Level-1i-Kliniken: Ein Modell für die Zukunft oder eine Vision mit Hindernissen?

10 April, 2025 - 07:09
Miriam Mirza
Klinikflur

Die Krankenhauslandschaft in Deutschland steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Mit dem Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG) sollen Level-1i-Kliniken als sektorenübergreifende Einrichtungen eine Brücke zwischen ambulanter und stationärer Versorgung schlagen – insbesondere in ländlichen Regionen. Doch wie tragfähig ist dieses Modell wirklich? Und welche Herausforderungen stellen sich in der Umsetzung?

Die Idee hinter den Level-1i-Kliniken

Level-1i-Kliniken sind ein neuer Typ medizinischer Einrichtungen, die die Grundversorgung aufrechterhalten sollen, ohne die klassische Krankenhausstruktur beizubehalten. Sie sollen als hybride Versorgungszentren fungieren, die sowohl ambulante als auch stationäre Behandlungen ermöglichen. Sollte sich dieses Modell durchsetzen, könnte es ein wichtiger Pfeiler für die Gesundheitsversorgung werden. Besonders in Regionen mit Klinikschließungen – sowohl im ländlichen als auch im urbanen Raum – könnten sie eine Lücke in der Versorgung schließen und eine wohnortnahe medizinische Betreuung gewährleisten.

Doch wie könnte eine solche Klinik konkret aussehen? Ein realistisches Bild ist das eines modernen, kompakten Gesundheitszentrums mit rund 20 bis 40 Betten, ergänzt durch eine gut ausgestattete ambulante Versorgungseinheit. Sie verfügt über ein kleines OP-Zentrum für ambulante Eingriffe, eine Tagesklinik und eine 24/7 erreichbare Anlaufstelle für Notfall- und Akutpatienten – jedoch ohne klassische Notaufnahme im Vollbetrieb. Das Personal arbeitet in interdisziplinären Teams, unterstützt von digitaler Infrastruktur wie telemedizinischer Konsultation, elektronischer Patientenakte und digitaler Triage. Die Level-1i-Klinik ist eng vernetzt mit umliegenden Fachärztinnen, Fachärzten, Kliniken und Rehabilitationszentren und wird von einer ärztlichen Leitung geführt, die sowohl medizinisch als auch organisatorisch erfahren ist.

Finanziert werden soll die Etablierung dieser Kliniken unter anderem durch den Krankenhaus-Transformationsfonds, der Mittel für digitale Infrastruktur, Personal und bauliche Anpassungen bereitstellt. Doch Geld allein reicht nicht aus, um das Modell zum Erfolg zu führen. Es braucht auch ein tragfähiges Konzept, das die Bedarfe der Regionen abdeckt und alle relevanten Akteure mit einbindet.

Die zentralen Herausforderungen

Trotz der vielversprechenden Idee gibt es zahlreiche Hürden bei der Umsetzung. Ein entscheidendes Problem ist die Finanzierung. Zwar sind Mittel vorgesehen, doch es fehlen verbindliche und langfristige Finanzierungsmodelle. Ohne eine gesicherte Perspektive ist es wiederum schwierig, Personal zu gewinnen und eine nachhaltige Versorgung aufzubauen.
Ein weiteres Hindernis ist die Akzeptanz innerhalb des bestehenden Gesundheitssystems. Level-1i-Kliniken stehen an der Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Versorgung, was in der Praxis zu Reibungen führt. Besonders die Zusammenarbeit mit Kassenärztlichen Vereinigungen gestaltet sich mitunter kompliziert, da sie nicht immer bereit sind, Patientenströme aktiv in die neuen Einrichtungen zu lenken.

Auch die Patientenakzeptanz spielt eine Rolle. Viele Menschen verbinden mit einem Krankenhaus eine rund um die Uhr besetzte Notaufnahme und ein breites Leistungsspektrum. Die Umstellung auf eine Level-1i-Klinik bedeutet jedoch oft, dass spezialisierte Fachabteilungen fehlen und Patientinnen und Patienten für bestimmte Behandlungen weitergeleitet werden müssen. Das könnte zu Unsicherheiten führen und in der Übergangszeit zusätzliche Aufklärungsarbeit erfordern.

