Ärztinnen und Ärzte in Führung: Leichtere Selbstführung

6 Oktober, 2021 - 07:35
Dr. med. Sonja Güthoff, MBA
Dr. med. Sonja Güthoff, MBA ist Ärztin, Führungskräfte-Trainerin, Stress- und Burnout-Coach und leitet die Leaders Academy Augsburg - Garmisch Partenkirchen
Dr. med. Sonja Güthoff, MBA ist Ärztin, Führungskräfte-Trainerin, Stress- und Burnout-Coach und leitet die Leaders Academy Augsburg - Garmisch Partenkirchen

Haben Sie Spaß an Ihrer Arbeit? Wie gelassen können Sie durch Ihren Klinik- oder Praxisalltag gehen? Haben Sie genügend Zeit für die Dinge, die Ihnen im Leben neben der Arbeit wichtig sind? Wann haben Sie sich diese Fragen zuletzt gestellt?

Hoher Arbeitsbelastung mit leichterer Selbstführung begegnen

Wir Ärztinnen und Ärzte sind engagiert, ambitioniert, arbeiten gern und oft zu viel. In einer repräsentativen Studie vom Marburger Bund gaben 68 Prozent der 2.060 antwortenden Ärztinnen und Ärzte an, ihre Arbeitszeit oft bis sehr oft auszudehnen (Marburger Bundes Landesverband Berlin/Brandenburg, Befragung von Ärzt*innen zu ihrer Arbeits- und Gesundheitssituation 2019, www.marburger-bund.de). Die Studie hat auch gezeigt, dass 35 Prozent der Befragten oft bis sehr oft Gefühle des Ausgebranntseins erleben. Auch in einer Umfrage unter 1.258 antwortenden Assistenzärztinnen und -ärzten, die der Hartmannbund 2021 veröffentlichte, gaben fast 56 Prozent an, dass sie sich eine Teilzeitstelle wünschen (Assistenzarztumfrage 2021, Hartmannbund, www.hartmannbund.de).

Auch wenn man das Gefühl hat, nicht unmittelbar die Arbeitsbedingungen ändern zu können, so ist es jederzeit möglich, sich selbst im Alltag besser zu führen. Gesunde Selbstführung stellt auch die Basis dar, um entsprechend andere gesund zu führen.

Tipp

Achten Sie auf sich.
Erst wenn wir uns selbst gesund führen, können wir auch andere (eine Station, eine Abteilung, eine Praxis etc.) gesund führen.

Ein erster Schritt kann sein, seine Lebensbereiche genauer unter die Lupe zu nehmen. Schließlich besteht ein gesundes, erfüllendes Leben nicht nur aus dem Klinik- oder Praxis-Alltag. Slatco Sterzenbach, Diplom-Sportwissenschaftler und Experte für gesunde Lebensführung, unterteilt die Bereiche des Lebens im sogenannten „Lebensrad“ in vier Dimensionen: physische, mentale, emotionale und materielle Dimension.

Toolbox Führung

Lebensrad zum Download (jpg 72 kB)

Gehen Sie für sich und vielleicht auch mit Ihrem Team (Stations-Meeting, unter Assistentinnen und Assistenten o.ä.) in Ruhe die einzelnen Bereiche Ihres Lebens durch. Überlegen Sie sich jeweils, wie zufrieden Sie in den 12 Bereichen sind. Schraffieren Sie mit einem Stift die einzelnen Kegel

  • nur wenig aus, wenn sie noch starke Verbesserungsmöglichkeiten sehen,
  • etwa zur Hälfte aus, wenn Sie mittelmäßig zufrieden sind,
  • komplett aus, wenn Sie hier rundum Ihr selbst gesetztes Ziel erreichen, oder
  • in Abstufungen zwischen diesen Kategorien.
Lebensrad nach Slatco Sterzenbach

Definieren Sie für sich weitere Lebensbereiche neben der Arbeit

Die einzelnen Bereiche des Lebensrads und die zugehörigen Selbstfragen sind:

Physische Dimension

1. Gesundheit: Wie gesund fühlen Sie sich? Gibt es gesundheitliche Einschränkungen?
2. Fitness: Wie fit fühlen Sie sich? Wie ausdauernd und gelenkig sind Sie?
3. Entspannung: Schlafen Sie gut ein und durch? Gibt es im Alltag genügend Phasen der Entspannung?

