Bewerbungstipps: So klappen Online-Vorstellungsgespräche in Zeiten von Corona

9 April, 2020 - 07:32
Gerti Keller
Prof. Dr. Klaus Melchers ist Leiter der Abteilung Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Ulm

Auf Jobsuche? Dann könnte demnächst vielleicht ein Online-Bewerbungsgespräch anstehen. In Corona-Zeiten eine realistische Option. Doch wie läuft das ab? Prof. Dr. Klaus Melchers, Leiter der Abteilung Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Ulm, mit Tipps zum richtigen Verhalten und zu Tools, auf die man sich vorbereiten sollte.

Für Bewerber aus dem Ausland sind Vorstellungsgespräche per Videochat bei internationalen Konzernen längst keine Seltenheit mehr. Auch innerhalb unserer Landesgrenzen werden sie immer häufiger, insbesondere für die Vorauswahl. In Corona-Zeiten können sie nun eine echte Alternative darstellen, damit nicht alle Neueinstellungen auf unbestimmte Zeit verschoben werden müssen. Denn auf längere Fahrten, womöglich noch in öffentlichen Verkehrsmitteln, werden sich viele Menschen wohl für eine ganze Weile nicht sehr gern begeben. Aber wie rüste ich mich für ein virtuelles Interview, wenn die Einladung tatsächlich kommt?

„Man sollte sich inhaltlich darauf genauso gut vorbereiten wie auf einen Präsenztermin“, erklärt Prof. Dr. Klaus Melchers. Das gilt für die gesamte übliche To-do-Liste: „Ich muss mir überlegen, was für Qualifikationen ich zur Sprache bringen will, welche meiner Erfahrungen relevant für die Stelle sind und was ich noch über den Arbeitgeber wissen möchte“, so der Leiter der Abteilung Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Ulm. Der Ablauf ist allerdings schon ein wenig anders.

Videokonferenzen: Machen Sie sich mit den Tools vertraut

„Meiner Erfahrung nach laufen Videokonferenzen üblicherweise so ab, dass erst einmal geschaut wird, ob die Technik funktioniert. Wer sich mit solchen Medien nicht auskennt, für den ist das ein wirklicher Stressor“, erläutert Melchers. Insbesondere Ungeübte sollten sich daher zuvor mit der jeweiligen Software vertraut machen. Doch auch für Geübte ist es ratsam, einen Blick darauf zu werfen. Denn das zu benutzende Programm wird vom Arbeitgeber vorgegeben, es muss nicht Skype & Co. sein. So gibt es speziell für Recruiting-Gespräche juristisch gesicherte Video-Lösungen.

Solche Datenschutz-konforme Software stellt beispielsweise Viasto bereit. Das Berliner Start-up bietet aktuell zwei Tools dafür. Bei beiden erhält der Bewerber eine Einladung mit verschiedenen Terminvorschlägen, downloaden muss er nichts. Die erste Option ist ein zeitversetztes Interview, für das der Recruiter seine Fragen vorher festgelegt hat, die Antworten des Bewerbers werden dann aufgezeichnet. Die Kandidaten können sich mit dieser Methode zuvor anhand eines Demo-Interviews vertraut machen und mehr: Sie dürfen sie auch ausprobieren, indem sie Testfragen bekommen, ihre Antworten auf diese aufnehmen und das Ergebnis dann anschauen. Außerdem erfolgt automatisch ein technischer Check-up des internen oder externen Mikros, der Webcam und der Internetverbindung. Wichtig zu wissen, wenn es ernst wird, ist aber: Einmal gesagt, ist gesagt. Korrigieren oder löschen kann man dann nicht mehr.

Das zweite Tool ist ein digitaler Live-Dialog, der ähnlich wie andere Bildtelefonie-Dienste funktioniert. 30 Minuten vor dem geplanten Termin bekommt der Kandidat hier den Link zur Sitzung. Sobald er diesem folgt, wird ebenfalls zunächst ein Equipment-Test durchgeführt. Hinweis: Ein Probelauf mit einem Gegenüber ist jedoch nicht möglich. Ungeübte sollte diesen daher durchaus mal mit einem Freund oder Bekannten machen – und das beispielsweise mal „durchskypeln“. Neben Rechner und Tablet lässt sich auch ein Smartphone mit Stativ dafür nutzen.

Für stabile Internetverbindung und Raum mit neutralem Hintergrund sorgen

Generell zu beachten ist: „Ich brauche einen Ort, an dem ich in Ruhe ungestört das Gespräch führen kann, inklusive stabiler Internetverbindung“, betont Melchers. Denn obwohl das nichts mit der fachlichen Qualifikation zu tun hat, mindert jede Störung die eigenen Chancen auf die ausgeschriebene Stelle. Neben dem Bildschirmausschnitt, in dem sich der Kandidat bestmöglich präsentieren sollte, darf auch das „drum herum“ nicht vergessen werden. Denn bei der Schaltung von zuhause aus blickt der potenzielle neue Chef direkt in die eigenen vier Wände. Melchers: „Es sollte daher möglichst ein neutraler Hintergrund sein, wie eine weiße Wand und nicht das zugerümpelte Kinderzimmer.“

Online-Bewerbungsgespräche lassen keinen Raum für ein "Warm-Up"

Und was ist mit der Psyche? Ist die Online-Variante vielleicht ein Vorteil für Schüchterne? „Nein“, sagt der Experte und fügt hinzu: „Lockerer werden Bewerber dadurch nicht. Denn online kommen Sie nicht so gut mit dem Gesprächspartner in Kontakt. Der Mensch auf der anderen Seite ist einfach weniger präsent und das hemmt meist ein bisschen.“ Dazu trägt ebenso der eingeschränkte Blickkontakt bei: „Üblicherweise schaut man sich beim Videokonferenzgespräch nicht richtig in die Augen. Das irritiert und sorgt ebenfalls dafür, dass Bewerber unsicherer werden, weil sie sich nicht angesehen fühlen“, so Melchers.

