Krankenhäuser: Zurück in eine neue Normalität

21 Februar, 2023 - 07:11
Detlef Odendahl
Grafik Flipboard Medizin

Nachdem die Coronapandemie in den vergangenen drei Jahren die Patientenversorgung erheblich beeinflusst hat, stehen die Kliniken nun vor der Herausforderung massiver Kostensteigerungen. Nach drei Jahren besonderer Belastungen muss der Weg für Ärztinnen und Ärzte in eine neue Normalität führen.

Die Gesellschafter fordern von ihren Unternehmensleitungen Konzepte zur Erzielung mittelfristiger Wirtschaftsplanungen mit einem zumindest ausgeglichenen Ergebnis. In den Krankenhäusern überwiegen die Personalaufwendungen gegenüber den anderen Kostenarten, sodass diese nun mehr denn je detailliert zu betrachten sind. Bewertet man aus rein betriebswirtschaftlicher Perspektive einen für Krankenhäuser üblichen Case Mix je ärztliche Vollkraft, lässt sich im Vergleich von 2019 zu 2022 im weit überwiegenden Teil der Krankenhäuser ein Rückgang zwischen 10 und 15 Prozent feststellen.

Analyse realer Arbeitsbedingungen

Um eine detaillierte Bewertung vornehmen zu können, müssen allerdings die realen Arbeitsbedingungen näher analysiert werden. Am Beispiel eines Krankenhauses mit 750 Betten wurden für das Jahr 2022 folgende Faktoren ermittelt, die Einfluss auf das Personal hatten:

  • Erstes Quartal: Während dieser Covid-19-Welle mit Schwerpunkt im Februar/März 2022 ist die Zahl der zu versorgenden Coronapatienten bis hin zur Intensivpflicht stark gestiegen. Elektive Behandlungen mussten verschoben werden, die Arbeitsbelastung stieg stark. Parallel stiegen die krankheitsbedingten Abwesenheiten auf mehr als 13 Prozent und lagen rund 3,8 Prozent über den Werten des Jahres 2021.
  • Zweites Quartal: Im Juni 2022 war die krankheitsbedingte Abwesenheit während eines klassischen Urlaubsmonats allein im Pflegedienst 4,5 Prozent (38 Vollkräfte) und im ärztlichen Dienst um 2,4 Prozent (9 Vollkräfte) höher als im Jahr 2021.
  • Viertes Quartal: Nach den Herbstferien in Nordrhein-Westfalen stieg die Krankenquote aufgrund Covid-19 im Oktober bis auf 13 Prozent. Allein im ärztlichen Dienst waren rund 2,5 Prozent mehr Ärzte erkrankt als im Vorjahr. Diese erhöhten Krankenquoten stiegen in allen Berufsgruppen bis Ende Dezember weiter an und lagen etwa 3 Prozent über dem Vorjahresniveau.
  • Testungen des Personals und der Patienten nach der Coronaschutzverordnung: Die vorgeschriebenen pro Woche mehrmaligen Selbsttests der Beschäftigten in allen Berufsgruppen führten bei 1.500 Mitarbeitenden mit direktem Patientenkontakt zu zeitlichen Bindungen im Umfang von etwa 12 Vollkräften.
  • Tragen einer FFP2-Maske: Die Deutsche Gesellschaft für Unfallversicherung empfiehlt beim Tragen einer FFP2-Maske nach zwei Stunden eine 30-minütige Pausenzeit. Dafür wird ganzjährig ein Zeitäquivalent von etwa 10 Vollkräften zu kalkulieren sein.
  • Tragen von persönlicher Schutzausrüstung beim Kontakt mit Covid-19-Patienten: Kalkuliert wird ein erhöhter Personalaufwand für das Nutzen (Ankleiden) der Personenschutzausrüstung (PSA) von 10 Vollkräften im Beispielkrankenhaus.
  • Krankheitsbedingte Ausfallzeiten: Allein die Kosten für diese Ausfallzeiten in allen Berufsgruppen betrugen für das gesamte Jahr 2022 etwa 9 Prozent der gesamten Personalaufwendungen. Beim Blick auf die Ist-Arbeitszeiten ergibt sich im Vergleich der Jahre 2021 zu 2022, dass rund 40 Vollkräfte krankheitsbedingt nicht zur Patientenversorgung zur Verfügung standen, im ärztlichen Dienst waren es 7, im Pflegedienst 25 Vollkräfte.