Mentale Dimension

4. Geist: Wieviel Zeit haben Sie für Ihre eigene Fortbildung? Wieweit nutzen Sie Ihr Gehirn für sich und nicht gegen sich? Wieviel machen Sie sich Sorgen oder zweifeln an sich?
5. Beruf: Erfüllt Sie Ihr Beruf als Ärztin oder Arzt? Fühlen Sie sich gut behandelt? Sind Sie zufrieden mit den Arbeitsbedingungen? Sind Sie zufrieden mit den Weiterbildungs-Möglichkeiten?
6. Sinnhaftigkeit: Sehen Sie einen Sinn in Ihrer Arbeit? Haben Sie die Möglichkeit, auf Abläufe in der Klinik aktiv Einfluss zu nehmen und mitzugestalten? Kennen Sie darüber hinaus den Sinn Ihres Lebens?

Emotionale Dimension

7. Familie: Haben Sie ein gutes Verhältnis zu Ihren Eltern? Können Sie Ihre Familienplanung oder die Kindererziehung in den Klinik- oder Praxis-Alltag integrieren?
8. Freunde: Haben Sie (auch außerhalb der Klinik / Praxis) Freunde, die Sie unterstützen, bei denen Sie auch Schwäche zeigen können? Bleibt Zeit für diese Freunde?
9. Partnerschaft: Haben oder wünschen Sie sich eine Partnerschaft? Wie zufrieden sind sie mit ihr? Bleibt Zeit und Kraft für Gemeinsamkeiten und Intimität?

Materielle Dimension

10. Wohltätigkeit: Sind Sie zufrieden damit, wieviel Zeit, Geld oder Kompetenz Sie für andere Menschen geben?
11. Konsum: Können Sie sich die Dinge leisten, die Sie sich leisten möchten? Haben Sie das Gefühl von Wohlstand und finanzieller Sicherheit?
12. Freizeit: Haben Sie genügend Zeit für sich selbst? Haben Sie Hobbys und bleibt genug Zeit für diese?

Horn-Bad Meinberg
06.10.2022, Krankenhaus St. Barbara Attendorn GmbH
Attendorn

Beispiel aus der Praxis

Eine Oberärztin in der Radiologie einer Uniklinik fühlt sich zunehmend unzufrieden und ausgelaugt. Sie ertappt sich selbst dabei, wie sie ungeduldig und genervt den Assistenzärztinnen und -ärzten sowie den MTRAs gegenüber reagiert. Insgesamt ist die Stimmung in ihrer Abteilung angespannt. Immer öfter denkt die Oberärztin darüber nach, ob sie kündigen sollte. Sie bekommt von Ihrer Mentorin den Tipp, genauer ihre Lebensbereiche zu durchleuchten und das Lebensrad für sich auszufüllen.

Ganz klar erkennt sie ihre subjektiv empfundene Vernachlässigung in den Bereichen

  • Entspannung, weil sie in jeder freien Minute versucht, ihren Mann bei der Erziehung des gemeinsamen Sohnes zu entlasten oder Sport zu treiben.
  • Freunde, die sie viel zu selten sieht, weil sie oft lang und am Wochenende arbeitet oder für die Familie da sein möchte.
  • Wohltätigkeit, da sie sich gern für wertvolle Projekte einsetzen würde.
  • Partnerschaft, in der ihr die Intimität vor lauter Müdigkeit am Abend fehlt.

