Gegen das Schweigen: Wie Machtmissbrauch die medizinische Versorgung gefährdet

15 Dezember, 2025 - 07:18
Miriam Mirza
Machtmissbrauch im Krankenhaus: Ein Arzt in weißem Kittel steht dicht vor einer Frau in blauer Arbeitskleidung, hält ihren Arm, während sie sich zurücklehnt und sichtbar Unbehagen zeigt.

Die Medizin steht unter Druck. Kliniken kämpfen mit Personalmangel, Überlastung und Nachwuchsproblemen. Gleichzeitig berichten Ärztinnen und Ärzte immer häufiger von Grenzüberschreitungen, sexualisierten Übergriffen und subtilen Formen der Machtausübung, die tief in den klinischen Alltag hineinwirken. Was lange als individuelles Problem galt, entpuppt sich zunehmend als strukturelles Muster. Für die Versorgungssicherheit kann das weitreichende Folgen haben.

Eine, die darüber offen spricht, ist die habilitierte Kinderneurochirurgin Dr. Kara Krajewski. Sie gehört zu den wenigen in Deutschland offiziell zertifizierten Fachärztinnen ihres Gebietes und arbeitet heute in der Palliativmedizin. Krajewski weiß aus Erfahrung, dass sexualisierte Übergriffe und Machtmissbrauch im Gesundheitswesen selten Einzelfälle sind. Es gehe nicht um Attraktivität oder persönliche Sympathie, sagt sie, sondern um Hierarchien, Abhängigkeiten und die Ausnutzung struktureller Macht. Um etwas gegen diesen systemischen Machtmissbrauch zu unternehmen, hat sie eine Petition gestartet.

Ein strukturelles Problem, keine Randerscheinung

„Sexualisierte Übergriffigkeit ist eine Form von Gewalt. Sie wird als Mittel genutzt, um Macht zu demonstrieren und Grenzen zu verschieben.“ Entscheidend sei nicht das einzelne Fehlverhalten, sondern das Muster dahinter. Die Mechanismen ähneln sich: Personen in abhängigen Positionen werden übergangen, klein gemacht oder unter Druck gesetzt. Assistenzärztinnen berichten, dass sie Weiterbildungszeiten, OP-Kataloge oder Forschungsbeteiligungen verlieren, wenn sie sich wehren oder Grenzen ziehen. Gerade die frühen Karrierejahre sind geprägt von Unsicherheit, Konkurrenz und starker Abhängigkeit von Vorgesetzten.

Viele Betroffene schweigen aus Angst vor Konsequenzen, vor verzögerten Facharztprüfungen oder vor Reputationsverlust. „Angstkultur ist der größte Feind guter Medizin“, sagt Krajewski. Wer aus Angst vor Sanktionen keine Fragen stellt, Risiken nicht anspricht oder Fehler vertuscht, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern auch Patientinnen und Patienten.

Wen es betrifft: ein Systemproblem, kein Frauenproblem

Oft entsteht der Eindruck, Machtmissbrauch sei vor allem ein Problem von Frauen in der Medizin. Das greift zu kurz. Selbst wenn ausschließlich Frauen betroffen wären, wäre es ein Problem für das gesamte System, denn Patientensicherheit, Teamkultur und Versorgungsqualität hängen untrennbar zusammen. Und auch Männer erleben das System als belastend.

31.12.2025, KMG Klinikum Thüringen Brandenburg GmbH - Klinikum Sondershausen
Sondershausen

Viele erleben herabwürdigende Bemerkungen über Kolleginnen als unangenehm, andere sind selbst von Abhängigkeiten, Schikanen oder unfairen Karriereentscheidungen betroffen. Männer, die sich für Elternzeit entscheiden, berichten von subtilen oder offenen Sanktionen. Und auch sie leiden unter autoritären Führungsstilen, überzogenen Rollenbildern und fehlender Fehlerkultur.

Ein weiterer Punkt zeigt die strukturelle Schieflage besonders deutlich: Bei der Petition gegen Machtmissbrauch in der Medizin stammen die meisten Unterschriften von Frauen. Das ist kein Zufall, aber ein Symptom. In vielen Bereichen wird Machtmissbrauch erst dann als gesamtgesellschaftliches Problem wahrgenommen, wenn Männer ihn ebenfalls als Bedrohung identifizieren. Solange jedoch überwiegend Frauen öffentlich Missstände benennen, entsteht schnell der Eindruck, es handele sich um ein Frauenthema und damit um eine Frage geringerer Dringlichkeit. Diese Wahrnehmung ist nicht nur falsch, sie verhindert dringend notwendige Veränderungen. Machtmissbrauch ist kein Randproblem einer bestimmten Gruppe, sondern ein Risiko für die gesamte medizinische Versorgung. Ein System, das Übergriffe toleriert, schafft eine Arbeitskultur, die allen schadet, unabhängig vom Geschlecht.

