So arbeiten genossenschaftlich geführte MVZ

28 Juni, 2023 - 07:30
Miriam Mirza
Arzt und Ärztin, Zusammenarbeit im Team

Die medizinische Versorgung auf dem Land ist vielerorts gefährdet. Ein großes Problem dabei ist, dem medizinischen Nachwuchs die Arbeit in ländlichen Regionen schmackhaft zu machen. Die junge Generation scheut oft das finanzielle Risiko, sich selbständig zu machen und etwa ein MVZ zu gründen. Um jungen Medizinerinnen und Medizinern diese Sorge abzunehmen, springen inzwischen immer mehr Kommunen und Ärztenetze ein und gründen oder beteiligen sich an genossenschaftlichen MVZ.

Da, wo die medizinische Versorgung nicht mehr oder nur noch schwer gewährleistet werden kann, blühen neue Versorgungsformen. Ein Beispiel: „Campus GO – smarte Gesundheitsregion bayerischer Odenwald“ ist eine Genossenschaft, die von neun Kommunen und einem Hausarzt gegründet wurde und als Betreiberin eines Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) fungiert. In der Region sah es zuvor düster aus: Es gab kein regionales Ärztenetz und das ansässige Krankenhaus hatte große Vertrauensprobleme in der Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, was sich negativ auf die medizinische Versorgung zwischen den Sektorengrenzen ausgewirkt hat.

Attraktive Arbeitsbedingungen für Medizinerinnen und Mediziner

Die MVZ-Gründung hat die Gesundheitsversorgung nun gesichert und neue, attraktivere Anstellungsoptionen für Medizinerinnen und Mediziner geschaffen. Diese können sich beispielsweise für unterschiedliche Anstellungsoptionen (auch in Teilzeit) entscheiden. Im MVZ wird die Digitalisierung gezielt genutzt, um die Ärztinnen und Ärzte von bürokratischer Arbeit zu entlasten. Außerdem haben diese durch die Arbeit in einem Ärzteteam die Möglichkeit, sich mit Kolleginnen und Kollegen fachlich austauschen zu können. Das Modell ist auch für Niedergelassene interessant, die eine Nachfolgelösung für ihre Praxis suchen. Nicht zuletzt schafft es für das Assistenzpersonal einer Praxis neue Entwicklungsperspektiven.

Zwar wurde das Genossenschaftsmodell primär für den hausärztlichen Bereich entwickelt, es schließt jedoch die mögliche Beteiligung anderer Facharztgruppen oder kommunaler Krankenhäuser nicht aus. Ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Gründung war eine moderne IT. Inzwischen hat das MVZ einen Förderbescheid des Landes Bayern für das Projekt „IT und TI für das hausärztliche MVZ“ des Campus GO erhalten.

Ebenfalls genossenschaftlich organisiert ist das Gesundheitsnetz Genial eG. Hierbei handelt es sich um einen Zusammenschluss von Haus- und Fachärzten in Lingen und Umgebung. Auf Basis eines netzinternen Qualitätsmanagements bilden die Praxen ein einheitliches System, in dessen Rahmen Patientinnen und Patienten behandelt werden. Im ‚Heimarztmodell‘ der Genial eG fungiert der ‚Heimarzt‘ als Bindeglied zwischen Heim und Praxen und ermöglicht eine reibungslose Kommunikation. Der „Genial-Lotse“ steht arbeitsunfähigen Patienten zur Seite und hilft ihnen, belastende Lebensumstände zu verändern. Er steht dabei in engem Kontakt mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten und informiert diese über den Verlauf der Begleitung und den gewählten Lösungsweg. Das Netz hat sich inzwischen zu einem Kompetenzzentrum für Gesundheitsfragen in der Region entwickelt.

29.05.2024, Center da sandà Engiadina Bassa (CSEB) / Gesundheitszentrum Unterengadin
Scuol
28.05.2024, Gemeinschaftspraxis für Radiologie und Nuklearmedizin
Saarbrücken

Rechtliche Rahmenbedingungen und Vorteile eines genossenschaftlichen MVZ

Die genossenschaftliche MVZ-Gründung wird durch § 95 Abs. 1 Satz 3 SGB V gestattet. Demnach ist die Gründung von MVZ nicht nur als Personengesellschaft oder GmbH, sondern auch in der Rechtsform einer Genossenschaft möglich.

Die meisten MVZ werden in Form einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) gegründet. Doch eine Genossenschaft hat auch ihre Vorteile, denn dabei handelt es sich um eine langfristig angelegte, stabile Kooperationsform mit klaren Strukturen (es gibt einen Vorstand sowie einen Aufsichtsrat). Im Gegensatz zur GbR liegt bei einer eG eine begrenzte Haftung vor und sollte einzelne Mitglieder der Genossenschaft ausscheiden, besteht diese als juristische Person weiter fort. In der praktischen Umsetzung können die Mitarbeitenden des MVZ (möglicherweise nach einer Probezeit) einen Genossenschaftsanteil zu erwerben. Dieser gibt ihnen das Recht, sich an unternehmerischen Entscheidungen des MVZ zu beteiligen. Sollten sich die Mitarbeitenden entscheiden, nicht mehr für das MVZ tätig zu sein, geben diese den Genossenschaftsanteil an die Genossenschaft zurück.

Grundsätzlich sind in Bezug auf ein genossenschaftliches MVZ verschiedene Geschäftsmodelle möglich: So können Vertragsärztinnen und -ärzte als Mitglieder einer „MVZ-eG“ freiberuflich arbeiten und ihre persönliche Zulassung behalten. Eine andere Variante sieht vor, dass die Ärztinnen und Ärzte auf ihre Zulassung verzichten und sich beim MVZ anstellen lassen.

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