Kommunikation im digitalen Zeitalter: Wie es gelingt, Kontakte zu Beziehungen auszubauen

7 Juli, 2026 - 07:34
Barbara Liebermeister
Viele Hände nutzen Smartphones, Tablet und Laptop mit Chat-, Mail- und Social-Media-Symbolen zur digitalen Kommunikation.

Digitale Kommunikationsmedien sind wichtige Tools, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und diesen zu halten. Um Kontakte zu Beziehungen auszubauen, bedarf es jedoch auch einer persönlichen Kommunikation. Nur in ihr entsteht zwischenmenschliches Vertrauen.

In der „modernen“, digitalen Kommunikation bleibt oft der Mensch mit seinen Bedürfnissen auf der Strecke. Gerade im Klinikalltag wird das deutlich. Dort ist Kommunikation selten nur Informationsweitergabe. Sie gibt oft Sicherheit, Orientierung, Entlastung oder manchmal sogar Trost. Ein unreflektierter Umgang mit diesen Bedürfnissen wirkt sich häufig negativ auf die Qualität der Kontakte und Beziehungen aus. Doch auch im digitalen Zeitalter kann es gelingen, eine gewinnende, für den Menschen wertschätzende Kommunikation zu führen.

Tipp 1: Human Awareness – Zuwendung

Der persönliche Kontakt ist für einen Beziehungsaufbau wichtig. Das wird beim Sich-Vernetzen über die sozialen Medien oft vergessen. Eine hohe Zahl digitaler Kontakte mag beeindruckend wirken, doch letztlich entscheidet die Qualität und nicht die Zahl der Kontakte über die Tragfähigkeit des Netzwerks. Die Qualität der Kontakte können Ärztinnen und Ärzte vor allem steigern, indem sie diese auch offline in der realen Begegnung von Mensch zu Mensch pflegen. Denn dann erwachsen daraus eher nachhaltige persönliche Beziehungen.

30.06.2026, NÖ Landesgesundheitsagentur - Landesklinikum Mistelbach - Gänserndorf
Mistelbach

Im Klinikalltag zeigt sich Human Awareness oft in kleinen Momenten. Beispiel: Eine Chefärztin verschickt zur neuen Dokumentationspflicht nicht nur eine Mail, sondern erklärt auch auf der Station kurz, warum diese Veränderung nötig ist. Solche Sätze kosten wenig Zeit, verändern aber viel. Sie signalisieren: Du bist hier nicht nur Funktion. Du bist Mensch.

Tipp 2: Social Awareness – soziale Kompetenz

Eher „robuste“ Zeitgenossen verstehen Empathie oft falsch. Sie sind überspitzt formuliert der Überzeugung: Ich muss auch lachen, wenn dies mein Gegenüber tut. Dieses „Spiegeln“ kann Ausdruck von Empathie sein, ist es aber nicht zwangsläufig. Wichtiger ist, dem anderen zuzuhören und ihn als Mensch wahr-, ernst und anzunehmen. Aus der daraus erwachsenden Verbindung und Vertrauensgrundlage entwickeln empathische Menschen dann Lösungen oder Ideen, die dem anderen im Idealfall helfen, beispielsweise sein Problem zu lösen.

In Kliniken entscheidet diese Fähigkeit oft darüber, ob Kommunikation beruhigt oder zusätzlich verunsichert. Wenn Angehörige nach einer OP gereizt reagieren, steckt dahinter nicht selten Angst. Wer sachlich antwortet: „Der Arzt kommt später“, kommuniziert formal korrekt, aber emotional unzureichend. Social Awareness heißt, die Situation mitzulesen: „Ich merke, Sie machen sich Sorgen. Ich kläre, wann Sie Rückmeldung bekommen.“ Das ist kein großer Aufwand, aber es verändert die Beziehung.

