Zusatz-Weiterbildung Schlafmedizin: Dauer, Inhalte, Voraussetzungen

21 Dezember, 2021 - 12:52
Stefanie Hanke
Junge Frau im Schlaflabor

Mehr als 1.300 Ärztinnen und Ärzte in Deutschland tragen die Zusatzbezeichnung "Schlafmedizin". Sie arbeiten beispielsweise in Schlaflaboren. Wie die Zusatz-Weiterbildung abläuft und welche Voraussetzungen es dafür gibt, erfahren Sie im Beitrag.

Auf einen Blick: Zusatz-Weiterbildung Schlafmedizin

  • Definition: Die Schlafmedizin beschäftigt sich mit der Diagnose, Klassifikation und Therapie von Störungen der Schlaf-Wach-Regulation sowie mit schlafbezogenen Störungen.
  • Voraussetzungen: Facharzt-Anerkennung für Allgemeinmedizin, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Innere Medizin, Innere Medizin und Kardiologie, Innere Medizin und Pneumologie, Kinder- und Jugendmedizin, Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie, Neurologie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie oder Psychiatrie und Psychotherapie
  • Dauer: 18 Monate bei einem Weiterbildungsbefugten für Schlafmedizin im Schlaflabor. Davon können 6 Monate schon während der Facharzt-Weiterbildung abgeleistet werden.
  • Anzahl der Ärzte: In Deutschland sind 1.398 Ärztinnen und Ärzte mit der Zusatzbezeichnung "Schlafmedizin" bei den Kammern registriert (2021).

Guter Schlaf hat viel mit Lebensqualität und Wohlbefinden zu tun: Rund ein Drittel unserer Lebenszeit verbringen wir schlafend. Klappt das nicht, leiden auch schnell die Gesundheit und die Konzentration. Schon nach einer schlaflosen Nacht lässt die Leistungsfähigkeit spürbar nach, und auch das Immunsystem funktioniert besser, wenn Körper und Geist regelmäßig zur Ruhe kommen.

Allerdings: Schlafprobleme sind weit verbreitet. Etwa jeder Zehnte leidet an chronischer Ein- und Durchschlafstörung (Insomnie), bei fast jedem Zweiten ist der natürliche Schlaf-Wach-Rhythmus zumindest zeitweise durch Schichtarbeit oder langes Wachbleiben (beispielsweise an Party-Wochenenden) gestört. Erste Anlaufstelle für Schlafstörungen ist der Hausarzt – die Symptome lassen sich beispielsweise durch Änderungen der Lebensgewohnheiten lindern. Gelingt das nicht, kann eine Überweisung in ein Schlaflabor helfen.

Diagnose im Schlaflabor: Die Polysomnographie

Spezialisierte Schlafmediziner und Schlafmedizinerinnen kommen dann ins Spiel, wenn die Diagnose beispielsweise auf körperliche Ursachen für die Schlafstörung hinweist. Das kann beispielsweise ein Schlafapnoe-Syndrom oder Restless-Legs-Syndrom sein. Das übliche diagnostische Verfahren ist dabei die Polysomnographie, bei der im Schlaflabor unterschiedliche Körperfunktionen der schlafenden Patientinnen und Patienten überwacht werden.

Im Schlaflabor werden dabei mit Hilfe von Sensoren viele verschiedene Messwerte aufgezeichnet: beispielsweise EEG und EKG, die Körpertemperatur, die Augenbewegungen, der Sauerstoffgehalt des Blutes, der Atemfluss und die Bewegungen des Körpers. Außerdem kommen auch Mikrofone und Infrarot-Kameras zum Einsatz. Auf der Grundlage der so erhobenen Werte können die Ärztinnen und Ärzte dann eine genauere Diagnose stellen und eine passende Therapie einleiten.

Vielfältige Schlaf-Wach-Störungen

Zu den Schlaf-Wach-Störungen zählen:

  • Insomnien: Ein-, Durchschlafstörungen oder Früherwachen
  • Hypersomnie: Schläfrigkeit, obwohl der Patient eine Hauptschlafphase von mindestens sieben Stunden hat
  • Narkolepsie: Plötzliche Schlafanfälle
  • Schlafapnoesyndrom: Schlafbezogene Atmungsstörungen
  • Parasomnien: Schlafwandeln, plötzliches Aufwachen mit Schreien, Albträume
  • Schlafbezogene Bewegungsstörungen: Bewegungsdrang der Beine in Ruhe, der das Einschlafen erschwert (RLS)
  • Zirkadiane Schlaf-Wach-Rhythmusstörung: Der
    innere Rhythmus ist nicht an den Tag-Nacht-Rhythmus der Erde angepasst:
    beispielsweise bei Jetlag oder Schlafstörungen bei Schichtarbeit

Insgesamt gibt es in Deutschland mehr als 300 von der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) zertifizierte Schlaflabore. Wer sich für die Zusatz-Weiterbildung "Schlafmedizin" interessiert, kann hier seine Weiterbildungszeit absolvieren. Voraussetzung dafür ist eine Facharzt-Anerkennung. Da das Thema Schlaf in vielen medizinischen Fachrichtungen eine Rolle spielt, kommen verschiedene Disziplinen in Frage.

