#medtoo: Neue Studie zu sexueller Belästigung im Medizinstudium

11 Mai, 2026 - 07:35
Stefanie Hanke
Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz: Junge Ärztin weist Flirtversuch ihres älteren Kollegen zurück.

Sexuelle Belästigung ist im Medizinstudium weit verbreitet: Fast die Hälfte der Studierenden wird damit konfrontiert. Das zeigt eine aktuelle Umfrage der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd).

An der Studie nahmen 5.681 Studierende von 44 Universitäten in ganz Deutschland teil. Davon waren 78 Prozent weiblich, 20 Prozent männlich und 2 Prozent gaben ein anderes Geschlecht an oder machten keine Angabe dazu. Erschreckend: 42 Prozent der Befragten gaben an, selbst sexuelle Belästigung erlebt zu haben. 49 Prozent haben entsprechende Vorfälle bei anderen beobachtet. Von denjenigen, die selbst betroffen sind, wurde jede und jeder Zweite mehr als dreimal im Jahr sexuell belästigt.

30.04.2026, Praxis Matic MVZ GmbH
Darmstadt
24.04.2026, Augenarzt Dr. Markus Wensing
Künzelsau

Dabei nimmt die Häufigkeit der Vorfälle zu, je weiter das Studium voranschreitet: Während in der vorklinischen Phase etwa 30 Prozent der Studierenden betroffen sind, steigt der Anteil in der klinischen Phase auf 47 Prozent und erreicht im praktischen Jahr alarmierende 66 Prozent. Besonders Frauen sind betroffen: Im praktischen Jahr berichten fast drei Viertel (74 Prozent) der Studentinnen von Erfahrungen mit sexueller Belästigung.

Wer belästigt Studierende? Vielfältige Tätergruppen

Besonders häufig geht die sexuelle Belästigung von Patientinnen und Patienten aus (94 Prozent). Aber auch Vorgesetzte werden zu Tätern: Knapp zwei Drittel der betroffenen Studierenden gaben an, von Fachärztinnen und Fachärzten belästigt worden zu sein (64 Prozent), bei 53 Prozent waren es Chef- bzw. Oberärztinnen und -ärzte. Das Pflegepersonal wurde von 43 Prozent der Befragten genannt. 69 Prozent berichteten außerdem über eine Belästigung durch Mitstudierende. Und: Während Frauen fast ausschließlich männliche Täter angeben, werden Männer sowohl von anderen Männern, als auch von Frauen belästigt. 

Sexuelle Belästigung tritt besonders häufig in chirurgischen Fachrichtungen auf: 65 Prozent der betroffenen Studierenden melden Vorfälle in diesem Bereich. Besonders die Disziplinen Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Allgemein- und Viszeralchirurgie sind betroffen. Auch in der Inneren Medizin (47 Prozent) und der Allgemeinmedizin (25 Prozent) berichten viele Studierende von Belästigungen. In anderen Fächern wie der Kinderheilkunde (4 Prozent) und der Augenheilkunde (3 Prozent) kommt es dagegen nur selten zu entsprechenden Vorfällen.

Konsequenzen von sexueller Belästigung im Studium

Die Häufung von sexueller Belästigung in bestimmten Fachrichtungen hat weitreichende Konsequenzen: Fast die Hälfte der Betroffenen (46 Prozent) gibt an, dass ihre Erfahrungen ihre Fachwahl beeinflusst haben. Dadurch werden insbesondere chirurgische Disziplinen gemieden. Generell geben 68 Prozent der Betroffenen an, bestimmte Situationen oder Personen zu meiden, auch wenn das ihre Ausbildung und klinische Erfahrungen einschränken kann. 52 Prozent berichten von Auswirkungen auf ihre psychische Gesundheit. 

24.04.2026, Zentrum für psychisch belastete Kinder & Familien - BAG Dr. med. M. Herma-Boeters/ Dr. med. S. Dohmen
Esslingen am Neckar

Das bedeutet: Sexuelle Belästigung im Studium ist nicht nur ein individuelles Problem. Auch die Vielfalt und Verteilung von Fachkräften im Gesundheitswesen wird davon beeinträchtigt. Nach Auskunft des Vereins "Die Chirurginnen e.V." sind nach wie vor nur 18 Prozent der in der Chirurgie Tätigen weiblich – und das, obwohl heutzutage 70 Prozent der Studierenden Frauen sind und auch unter den berufstätigen Ärztinnen und Ärzten quer durch alle Fachgebiete die Mehrheit weiblich ist.

Warum Betroffene die Vorfällen oft nicht melden

Auch wenn es an den meisten medizinischen Fakultäten inzwischen Melde- und Beratungsstellen zum Thema gibt, werden nur 13 Prozent der Vorfälle offiziell gemeldet – die Mehrheit der Vorfälle bleibt also unangezeigt. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Jeweils knapp die Hälfte derjenigen, die sich gegen eine Meldung entschieden, gaben an, kein konsequentes Handeln bei sexueller Belästigung wahrgenommen zu haben (49 Prozent) oder die Meldewege nicht zu kennen bzw. unklar zu finden (49 Prozent). Aber auch Angst vor negativen persönlichen Folgen (38 Prozent) und eigene Scham- und Schuldgefühle (32 Prozent) spielen eine Rolle. 71 Prozent gaben an, sich unsicher zu sein, wie der Vorfall einzuordnen sei.

 

 

Handlungsempfehlungen: Wunsch nach Konsequenzen

Aus der Erhebung leiten das Autorenteam und die bvmd einige Handlungsempfehlungen ab:

  • Null-Toleranz-Kultur: Verbindliche Richtlinien und eine gelebte, sichtbare Haltung – nicht nur in Dokumenten, sondern in Führung, Lehre und Klinikpraxis 
  • Sensibilisierung und Kompetenzaufbau: Gezielte Schulungen für Studierende, Lehrende und klinisches Personal 
  • Sichtbarkeit der Meldewege: Beratungsangebote regelmäßig über verschiedene Kanäle vorstellen
  • Psychosoziale Unterstützung: Beratungsstellen als vertrauliche Anlaufstellen positionieren – Entlastung und Beratung ohne Schuldzuweisung
  • Niedrigschwellige Zugänge: Anonyme, digitale Meldewege und unabhängige Beratung 
  • Transparente Prozesse: Abläufe und erwartbare Schritte bereits vor Kontaktaufnahme klar darstellen, Rückmeldung geben
  • Schutz vor Repressalien: Institutionelles Bekenntnis zum Schutz der Betroffenen vor negativen Folgen
  • Konsequentes Monitoring: Meldungen, Maßnahmen und Verbesserungsprozesse erfassen, regelmäßig berichten und für Strukturentwicklung nutzen

Quelle: Förstel, M., Vogt, M. & Drossard, S. Sexual harassment at German medical schools – a national cross-sectional study. BMC Med Educ 26, 558 (2026). https://doi.org/10.1186/s12909-026-08890-9 

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