Insgesamt lässt sich durch die Covid-19-Selbsttestungen der Beschäftigten, den erhöhten Pausenbedarf aufgrund der FFP2-Maskenpflicht und das An- und Auskleiden einer persönlichen Schutzausrüstung für das Jahr 2022 festhalten, dass 7 Prozent der Arbeitszeit im Vergleich zu den Vorjahren nicht zur Verfügung standen, um Patienten zu betreuen.

Arbeitsabläufe in 2023 wieder normalisieren

Als Folge dieser Schilderungen ist für das Jahr 2022 zwar ein wirtschaftlicher Produktivitätsrückgang zu testieren, jedoch haben die Beschäftigten im Krankenhaus unter wesentlich schwierigen Arbeitsbedingungen alles getan, um die medizinische Versorgung der Bevölkerung bestmöglich aufrechtzuerhalten.

Mit dem Start in die endemische Lage der Pandemie werden sich die Arbeitsabläufe im Jahr 2023 wieder normalisieren und in der Folge auch die wirtschaftliche Produktivität wieder steigern. Für die Beschäftigten nach den nun seit drei Jahren andauernden besonderen Belastungen der Pandemie muss der Weg unbedingt in eine neue Normalität führen. Sobald der Arbeitsalltag im Krankenhaus wieder ohne Masken und ohne persönliche Schutzkleidung möglich ist, werden Ärztinnen und Ärzte wieder besser mit ihren Patienten kommunizieren können. Auch verbessern Gestik und Mimik im Dialog zwischen Arzt und Patient die Diagnostik und Therapie. Zugleich wird sich die Kommunikation zwischen den Berufsgruppen wieder offener entwickeln und eine insgesamt positivere Einstellung im Klinikalltag Einzug halten.

Attraktive Arbeitsplätze im Gesundheitswesen

Die Arbeitsplätze im Gesundheitswesen werden künftig nur dann an Attraktivität gewinnen, wenn es den Kliniken gelingt, neben einer leistungsgerechten Vergütung mit normaler Arbeitsbelastung auch Digitalisierungsprojekte umzusetzen, um Prozesse zu optimieren, Fort- und Weiterbildungen zu etablieren sowie moderne Konzepte zur Förderung der Führungs- und Leitungskompetenz zu entwickeln und einzuführen.

So werden im heutigen Klinikalltag Befunde oft nicht automatisiert in eine elektronische Patientenakte mit digitaler Auswertungsmöglichkeit aufgenommen. Auch werden Arztbriefe und Befunde noch nicht durchgängig per Spracherkennungssoftware angefertigt. Die Digitalisierung dieser Arbeitsabläufe wird den Stationsärzten zusätzliche Zeit verschaffen. Demgegenüber stehen steigende Anforderungen an die Behandlungsqualität. Dies erfordert zusätzliche Fortbildungen, die den Beschäftigten Sicherheit geben.

Inzwischen treiben verstärkt Ärztinnen und Ärzte der Generationen Y und Z die fortschreitende Spezialisierung der medizinischer Fachdisziplinen voran. Dies stellt die Chefärzte und deren Vertreter vor neue Aufgaben. Sie benötigen entsprechende Führungskompetenzen, um ihr Team zu motivieren und so die Arbeitsplätze im Krankenhaus attraktiv zu gestalten.

Dtsch Arztebl 2023; 120(8): [2]

Der Autor:

Detlef Odendahl
Prokurist
Geschäftsbereichsleiter Recht & Personal, Klinische Funktionen
Klinikum Leverkusen gGmbH
51375 Leverkusen
Mitglied im Initiativkreis neue Personalarbeit in Krankenhäusern (InPaK)

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