Wenn Akut und Reha eins werden: Warum integrierte Geriatrie die Versorgung verändert

24 November, 2025 - 07:24
Miriam Mirza
Gebäudebild Rhein-Maas-Klinikum

Akutmedizin und Rehabilitation gelten oft als getrennte Welten. Im Rhein-Maas Klinikum in Würselen sind sie vereint, und das mit Erfolg. Das geriatrische Konzept des Hauses zeigt, dass Heilung kein abgeschlossener Prozess ist, sondern eine Kette, in der Medizin, Pflege und Therapie nahtlos ineinandergreifen. Was medizinisch sinnvoll ist, entlastet zugleich ein überfordertes System.

Das Alter als Spiegel der Medizin

Lange galt die Geriatrie als wenig glamouröses Fachgebiet. „Früher wurde das Thema auf Kongressen oft belächelt“, sagt Dirk Offermann, Geschäftsführer des Rhein-Maas Klinikums. „Der kümmert sich um die Alten – das war so das Image. Dabei betrifft es uns alle.“

Die Realität hat das Gesundheitswesen längst eingeholt. Immer mehr Menschen werden sehr alt, leben mit mehreren chronischen Erkrankungen und sind auf koordinierte Versorgung angewiesen. Klassische Fachabteilungen stoßen dabei an ihre Grenzen. „Unsere Patientinnen und Patienten kommen nicht, weil sie alt sind“, so Offermann. „Sie kommen wegen eines Herzinfarkts, einer Krebserkrankung oder eines Sturzes. Aber das Akutereignis reißt sie aus ihrem Leben. Dann geht es nicht nur darum, das Herz zu reparieren, sondern die Eigenständigkeit zurückzugeben.“

Rund 80 Prozent der Patientinnen und Patienten, die im Rhein-Maas Klinikum behandelt wurden, kehren nach der Behandlung in ihr gewohntes Umfeld zurück. Das ist ein Wert, der deutlich über dem Durchschnitt liegt.

Eine neue ärztliche Denkweise

Das Geheimnis des Erfolgs liegt in der Verbindung von Akut- und Rehabilitationsmedizin. „Wenn der Herzinfarktpatient nach der Akutbehandlung sofort in die geriatrische Weiterbehandlung überführt wird, hat er bessere Chancen, wieder auf die Beine zu kommen“, sagt Offermann.

Für Dr. Farahnaz Haddadi, Chefärztin der Klinik für Akutgeriatrie und geriatrische Rehabilitation, ist das mehr als nur eine organisatorische Lösung. „Die Geriatrie ist kein Fach für Alte, sondern für Komplexität. Wir denken nicht in Einzeldiagnosen, sondern im Zusammenhang. Ein Patient oder eine Patientin kommt mit einem Problem, hat aber meist fünf weitere.“ Sie beschreibt die oft gemachte Erfahrung, dass ältere Menschen, wenn sie einmal ins Krankenhaus gekommen sind, häufig nicht wieder auf die Beine kommen und sich eine lange Kaskade von immer wiederkehrenden Hospitalisierungen anschließt. Um das zu verhindern, ist die Geriatrie ein entscheidender Faktor.

Neben dem Ankerpunkt, an dem Patientinnen und Patienten im besten Fall in die Lage versetzt werden, wieder in ein möglichst selbständiges Leben entlassen zu werden, markiert die Geriatrie einen Ort, an dem sich das ärztliche Denken verändert. „Wir wollen verhindern, dass Menschen nach einem Krankenhausaufenthalt pflegebedürftig werden“, sagt Haddadi. „Das ist Prävention im besten medizinischen, sozialen und ökonomischen Sinn.“

Die Arbeit ihrer Kolleginnen und Kollegen erfordert ein breites Wissen und die Bereitschaft, über Fachgrenzen hinweg zu denken. Internistische, neurologische, kardiologische, pneumologische Fachabteilungen sowie Therapeutinnen und Therapeuten arbeiten eng zusammen. „Wir stabilisieren nicht nur die Knochen, sondern auch Herz, Lunge und Kreislauf“, erklärt Haddadi. „Wenn jemand stürzt, klären wir nicht nur den Bruch, sondern auch die Ursachen – Schwindel, Herzrhythmusstörungen, Parkinson. Nur so können wir verhindern, dass er bald wiederkommt.“

