Singapur: Wo Ärztinnen und Ärzte erfinden dürfen, ohne die Klinik zu verlassen

17 August, 2026 - 06:55
Miriam Mirza
Singapore General Hospital
Singapore General Hospital

Innovative Ärztinnen und Ärzte verlassen deutsche Kliniken oft dorthin, wo aus ihren Ideen tatsächlich etwas wird, in Start-ups, in die Industrie, in die eigene Praxis. Das Singapore General Hospital verfolgt die gegenteilige Strategie. Am größten öffentlichen Krankenhaus des Landes gilt Innovation nicht als Privatsache einzelner Enthusiasten, sondern als Personalstrategie. Wer als Ärztin oder Arzt eine gute Idee hat, bekommt Startgeld, ein interdisziplinäres Team und einen klar strukturierten Weg vom Konzept zum fertigen Produkt, mit dem Ziel, ambitionierte Köpfe im Haus zu halten, statt an die eigene Gründung zu verlieren.

Fünf bis zehn Prozent. So viele Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte am Singapore General Hospital gelten laut Bernard Ng, Director für Innovation, Enterprise and Commercialisation, überhaupt als interessiert daran, etwas zu erfinden. Der Rest kümmert sich lieber, und das ist ausdrücklich in Ordnung, um die klassische Patientenversorgung. Was mit dieser kleinen, selbstselektierten Gruppe passiert, sobald sie eine Idee hat, unterscheidet das größte öffentliche Krankenhaus Singapurs jedoch fundamental von deutschen Kliniken. Dort bleibt eine gute Idee oft genau das, eine Idee, bis jemand die Klinik verlässt, um sie andernorts umzusetzen. Am Singapore General Hospital, kurz SGH, soll sie im Haus bleiben.

31.07.2026, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
Uster

"Wenn jemand innovativ ist und wir dieses Ökosystem nicht hätten, würden wir diese Person verlieren", sagt Ng. "Deshalb nutzen wir Innovation gezielt als Instrument zur Mitarbeiterbindung." Dass Innovation dort tatsächlich Teil der Personalstrategie ist, zeigt sich an vielen Stellen des Hauses, allen voran in der offiziellen Leitlinie von Chief Executive Officer Tan Hiang Khoon. Innovation soll ein Mittel für Bindung, Entwicklung und Rekrutierung von Personal sein. Sie muss immer ein konkretes Problem lösen. Und sie soll messbaren Nutzen für Patientinnen und Patienten schaffen, sei es über Kommerzialisierung oder direkten Rollout in die Versorgung. Wie das Gesundheitssystem dahinter aufgebaut ist, das diesen Rahmen erst möglich macht, erklärt der Kasten.

Singapurs Gesundheitssystem in Kürze

Seit den 1980er-Jahren hat sich Singapurs Gesundheitswesen mehrfach neu geordnet, von staatlich geführten Einzeleinrichtungen über korporatisierte Träger und regionale Gesundheitssysteme bis zur heutigen Struktur seit 2017. Drei Cluster teilen sich seither die Versorgung, National University Health System, National Healthcare Group und SingHealth, jeweils zuständig für ein Drittel der Bevölkerung und dem Gesundheitsministerium über die Holdinggesellschaft MOH Holdings unterstellt.

SingHealth, der Cluster rund um das Singapore General Hospital, versorgt den Osten der Stadt. Innerhalb dieses Clusters übernehmen Polikliniken rund 20 Prozent der Patientenkontakte in der Primärversorgung, private Hausärztinnen, Hausärzte und Gruppenpraxen die restlichen 80 Prozent, bei den stationären Betten liegt das Verhältnis genau umgekehrt. Das Singapore General Hospital selbst zählt rund 2.000 Betten und mehr als 10.000 Beschäftigte, verteilt auf über 50 Fachrichtungen. Damit ist es das größte öffentliche Krankenhaus des Landes. Diese vergleichsweise zentral gesteuerte Cluster-Struktur schafft auch die kurzen Wege, auf die sich Innovationsprojekte wie die von Bernard Ng beschriebenen verlassen, wenn eine Idee schnell über mehrere Häuser des gleichen Clusters getestet werden soll.

