
Befunde, Operationen, Therapiepläne: Eine Krebsdiagnose verändert schlagartig vieles. Neben der medizinischen Behandlung müssen Betroffene oft auch mit Ängsten, Sorgen und einer völlig neuen Lebenssituation umgehen. An den Städtischen Kliniken Mönchengladbach steht ihnen die Psychoonkologin Monika Kluth zur Seite.
Frau Kluth, wie kann ich mir Ihren Arbeitsalltag vorstellen?
Monika Kluth: Ich erhalte täglich eine Liste aller Krebspatienten, die in unseren zertifizierten Zentren operiert werden, eine Chemotherapie erhalten oder neu diagnostiziert wurden. Grundsätzlich hat jede Patientin und jeder Patient von der Diagnose bis über die Nachsorge hinaus Anspruch auf psychoonkologische Beratung und Begleitung. Das ist für zertifizierte Zentren in den Leitlinien festgelegt. In der Regel besuche ich ein bis zwei Tage nach der Operation die Patientinnen und Patienten auf verschiedenen Stationen, etwa in der Frauenklinik, im Prostatazentrum, Darmzentrum und in der Inneren Medizin. Sind die Erkrankten stark belastet, komme ich auch schon vor der Operation zu ihnen. Palliativpatientinnen und -patienten sehe ich bei Bedarf regelmäßig. Der Umgang mit Sterblichkeit, Abschied und Trauer ist für sie natürlich ein zentrales Thema. Außerdem führe ich Gespräche mit Angehörigen, denn eine Krebserkrankung betrifft häufig das gesamte soziale Umfeld.
Wie viele Patientengespräche führen Sie täglich?
Monika Kluth: Das lässt sich wirklich schwer beziffern. Manche Gespräche dauern 15 Minuten, andere eine Stunde oder länger. Es hängt davon ab, wie viele Fragen aufkommen, wie viel Zuwendung jemand braucht und wie viele Patientinnen und Patienten ich besuchen muss. Mit meiner 26-Stunden-Stelle bin ich auf jeden Fall mehr als ausgelastet.
Wie reagieren Menschen, wenn plötzlich eine Psychoonkologin vor der Tür steht?
Monika Kluth: Gut in der Regel. Ich melde mich meistens vorher nicht an, sondern gehe ins Zimmer und stelle mich vor. Manche sind zunächst skeptisch: „Warum? Ich habe doch kein psychisches Problem.“ Oder: „Das brauche ich nicht, ich bin doch nicht verrückt.“ Dann sage ich: „Lassen Sie uns einmal darüber reden, was Sie hierher geführt hat.“ Und meistens öffnen sich die Menschen sehr schnell. Mir gegenüber können sie auch Dinge, Ängste oder Wünsche äußern, die sie ihren Angehörigen vielleicht nicht zumuten möchten. Am Ende des Gesprächs sagen die Menschen meist: „Gut, dass Sie da waren.“
Worum drehen sich die Gespräche?
Monika Kluth: Das ist wirklich sehr unterschiedlich. Ältere gehen oft gelassener mit einer Krebsdiagnose um als Jüngere, die noch kleine Kinder haben oder sich fragen, was eine Chemotherapie für einen möglichen Kinderwunsch bedeutet. Viele Menschen werden auch von einem auf den anderen Tag mit ihrer Diagnose konfrontiert: Jemand geht zur Vorsorge, und plötzlich wird ein Tumor oder ein Knoten entdeckt. Von diesem Moment an müssen sie eine Flut von Informationen verarbeiten, Entscheidungen treffen, die Familie informieren, mit dem Arbeitgeber sprechen. Und das alles, obwohl sie innerlich vielleicht noch gar nicht begriffen haben, dass sie schwer krank sind. Für die eigene Angst bleibt da zunächst keine Zeit. Deshalb frage ich ganz konkret nach: Wie schlafen Sie? Wissen Sie, was als Nächstes auf Sie zukommt? Haben Sie jemanden, der Sie unterstützt? Manchmal stellt sich heraus, dass jemand medizinisch gut informiert ist, aber überhaupt nicht weiß, wie er das seinen Kindern erklären soll. Das erörtern wir dann. Lebt jemand allein und hat keine Angehörigen oder Zugehörige, nehme ich Kontakt mit dem Sozialdienst auf.
Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit dem Sozialdienst aus?
Monika Kluth: Wir arbeiten sehr eng zusammen. Der Sozialdienst kümmert sich unter anderem um Anträge auf Schwerbehinderung und sucht gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten die Reha-Klinik aus. Wir führen regelmäßig Fallbesprechungen durch und telefonieren, wenn etwas geklärt werden muss. Ich erinnere mich an eine Patientin, die gerade eine neue Stelle angetreten hatte und große Angst davor hatte, während der Probezeit gekündigt zu werden. Gemeinsam überlegten wir, wie sie diese Situation am besten ihrem Arbeitgeber gegenüber kommunizieren konnte, denn als Krebspatientin verfügte sie über eine Schwerbehinderung und damit über einen verbesserten Kündigungsschutz. Das war so eine typische Situation, in der psychische Belastungen ineinandergreifen.
Wie sind Sie sonst ins Klinikteam eingebunden?
