
Patientinnen und Patienten recherchieren ihre Symptome längst nicht mehr nur bei Google. Sie diskutieren mit KI-Systemen über Beschwerden, erörtern mögliche Diagnosen und Therapien und bringen die Ergebnisse mit in die Sprechstunde. Für Dr. Alexandra Widmer verändert das die Rolle von Ärztinnen und Ärzten grundlegend. Im Interview spricht die Neurologin und Psychotherapeutin darüber, warum medizinisches Wissen allein künftig weniger entscheidend sein könnte. Sie rät Ärztinnen und Ärzten, ihre Patientinnen und Patienten nach deren KI-Nutzung zu fragen und hält es für möglich, dass ausgerechnet die Künstliche Intelligenz dem Arzt-Patienten-Gespräch zu einer Renaissance verhelfen könnte.
Dr. Alexandra Widmer ist Fachärztin für Neurologie und Psychotherapie und beschäftigt sich seit Jahren mit digitaler Medizin. Sie arbeitet in der ambulanten Versorgung und hat mit docsdigital eine Plattform aufgebaut, die sich mit digitalen Anwendungen und KI im Gesundheitswesen beschäftigt. Dabei interessiert sie besonders, was die Technologie mit dem Arzt-Patienten-Verhältnis macht.
Einen Vorgeschmack darauf bekommt sie längst im eigenen Arbeitsalltag. Sie erlebt, dass Patientinnen und Patienten mehrseitige KI-Chats mit in die Sprechstunde mitbringen und mit ihr Diagnosen diskutieren, die ein Chatbot vorgeschlagen hat. Viele haben durch diese Vorgehensweise bereits konkrete Vorstellungen von ihrer Therapie. Für Widmer ist deshalb klar: Ärztinnen und Ärzte müssen sich einerseits neues technologisches Wissen aneignen und andererseits neu bestimmen, worin ihre eigene Kompetenz besteht.
Der entscheidende Moment
Frau Dr. Widmer, Sie sprechen von einem Patienten, der für Sie zu einem Schlüsselmoment im Umgang mit KI wurde. Was ist passiert?
Dr. Alexandra Widmer: Dieser Schlüsselmoment war vor etwa einem Jahr. Ein Patient kam zu mir und hatte mithilfe einer KI bereits eine komplette Diagnostik und einen Therapievorschlag erarbeitet. Eigentlich wollte er von mir nur noch das Go, dass ich das so abnicke. In diesem Moment wurde mir klar, dass wir in einem neuen Zeitalter angekommen sind. Wenn Patientinnen und Patienten mit einer KI bereits Diagnosen und Therapieoptionen erarbeiten, verändert das die Rollen im Sprechzimmer und damit auch die Arzt-Patienten-Beziehung grundlegend. Diese Entwicklung wird nicht wieder verschwinden.
Gab es auch Situationen, in denen eine KI etwas gesehen hat, das Sie selbst zunächst übersehen hatten?
Dr. Alexandra Widmer: Ja, solche Momente gab es tatsächlich schon. Patientinnen und Patienten haben mir mehrere Seiten mit ihren KI-Gesprächen vorgelegt, in denen Diagnosen auftauchten, die ich bis dahin nicht in Betracht gezogen hatte. Das lag auch daran, dass sich diese Patientinnen und Patienten teilweise über Tage hinweg sehr ausführlich mit der KI über ihr Leben und ihre Symptome unterhalten hatten. Themen, die dabei zur Sprache kamen, waren in unseren bisherigen Gesprächen teilweise gar nicht im Fokus gewesen oder von mir zunächst als klinisch nicht relevant eingeschätzt worden. Das heißt nicht automatisch, dass die Diagnose der KI richtig war. Aber sie hat Aspekte sichtbar gemacht, die ich anschließend noch einmal anders hinterfragt und klinisch eingeordnet habe.
Wissen allein macht noch keine gute Medizin
Was macht eine gute Ärztin oder einen guten Arzt heute noch aus, wenn medizinisches Wissen jederzeit verfügbar ist?
Dr. Alexandra Widmer: Die Frage impliziert ein Stück weit, dass es in der Arzt-Patienten-Beziehung vor allem um Wissen geht. Natürlich ist medizinisches Wissen ein wichtiger Teil ärztlicher Kompetenz, aber eben nur ein Teil. Ich glaube, dass Ärzte künftig noch stärker zu Übersetzern zwischen der technologischen Welt und dem Menschen werden. Wir müssen Informationen einordnen, ihre Relevanz für den einzelnen Patienten bewerten und auch vermitteln, wo Unsicherheit besteht. Gerade in dieser enormen Informationsflut brauchen Patienten Orientierung, Vertrauen und jemanden, der Verantwortung übernimmt. Denn nur weil Wissen jederzeit verfügbar ist, heißt das noch lange nicht, dass es richtig ist oder für diesen einen Menschen auch die richtige Entscheidung daraus folgt.