Finanziert wird das System über ein Modell, das die Klinikleitung selbst als hybrid beschreibt. Steuerfinanzierte Zuschüsse bilden die erste Schicht, darunter folgen ein verpflichtendes Gesundheitssparsystem und eine Risikoausgleichsversicherung, ganz am Ende steht ein Sicherheitsnetz für alle, die trotzdem nicht zahlen können. Eigenverantwortung wird also nicht gegen Solidarität ausgespielt, sondern beides wird nebeneinander organisiert, mit spürbaren Folgen für die Ausgabenquote. Singapurs Gesundheitsausgaben liegen mit Prognosen um die sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts deutlich unter deutschen Werten von über zwölf Prozent.

Strategisch fasst das Haus seine Ausrichtung in drei Verschiebungen zusammen, weg von reiner Krankenversorgung hin zu Gesundheit insgesamt, weg vom Krankenhaus hin zur Versorgung in der Gemeinde, weg von reiner Qualität hin zu echtem Wert für Patientinnen und Patienten. Wer durch die Gesundheitscampus in Outram oder Novena läuft, sieht das nicht als Strategiefolie, sondern als gebaute Realität, Poliklinik, Apotheke, Präventionszentrum und Akutklinik liegen dort buchstäblich Tür an Tür.

Die Ärztin, die auch Chief Data Officer ist

Amanda Lam ist praktizierende Endokrinologin und gleichzeitig Chief Data and Digital Officer des Singapore General Hospital, verantwortlich für Daten-, Digital- und KI-Governance im ganzen Haus. Diese Doppelrolle ist für sie kein Widerspruch, sondern vielmehr die Voraussetzung für gute Entscheidungen. "Ich bin Endokrinologin, ich praktiziere noch immer, und meine zweite Funktion ist eben, dass ich Chief Data and Digital Officer bin", sagt sie und macht damit gleich zu Beginn klar, dass Technologieentscheidungen im Krankenhaus aus ihrer Sicht von Menschen getroffen werden sollten, die selbst noch am Patientenbett stehen.

Ihr Leitprinzip beim Einsatz von KI in der Klinik lautet nüchtern: Nicht die Technologie ist der Ausgangspunkt, sondern die Frage, was Patientinnen, Patienten und Personal wirklich brauchen. "Es geht immer darum, was wir tun müssen, um unseren Patientinnen und Patienten besser zu dienen, das ist unser Nordstern", sagt Lam. Erst danach kommt die Frage, welches digitale Werkzeug dabei hilft, und ob es überhaupt eines braucht. Manchmal, sagt sie, sei ein Problem gar kein KI-Thema, sondern ein Workflow-Problem, das sich auch ohne Software lösen ließe.

Am deutlichsten wird ihre Haltung, wenn sie über die Grenzen von KI-Werkzeugen spricht. Sie zieht dafür einen Vergleich, der jeder Ärztin und jedem Arzt sofort einleuchtet. "Kein diagnostischer Test ist perfekt. Wenn ich einen bestimmten Bluttest mache, muss ich wissen, wozu er dient, wann ich ihn nicht einsetzen sollte, wann ich ihm mehr vertrauen darf als anderen Tests oder meinem eigenen klinischen Urteil. Ich glaube, dieselben Prinzipien gelten für KI-Werkzeuge." Die klinische Letztverantwortung, betont sie, bleibt in jedem Fall bei der behandelnden Person. KI liefert bestenfalls ein weiteres Puzzleteil im Gesamtbild einer Patientin oder eines Patienten.

Diese Vorsicht bezieht sich auf ein Problem, das auch deutsche Fachkreise zunehmend diskutieren, Automation Bias. Lam beobachtet den Effekt bereits in der Radiologie und hält aktive Gegenmaßnahmen für nötig. "Man muss lernen, mit KI umzugehen, und gleichzeitig ist man immer noch Ärztin oder Arzt, man darf sich nicht vollständig darauf verlassen. Das ist ein schmaler Grat, dessen man sich ständig bewusst sein muss." Besonders wachsam ist sie deshalb bei der medizinischen Ausbildung. Digitale Kompetenz gehört inzwischen selbstverständlich in die Curricula der medizinischen Fakultäten Singapurs, dennoch soll klinisches Grundwissen immer zuerst vermittelt werden. Der Grund dafür trägt bei ihr einen eigenen Begriff, Never-Skilling. "Wir wollen nicht, dass Ärztinnen und Ärzte so abhängig von digitalen Werkzeugen oder KI werden, dass ihnen die medizinische Grundlage fehlt", sagt Lam.