Ärztliche Arbeit im Team

Auch die Arbeit im Klinikalltag unterscheidet sich deutlich von klassischen Krankenhausstrukturen. „Eine Trennung von Arzt und Pflegekraft gibt es bei uns nicht“, sagt Babett Errens, pflegerische Teamleitung der Geriatrie. „Bei uns wird gemeinsam entschieden, gemeinsam gearbeitet, gemeinsam gelacht.“

Ärztinnen, Ärzte, Pflegekräfte, Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten, Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten sowie Logopädinnen und Logopäden begegnen sich auf Augenhöhe. Die wöchentlichen interdisziplinären Fallbesprechungen sind gelebte Routine. „Wenn die Pflegekräfte und die Ärztinnen und Ärzte denselben Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten haben, entsteht Sicherheit – für uns und für die Angehörigen“, so Errens. Das stärkt nicht nur die Qualität der Behandlung, sondern auch das Vertrauen im Team.

Für junge Ärztinnen und Ärzte ist dieses Miteinander attraktiv. Sie erleben, dass klinische Verantwortung geteilt und Kommunikation geschätzt wird. „Viele kommen aus der Inneren Medizin oder der Neurologie und bleiben, weil sie merken, wie sinnstiftend diese Arbeit ist“, sagt Haddadi. „Sie lernen hier, den ganzen Menschen zu sehen, und zwar körperlich, psychisch und sozial.“

Ausbildung mit Haltung

Die Klinik hat den Wert guter Ausbildung frühzeitig erkannt und investiert gezielt darin. „Wir waren früh dabei, Auszubildende gezielt für die Geriatrie zu gewinnen“, sagt Errens. „Wir zeigen ihnen, dass es hier nicht nur um Pflege geht, sondern um Verantwortung, um Teamgeist, um echte Medizin.“

Auch auf ärztlicher Seite wächst das Interesse. „Früher galt die Geriatrie als Endstation, heute wird sie als Schnittstelle verstanden“, sagt Haddadi. „Gerade jüngere Kolleginnen und Kollegen sehen, dass man hier interdisziplinär und ganzheitlich arbeiten kann. Sie wollen nicht nur Organe behandeln, sondern Menschen in ihrer Gesamtheit verstehen.“

Assistenzärztinnen und -ärzte profitieren von der Vielseitigkeit. „Bei uns lernen sie innerhalb weniger Monate mehr über Herz, Lunge, Neurologie und Schmerztherapie als in manch anderer Fachabteilung“, so die Ärztin. „Diese Breite ist eine enorme Bereicherung, und zwar auch für diejenigen, die später in die Allgemeinmedizin gehen.“ Damit spricht Haddadi einen wichtigen Punkt an: Viele junge Ärztinnen und Ärzte werden in Zukunft Teil der ambulanten Versorgung sein. Es ist eine wichtige Aufgabe, künftige Generationen von Medizinerinnen und Medizinern auf diese Patientengruppe vorzubereiten.

Kooperationen als Zukunftsmodell

Die geriatrische Expertise bleibt nicht auf das eigene Haus beschränkt. Immer häufiger fragen Kliniken aus der Region an, ob gemeinsame Modelle möglich sind. „Wir schicken dann jemand aus der Abteilung, der sich die Patientinnen und Patienten ansieht und gemeinsam mit dem Team entscheidet, ob eine Übernahme sinnvoll ist“, so Offermann.

Für ihn ist das ein Weg in die Zukunft. „Das System wird dadurch nicht teurer. Die Fallpauschalen ergänzen sich, aber die Qualität steigt. Die Patientinnen und Patienten werden schneller gesund und müssen seltener erneut ins Krankenhaus.“

Fazit

Das Modell des Rhein-Maas Klinikums steht für eine neue Form ärztlicher Versorgung – eine, die den Menschen nicht als Summe einzelner Diagnosen sieht, sondern als Ganzes. Es geht um Verstehen statt Verwalten, um Begleiten statt nur Behandeln.

„Man kann den Alterungsprozess nicht aufhalten“, sagt Haddadi, „aber man kann besser und gesünder alt werden. Unser Ziel ist, dass Menschen nach einer Krise wieder in ihr Leben zurückfinden.“ Die Geriatrie, einst als unscheinbares Fach belächelt, entwickelt sich gerade zu einem zentralen Ort der Zukunftsmedizin.
 

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