Monika Kluth: Ich nehme an der interdisziplinären Tumorkonferenz teil. Da sitzen unter anderem Operateure, Onkologen, Radiologen, Pathologen, onkologische Pflegekräfte, Mitarbeitende des Sozialdienstes und Kooperationspartner zusammen. Für jeden Patienten und jede Patientin wird nach Leitlinien besprochen, wie die weitere Therapie aussieht. Für meine Arbeit ist das enorm wichtig, weil ich dadurch weiß, was auf die Betroffenen zukommt. Das kann ich dann in unsere Gespräche einbeziehen. Gleichzeitig bringe ich in der Tumorkonferenz meine psychiatrische Perspektive ein, zum Beispiel wenn ich den Eindruck habe, dass jemand medikamentös nicht gut eingestellt ist oder einer Medikation bedarf. Gerade wenn jemand gleichzeitig Antidepressiva und Schmerzmittel bekommt, ist eine enge Abstimmung mit der Anästhesistin, die die Schmerztherapie verantwortet, extrem wichtig. Nach aktueller Studienlage entwickeln mehr als 40 Prozent der Krebserkrankten im Laufe ihrer Erkrankung eine behandlungsbedürftige psychische Störung.
Wie gehen Sie damit um, wenn jemand eine empfohlene Behandlung ablehnt?
Monika Kluth: Zunächst versuche ich zu verstehen, was dahintersteckt. Wer keine Chemotherapie möchte, hat vielleicht Angst vor Nebenwirkungen, schlechte Erfahrungen im Umfeld gemacht oder vertraut auf alternative Methoden. Dann sage ich: „Bitte informieren Sie sich gut.“ Die Selbstbestimmung muss ich natürlich respektieren, aber ich muss sicher sein, dass die Person wirklich verstanden hat, worüber sie entscheidet, und nicht unter einem Druck steht, den sie selbst gar nicht als solchen wahrnimmt. Dabei muss man sehr genau hinhören: Wer spricht hier eigentlich für wen? Vor einiger Zeit beispielsweise wollten Angehörige ihre betagte Mutter zu einer Chemotherapie drängen, während sie selbst klar Nein sagte. Gerade schwer erkrankte Menschen sollten deshalb eine Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung haben. Das spreche ich auch an, denn wenn jemand später nicht mehr entscheidungsfähig ist, sollte möglichst klar sein, welche Wünsche er hat. Das entlastet in einer ohnehin schwierigen Situation auch Angehörige und Behandlungsteams.
Was passiert, wenn Patientinnen und Patienten nach der Entlassung weitere Unterstützung brauchen?
Monika Kluth: Die Aufenthaltsdauer ist heute oft sehr kurz. Brustkrebspatientinnen sind häufig schon nach wenigen Tagen wieder zu Hause. Viele sehe ich nur einmal. Deshalb gebe ich jedem einen Flyer mit und sage klar: „Sie können sich jederzeit bei mir melden, auch wenn Ihre weitere Behandlung nicht bei uns stattfindet.“ Oder wir schauen direkt gemeinsam, welche ambulante Unterstützung sinnvoll ist. Wenn jemand über Schlafstörungen, Grübeln oder depressive Verstimmung berichtet, prüfe ich, ob eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung vorliegt. Den Anstoß zur Behandlung kann ich geben, die längerfristige Therapie muss dann ambulant erfolgen. Leider gibt es zu wenige niedergelassene Psychoonkologen.
Im sozialen Umfeld denken manche Menschen, nach einer Reha sei für Krebserkrankte alles überstanden …
Monika Kluth: … das ist leider ein weit verbreitetes Missverständnis. Eine abgeschlossene Behandlung bedeutet nicht, dass alles vorbei ist. Körperlich, kognitiv und psychisch kann man noch lange beeinträchtigt sein. Fatigue, also eine ausgeprägte, anhaltende Erschöpfung, ist dabei ein riesiges Problem. Die Betroffenen können sich nur kurze Zeit konzentrieren und müssen ihre Kräfte sehr genau einteilen. Wenn jemand äußerlich gesund aussieht, hört er jedoch aus dem Umfeld nicht selten: „Du bist doch jetzt krebsfrei." Ich hatte einmal eine Patientin, die nach der Reha eine Wiedereingliederung begann, schnell erschöpft war und sich für eine Versagerin hielt, weil sie dachte, sie müsste doch längst wieder fit sein. Das ist die Seite der Erkrankung, die man nicht sieht, die dennoch das Leben bestimmt. Manche Einschränkungen bleiben bestehen.
Was sind emotional besonders schwere Momente für Sie?
Monika Kluth: Wenn ich junge Patienten habe. Ich erinnere mich gut an eine Frau Anfang 30, die in der Schwangerschaft bereits große Lymphknoten unter den Achseln hatte, was damals vom Gynäkologen nicht richtig erkannt wurde. Als das Kind drei, vier Monate alt war, stellte sich heraus, dass sie voller Metastasen war. So eine Geschichte hängt einem schon nach. Oder wenn Kolleginnen und Kollegen aus dem Haus als Patienten kommen, ist das auch etwas anderes. Ich habe über die Jahre die nötige Distanz entwickelt. Man muss das können in diesem Beruf, sonst hält man ihn nicht durch.
Woraus ziehen Sie Kraft bei Ihrer Arbeit?
Monika Kluth: Ich sehe, dass die Gespräche den Menschen guttun. Wir sprechen nicht nur über ihre Erkrankung, sondern auch über ihr Leben, über Hobbys und Pläne, was sie machen wollen, wenn sie wieder zu Hause sind. Und manchmal ruft jemand auch noch nach einem Jahr an, weil er weiß, dass er sich an mich wenden kann. Ich helfe dann gern, wenn es mir möglich ist.