Ganz praktisch wird ihre Haltung beim Thema Dokumentation, dem vermutlich unbeliebtesten Teil ärztlicher Arbeit überhaupt. SingHealth hat dafür ein eigenes Werkzeug namens Note Buddy entwickelt, einen KI-gestützten Zuhör-Assistenten, der Arztgespräche in vier Landessprachen sowie einem Dialekt automatisch dokumentiert. "Das hat enorm viel von dem gekostet, was wir Pyjama-Zeit nennen, also Dokumentationsarbeit nach Feierabend", sagt Lam. "Ich kann mich jetzt viel stärker auf das Gespräch konzentrieren, mit deutlich mehr Blickkontakt als früher." Wichtig sei dabei, dass niemand blind auf die Ausgabe vertraut, jede automatisch erstellte Notiz muss vor der Übernahme in die Akte gegengelesen werden. Ein Beispiel, das ihr besonders am Herzen liegt, ist ein Netzhaut-Screening-Werkzeug des Singapore National Eye Centre, das auffällige Aufnahmen automatisch aussortiert und nur Grenzfälle an menschliche Fachkräfte weiterleitet, ein Engpass, der laut Lam in fast jedem Gesundheitssystem existiert, weil es schlicht zu wenige Menschen gibt, die Netzhautscans befunden können.

Von der Idee zum Produkt, ohne die Klinik zu verlassen

Was Amanda Lam für die einzelne Ärztin oder den einzelnen Arzt im Sprechzimmer beschreibt, organisiert Bernard Ngs Team strukturell für das ganze Haus. Seine Abteilung, offiziell Innovation, Enterprise and Commercialisation, begleitet klinische Ideen von der ersten Skizze bis zum fertigen Produkt, mit klaren Etappen und einem gemeinsamen Vokabular für alle Beteiligten. Grundlage dafür ist ein sechsstufiger Prozess, angelehnt an das internationale Biodesign-Modell, der von der ersten Problemidentifikation über Konzeptentwicklung und Prototyping bis zu Marktzulassung und Integration in den Klinikalltag reicht.

Drei Wege führen laut Ng zu einer Innovation. Der erste sind hausgemachte Ideen von Klinikerinnen und Klinikern selbst, der zweite sind konkrete Bedarfe aus der Industrie, mit denen das Krankenhaus gemeinsam entwickelt, und der dritte ist der klassische Einkauf fertiger Lösungen, wenn eine Eigenentwicklung keinen Sinn ergibt. Für den ersten Weg gibt es finanzielle Starthilfe. "Wir vergeben sogenannte SGH Innovation Grants, um Ideen an den Start zu bringen, zwischen 30.000 und 50.000 Singapur-Dollar. Wenn ein Projekt damit erfolgreich ist, helfen wir bei der Beantragung weiterer, größerer Fördermittel", erklärt Ng. Das Krankenhaus arbeitet dafür eng mit externen Partnern zusammen, von etablierten Pharma- und Medizintechnikkonzernen wie Roche, Novartis, Philips, Siemens oder Novo Nordisk bis zu staatlichen Innovationsagenturen und Wagniskapitalgebern.

Der eigentliche Kern seiner Argumentation ist aber keine Zahl, sondern eine Haltung zur Personalpolitik. Innovation, sagt Ng, sei gezielte Bindung von Talenten. Ohne diese Struktur würden ambitionierte Klinikerinnen und Kliniker das System verlassen, um ihre Ideen woanders umzusetzen, oft in eigenen Unternehmen. Genau das will das Haus verhindern, aus einem einfachen Kalkül heraus. Die Ausbildung einer Ärztin oder eines Arztes ist teuer und wird in Singapur wie in Deutschland zu großen Teilen staatlich subventioniert. Wer das System verlässt, nimmt diese Investition mit, ohne dass die Allgemeinheit je etwas davon zurückbekommt.

