PKV oder GKV? Warum viele Ärztinnen und Ärzte die falsche Entscheidung treffen

30 April, 2026 - 08:21
Dominic Steil
Ärztin in weißem Kittel sitzt an einem Schreibtisch, hält eine Tasse und liest Dokumente, mit einem Laptop und Notizen vor sich, in einem hellen Raum.

Die Krankenversicherungswahl ist eine der folgenreichsten Finanzentscheidungen im Ärzteleben. Trotzdem treffen viele sie nicht wirklich – sie lassen sie einfach geschehen. Und bereuen es später.

Es ist Anfang des Jahres im zweiten oder dritten Jahr der Facharztweiterbildung. Zwischen Diensten, Stationsarbeit und Weiterbildungsprotokollen liegt ein Brief im Postfach – von der Krankenkasse. Inhalt: Sie sind ab sofort versicherungsfrei. Die Pflichtmitgliedschaft in der gesetzlichen Krankenversicherung besteht nicht mehr.

Und jetzt?

Die meisten Ärztinnen und Ärzte, die ich in dieser Situation begleite, beschreiben denselben Moment: Man legt den Brief zur Seite. Nicht weil er unwichtig wäre – sondern weil man schlicht keine Kapazität hat, sich damit zu beschäftigen. Und ehrlich gesagt auch keine große Lust.

30.04.2026, Praxis Matic MVZ GmbH
Darmstadt
24.04.2026, Augenarzt Dr. Markus Wensing
Künzelsau

Was folgt, ist ein Gemisch aus halbgarem Wissen, Kollegenmeinungen und widersprüchlichen Ratschlägen: „Als Arzt macht man PKV – das ist doch selbstverständlich." „Vorsicht, im Alter wird die PKV unbezahlbar." „Mit Kindern lohnt sich das sowieso nicht." „Ich kenn da jemanden, der sich damit auskennt." Jeder hat eine Meinung. Kaum jemand hat eine solide Grundlage dafür.

Das Ergebnis: Viele treffen eine der wichtigsten Finanzentscheidungen ihres Berufslebens unter Zeitdruck, auf Basis falscher Annahmen – oder gar nicht. Sie lassen den Status quo entscheiden. Und bereuen es später.

Was bedeutet „versicherungsfrei" überhaupt?

Der Brief ist kein Zufall. Sobald das Bruttogehalt die sogenannte Jahresarbeitsentgeltgrenze (JAEG) – aktuell ca. 77.400 Euro pro Jahr, also rund 6.450 Euro brutto im Monat – dauerhaft überschreitet, endet die gesetzliche Versicherungspflicht. Im zweiten oder dritten Jahr der Weiterbildung ist das durch Grundgehalt plus Dienste für viele genau dieser Moment.

Was jetzt folgt, ist eine echte Wahlmöglichkeit – keine Pflicht, keine pauschale Empfehlung, sondern eine Entscheidung. Und die ist zeitkritisch: Wer jung und gesund eintritt, bekommt in der PKV deutlich bessere Konditionen als mit 40. Der Beitrag ist niedriger, die Gesundheitsprüfung unkomplizierter. Wer wartet, zahlt dafür – buchstäblich.

Was kostet was – der ehrliche Beitragsvergleich

In der GKV richtet sich der Beitrag nach dem Einkommen – aber nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze, aktuell ca. 5.500 Euro brutto im Monat. Alles darüber spielt keine Rolle mehr. Wer diese Grenze überschreitet, zahlt immer denselben Maximalbeitrag. Hinzu kommt die soziale Pflegeversicherung, die ebenfalls einkommensabhängig berechnet wird. Für kinderlose Ärztinnen und Ärzte ergibt sich daraus ein monatlicher Eigenanteil von zusammen rund 579 Euro. Der Arbeitgeber zahlt nochmal einen ähnlichen Betrag – der fließt aber direkt ans System, nicht auf das eigene Konto.

In der PKV richtet sich der Beitrag nicht nach dem Gehalt, sondern nach Alter, Gesundheitszustand und gewähltem Tarif. Der Arbeitgeber zahlt den Zuschuss direkt aus – bis zur Hälfte des Beitrags, gedeckelt auf einen gesetzlich festgelegten Höchstbetrag.

 

 

Ein Vorteil, der bei jungen gesunden Ärztinnen und Ärzten oft unterschätzt wird: Viele gute PKV-Tarife erstatten bis zu vier Monatsbeiträge zurück, wenn du im Jahr keine Leistungen in Anspruch nimmst. Das klingt zunächst nach einem Bonus – in der Praxis senkt es deinen effektiven Monatsbeitrag erheblich. Wer jung und gesund ist und die Praxis selten braucht, profitiert davon besonders stark.