Hier setzt Krajewski an. „Machtmissbrauch trifft alle, die abhängig sind. Alle leiden unter dem System, nicht nur Frauen.“ Die Mechanismen seien universell: Angst vor Nachteilen, Loyalitätsdruck, Ohnmacht, fehlende sichere Beschwerdewege. Atmosphären, in denen Grenzüberschreitungen normalisiert werden, schwächen Teams insgesamt. Die Folgen reichen bis in die Versorgung: Nachfragen unterbleiben, Übergaben geraten lückenhaft, Fehler bleiben unsichtbar.

Wie Veränderungen möglich sind

Das Wahrnehmungsproblem bleibt ein zentraler Punkt. Viele Leitungen erleben Machtmissbrauch in der eigenen Abteilung nicht oder wollen ihn nicht wahrhaben. Psychologisch gut belegt ist der Mechanismus, dass Menschen strukturelle Probleme im eigenen Umfeld systematisch unterschätzen. Krajewski erlebt oft, dass Ärztinnen und Ärzte überzeugt sind, dass bei ihnen alles in Ordnung sei, obwohl Mitarbeitende es ganz anders wahrnehmen. „Erst wenn man Betroffene geschützt und anonym fragt, wird sichtbar, was wirklich passiert.“

Auch der Vergleich mit anderen Berufsgruppen kann helfen. In vielen Bereichen, etwa Justiz, Polizei oder Verwaltung, existieren klar definierte Meldestellen und externe Kontrollmechanismen. In Kliniken dagegen verlaufen Beschwerden häufig innerhalb der Hierarchie, also genau dort, wo auch die Abhängigkeiten liegen. Das schwächt das Vertrauen zusätzlich und erschwert Veränderungen.

Warum Machtmissbrauch die medizinische Versorgung gefährdet

Machtmissbrauch in Kliniken ist kein individuelles Fehlverhalten, sondern ein strukturelles Risiko für die Versorgungssicherheit. Abhängigkeiten, Hierarchien und fehlende Beschwerdewege führen dazu, dass Grenzüberschreitungen selten gemeldet werden. Das schwächt Teamstrukturen, verhindert eine offene Fehlerkultur und erschwert sichere Übergaben. Wenn Mitarbeitende aus Angst vor Sanktionen Fragen nicht stellen, Risiken nicht ansprechen oder Fehlverhalten vertuschen, steigt das Risiko für Patientinnen und Patienten. Eine Arbeitskultur, die Übergriffe duldet oder bagatellisiert, beeinträchtigt Qualität, Sicherheit und Attraktivität des Berufsstands.

Warum Kliniken oft überfordert sind und wie toxische Strukturen weitergegeben werden

Auch die institutionelle Perspektive ist wichtig. Viele Kliniken stehen unter erheblichem wirtschaftlichen Druck. Wenn eine Führungskraft hohe Erlöse generiert oder als unverzichtbar gilt, sinkt häufig die Bereitschaft, Fehlverhalten konsequent zu ahnden. In solchen Situationen zeigt sich oft das gleiche Muster: Die Person, die einen Missstand anspricht, wird als Störfaktor betrachtet, während der Schadenverursacher geschützt wird. Das ist auch Ausdruck eines Systems, dem klare Strukturen für den Umgang mit Übergriffen fehlen.

Viele Häuser verfügen bis heute über keine standardisierten Handlungspläne, wie bei sexualisierten Grenzverletzungen, Machtmissbrauch oder Abhängigkeitssituationen vorzugehen ist. Es gibt weder definierte Eskalationswege noch unabhängig besetzte Gremien, die Beschwerden prüfen könnten. Führungskräfte sind häufig unsicher, welche Schritte juristisch zulässig oder organisatorisch sinnvoll sind. Diese Unsicherheit führt nicht selten zu Stillstand oder zu dem Versuch, Konflikte intern und möglichst geräuschlos zu lösen.

Hinzu kommt ein kultureller Mechanismus, der die Lage verschärft. Toxische Verhaltensmuster werden häufig weitergegeben. Junge Ärztinnen und Ärzte orientieren sich an den Personen über ihnen. Wenn dort Grenzüberschreitungen normalisiert werden, übernehmen nachfolgende Generationen diese Haltung unbewusst. Hierarchische Strukturen verfestigen sich, weil sie vorgelebt werden und weil es an klaren Gegenmodellen fehlt.

Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, braucht es nicht nur Sanktionen, sondern vor allem Prävention. Kliniken benötigen klare Verfahrensrichtlinien, unabhängige Meldestellen, Führungskräfteschulungen und transparente Verantwortlichkeiten. Nur wenn Häuser wissen, wie sie reagieren sollen und müssen, können sie Betroffene schützen und verhindern, dass problematische Strukturen sich von einer Generation an die nächste vererben.

Die Petition als möglicher Hebel

In ihrer Petition geht Krajewski noch einen Schritt weiter. Sie fordert nicht nur unabhängige Meldestellen, sondern auch die Einführung eines eigenen Straftatbestandes mit dem Titel „Machtmissbrauch in der Medizin“. Hintergrund ist, dass viele Formen von struktureller Gewalt, Einschüchterung oder sexualisierten Übergriffen bisher strafrechtlich schwer zu fassen sind. Ein klar definierter Tatbestand soll Rechtsklarheit schaffen, Betroffene schützen und verhindern, dass klinikinterne Hierarchien Fehlverhalten konsequenzlos lassen. Das Ziel ist ein juristischer Rahmen, der die Realität des klinischen Alltags abbildet und Handlungssicherheit für alle Beteiligten schafft.

Krajewski betont, dass es ihr nicht um zusätzliche Bürokratie, sondern und die Etablierung von geregelten Konsequenzen geht, die auch klar zeigen, dass diese Verhalten von der Gesellschaft nicht mehr toleriert wird. „Man kann Schulungen entwickeln und Leitfäden schreiben. Wenn Fehlverhalten aber folgenlos bleibt, verändert sich nichts.“ Unabhängige Meldestrukturen seien die Voraussetzung für Vertrauen und eine echte Fehler- und Lernkultur.

Was Kliniken für eine sichere und respektvolle Arbeitskultur benötigen

Für den Umgang mit Machtmissbrauch braucht es klare Strukturen. Wirksame Maßnahmen sind unabhängige Meldestellen, transparente Verfahren, definierte Eskalationswege und Schulungen für Führungskräfte. Kliniken benötigen Leitlinien, die festlegen, wie bei Grenzverletzungen, Abhängigkeitssituationen und sexualisierten Übergriffen vorzugehen ist. Entscheidungswege dürfen nicht innerhalb der Hierarchie verlaufen, in der die Abhängigkeiten bestehen. Eine konsequent geregelte Vorgehensweise stärkt das Vertrauen der Mitarbeitenden, verhindert die Weitergab

Eine Frage der Kultur und der Versorgungssicherheit

Eine solche Kultur würde nicht nur die Arbeitsbedingungen verbessern, sondern auch die Versorgungsqualität stärken. Gute Medizin braucht ein Umfeld, in dem Menschen Fragen stellen dürfen, ohne Angst zu haben. In dem Übergaben zuverlässig funktionieren. In dem Teams Wissen teilen und Nachwuchskräfte ernst genommen werden. „Am Ende geht es um Menschenleben“, sagt Krajewski. „Ein wertschätzendes und faires Arbeitsumfeld ist keine Nebensache, sondern eine Voraussetzung für sichere Versorgung.“

31.12.2025, Jüdisches Krankenhaus Berlin
Berlin
31.12.2025, Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG)
München

Die Petition bietet einen konkreten Ansatzpunkt, um Veränderungen anzustoßen. Sie macht sichtbar, was viele seit Jahren erleben, aber selten öffentlich aussprechen. Und sie schafft einen Raum für diejenigen, die sich bislang nicht getraut haben, ihre Erfahrungen zu teilen.

Für Kliniken und Praxisinhaberinnen stellt sich damit eine grundlegende Frage: Welche Kultur wollen wir? Die Antwort entscheidet darüber, wie attraktiv die Medizin für kommende Generationen bleibt und wie sicher sie für Patientinnen und Patienten ist.

Die Expertin:

Dr. Kara Krajewski

Dr. Kara Krajewski ist habilitierte Kinderneurochirurgin, arbeitet inzwischen aber in der Palliativmedizin. Sie spricht offen über den strukturellen Machtmissbrauch und Sexismus, den sie im Klinikalltag erlebte und der sie zu diesem Jobwechsel bewegte. Um auf diese Missstände aufmerksam zu machen und die Arbeitsbedingungen im medizinischen Bereich zu verbessern, hat sie eine Petition "Gegen Machtmissbrauch in der Medizin" gestartet.

Bild: © privat

Das könnte Sie auch interessieren: