Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung: Alarmierende Zustände in der Ärzteschaft

4 Mai, 2026 - 07:02
Stefanie Hanke
Zwei Ärzte in weißen Kitteln sitzen an einem Tisch mit Laptops und Tablets, einer hebt drohend die Hand

Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung sind im ärztlichen Arbeitsumfeld keine Einzelfälle, sondern weit verbreitete Probleme. Eine aktuelle Mitgliederumfrage des Marburger Bundes zeigt, wie häufig Grenzüberschreitungen auftreten und welche gravierenden Folgen sie für die Betroffenen haben. 

Fast die Hälfte der Befragten (49 Prozent) gab an, in den letzten zwölf Monaten persönlich Machtmissbrauch durch ärztliche Beschäftigte erlebt zu haben. Bei 14 Prozent kam das sogar mehrmals pro Woche vor. Sexuelle Belästigung wurde von 13 Prozent der Teilnehmenden berichtet, wobei drei Viertel der Betroffenen solche Vorfälle mehrfach im Jahr oder häufiger erlebten. 

Machtmissbrauch in hierarchischen Strukturen

Die Umfrage zeigt, dass Machtmissbrauch in der Ärzteschaft überwiegend von Vorgesetzten ausgeht. In 87 Prozent der Fälle wurden die Übergriffe durch ärztliche Führungskräfte verübt, während nur 13 Prozent der Vorfälle auf Kolleginnen und Kollegen zurückzuführen sind. Besonders auffällig: Der Machtmissbrauch findet häufig in stark hierarchischen Strukturen statt, die als „eher stark“ (30 Prozent) bzw. „sehr stark hierarchisch“ (16 Prozent) beschrieben werden. Bei der sexuellen Belästigung war die Lage weniger eindeutig: Zwar gehen hier auch knapp zwei Drittel der Vorfälle (63 Prozent) von den Führungskräften aus, aber mit 29 Prozent waren hier Kolleginnen und Kollegen und auch andere Berufsgruppen (8 Prozent) deutlich häufiger beteiligt.

Dabei zeigt sich: Häufig sind die Täter männlich. Beim Machtmissbrauch gaben 30 Prozent der Befragten an, dass die Übergriffe „vor allem“ und 32 Prozent, dass sie „nur“ von Männern ausgehen. Ein Viertel der Teilnehmenden sieht alle Geschlechter beteiligt, 13 Prozent sehen die Verantwortung dagegen bei Frauen. Bei sexueller Belästigung ist die Verteilung noch eindeutiger: 71 Prozent der Betroffenen berichten, dass die Handlungen ausschließlich von Männern ausgehen, und weitere 18 Prozent geben an, dass Männer „vor allem“ verantwortlich sind. 

Respektlosigkeit und Herablassung

Und wie äußert sich der Machtmissbrauch? Besonders häufig wird ein respektloser und herablassender Umgangston genannt (83 Prozent). Zwei Drittel der Betroffenen (66 Prozent) berichten, dass ihre Kompetenz grundlos in Frage gestellt wurde. Mehr als die Hälfte (53 Prozent) wurde vor dem Team oder vor Patientinnen und Patienten öffentlich bloßgestellt oder gemobbt. Weitere Formen des Machtmissbrauchs umfassen unfaire Dienst- oder Urlaubsplanungen ohne transparente Kriterien, systematisches Schikanieren, Diskriminieren oder Ausgrenzen, Benachteiligungen in der Weiterbildung oder aufgrund familiärer Situationen sowie das Androhen oder Durchsetzen beruflicher Nachteile. 

Bei der sexuellen Belästigung wurden verschiedenen Formen beschrieben: von verbalen bis hin zu körperlichen Grenzverletzungen. Am häufigsten berichten Betroffene von sexualbezogenen Kommentaren oder abwertenden Sprüchen (70 Prozent). Unerwünschte Gespräche oder Erzählungen mit sexuellem Inhalt wurden von 59 Prozent der Betroffenen genannt, während 44 Prozent unerwünschte körperliche Nähe oder scheinbar zufällige Berührungen erlebten. In den Freitextantworten werden einige konkrete Vorfälle geschildert:

  • "Ein Vorgesetzter hat mich gebeten, die Unterhaltung auf seinem Schoß sitzend zu führen, er könne sich dann besser konzentrieren. Als ich entsetzt verneint habe, wurde es als Scherz getarnt und ich als steif, spießig, hingestellt. Ich würde ja keinen einfachen Scherz verstehen."
  • "Ein Vorgesetzter hat mir ungefragt in die Brusttasche meines Kasacks gelangt, zudem wurden unangemessene Kommentare über meine Oberweite und die Oberweite einer Kollegin gemacht."
  • "Mentorengespräch mit dem Oberarzt, ein anderer Oberarzt kommt herein und fragt, warum die Tür geschlossen ist. Ob er nackte Frauen hier hätte. Antwort meines Mentors: nein, aber sie wollte sich gerade für mich ausziehen."

Gravierende Auswirkungen

Die Auswirkungen von Machtmissbrauch und sexueller Belästigung auf die Betroffenen sind gravierend – sowohl in Bezug auf die psychische Gesundheit als auch auf die berufliche Situation. So nannten 79 Prozent der Betroffenen von Machtmissbrauch emotionale Erschöpfung und anhaltende Anspannung als Folge, knapp drei Viertel (74 Prozent) gaben an, bei der Arbeit weniger motiviert zu sein. 61 Prozent äußerten den Wunsch, die Abteilung oder Klinik zu wechseln. 

Bei sexueller Belästigung berichteten 60 Prozent der Betroffenen von emotionalen Belastungen, 47 Prozent von gedanklicher Belastung und 42 Prozent von Gefühlen der Erniedrigung oder eines verminderten Selbstwerts. Weitere Folgen sind Ängste, anhaltende innere Anspannung (26 Prozent) sowie sozialer Rückzug oder ein verändertes Vertrauensverhalten (24 Prozent).

Auch berufliche Konsequenzen sind häufig: 13 Prozent der Betroffenen von sexueller Belästigung kündigten oder suchten eine berufliche Neuorientierung, 11 Prozent wechselten den Arbeitsort und 7 Prozent die Abteilung oder Klinik. 

Viele Vorfälle werden nicht gemeldet

Die Ergebnisse der Umfrage zeigen auch, dass die meisten Vorfälle von Machtmissbrauch und sexueller Belästigung nicht gemeldet werden. 74 Prozent der Betroffenen von Machtmissbrauch und sogar 84 Prozent der Betroffenen von sexueller Belästigung entschieden sich gegen eine Meldung. Die Hauptgründe dafür sind Zweifel an der Wirksamkeit von Konsequenzen (82 Prozent bei Machtmissbrauch, 72 Prozent bei sexueller Belästigung) sowie die Angst vor beruflichen Nachteilen (61 Prozent bzw. 50 Prozent). 

Zudem spielt die hierarchische Struktur eine große Rolle: 55 Prozent der Betroffenen sexueller Belästigung gaben an, dass die verursachende Person ihnen hierarchisch übergeordnet war. Weitere häufig genannte Gründe sind das Fehlen vertraulicher oder anonymer Meldewege (53 Prozent bei Machtmissbrauch, 46 Prozent bei sexueller Belästigung) und der Wunsch, eine Eskalation zu vermeiden (51 Prozent bzw. 46 Prozent). Selbst wenn Vorfälle gemeldet werden, bleiben sie oft ohne Konsequenzen: In der Hälfte der gemeldeten Fälle von Machtmissbrauch und in 44 Prozent der Fälle von sexueller Belästigung wurden keine Maßnahmen ergriffen. 

Was muss passieren, damit sich etwas ändert?

Bei der Frage, was passieren muss, um sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch im ärztlichen Alltag zu verhindern, geben die Freitextanworten der Befragten einige wichtige Impulse. 

Häufig wird die Einführung anonymer und unabhängiger Meldesysteme gefordert, die es Betroffenen ermöglichen, Vorfälle ohne Angst vor beruflichen Nachteilen zu melden. Ebenso wird die Einrichtung externer, unabhängiger Vertrauensstellen angeregt, die Sanktionen durchsetzen können. Viele Teilnehmende plädieren für sichtbare Konsequenzen bei Fehlverhalten, auch bei Vorgesetzten, sowie für die Einführung von Compliance-Regelungen mit einer Null-Toleranz-Politik. Weitere Vorschläge umfassen flachere Hierarchien, regelmäßige Schulungen und Coachings für Führungskräfte, 360-Grad-Feedback-Systeme und externe Audits. Zudem wird gefordert, die Abhängigkeit der Weiterbildung von Vorgesetzten zu reduzieren und transparente, unabhängige Weiterbildungsschemata zu etablieren. 

Die MB-Umfrage im Detail

Der Marburger Bund hat im Februar und März 2026 mehr als 9.000 angestellte Ärztinnen und Ärzte online befragt. Mehr als zwei Drittel davon waren weiblich (69 Prozent). 90 Prozent der Teilnehmenden arbeiten in einem Krankenhaus, zehn Prozent in einer ambulanten Versorgungseinrichtung. Nach mehreren regionalen Befragungen unter anderem vom Marburger Bund Hamburg ist dies die erste bundesweite Befragung zum Thema.

Quelle: MB-Mitgliederbefragung 2026: Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung am ärztlichen Arbeitsplatz

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