Tipp 3: Incident Awareness – Gespür für Momente

Die Wahl des Kommunikationsmediums beeinflusst den Verlauf und Ausgang einer Situation. Es macht einen Unterschied, ob man ein Lob per Mail, Chat-Nachricht, Telefon oder von Angesicht zu Angesicht formuliert. Wer unter Zeitdruck steht, neigt oft dazu, per Mail oder Chat-Nachricht zu kommunizieren, in der Hoffnung, Zeit zu sparen, und aufgrund der falschen Annahme, immer schnell reagieren zu müssen. Wer schnell reagiert, macht häufiger Fehler und vergisst entscheidende Details. Vor allem bleiben bei der schnellen Kommunikation per Mail oder Chat die Wertschätzung und Anerkennung des anderen auf der Strecke.

Kritische Rückmeldungen gehören nicht zwischen zwei Tür-und-Angel-Situationen oder in eine knappe Nachricht. Wenn ein Arzt im Team zu dominant auftritt oder es Spannungen zwischen Station und Verwaltung gibt, braucht es das richtige Format. Nicht jede Situation verlangt ein langes Gespräch, aber manche verlangt den Anstand, jemanden nicht digital abzufertigen.

Tipp 4: Digital Awareness – Glaubwürdigkeit

Viele Kliniken sprechen heute von Patientenzentrierung, Vertrauen, Zuwendung und menschlicher Medizin. Doch diese Begriffe müssen im Alltag spürbar werden – nicht nur auf der Website, in Leitbildern oder Qualitätsberichten. Wenn sensible Patientendaten auf dem Flur besprochen oder Mitarbeitende in hektischen Momenten nur noch per knapper Nachricht informiert werden, entsteht ein Bruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Gerade im Klinikalltag entscheidet Glaubwürdigkeit nicht an großen Kampagnen, sondern an kleinen Situationen: Wird diskret gesprochen? Wird Vertrauliches geschützt? Wird ein Mensch nicht nur als Fall wahrgenommen?

Digitale Glaubwürdigkeit bedeutet daher: Was eine Klinik nach außen kommuniziert, muss innen erlebbar sein. Wer Vertrauen verspricht, muss Vertrauen in der täglichen Kommunikation herstellen – gegenüber Mitarbeitenden und Patienten. Die Kommunikation muss zur Haltung passen. Sonst bleibt Menschlichkeit ein schönes Wort auf der Website.

Tipp 5: Timeout-Awareness – Auszeiten nehmen

Ärztinnen und Ärzte sollten Zeiten definieren, in denen sie sich vor allem um sich selbst und ihnen wichtige Menschen kümmern, Zeiten also, in denen PC und Smartphone ausgeschaltet sind. Nur dann können sie sich auf die Situation und das Gegenüber konzentrieren. Kollegen wie Mitarbeitende messen zum Beispiel in Besprechungen daran, ob besagte Medien ausgeschaltet sind, welche Bedeutung ihnen und dem Thema beigemessen wird.

Im Klinikalltag ist das besonders herausfordernd, weil Unterbrechungen zum System gehören. Trotzdem braucht es bewusst geschützte Kommunikationsräume. Ein Übergabegespräch, in dem alle nebenbei auf Bildschirme schauen, verliert an Qualität. Ein Mitarbeitergespräch, das durch Nachrichten unterbrochen wird, sendet eine klare Botschaft: Etwas anderes ist wichtiger. Natürlich lässt sich nicht jede Störung vermeiden, aber Führungskräfte können unterscheiden, wann Erreichbarkeit wirklich notwendig und wann sie zur Gewohnheit geworden ist.

Auf den Kommunikationsmix achten

E-Mail, Chat und Social Media sind wichtige Tools, um mit anderen in Kontakt zu treten. Um Kontakte zu Beziehungen auszubauen, bedarf es jedoch einer persönlichen Kommunikation. Entsprechend sollten Ärztinnen und Ärzte ihren Kommunikationsmix gestalten. In Kliniken treffen Zeitdruck, emotionale Belastung und menschliche Verletzlichkeit aufeinander. Gerade deshalb braucht es Führungskräfte und Teams, die Kommunikation nicht nur als Prozess verstehen, sondern als Beziehungsgeschehen.

Dtsch Arztebl 2026; 123(14): [2]

Die Autorin:

Barbara Liebermeister
Leitung
Institut für Führungskultur im digitalen Zeitalter (IFIDZ)
65189 Wiesbaden

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