Hinweis: Die GKV-Zahlen gelten für Kinderlose. Mit Kindern sinkt der Pflegebeitrag. Die PKV-Zahlen sind Richtwerte; der konkrete Beitrag hängt von Tarif, Anbieter und Gesundheitszustand ab.

Die drei häufigsten Gründe, in der GKV zu bleiben – und was davon wirklich stimmt

1. „Die PKV wird im Alter zu teuer."

Dieser Einwand ist der häufigste – und der gefährlichste, weil er nicht falsch, aber auch nicht vollständig ist. Ja, PKV-Beiträge steigen mit dem Alter. Nein, das macht die GKV damit nicht automatisch zur günstigeren Wahl. In der PKV werden von Anfang an Altersrückstellungen gebildet: Ein Teil des Beitrags fließt in einen Rücklagentopf, der im Alter Beitragserhöhungen dämpft. In der GKV gibt es das nicht.

Dazu kommt: Als Rentner zahlt man in der GKV einen Beitrag auf alle beitragspflichtigen Einnahmen – also auch auf Mieteinnahmen, Kapitalerträge und Betriebsrenten. Von einer automatischen Beitragssenkung im Ruhestand kann keine Rede sein.

Wer jung einsteigt, gesund ist und einen soliden Tarif wählt, hat oft Jahrzehnte mit klarem Beitragsvorteil – und baut dabei parallel Altersrückstellungen auf. Der Vergleich muss über das gesamte Berufsleben gerechnet werden, nicht nur für das nächste Jahr.

2. „In der GKV sind Kinder und Partner mitversichert."

Das stimmt – und es ist ein echter Vorteil, der nicht kleingeredet werden sollte. Wer eine Familie hat oder plant, bei der der Partner oder die Partnerin kein eigenes Einkommen erzielt, zahlt in der GKV einen Beitrag für die gesamte Familie. Die Familienversicherung ist beitragsfrei.

In der PKV zahlt jede versicherte Person einen eigenen Beitrag. Das verändert die Rechnung erheblich – besonders bei Kindern und einem nicht berufstätigen Partner. 

Heißt das: Mit Familie lohnt sich PKV nie? Nein. Es heißt: Die Familiensituation muss konkret in die Berechnung einfließen. Viele treffen die Entscheidung pauschal ohne diese Variable. Das ist der Fehler, nicht die PKV selbst.

Ein weiterer Aspekt, der bei dieser Überlegung nicht fehlen sollte: Die beitragsfreie Familienversicherung steht politisch seit Jahren in der Diskussion. Es gilt als wahrscheinlich, dass dieses Modell mittelfristig gekippt oder zumindest grundlegend reformiert wird. Wer die GKV heute maßgeblich wegen der Familienversicherung wählt, baut auf einem Fundament, das möglicherweise nicht dauerhaft trägt.

3. „Ich mache das später, das Thema ist mir gerade zu viel."

Das ist kein Argument. Es ist eine Entscheidung – die Entscheidung für den Status quo. Wer die Prüfung aufschiebt, verschenkt möglicherweise tausende Euro pro Jahr. Gleichzeitig steigt das Eintrittsalter, und damit der PKV-Beitrag, wenn man sich später doch entscheidet. Und der Gesundheitszustand ist mit 36 manchmal ein anderer als mit 29.

In der Medizin würde man nie behandeln, ohne vorher eine Anamnese gemacht zu haben. Bei Finanzen schreiben viele bildlich gesprochen Rezepte, ohne je eine Diagnose gestellt zu haben.

Die häufigsten PKV-Mythen – was wirklich stimmt

  • „PKV wird im Alter unbezahlbar": Altersrückstellungen dämpfen den Beitragsanstieg. Der Langzeitvergleich mit der GKV fällt individuell sehr unterschiedlich aus.
  • „Mit Familie lohnt sich PKV nie": Kommt auf die konkrete Situation an. Ohne berufstätigen Partner wird die Rechnung enger – aber nicht zwingend negativ. Und die beitragsfreie Familienversicherung in der GKV steht politisch auf wackeligem Fundament.
  • „PKV ist nur für Selbstständige": Auch angestellte Ärztinnen und Ärzte über der Einkommensgrenze können und sollten die PKV prüfen.
  • „In der GKV werde ich als Arzt oder Ärztin besser behandelt": Faktisch nein. Chefarztbehandlung, Einbettzimmer und freie Krankenhauswahl sind in der PKV Standard, in der GKV Zuzahlung.
  • „Einmal PKV, immer PKV": Ein Wechsel zurück in die GKV ist unter bestimmten Bedingungen möglich, aber erschwert und selten vorteilhaft.

