Dr. Ponfick: „Als Neurologe muss man oft Generalist sein“

24 März, 2022 - 08:27
Dr. Sabine Glöser
Köpfe und Karriere: Dr. Matthias Ponfick
Dr. med. Matthias Ponfick ist seit dem 1. Januar 2022 Chefarzt des Querschnittzentrums am Krankenhaus Rummelsberg.

Über wichtige Erfahrungen, gewonnene Einsichten und ausgefallene Wünsche spricht aerztestellen.de mit erfolgreichen Ärztinnen und Ärzten. Dieses Mal stellt sich Dr. med. Matthias Ponfick unseren Fragen. Seit dem 1. Januar 2022 ist er Chefarzt des Querschnittzentrums am Krankenhaus Rummelsberg.

Herr Dr. Ponfick, warum eigentlich sind Sie Neurologe geworden?

Dr. Matthias Ponfick: Mich hat das Nervensystem schon immer interessiert. Als Neurologe muss man oft Generalist sein und über den Tellerrand hinaus Bescheid wissen, da es große Schnittmengen mit anderen Fachdisziplinen gibt. So sind zum Beispiel ein fundiertes internistisches Wissen und Wissen über die Pharmakotherapie unabdingbar. Außerdem kommt man in der Neurologie mit einer guten Anamnese und klinischen Untersuchung sehr weit und muss nicht immer sofort technische Diagnostik bemühen. Auch der wissenschaftliche Fortschritt in der Neurologie oder Neurochirurgie ist immens. Ich bin gespannt, was noch so alles kommen wird. Außerdem war für mich schnell klar, dass ich nicht operativ tätig sein möchte.

Was ist für Sie unabdingbar, damit Sie gut arbeiten können?

Dr. Matthias Ponfick: Zum einen Zeit: Gerade in der Arbeit mit Querschnittgelähmten braucht man Zeit. Das fängt mit einer sehr ausführlichen Anamnese an und zieht sich bis zum Ende der stationären Behandlung durch. Zeit braucht das Erlernen von Kompensationsmechanismen oder aber die Rückkehr neurologischer Funktionen. Eine Visite von weniger als fünf Minuten pro Patienten, in der nicht auch der Patient zu Wort kommt, ist nicht sinnvoll. Dies wäre auch nicht mein Stil. Zum anderen Interdisziplinarität, Netzwerken und Kooperation: Sie sind unabdingbar, da eine Querschnittlähmung ein hochkomplexes Krankheitsbild ist, das sich maßgeblich auf jedes Organ auswirken kann. So schätze ich den täglichen Austausch mit meinem Neurourologen und meiner Orthopädin. Ich schätze aber auch den freundschaftlichen Austausch mit Kollegen in anderen Zentren. Wir sind eine kleine Community, in der jeder jeden kennt und die Kommunikationswege direkt und unkompliziert laufen.

Wie lautet der beste Rat, den Sie auf Ihrem Karriereweg bekommen haben?

Dr. Matthias Ponfick: Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, ob ich jemals den einen besten Rat bekommen habe. Ich bin meinen Ausbildern in Ulm, Kipfenberg und Ingolstadt dankbar für die Zeit, die sie in mich investiert haben, um da zu sein, wo ich jetzt bin. Ich glaube, da gab es viele Ratschläge. Selbst in der jetzigen Position werden Ratschläge weiterhin kommen und es ist wichtig, diese annehmen zu können. Wobei, wenn ich genauer nachdenke, fällt mir ein Satz ein, der eher mein Credo ist: „Es ist wichtiger zu wissen, was man nicht weiß oder kann als zu wissen, was man weiß oder kann!“ Ersteres schützt vor Selbstüberschätzung und letzteres wirkt arrogant. Das sind beides Dinge, die ich nicht verkörpern möchte.

Was schätzen Sie an anderen Menschen am meisten?

Dr. Matthias Ponfick: Ehrlichkeit, die dann eine transparente und offene Kommunikation ermöglicht, um Vertrauen aufzubauen. Letztendlich kochen wir alle nur mit Wasser und es gibt keinen, der alles kann. Daher ist auch der Wille zur Kooperation wichtig in der interpersonellen Aktion. Außerdem schadet eine Brise Humor auch nichts.

Was treibt Sie an?