Die deutsche Debatte um Ärztemangel und Abwanderung dreht sich fast ausschließlich um Arbeitsverdichtung, Bürokratie und Bezahlung, alles berechtigte Themen. Auch Singapur arbeitet daran, etwa mit Werkzeugen wie Note Buddy, die genau die Dokumentationslast senken, über die sich deutsche Klinikerinnen und Kliniker am häufigsten beklagen. Seltener gestellt wird die Frage, ob es im eigenen Haus überhaupt einen Ort für die eigene Idee gibt, oder ob wer etwas verändern will, die Klinik dafür verlassen muss.

Eine einfache Antwort liefert das SGH-Beispiel darauf nicht, wohl aber einen Ansatzpunkt, der in der deutschen Debatte bislang kaum vorkommt, Innovation als Teil des Berufsbilds zu behandeln, nicht als Feierabendprojekt und nicht als Kündigungsgrund. Genau das ist Bernard Ngs eigentliche Botschaft, auch wenn sie selten so direkt ausgesprochen wird. Bindung entsteht nicht durch Appelle an die Loyalität, sondern durch die Möglichkeit, im eigenen Haus tatsächlich etwas zu bewegen.

FAQ: Innovation im Krankenhaus – was können deutsche Kliniken von Singapur lernen?

1. Warum gilt das Singapore General Hospital als besonders innovativ?

Das Singapore General Hospital (SGH) versteht Innovation als festen Bestandteil seiner Personalstrategie. Ärztinnen und Ärzte mit eigenen Ideen erhalten finanzielle Anschubförderung, Unterstützung durch interdisziplinäre Teams und einen strukturierten Entwicklungsprozess bis zur praktischen Anwendung. Ziel ist es, Innovationen innerhalb der Klinik entstehen zu lassen und innovative Fachkräfte langfristig an das Krankenhaus zu binden.

2. Wie unterstützt das Singapore General Hospital Ärztinnen und Ärzte bei Innovationen?

Über sogenannte Innovation Grants stellt das Krankenhaus zunächst 30.000 bis 50.000 Singapur-Dollar für neue Projekte bereit. Zusätzlich begleiten Expertinnen und Experten aus Medizin, Technik, Patentrecht und Wirtschaft die Entwicklung. Erfolgreiche Projekte können anschließend weitere Fördermittel erhalten oder gemeinsam mit Industriepartnern weiterentwickelt werden.

3. Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz im Klinikalltag in Singapur?

KI wird am Singapore General Hospital als Werkzeug verstanden – nicht als Ersatz für ärztliche Entscheidungen. Anwendungen unterstützen beispielsweise bei der medizinischen Dokumentation oder beim Screening von Netzhautaufnahmen. Die klinische Verantwortung bleibt jedoch immer bei der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt. Gleichzeitig werden Mitarbeitende gezielt im sicheren Umgang mit KI geschult.

4. Warum verlassen innovative Ärztinnen und Ärzte häufig Krankenhäuser?

Viele Kliniker entwickeln Ideen für neue Produkte oder digitale Lösungen, finden dafür im Klinikalltag jedoch weder Zeit noch geeignete Strukturen. Häufig wechseln sie deshalb in Start-ups oder die Industrie. Das Singapore General Hospital versucht genau diese Abwanderung zu verhindern, indem Innovation ausdrücklich als Teil der ärztlichen Tätigkeit gefördert wird.

5. Wie unterscheidet sich das Gesundheitssystem Singapurs vom deutschen?
Singapurs Gesundheitswesen ist deutlich zentraler organisiert. Drei große Versorgungscluster koordinieren Krankenhäuser, Polikliniken und Spezialzentren innerhalb ihrer Regionen. Finanziert wird das System über eine Kombination aus staatlichen Zuschüssen, verpflichtenden Gesundheitssparkonten, Versicherungen und einem sozialen Sicherheitsnetz. Diese Struktur erleichtert es, Innovationen innerhalb eines Clusters schneller umzusetzen.

6. Was können deutsche Krankenhäuser vom Singapore General Hospital lernen?

Das Beispiel des Singapore General Hospital zeigt, dass Innovation nicht nur die Patientenversorgung verbessern kann, sondern auch ein Instrument der Mitarbeiterbindung ist. Wer engagierten Ärztinnen und Ärzten Zeit, Finanzierung und professionelle Unterstützung für neue Ideen bietet, erhöht die Chancen, innovative Talente langfristig im Krankenhaus zu halten, statt sie an andere Branchen zu verlieren.

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