Digitale Versorgungsmodelle als Schlüssel

Ein wichtiger Baustein für den Erfolg der Level-1i-Kliniken ist die Digitalisierung. Sie kann helfen, Prozesse zu optimieren und die sektorenübergreifende Versorgung zu verbessern. Ein Beispiel ist die Plattform DocOnLine der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, die Videosprechstunden für Akut- und Notfallpatienten ermöglicht. Solche digitalen Ansätze könnten helfen, unnötige Notaufnahmebesuche zu reduzieren und Patientinnen und Patienten gezielt zu steuern.
Darüber hinaus könnte die elektronische Patientenakte (ePA) eine tragende Rolle spielen, indem sie Behandlungsinformationen zwischen ambulanten und stationären Bereichen nahtlos vernetzt. Doch auch hier gibt es Herausforderungen: Viele der neuen Kliniken benötigen erst eine umfassende digitale Infrastruktur, um solche Technologien effizient zu nutzen.

Auch digitale Triage-Systeme könnten zur Entlastung der Notfallversorgung beitragen. Algorithmen, die Patientinnen und Patienten basierend auf Symptomen direkt an die richtige Versorgungseinrichtung verweisen, könnten eine effizientere Patientensteuerung ermöglichen. Solche Technologien befinden sich jedoch in Deutschland noch in der Pilotphase und sind nicht flächendeckend im Einsatz.

Der Fachkräftemangel als Achillesferse

Ein weiteres Problem stellt der Fachkräftemangel dar. Gerade in ländlichen Regionen ist es schwierig, ausreichend Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte für hybride Klinikmodelle zu gewinnen. Junge Medizinerinnen und Mediziner suchen oft nach stabilen Karrieremöglichkeiten mit klaren Entwicklungsperspektiven. Solitäre Level-1i-Kliniken könnten es daher schwer haben, wenn sie nicht in ein umfassendes Versorgungsnetz eingebunden sind. Kooperationen mit bestehenden Krankenhäusern und Telemedizin-Angebote könnten hier helfen, die Attraktivität als Arbeitgeber zu steigern.

Neue Arbeitsmodelle könnten ebenso zur Verbesserung der Situation beitragen. Rotationsmodelle, in denen Ärztinnen und Ärzte zwischen Level-1i-Kliniken, größeren Krankenhäusern und ambulanten Einrichtungen wechseln, könnten die Vielfalt der Tätigkeiten erhöhen und die Attraktivität der Stellen steigern. Ebenso könnte eine stärkere Verzahnung mit universitären Ausbildungsprogrammen Nachwuchsmedizinerinnen und -mediziner für diese hybride Versorgungsform gewinnen.

Arbeitsbedingungen und neue Perspektiven für Ärztinnen und Ärzte

Für die Ärzteschaft bieten Level-1i-Kliniken dennoch durchaus Chancen: Sie ermöglichen vielfältigere Tätigkeitsbereiche, eine engere Zusammenarbeit zwischen ambulanter und stationärer Medizin und eine bessere Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf durch flexible Arbeitszeitmodelle. Allerdings stellt diese hybride Form der medizinischen Versorgung auch neue Anforderungen an die Qualifikation und Arbeitsorganisation. Ärztinnen und Ärzte müssen bereit sein, interdisziplinär und sektorenübergreifend zu arbeiten, was neben medizinischen Kompetenzen auch organisatorisches Geschick und Teamfähigkeit erfordert.

Darüber hinaus könnten attraktive Weiterbildungsangebote und regelmäßige Schulungen, so sie denn implementiert sind, dazu beitragen, die berufliche Entwicklung der Ärztinnen und Ärzte zu fördern und langfristig deren Motivation und Zufriedenheit zu steigern. Hier könnte insbesondere die Telemedizin neue Potenziale eröffnen, indem sie den Wissenstransfer zwischen spezialisierten Zentren und Level-1i-Kliniken erleichtert.

Fazit: Ein Modell mit Potenzial, aber noch vielen offenen Fragen

Die Diskussion um die Level-1i-Kliniken zeigt, dass innovative Versorgungsmodelle dringend benötigt werden. Doch der Weg zur flächendeckenden Etablierung ist steinig. Neben finanziellen und strukturellen Herausforderungen müssen auch digitale Lösungen und Fachkräftesicherung mitgedacht werden. Entscheidend wird sein, ob das Konzept flexibel genug ist, um sich an die regionalen Bedarfe anzupassen – oder ob es an den starren Strukturen des deutschen Gesundheitssystems scheitert.
 

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