Und es fällt noch mehr weg, was beim Offline-Besuch für Auflockerung sorgt. So kann man auf dem Gang keine Atmosphäre schnuppern und begegnet auch nicht einem der potenziellen neuen Kollegen. Ebenso gibt es weder einen Kaffee als Warm-up noch einen Händedruck und oft auch keinen Smalltalk. Es ist mehr ein Sprung ins kalte Wasser. Zudem haben Untersuchungen gezeigt, so der Fachmann, dass Bewerber beim realen Face-to-Face in der Regel etwas besser abschneiden. „Wer die Wahl hat, sollte also immer persönlich kommen“, empfiehlt er. Das gelte insbesondere für Selbstbewusste, die gern auf der Bühne stehen und diese Vorteile online nicht gleichermaßen ausspielen können. Dennoch: Die Digitalisierung legt in sämtlichen Bereichen zu, und durch die aktuelle Krise werden diese Lösungen mit Sicherheit dauerhaft angeschoben werden. „Das virtuelle Treffen ist bislang eher ein kurzes Kennenlernen, wird dem persönlichen Vorstellungsgespräch aber immer ähnlicher, sofern die richtigen Fragen gestellt werden“, resümiert Melchers.

Bewerbung im Homeoffice: Störungen sind manchmal unvermeidbar

Was die aktuelle Situation betrifft, so plädiert der Psychologe für Wohlwollen bei den Unternehmen. „Wenn jemand derzeit mit kleinen Kindern oder einem Neugeborenen in einer Zwei-Zimmer-Wohnung lebt, sind Störungen manchmal eben nicht vermeidbar. Und dafür können Bewerber vor dem Hintergrund der Pandemie dann auch nichts. Hier sollte man um Nachsicht bitten.“ Zuviel Entgegenkommen darf von Seiten der Arbeitgeber aber auch nicht erwartet werden: „Wer sich jetzt im Homeoffice nicht rasiert oder mit der Wuschelfrisur direkt nach dem Aufstehen präsentiert, sendet Signale, die er normalerweise nicht senden will“, warnt der Arbeitspsychologe.

6 Praktische Tipps für das Online-Vorstellungsgespräch

  • Für möglichst viel Blickkontakt sorgen: Instinktiv schauen Bewerber beim Videochat auf die Person im Monitor. Doch damit sieht diese wiederum nur die Augenlider des Gesprächspartners. Daher ist es empfehlenswert, möglichst oft in die Kamera zu blicken. Die Augen sollten sich auf Höhe der Webcam befinden, bewährt hat sich ein Meter Abstand.
     
  • Kleiden Sie sich chic - von Kopf bis Fuß: Auch beim virtuellen Recruiting gilt der gängige Dresscode – und zwar bis zu den Schuhen, wenn man wider Erwarten doch aufstehen muss. Das zeigt dem Arbeitgeber gegenüber Respekt und verleiht dem Bewerber zuhause eine andere innere Haltung.
     
  • Für den nötigen Kontrast sorgen: Ein weißes Hemd vor weißer Wand wirkt unvorteilhaft, optimal sind dunkle Farben. Darüber hinaus ist auf eine vorteilhafte Ausleuchtung zu achten, als ideal gilt seitliches Tageslicht.
     
  • Ruhe bewahren: aufrechte Körperhaltung, bedächtige Bewegungen, Verzicht auf Gestik sowie eine langsame und deutliche Aussprache, da es zu Zeitverzögerungen bei der Übertragung kommen kann.
     
  • Auch die andere Seite sieht nur den Bildausschnitt: Daher ist es möglich, unauffällig Spickzettel mit den wichtigsten Lebenslauf-Daten, Argumenten oder Rückfragen, als Gedächtnisstütze neben sich zu legen. Eventuell sollte auch der Name des Interviewers vermerkt werden, vor allem wenn dieser kompliziert ist. Auch ein Zettel für handschriftliche Notizen ist hilfreich, um nicht während des Gesprächs eine Worddatei öffnen zu müssen und versehentlich das ganze Gespräch abzubrechen. Und wenn doch eine Panne passiert: Zu Beginn kurz klären, wer in diesem Fall anruft.
     
  • Des Weiteren gilt: alle anderen Programme schließen, Handy auf lautlos schalten, Taschentuch und ein Glas stilles Wasser bereitstellen, dafür aber alles andere weglegen, was zum Herumspielen verleiten könnte – und: Lächeln, wenn schon sonst weniger Persönlichkeit rüberkommt.

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