Dr. Matthias Ponfick: Inklusion. Ich möchte mit meiner Arbeit erreichen, dass Menschen mit Querschnittlähmung aufgrund ihrer erworbenen oder angeborenen Behinderung nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, sondern in der Mitte der Gesellschaft sichtbar und wahrnehmbar sind. Daher ist es so wichtig, dass diese Patientinnen und Patienten eine spezialisierte Erst- und Folgebehandlung erhalten und im Weiteren ihren Anspruch auf lebenslange Nachsorge wahren können. Meiner Meinung nach, und Corona hat dies auch wieder gezeigt, werden Menschen mit Behinderung trotz aller bisherigen Bemühungen oft nicht gehört oder wahrgenommen. Das ist sehr schade, denn alle verdienen es, gehört und wahrgenommen zu werden. Deshalb hoffe ich, dass mein Team und ich dazu einen kleinen Beitrag leisten können.

Mit wem würden Sie gern einmal einen Abend verbringen?

Dr. Matthias Ponfick: Kommt darauf an, wo wir den Abend verbringen oder was geplant ist:

  • Essen in einem schönen Restaurant: Ganz klar – mit meiner Frau! Am Nachbartisch darf aber gerne Elon Musk sitzen, der mir mitteilt, welche Kryptowährung er im nächsten Tweet empfiehlt, bevor er dies twittert.
  • Party: Mit meiner Frau, unseren Freunden und dem gesamten Team vom Querschnittzentrum Rummelsberg. Als DJ wäre David Guetta ganz cool.
  • Gemütliche Runde: Dafür fände ich eine gemeinsame Gesprächsrunde mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach interessant.

Was raten Sie jungen Ärztinnen und Ärzten?

Dr. Matthias Ponfick: Die Arbeit des Arztes und der Ärztin verändert sich rasant. Der Fachkräftemangel, die Rahmenbedingungen, das globale Dorf, sind Einflüsse, die tagtäglich auf uns einprasseln. Daher ist es wichtig, dass man den Überblick nicht verliert und auch offen ist für Nischen. Ich hätte damals als Weiterbildungsassistent nicht gedacht, dass ich mich auf Querschnittlähmung spezialisiere, war aber offen und neugierig. Der ärztliche Beruf ist ein schöner Beruf und kann, wenn man seinen Platz gefunden hat, trotz aller Widrigkeiten zur Berufung werden.

Wie gelingt Ihnen eine gesunde Work-Life-Balance?

Dr. Matthias Ponfick: Persönlich finde ich den Ausdruck Work-Life-Balance falsch, da dieser impliziert, dass die Arbeit separat vom Leben zu sehen ist und beides in Balance gebracht werden muss. Für mich ist meine Tätigkeit integraler Bestandteil meines Lebens, genauso wie meine Familie. In jedem Bereich gibt es mal turbulentere und mal ruhigere Phasen, die sich wahrscheinlich die Waage halten.

Woran mangelt es dem deutschen Gesundheitssystem?

Dr. Matthias Ponfick: Es mangelt am direkten Austausch der verschiedenen Akteure. Man kennt sich nicht oder kaum und jeder unterstellt dem anderen, auf den eigenen Vorteil aus zu sein. Das finde ich sehr schade, denn letztendlich sollte es um die Patientinnen und Patienten gehen. Aus dieser Verantwortung kann sich meines Erachtens kein Akteur im Gesundheitssystem stehlen. Daher sollte jeder ein bisschen seine Wagenburg abbauen und auf den anderen zugehen, um gemeinsam eine Verbesserung zu erzielen.

Wann sind Sie glücklich?

Dr. Matthias Ponfick: Das ist wirklich die schwerste Frage, denn leider bin ich ein sehr rastloser Geist, der immer weiter drängt. Zufrieden macht mich, wenn ich es im Urlaub schaffe, die „Herr der Ringe“-Trilogie (Extended Edition!) zum zigsten Male anzusehen. Glücklich macht mich, wenn der fertig geschmückte Christbaum an Heilig Abend zum ersten Mal erstrahlt und ich diesen Abend mit meiner Frau und meinen beiden tollen Söhnen verbringen kann. Für das kurze Glück außerhalb von Urlaub oder Weihnachten: samstags Zeit zu haben, die SZ zu lesen und danach einen Powernap

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