Was bei der Entscheidung wirklich zählt

PKV oder GKV lässt sich nicht allgemein beantworten. Es ist eine persönliche Rechnung. Die wichtigsten Variablen:

  • Aktuelles und zukünftiges Gehalt: Je weiter das Einkommen über der Beitragsbemessungsgrenze liegt, desto stärker der potenzielle PKV-Vorteil.
  • Gesundheitszustand: Die PKV prüft beim Eintritt. Vorerkrankungen können zu Beitragszuschlägen oder Leistungsausschlüssen führen.
  • Familienplanung: Kinder und ein nicht erwerbstätiger Partner / eine nicht erwerbstätige Partnerin erhöhen die PKV-Kosten erheblich.
  • Berufliche Perspektive: Ist irgendwann eine Niederlassung oder Selbstständigkeit geplant? Das verändert die Ausgangslage erneut.
  • Tarifwahl: Ein schlechter PKV-Tarif ist schlechter als eine solide GKV. Qualität und Langzeitstabilität des Anbieters entscheiden mit.

Wann ist die GKV die bessere Wahl?

Ehrlichkeit gehört dazu: Die GKV ist nicht per se schlechter. Für bestimmte Konstellationen ist sie die richtige Entscheidung:

  • Bei Kindern und einem Elternteil ohne eigenes Einkommen, wo die beitragsfreie Familienversicherung – solange sie besteht – stark ins Gewicht fällt
  • Bei relevanten Vorerkrankungen, die in der PKV zu Aufschlägen oder Leistungsausschlüssen führen würden
  • Bei absehbarer Elternzeit ohne eigenes Einkommen – in der PKV läuft der Beitrag in dieser Zeit weiter
  • Bei großer Unsicherheit über den weiteren Berufsweg

Die GKV ist ein solides System. Sie ist aber kein Automatismus, dem sich angestellte Ärzte ohne individuelle Prüfung ergeben sollten.

24.04.2026, Zentrum für psychisch belastete Kinder & Familien - BAG Dr. med. M. Herma-Boeters/ Dr. med. S. Dohmen
Esslingen am Neckar

Fazit

Der Brief kommt meist ungelegen. Im zweiten oder dritten Weiterbildungsjahr ist der Kopf mit Diensten, Lernzielen und allem anderen voll. Sich jetzt auch noch mit Krankenversicherung beschäftigen – das fühlt sich wie eine Zumutung an.

Aber genau dieser Moment ist der richtige. Wer jetzt hinschaut, entscheidet. Wer es aufschiebt, entscheidet auch – nur nicht bewusst.
In vielen Fällen bietet die PKV für angestellte Ärztinnen und Ärzte sowohl kurz- als auch langfristig klare Vorteile: niedrigere Eigenkosten, bessere Leistungen, Altersrückstellungen, Beitragsrückerstattung bei Leistungsfreiheit. Diese Aussage gilt aber nicht pauschal. Sie gilt nach einer ehrlichen, individuellen Prüfung der eigenen Situation.

Wer sich jetzt die Zeit nimmt – am besten gemeinsam mit einem unabhängigen Berater, nicht mit einem Produktverkäufer –, trifft eine Entscheidung. Keine, die ihm passiert. Und das ist der Unterschied, der über viele Jahre Zehntausende von Euro ausmachen kann.

Das sollte man vor der Entscheidung geklärt haben

  • Liegt mein Bruttogehalt dauerhaft über der Jahresarbeitsentgeltgrenze?
  • Habe ich Vorerkrankungen, die bei der PKV-Aufnahme relevant sein könnten?
  • Wie sieht meine Familiensituation aus – jetzt und in den nächsten fünf bis zehn Jahren?
  • Habe ich mehrere Tarife von verschiedenen Anbietern verglichen – nicht nur ein einziges Angebot erhalten?
  • Wurde die Entscheidung von einem unabhängigen Berater begleitet, der keine produktgebundene Provision erhält?
  • Habe ich die Entscheidung in einem klaren Zustand getroffen – nicht nach dem Nachtdienst?

Der Autor:

Dominic Steil

Dominic Steil ist unabhängiger Makler und begleitet Ärztinnen und Ärzte bei Absicherung, Steuern und Vermögensaufbau. Ziel seiner Arbeit ist es, Risiken sinnvoll abzusichern, Steuern zu senken und durch gezielte Investitionen in Immobilien und ETFs effizient Vermögen aufzubauen. 

Mehr Infos: www.aerzteservice-steil.de

Bild: © privat

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