Welche Patientinnen und Patienten profitieren besonders von KI?
Dr. Alexandra Widmer: Besonders profitieren können Patienten, die KI nutzen, um sich zu informieren, ihre Erkrankung besser zu verstehen oder sich auf ein Arztgespräch vorzubereiten. Das kann eine Behandlung sogar erleichtern, weil Patienten informierter in die Sprechstunde kommen und gezielter Fragen stellen können. Problematisch kann es bei Menschen werden, die beispielsweise ausgeprägte Krankheitsängste haben und sich durch immer neue Fragen an die KI zunehmend in diese Ängste hineinsteigern.
Wir wissen gleichzeitig, dass die Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung insgesamt nicht besonders hoch ist. Deshalb kommt neben der Gesundheitskompetenz inzwischen eine weitere Fähigkeit hinzu, nämlich KI-Kompetenz. Es reicht nicht, eine Frage einzugeben und davon auszugehen, dass die Antwort richtig ist. Die entscheidende Frage wird deshalb sein, ob Patientinnen und Patienten einschätzen können, wofür sie KI sinnvoll nutzen können, wo ihre Grenzen liegen und wann eine ärztliche Einordnung notwendig ist. Genau diese Kompetenz müssen wir aus meiner Sicht künftig viel stärker vermitteln.
Wenn der Chatbot zum Sicherheitsanker wird
Gab es schon einen Fall, bei dem Sie sich gewünscht hätten, eine Patientin, ein Patient hätte die KI besser nicht gefragt?
Dr. Alexandra Widmer: Ja, einen solchen Fall habe ich erlebt. Eine Patientin hatte nach einer Trennung mit einer KI über ihren starken Trennungsschmerz gesprochen und bekam die Empfehlung, dagegen Ibuprofen einzunehmen. Dafür gibt es in dieser Situation keine medizinisch sinnvolle Indikation. Die Patientin begann trotzdem, Ibuprofen einzunehmen, und entwickelte darunter erhebliche Magenschmerzen. Gleichzeitig wurde das Medikament für sie zu einer Art Sicherheitsanker im Umgang mit ihrem emotionalen Schmerz.
Dieser Fall hat mir sehr deutlich gezeigt, dass KI nicht nur falsche oder medizinisch nicht sinnvolle Empfehlungen geben kann. Solche Empfehlungen können auch das Verhalten eines Menschen beeinflussen und dadurch ganz reale gesundheitliche Folgen haben.
Sie haben aber auch erlebt, dass KI die Beziehung zwischen Arzt und Patient verbessern kann. Wie?
Dr. Alexandra Widmer: Ich erlebe immer wieder, dass Patientinnen und Patienten zunächst sehr vorsichtig erzählen, dass sie eine KI zu ihren Beschwerden befragt haben. Wenn ich das von mir aus anspreche und deutlich mache, dass das für mich völlig in Ordnung ist, entsteht häufig eine spürbare Entspannung. Eine Art KI-Shaming fällt weg und wir können offen darüber sprechen, was die KI gesagt hat und wie das medizinisch einzuordnen ist. Damit wird dieses dritte Element, das längst mit im Raum ist, bewusst in die Behandlung einbezogen.
Manchmal nutze ich KI auch gemeinsam mit meinen Patientinnen und Patienten, zum Beispiel bei Fragen, bei denen ich selbst an die Grenzen meines Wissens komme, etwa bei bestimmten arbeitsrechtlichen oder sozialmedizinischen Themen. Dann suchen wir gemeinsam nach Informationen und bewerten sie anschließend. Ich erlebe, dass das das therapeutische Bündnis sogar stärken kann. Denn ich muss als Ärztin nicht vorgeben, auf jede Frage sofort eine Antwort zu haben. Entscheidend ist, gemeinsam zu einer guten und verlässlichen Einordnung zu kommen.
Eine Renaissance für das Arzt-Patienten-Gespräch?
Machen die Entwicklungen Ärztinnen und Ärzten Angst?