Die Oberärztin überlegt sich, was sie selbst kurz-, mittel- oder langfristig bei den einzelnen Punkten ändern kann. Da sie (zu) viel Zeit in der Klinik verbringt, überlegt sie, wie sie ihr Arbeitsumfeld optimieren und damit auch die anderen in ihrer Abteilung besser führen kann.

Sie bringt das Lebensrad mit in die wöchentliche Team-Besprechung und schlägt vor, dass jede Person, die mag, dieses für sich ausfüllt. Anschließend überlegen Sie gemeinsam, ob sie einzelne Punkte in der Klinik umsetzen können, um alle etwas zufriedener zu sein. Zum Beispiel gestalten sie einen Ruheraum, in den man sich in der Pause zurückziehen kann, um zu entspannen. Zwischen den Ärztinnen und Ärzten wird eine Optimierung des Schichtplans vorgeschlagen, um mehr Flexibilität zu erlangen. Der Chefarzt stimmt zu, dass die Oberärztin einen Funktionsoberarzt bzw. -oberärztin in ihrer Abteilung benennen kann, um selbst bei den Verantwortlichkeiten entlastet zu werden und weniger Überstunden zu machen. Das wirkt sich auch zuhause positiv auf die Zeit aus, die sie wieder entspannter für die in ihrem Leben auch wichtigen Dinge nutzen kann.

Wie bewerten Sie für sich selbst diese 12 Lebensbereiche? Gibt es konkrete Dinge, die Sie selbst ändern können und möchten? Gibt es die Möglichkeit, Ihr Arbeitsumfeld mit einzubeziehen und somit nicht nur Ihre eigene Zufriedenheit, sondern auch die Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bzw. Kolleginnen und Kollegen zu eruieren und gemeinsame Verbesserungsvorschläge zu sammeln?

Merke:

Die Bewertung der Lebensbereiche ist ganz individuell. Stellen Sie sich die Frage, ob Sie sich in einzelnen Bereichen kurz-, mittel- oder langfristig Veränderungen wünschen und wie diese erreicht werden können.

Hohe Kündigungsintention bei Ärztinnen und Ärzten

Ein guter Indikator für die eigene Unzufriedenheit ist auch die Kündigungsintention, wobei über 86 Prozent der ärztlichen Teilnehmenden der Marburger Bund Studie von 2019 (siehe oben) mindestens einige Male im Jahr und immerhin noch 14 Prozent mindestens mehrere Male in der Woche über eine Kündigung nachdenken. Auch in der Umfrage unter Assistenzärztinnen und -ärzte des Hartmannbund von 2021 offenbarten 36 Prozent der jungen Kolleginnen und Kollegen, dass sie über einen Berufswechsel nachdenken (siehe oben).

Frage Sie sich auch öfter, ob Sie kündigen sollten? Bei Unzufriedenheit erscheint uns häufig die Lösung naheliegend, das Arbeitsumfeld zu verlassen. Dabei kann es möglich sein, dass man einzelne Bereiche auch (gemeinsam) beeinflussen kann. Außerdem nimmt man sich und seine eigenen Probleme bei einem Stellenwechsel immer mit, so dass es auf jeden Fall sinnvoll ist, auch bei seinen Lebensbereichen selbst zu schauen, welche Veränderungen möglich sind, um leichter sich selbst und damit auch andere gesund zu führen.

Die Autorin:

Dr. med. Sonja Güthoff, MBA ist Ärztin, Führungskräfte-Trainerin, Stress- und Burnout-Coach. Auf ärztestellen.de gibt sie regelmäßig Tipps zu Führungs-Themen. Als Leiterin der Leaders Academy Augsburg - Garmisch Partenkirchen begleitet sie Ärztinnen und Ärzte, aber auch Führungskräfte aus anderen Branchen dabei, sich und andere besser zu führen.

Sie möchten mehr erfahren? Das Modul „Mentale und physische Stärke“ mit Slatco Sterzenbach als Experte für gesunde Lebensführung ist eines der Module im Führungskräfte-Jahresprogramm der Leaders Academy.

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Mehr Infos unter www.leaders-academy.com.

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