
Über wichtige Erfahrungen, gewonnene Einsichten und ausgefallene Wünsche spricht aerztestellen.de mit erfolgreichen Ärztinnen und Ärzten. Dieses Mal stellt sich Kerstin Ames unseren Fragen. Sie ist seit 1. September Chefärztin der Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe am Immanuel Klinikum Bernau Herzzentrum Brandenburg.
Frau Ames, warum eigentlich sind Sie Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe geworden?
Kerstin Ames: Als ich meine Ausbildung begann, gab es nur wenige Arztstellen auf dem Arbeitsmarkt. Ich hatte das Glück, in der Frauenklinik Neukölln ein Stellenangebot wahrnehmen zu können. Im Laufe meiner Ausbildung lernte ich die Vielseitigkeit dieses Fachgebiets kennen. In der Gynäkologie und Geburtshilfe gibt es die Möglichkeit, Frauen in allen Lebensbereichen und Altersstufen zu begleiten. Das betrifft den Beratungsbedarf bei hormonellen Umstellungen vom Kindesalter bis zum Senium, Aspekte der Reproduktion einschließlich der Geburtshilfe sowie im klinischen Alltag Erkrankungen, die einer chirurgischen Intervention bedürfen. Das operative Spektrum umfasst eine Vielfalt an Erkrankungen wie Blutungsstörungen, Endometriose, Myome, aber auch Beckenbodenerkrankungen und Tumorleiden.
Was ist für Sie unabdingbar, damit Sie gut arbeiten können?
Kerstin Ames: An erster Stelle steht die Zusammenarbeit in einem motivierten Team, in dem alle Gehör finden. Wichtig finde ich auch, strukturierte Arbeitsabläufe mit klarer Verteilung der Zuständigkeiten aufzubauen. Das spart Zeit und Ressourcen. So entstehen Freiräume für ein Miteinander, für eine optimale Betreuung der Patientinnen und eine qualifizierte Weiterbildung.
Wie lautet der beste Rat, den Sie auf Ihrem Karriereweg bekommen haben?
Kerstin Ames: Den Ratschlag, nichts ungeprüft zu übernehmen, bin ich konsequent gefolgt. Das ist der etwas beschwerlichere und arbeitsintensivere Weg, aber er führt zu fundiertem Wissen und kreativen Ansätzen in der praktischen Arbeit. So treffe ich Entscheidungen, für die ich die Verantwortung übernehmen kann. Mit dieser Haltung hinterfrage ich, warum ich auf bestimmte Weise handele und ob die Entscheidungen im Einklang mit meinem ärztlichen Ethos stehen.
Was schätzen Sie an anderen Menschen am meisten?
Kerstin Ames: Wir alle haben unsere Stärken und Schwächen. Ich schätze es an Menschen, wenn es ihnen gelingt, sich in ihren Stärken wiederzufinden, um leidenschaftlich ihrer Berufung zu folgen. Die eigenen Begrenzungen dabei zu akzeptieren, ist nicht unbedingt hinderlich.
Was treibt Sie an?
Kerstin Ames: Ich finde es befriedigend, wenn ich den Patientinnen, die sich mir anvertrauen, die bestmögliche Behandlung anbieten kann. Die stetige Weiterbildung, aber auch die kontinuierliche Praxis sind dafür eine notwendige und wichtige Voraussetzung. Meine Erfahrungen und Kompetenzen gebe ich gern an die jüngere Generation weiter und ich freue mich, wenn diese mit zunehmender Qualität ihre Fertigkeiten verbessern.
Mit wem würden Sie gerne einmal einen Abend verbringen?
Kerstin Ames: Mit Hannah Arendt, wenn Sie noch leben würde. Ich bewundere ihre Haltung der Unabhängigkeit und Freiheit im Denken, ihren Mut und ihr Engagement auch in schwierigen Zeiten, um ein Miteinander zu ringen.
Was raten Sie jungen Ärztinnen und Ärzten?
Kerstin Ames: Ich rate Ihnen, ihren Weg beharrlich zu verfolgen und sich nicht durch die manchmal prekären Arbeitsbedingungen demotivieren zu lassen, sich Gehör zu verschaffen und nicht alles als unveränderbar zu akzeptieren. Und etwas altmodisch vielleicht: Wenn der Arztberuf eine Berufung bleibt, ist die Work‐Life‐Balance gleich etwas ausgeglichener.
Wie gelingt Ihnen eine gesunde Work‐Life‐Balance?
Kerstin Ames: Ich versuche, mir jeden Tag die Freude an meinem Beruf zu bewahren, auch wenn mir das in arbeitsintensiven Phasen nicht immer optimal gelingt. Einen Ausgleich finde ich durch fest geplante freie Tage mit Familie und Freunden und viel Bewegung in der Natur.
Woran mangelt es dem deutschen Gesundheitswesen?
Kerstin Ames: Es mangelt dem Gesundheitswesen am Vertrauen in die Ärztinnen und Ärzte. Immer mehr bürokratische Hürden und Kontrollgremien werden eingeführt, die finanziert werden müssen. Damit einhergehend wird die Kernarbeit an Patientinnen und Patienten, unser eigentliches Betätigungsfeld, eingeschränkt. Darunter leidet das Ansehen der Ärzteschaft in der Bevölkerung. Wenn Ärztinnen und Ärzte ihre Arbeit gut machen sollen, sollten sie nicht durch bürokratische Hürden davon abgehalten werden.
Wann sind Sie glücklich?
Kerstin Ames: Ich glaube, das Glück liegt in bescheidenen Dingen. Mir reicht es aus, gelungene Arbeit zu leisten und mich mit inspirierender Literatur, guter Musik und lieben Menschen zu entspannen.