Dr. Alexandra Widmer: Ich würde es weniger als Angst bezeichnen, eher als Respekt vor einer Entwicklung, deren Auswirkungen wir heute noch nicht vollständig absehen können. Wie in vielen anderen Berufen stellt sich auch für uns Ärzte die Frage, wie sich unsere Rolle durch KI verändern wird. Für mich ist klar, dass sich der ärztliche Beruf mit den Möglichkeiten dieser Technologie weiterentwickeln wird.
Ich sehe darin auch eine große Chance. Wenn KI bestimmte Aufgaben besser oder schneller übernehmen kann, können wir uns stärker auf das konzentrieren, was Medizin ebenfalls ausmacht und was sich nicht einfach automatisieren lässt: Beziehung, Empathie, Vertrauen, Einordnung und das Übernehmen von Verantwortung. Meine These ist sogar, dass die Mensch-zu-Mensch-Interaktion und insbesondere das Arzt-Patienten-Gespräch durch KI eine Renaissance erfahren werden. Gerade weil Wissen immer leichter verfügbar und bestimmte medizinische Leistungen zunehmend technologisch unterstützt werden, bekommt die persönliche Begegnung einen neuen Wert.
Das würde die Bedeutung des ärztlichen Gesprächs verändern.
Dr. Alexandra Widmer: Ja, das wäre eine Aufwertung des Gesprächs, nachdem wir in den vergangenen 20 oder 30 Jahren eher erlebt haben, dass dafür im medizinischen Alltag immer weniger Zeit und Raum geblieben ist. Dafür müssen wir uns aktiv mit KI auseinandersetzen und eine möglichst hohe Kompetenz im Umgang damit entwickeln. Im besten Fall werden wir dadurch technologisch kompetenter und können gleichzeitig das stärken, was die persönliche Begegnung zwischen Arzt und Patient ausmacht.
Die Frage, die in jede Sprechstunde gehört
Wenn Sie eine einzige Gewohnheit in deutschen Arztpraxen ändern könnten, welche wäre das?
Dr. Alexandra Widmer: Bezogen auf KI würde ich mir wünschen, dass Ärztinnen und Ärzte ihre Patientinnen und Patienten ganz selbstverständlich fragen, ob und wie sie sich vor dem Termin mit KI informiert oder vorbereitet haben. Mich interessiert, wo der Patient in seinem eigenen Prozess gerade steht, welche Informationen er bereits hat und mit welcher Erwartung er in die Sprechstunde kommt. Diese Frage wird aus meiner Sicht noch viel zu selten gestellt. Manchmal vielleicht auch aus der Sorge heraus, damit eine Diskussion zu eröffnen, für die im eng getakteten Praxisalltag eigentlich keine Zeit ist. Ich glaube aber, dass das Nichtsprechen darüber langfristig das größere Problem ist.
Wenn Patienten KI längst selbstverständlich nutzen und wir Ärzte diesen Teil bewusst aus dem Sprechzimmer heraushalten, riskieren wir eine zunehmende Entfremdung in der Arzt-Patienten-Beziehung. Und ich bezweifle sehr, dass wir das wollen.
Wo sollten sich Ärztinnen und Ärzte stärker in die Entwicklung einbringen?
Dr. Alexandra Widmer: Ich glaube, wir müssen viel offener über die Schatten-KI sprechen, die längst an vielen Stellen im Gesundheitswesen genutzt wird, teilweise ohne klare Regeln und ohne dass offen darüber gesprochen wird. Diese Nutzung findet statt, unabhängig davon, ob wir Ärztinnen und Ärzte uns damit beschäftigen oder nicht. Gleichzeitig sollten wir uns stärker damit auseinandersetzen, was ärztliche Kompetenz in einer Zeit bedeutet, in der Wissen jederzeit verfügbar ist. Dazu gehört für mich auch, sagen zu können, dass ich mit meinem eigenen Wissen an eine Grenze komme, ohne mich deshalb als weniger kompetente Ärztin zu erleben. Wir brauchen ein stärkeres Bewusstsein dafür, welche Rollen wir neben der des reinen Wissensexperten haben.
Und vor allem wünsche ich mir, dass KI in Studium, Weiterbildung und ärztlicher Fortbildung endlich die Priorität bekommt, die ihrer Bedeutung entspricht. KI ist kein Randthema und auch kein Thema, mit dem wir uns irgendwann beschäftigen können. Sie gehört ganz oben auf die Agenda. Denn wenn wir Ärztinnen und Ärzte uns jetzt nicht aktiv einbringen und mitgestalten, wie KI in der Medizin eingesetzt wird, werden andere unseren ärztlichen Beruf der Zukunft gestalten. Und genau das sollten wir nicht zulassen.



