Wie das Lungenkrebs-Screening die Arbeit im Krankenhaus verändert

19 Januar, 2026 - 07:17
Miriam Mirza
Ärztin zeigt älterem Paar eine Röntgenaufnahme der Lunge auf einem Tablet in einer modernen Praxis. Dokument und Stift liegen auf dem Tisch.

Mit dem Start des Lungenkrebs-Screenings im Frühjahr 2026 verändert sich die diagnostische und therapeutische Landschaft für diese Krankheit grundlegend. Die Low Dose CT wird für definierte Risikogruppen erstattungsfähig, jedoch ohne Einladungsverfahren. Damit entsteht für Krankenhäuser eine doppelte Herausforderung: Sie müssen sich medizinisch, organisatorisch und strukturell auf eine neue Patientengruppe in frühen Krankheitsstadien einstellen und gleichzeitig die Anforderungen der Krankenhausreform erfüllen. Für Chefärztinnen und Chefärzte, Klinikleitungen und Koordinatorinnen und Koordinatoren der onkologischen Versorgung beginnt jetzt die Phase, in der Weichen gestellt werden.

Ein Screening, das Versorgungspfade verschiebt

Das Lungenkrebs-Screening ist ein Präventionsinstrument, das weit über die Früherkennung hinausreicht. Es verändert die Zusammensetzung der Fälle, die Krankenhäuser erreichen. Diagnosen, die heute häufig erst in palliativen Stadien (III und IV) gestellt werden, verschieben sich in Richtung Stadium I und Stadium II, in denen chirurgische und strahlentherapeutische Verfahren deutlich häufiger kurativ eingesetzt werden können. Für die Krankenhäuser entsteht dadurch eine neue Struktur der Versorgung, die sich nicht nur diagnostisch, sondern auch organisatorisch bemerkbar machen wird.

Sebastian Schmidt, Leiter Medical Affairs Computed Tomography bei Siemens Healthineers, beschreibt diese Veränderung präzise: „In Zukunft werden Lungenkrebspatientinnen und Lungenkrebspatienten seltener symptomatisch oder sogar über die Notaufnahme kommen. Viele werden aus dem Screening in einem frühen Stadium zugewiesen. Das verändert die Arbeit in der Thoraxchirurgie und der Pneumologie spürbar.“ Damit wird deutlich, dass das Screening die Versorgungsrealität nicht am Rand, sondern im Kern verändert. Der Gesetzgeber hat mit der Krankenhausreform das Ziel formuliert, versorgungsrelevante Leistungen stärker zu bündeln und Schwerpunkte zu stärken. Das Screening ist ein Beispiel dafür, wie diese Logik praktisch wirksam wird.

Mindestmengen und Strukturqualität bestimmen die Richtung

Die Krankenhausreform verknüpft die Leistungszuweisung enger an Mindestmengen, strukturierte Abläufe und nachweisbare Expertise. Für die Lungenkrebsversorgung bedeutet dies, dass Zentren künftig ausreichend Fälle benötigen, um ihre Spezialisierung zu sichern. Screeningfälle spielen dabei eine entscheidende Rolle, weil sie die frühzeitigen Stadien liefern, die für die operativen Mindestmengen besonders relevant sind.

Schmidt formuliert es deutlich: „Wenn ein Zentrum seine Mindestmengen sichern will, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, die regionalen Partner zusammenzubringen.“ Da späte Stadien seltener werden und nicht mehr verlässlich die Versorgung tragen, entsteht ein Wettbewerb um die frühe, besser planbare Zuführung aus dem Screening. Die Zwischenbefunde, die im Verlauf des Screenings entstehen, sind zentrale Berührungspunkte zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. Sie sind diagnostisch anspruchsvoll, erfordern häufig eine weiterführende Abklärung und bilden zugleich jene Fälle, die für die Zuordnung in Lungenkrebszentren relevant sind.

Gerade in Regionen mit mehreren zertifizierten Zentren wird sichtbar werden, welches Haus die Screening-Logik strategisch aufgegriffen hat und welches nicht. Die Fallzahlen der Zukunft werden nicht mehr durch die ungefilterten Notaufnahmen generiert, sondern durch strukturierte Kooperationen und stabile Zuweisungspfade. In der Fläche entsteht die Möglichkeit, über das Screening und die Zusammenarbeit mit allgemeinmedizinischen und radiologischen Praxen die nötigen Fallzahlen zu erreichen – für eine bessere Versorgung.

Kooperation als Voraussetzung für den Erfolg

Da das deutsche Screening kein Einladungsverfahren vorsieht, entsteht eine Struktur, in der Hausärztinnen und Hausärzte und niedergelassene Radiologinnen und Radiologen die ersten beiden Stationen des Versorgungspfades bilden, bevor Kliniken involviert werden. Für Krankenhäuser bedeutet das, dass sie bereits vor dem Start der Erstattung in den Aufbau regionaler Netzwerke investieren sollten, die die notwendigen Übergänge sicherstellen.

Schmidt beschreibt diesen Punkt knapp und treffend: „Krankenhäuser sollten jetzt damit beginnen, feste Strukturen für Zweitbefundung und Fallkonferenzen aufzubauen.“ Die praktische Umsetzung bedeutet, dass Kliniken klare diagnostische Abläufe formulieren, erreichbare Ansprechpersonen benennen und regelmäßige interdisziplinäre Konferenzen anbieten, in denen Screening-Befunde gemeinsam bewertet werden. Auch digitale Prozesswege sind entscheidend, denn Bilddaten und Befunde müssen schnell zwischen Praxis und Zentrum bewegt werden können.

Durch diese frühe Zusammenarbeit entstehen Vertrauen, Transparenz und eine Selbstverständlichkeit in den Überleitungen, die sich später in stabilen Zuweisungswegen niederschlagen. Das Screening zeigt damit exemplarisch, wie sich sektorenübergreifende Versorgung organisieren lässt: durch klare Abstimmung, definierte Rollen und eine gemeinsame Sprache zwischen ambulanten und stationären Strukturen.

Wie sich Krankenhäuser auf das Lungenkrebs Screening vorbereiten können

Kurzdefinition:

Das Lungenkrebs Screening startet in Deutschland im Frühjahr 2026. Die Untersuchung erfolgt per Low Dose CT bei definierten Risikogruppen. Wegen des fehlenden Einladungsverfahrens spielt die Zusammenarbeit zwischen ambulanten und stationären Akteuren eine zentrale Rolle.

Relevante Maßnahmen für Krankenhäuser:

  1. Netzwerke aufbauen: Kliniken sollten früh Kooperationen mit Hausärztinnen und Hausärzten sowie Radiologinnen und Radiologen etablieren.
  2. Zweitbefundung und Zusammenarbeit mit den Niedergelassenen organisieren: Zwischenbefunde aus dem Screening benötigen schnelle Abklärung im Zentrum.
  3. Thoraxchirurgie stärken: Frühstadien führen zu mehr operativen Behandlungen und kürzeren Liegezeiten.
  4. Fallkonferenzen etablieren: Interdisziplinäre Boards sichern einheitliche Behandlungswege.
  5. Diagnostische Pfade definieren: Klare Abläufe für Bildgebung, Biopsie und Tumorboard sind entscheidend.

Warum das wichtig ist:

Das Screening verschiebt Diagnosen in frühere Stadien und beeinflusst damit die Fallzahlen, die Krankenhäuser für Mindestmengen und Schwerpunktzuweisungen benötigen.

Klinische Verschiebungen und neue operative Realität

Die Einführung des Screenings führt nicht nur zu einer neuen Verteilung von Fällen, sondern auch zu einem veränderten klinischen Alltag. Frühe Tumorstadien werden häufiger operiert, oft minimal invasiv oder robotisch. Das verlangt nach thoraxchirurgischer Expertise und nach Teams, die auf kurze stationäre Aufenthalte und planbare Eingriffe eingestellt sind. Schmidt beschreibt diese Veränderung so: „Ein Stadium eins Karzinom wird in der Regel operiert oder stereotaktisch bestrahlt. Das ist eine völlig andere Versorgungslogik als das, was viele Häuser heute bei symptomatischen Patienten sehen.“

Parallel dazu verändert sich die Rolle der Pneumologie. Kleinere Rundherde werden biopsiert, dafür sinkt der Aufwand für spätere Tumorstadien. In der Onkologie verändert sich der Mix der Fälle ebenfalls: Screening sorgt für einen Rückgang später Diagnosen, während längere Überlebenszeiten im metastasierten Stadium die Zahl der Patientinnen und Patienten in systemischer Therapie insgesamt erhöhen.

Für die Radiologie bedeutet das Screening mehr Untersuchungen, jedoch in klar definierten Abläufen und mit technischer Unterstützung durch CAD Systeme. Die Ausstattung der deutschen Radiologie bietet dafür bereits jetzt eine gute Grundlage.
Insgesamt entsteht eine klinische Realität, die stärker planbar ist und weniger auf akute Eskalation ausgerichtet sein wird. Dieser Wandel verlangt Anpassungen, aber er entlastet zugleich die hochkomplexen Bereiche der Versorgung.

Was Krankenhäuser jetzt tun sollten

Für Krankenhäuser beginnt bereits vor dem Start des Screenings eine Phase, in der strategische Entscheidungen getroffen werden müssen. Es empfiehlt sich, die eigene Position sorgfältig zu analysieren, die vorhandene Expertise in Chirurgie, Pneumologie und Radiologie zu bewerten und frühzeitig festzulegen, wie die Versorgung von Screeningfällen organisiert werden kann.

Ein zentrales Element ist die Einbindung der regionalen Hausärztinnen und Hausärzte sowie Radiologinnen und Radiologen. Kliniken profitieren langfristig, wenn sie frühzeitig in die Kommunikation gehen, diagnostische Pfade transparent machen und verlässliche Strukturen für Zweitbefundung und Fallkonferenzen anbieten. Auch auf klinischer Ebene sollte geprüft werden, welche Kompetenzen gestärkt werden müssen, etwa im Bereich minimal invasiver oder robotischer Verfahren.

16.01.2026, ÜBAG MVZ Landshut, Dingolfing, Mainburg – Dr. Vehling-Kaiser GmbH
Landshut
16.01.2026, Kardiologische Praxis Dr. Reinhold Pollert & Kollegen
Landau in der Pfalz

Wichtig ist zudem, dass die Krankenhausleitung den strategischen Wert des Screenings erkennt. Es beeinflusst nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch die Frage, welche Häuser die Lungenkrebsversorgung in Zukunft maßgeblich gestalten werden. Sichtbarkeit im regionalen Raum, klare interne Strukturen und verlässliche Übergänge werden darüber entscheiden, welche Zentren Screeningfälle erhalten und damit ihre Mindestmengen sichern.

Schmidt formuliert es im Interview als klare Botschaft: „Das Screening zeigt sehr schnell, welche Häuser verstanden haben, wohin die Versorgung sich entwickelt. Wer jetzt handelt, wird zu den Zentren gehören, die auch in Zukunft die komplexen Fälle behandeln.“

Eine neue Phase der Versorgung

Mit dem Lungenkrebs-Screening beginnt eine neue Phase der Versorgung. Es ist ein Instrument der Prävention, aber auch ein Hebel, an dem sich die Logik der Krankenhausreform sichtbar zeigt. Für Krankenhäuser ist es deshalb kein rein diagnostisches Thema, sondern eine strukturelle und strategische Aufgabe.

Die kommenden Monate entscheiden darüber, welche Zentren sich in regionalen Netzwerken etablieren, welche Häuser die Mindestmengen sichern und wie sich die Versorgung von Lungenkrebs in Deutschland entwickelt. Wer jetzt aktiv wird, kann die Versorgung in der Region entscheidend mitgestalten und gleichzeitig den Übergang in eine stärker präventionsorientierte Medizin unterstützen.

Bedeutung des Lungenkrebs Screenings für die Krankenhausreform

Kurzdefinition:

Die Krankenhausreform verknüpft Leistungszuweisungen künftig enger an Mindestmengen, Strukturqualität und regionale Schwerpunktbildung. Das Lungenkrebs Screening wirkt dabei als struktureller Verstärker.

Kernaspekte:

  1. Frühe Stadien erhöhen die Operationsrate: Screeningfälle führen eher zu chirurgischen Eingriffen als zu palliativen Therapien.
  2. Fallzahlen verlagern sich: Späte Stadien werden seltener, Screeningfälle werden zum zentralen Zugang in die Zentren.
  3. Netzwerke bestimmen den Patientenzugang: Kliniken, die regionale Kooperationen aufbauen, erhalten Screeningfälle und sichern Mindestmengen.
  4. Strukturqualität gewinnt an Bedeutung: Zentren brauchen definierte diagnostische und interdisziplinäre Strukturen, um Screeningfälle angemessen weiterzuversorgen.

Warum das relevant ist:

Das Screening zeigt, wie die Logik der Reform praktisch wirkt. Es ist ein Präventionsinstrument, das gleichzeitig die zukünftige Verteilung der Lungenkrebsversorgung zwischen den Häusern beeinflusst.

 

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