in die eigene Handlungsfähigkeit wird gestärkt und das Selbstbewusstsein enorm aufgewertet.

Die Generation Z legt Umfrage zufolge viel Wert auf ein harmonisches Miteinander. Wie steht es um die Harmonie in Teams?

Prof. Wolfgang Kölfen: Alle, die im Krankenhaus unterwegs sind, selbst wenn sie optimistisch sind, wissen: So ist die Realität nicht immer. Da weht schon mal ein scharfer Wind. Da muss man bei Engpässen mitanpacken und dies bis zu einem gewissen Grad akzeptieren. Auch treffen verschiedene Generationen mit unterschiedlichen Wertevorstellungen aufeinander. Gleichzeitig gibt es aber nach wie vor hierarchische Strukturen, die dem heutigen Nachwuchs teilweise unbekannt sind. Wer in einer Generation aufgewachsen ist, die von klein auf gewohnt ist, bei allen Entscheidungen mit zu bestimmen, ist natürlich vom Klinikalltag sehr überrascht und enttäuscht. Doch diese Haltung ist dort völlig realitätsfern.

Haben Sie Tipps zum Umgang mit Konflikten?

Prof. Wolfgang Kölfen: Zunächst ist es sinnvoll zu analysieren, um welche Art Konflikt es sich handelt. Ist es ein Bewertungskonflikt, zum Beispiel, dass der Chef sagt „hier, bei uns wird Medikation A gegeben“ und Sie haben B verabreicht? Solange Ihr Vorgesetzter noch einigermaßen bei Verstand ist, ist klar, dass er die Richtlinienkompetenz im Haus für solche Entscheidungen hat. Ähnlich verhält es sich bei Wahrheitskonflikten, die meist relativ einfach zu lösen sind. Zeigt die Statistik, dass Sie in diesem Jahr erst 20 Dienste gemacht haben, aber die Kollegen 40, ist leicht nachvollziehbar, wer jetzt mit Diensten dran ist. Das Nächste sind Meinungskonflikte. Beispiel: Ich als Stationsarzt meine, der Patient kann extubiert werden, doch die erfahrene Pflegekraft sagt: auf keinen Fall. Da hilft es schon, einen Kompromiss zu suchen nach dem Motto „ich akzeptiere Ihre Berufserfahrung in der Pflege und deshalb warten wir mal einen Tag mit der Extubation und schauen uns das morgen noch mal gemeinsam an.“ Hiermit kann man als Berufsanfänger punkten. Schwieriger zu lösen sind die unterschiedlichen Interessenskonflikte, die das Leben in der Klinik wirklich schwer machen können.

Wie verhält es sich damit?

Prof. Wolfgang Kölfen: Ein Beispiel: Ich habe dieses Wochenende „eigentlich“ frei und bin auf einen Geburtstag eingeladen. Wieso soll ich im Krankheitsfall der Kollegin deren Dienst übernehmen und nicht eine andere Kollegin? Oder warum soll ich immer das Protokoll der Sitzungen führen? Nur weil ich es bisher immer so zuverlässig gemacht habe? Das muss man offen ansprechen, und hier ist man gut beraten, dafür das Harvard-Konzept als Technik anzuwenden: hart in der Sache kämpfen, sich dabei aber nicht gegen die andere Person sich wenden. Den eigenen Standpunkt freundlich, aber mit Nachdruck artikulieren und dennoch vermitteln, dass Sie kompromissbereit sind. Nach dem Motto: Heute kann ich die Tätigkeit übernehmen, und morgen bitte ich um eine andere Lösung.

Was raten Sie den Vorgesetzen?

Prof. Wolfgang Kölfen: Die Tage der One-Man-Show sind lange vorbei. Ich kann Vorgesetzten nur empfehlen, wer mit seiner Abteilung am Netz bleiben will, muss sich offen und flexibel zeigen. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass Unsicherheiten und Instabilitäten das einzig Verlässliche im Krankenhaus geworden sind. Ein Beispiel bei akuten Ausfällen: Natürlich ist es für die medizinische Versorgung des Patienten besser, 12-Stunden-Dienste nicht zu teilen. Wenn es aber nicht anders geht, müssen Vorgesetzte speziell in der heutigen Zeit auch andere Lösungen akzeptieren. Schlagen die Ärztinnen und Ärzte zum Beispiel vor, sie wollen den Dienst auf zwei Personen mit jeweils sechs Arbeitsstunden verteilen, sollte ich bereit sein, umzudenken, obwohl das nicht meinen eigenen Vorstellungen entspricht.