Schlafmedizin: Zusatzqualifikation für viele Fachgebiete

Beispielsweise haben sich viele Neurologinnen und Neurologen auf die Schlafmedizin spezialisiert, darunter auch Prof. Dr. Peter Young, Past President der DGSM. Seine Faszination für das Fach beschreibt er so: "Tatsächlich ist es so, dass Schlaf im Gehirn stattfindet, deshalb ist der Schlaf eine klare neurologische Funktion und damit Teil meines Fachgebiets. Mich hat die Schlafmedizin immer interessiert, weil wir so wenig über den Schlaf wissen, obwohl fast jede neurologische Erkrankung einen Bezug zu Schlafstörungen haben kann." Neben der Neurologie können sich aber auch Fachärztinnen und Fachärzte aus den Bereichen Allgemeinmedizin, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Innere Medizin, Kardiologie, Pneumologie, Kinder- und Jugendmedizin, Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie, Psychosomatische Medizin oder Psychiatrie im Bereich Schlafmedizin qualifizieren.

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Schlafmediziner werden: Die Zusatz-Weiterbildung im Überblick

Dauer der Weiterbildung

  • 18 Monate bei einem Weiterbildungsermächtigten für Schlafmedizin an einer zugelassenen Weiterbildungsstätte im Schlaflabor, davon können
    •  6 Monate während der Facharztweiterbildung Allgemeinmedizin, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Innere Medizin, Innere Medizin und Pneumologie, Kinder- und Jugendmedizin, Neurologie oder Psychiatrie und Psychotherapie abgeleistet werden.

Inhalte der Weiterbildung

Übergreifende Inhalte der Zusatz-Weiterbildung Schlafmedizin

  • Physiologie und Pathophysiologie von Schlaf und Wachheit
  • Schlaf-Wach-Regulation einschließlich chronobiologischer Grundlagen
  • Atmungsregulation im Schlaf
  • Altersspezifische Besonderheiten bei Schlafstörungen, insbesondere pädiatrische und geriatrische Aspekte
  • Genderspezifische Besonderheiten bei Schlafstörungen
  • Beeinflussung von Schlafen und Wachen z. B. durch Neuropeptide, Hormone, Verhalten, Reisen, Medikamente
  • Pharmakologie von Substanzen mit schlafanstoßender und schlafstörender Wirkung einschließlich Hypnotika sowie deren Missbrauch
  • Grundlagen der schlafmedizinischen Gutachtenerstellung
  • Beurteilung der Fahreignung bei Schlafstörungen
  • Beurteilung des Grades der Behinderung und Erwerbsfähigkeit bei Schlafstörungen

Insomnien

  • Formen, Ursachen, Differentialdiagnose, Komorbiditäten und Prävention von Insomnien
  • Inadäquate Schlafhygiene
  • Schlafprotokoll, Fragebögen zur Erfassung insomnischer Symptome
  • Grundlagen der Insomnie spezifischen Verhaltenstherapie (Cognitive behavorial therapy for insomnia, CBT-I)
  • Grundlagen der verhaltensbedingten Insomnie bei Kindern
  • Behandlung von Patienten mit Insomnie (Richtzahl: 10), insbesondere
    • medikamentöse Stufentherapie

Schlafbezogene Atmungsstörungen

  • Epidemiologie, Risikofaktoren, Symptomatik, Differentialdiagnose, Prognose, kardiovaskuläre, verkehrsmedizinische und arbeitsmedizinische Konsequenzen sowie Therapieoptionen der folgenden Erkrankungen
    • obstruktives Schlafapnoesyndrom einschließlich Schnarchen
    • zentrales Schlafapnoesyndrom einschließlich Cheyne-Stokes Atmung
    • Obesitas-Hypoventilationssyndrom
    • primäre und kongenitale schlafbezogene Hypoventilationssyndrome
    • schlafbezogene Hypoventilationssyndrome bei neuromuskulären, muskuloskelettalen, pulmonalparenchymatösen, pulmonalvaskulären oder extrapulmonalen Erkrankungen
    • primäre Säuglingsschlafapnoe
    • obstruktive Schlafapnoe bei Kindern
  • Screening zur Erfassung schlafbezogener Atmungsstörungen mittels Fragebögen
  • Indikationsstellung und Befundinterpretation von nächtlicher Oxymetrie und Blutgasanalysen, insbesondere bei Hyperkapnie im Wachen und im Schlaf, bei schlafbezogenen Atmungsstörungen
  • Indikationsstellung und Therapie mit Positivdruckverfahren, Nicht-Positivdruckverfahren, Allgemeinmaßnahmen, z. B. Unterkiefer-Protrusionsschienen
  • Beratung und Betreuung von Patienten bezüglich operativer Therapie, insbesondere zu Eingriffen im HNO- und MKG-Bereich
  • Myofunktionelle Therapieoptionen einschließlich der Indikation und Abgrenzung der Ventilationstherapie
  • Nächtliche Überdrucktherapie-Titration einschließlich Evaluation des Behandlungsergebnisses, z. B. CPAP, APAP, Bilevel, adaptive Servo-Ventilation (Richtzahl: 15)

Hypersomnien

  • Narkolepsie
  • Verhaltensinduziertes Schlafmangelsyndrom sowie andere Hypersomnien zentralen Ursprungs
  • Testverfahren zur Erfassung und Objektivierung von Vigilanzstörungen, Tagesmüdigkeit und Tagesschläfrigkeit bei Hypersomnien, z. B. mittels Selbstbeurteilung, multiplem Schlaflatenztest, multiplem Wachbleibetest, Vigilanztest  (Richtzahl: 20)
  • Pharmakologische und nicht-pharmakologische Differentialtherapie der Hypersomnie und Narkolepsie
  • Behandlung von Patienten mit Narkolepsie mit und ohne Kataplexie einschließlich Hypersomnie (Richtzahl: 5)

Zirkadiane Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen

  • Primäre Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen
  • Beurteilung der Eignung/Nichteignung für Schichtarbeit
  • Verhaltensberatung bei Jetlag, verzögerter Schlafphase und anderen zirkadianen Störungen
  • Durchführung von Aktigraphie, Schlafprotokoll, Fragebögen bei zirkadianen Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen
  • Medikamentöse und nicht-medikamentöse Therapie bei zirkadianen Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen
  • Lichttherapie

Parasomnien

  • Mentale Inhalte im Schlaf, z. B. Träume
  • Non-REM-Parasomnien, z. B. Somnabulismus, Pavor nocturnus, Confusional arousal, Sleep related eating
  • REM-Parasomnien, z. B. Rapid-eye-movement-Schlaf Verhaltensstörungen, Albträume, Schlafparalyse
  • REM-Sleep Behaviour Disorder mit besonderer Relevanz für neurologische Erkrankungen
  • Non-REM-Parasomnien und REM-Parasomnien bei Kindern
  • Differentialdiagnose und Therapieoptionen bei Parasomnie, auch bei Kindern
  • Grundlagen der Albtraumtherapie
  • Präventive Maßnahmen bei Somnabulismus
  • Bewertung und Therapie bei Somnabulismus
  • Differentialtherapie der REM-Verhaltensstörungen

Schlafbezogene Bewegungsstörungen

  • Normale Motorik im Schlaf
  • Rhythmische Bewegungsstörungen im Schlaf, Restless Legs Syndrom und Periodic Limb Movements in Sleep
  • Schweregradabschätzung und Therapieindikation bei rhythmischen Bewegungsstörungen im Schlaf
  • Dopaminerge Therapie, Therapieeskalation gemäß Schweregrad

Schlafstörungen bei anderen Erkrankungen

  • Schlafstörungen bei neurologischen, pneumologischen und psychiatrischen Erkrankungen
  • Schlafstörungen bei körperlichen Erkrankungen
  • Schlafstörungen bei psychischen Erkrankungen und Demenz
  • Pharmakovigilanz und Arzneimitteltherapiesicherheit sowie Arzneimittelmissbrauch bei der Behandlung von Schlafstörungen bei anderen Erkrankungen mit Hypnotika
  • Therapie von Schlafstörungen bei anderen Erkrankungen mit Hypnotika einschließlich Indikationen und Kontraindikationen
  • Prävention und nicht-medikamentöse Therapie von Schlafstörungen bei anderen Erkrankungen
  • CO2-Antworttest

Apparativ-diagnostische Verfahren

  • Standardapplikation der Polysomnographie
  • Durchführung und kontinuierliche Überwachung von Polysomnographien (Richtzahl: 10)
  • Klassifikation der Schlafstadien und Ereignisse nach Standard-Empfehlungen
  • Interpretation und Befunderstellung von Polysomnographien (Richtzahl: 100)
  • Kardiorespiratorische Polygraphie
  • Interpretation und Befunderstellung von Polygraphien (Richtzahl: 20)
  • Pupillographischer Schläfrigkeitstest
  • Aktimetrie
  • Langzeitpulsoximetrie

Quellen: Musterweiterbildungsordnung 2018 der Bundesärztekammer, Ärztestatistik der Bundesärztekammer 2021, Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin e.V.

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