Welche Rolle spielt das Gesundheitssystem?

Prof. Wolfgang Kölfen: Durch die Corona-Pandemie und den Patientenrückgang wurden die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen noch mal maximal verschärft. Die Krankenhäuser leiden unter enormen Liquiditätsproblemen. 60 bis 70 Prozent schreiben bereits heute rote Zahlen, und niemand kann aktuell seriös voraussagen, wie viele pleitegehen werden. Das bedeutet, der Zielkonflikt zwischen den Zwängen der Ökonomie und medizinischer Versorgung der Patientinnen und Patienten wird für die Ärzteschaft weiter zunehmen. Das zu akzeptieren, ist besonders schwer für den Nachwuchs, weil sie Medizin machen wollen und nicht Betriebswirtschaft. Ein Beispiel dafür aus dem Alltag: Früher konnte ein Chef- oder Oberarzt seinen Assistenzarzt loben, wenn er einen Patienten richtig gut versorgt hatte. Heute kann der Chef ein Lob eigentlich nur aussprechen, wenn der Assistenzarzt zum Beispiel ein teures Medikament nicht eingesetzt hat. Diese groteske Grundkonstellation ist die Realität und bleibt für alle Helfenden ein bedrückendes Problem.

Wie helfen Sie in Ihren Coachings?

Prof. Wolfgang Kölfen: Wenn die jungen Ärztinnen und Ärzte, die sich zu viel aufgeladen haben, zu mir kommen, sortieren wir zumeist alles in Ruhe. Ich versuche häufig mit der Frage zu eröffnen: „Wenn Sie in ein Restaurant gehen, bestellen Sie sich dann auch gleichzeitig die fünf auf der Karte stehenden Hauptgerichte?“ Es bedarf einer wohlüberlegten Abstimmung mit Vorspeise und Nachtisch, um das Restaurant zufrieden zu verlassen. Somit gehört zu einer erfolgreichen Karriere eben auch eine sinnvolle Reihenfolge. Wichtig ist, sich schon zu Beginn der Karriere Gedanken über die eigenen Ziele zu machen: Will ich wissenschaftlich arbeiten, noch mal ins Ausland gehen, habilitieren und später Ober- oder Chefärztin werden? Oder möchte ich mich möglichst rasch in einer Praxis anstellen lassen? Bei näherem Nachfragen kommt meist das nächste wichtige Problem zu Tage. Dann höre ich heraus, dass viele meiner Klientinnen sagen: „Aber meine biologische Uhr tickt auch. Ich möchte noch Kinder bekommen, wie soll ich das dann alles unter einen Hut bringen?“ Für all das braucht es einen Plan – und den erstellen wir dann gemeinsam.

Wie lange dauert das?

Prof. Wolfgang Kölfen: Überrascht bin ich immer wieder, wie schnell ein Coaching für Stabilität sorgt. In der Regel reichen dazu zwei bis vier Stunden, bis der Coachee sagt „Super, jetzt weiß ich, wie ich vorgehen werde.“ Das bereitet natürlich einem alten Hasen wie mir richtig viel Freude. Und es ist enorm wichtig. Denn dass junge Talente alles hinwerfen, sollten wir angesichts des Ärztemangels nicht einfach tatenlos hinnehmen.

Der Experte:

Prof. Wolfgang Kölfen

Von 1997 bis 2020 war Prof. Wolfgang Kölfen Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche der Städtischen Kliniken Mönchengladbach. Jetzt arbeitet er als Berater, Coach und Kommunikationstrainer für Ärzte.  
Mehr Infos: www.wolfgangkoelfen.de.

Bild: © Städtische Kliniken Mönchengladbach / Detlef Ilgner

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