
Dr. Christopher Andratschke verarztet seine Patientinnen und Patienten nicht nur in seiner Hausarztpraxis im bayerischen Sauerlach, sondern überall auf der Welt. Der 57-Jährige ist leidenschaftlicher Motorradfahrer und begleitet auf seiner Enduro Reisegruppen und Rallyes durch abgelegene Regionen. Wenn etwas passiert, kümmert er sich sofort um verletzte Biker. Oft muss er dabei improvisieren. In der Szene kennt man ihn als „Chris the Doc“. Zu Hause gibt Dr. Andratschke Erste-Hilfe-Kurse speziell für Motorradfahrer.
Herr Dr. Andratschke, Sie sind ein leidenschaftlicher Motorradfahrer. Warum eigentlich?
Dr. Christopher Andratschke: Auf dem Motorrad bekommt man extrem viel von der Umgebung mit. Gerade im Frühjahr und Sommer kann das sehr intensiv sein: Alles blüht, es duftet, und im Fahrtwind wechseln die Gerüche von Landstrich zu Landstrich. Außerdem lernt man ein Land ganz anders kennen. Wenn man irgendwo anhält, kommen oft Menschen auf einen zu, fragen, woher man kommt und was einen in ihr Land geführt hat. Und manche laden einen sogar zu sich nach Hause oder zu Feiern ein. So viel Offenheit und Gastfreundschaft erlebt man mit dem Auto kaum.
Wie sind Sie zum Motorradfahren gekommen?
Dr. Christopher Andratschke: Ich bin ländlich aufgewachsen. Damals für mich als 16-Jährigen war das Moped vor allem praktisch, ein fahrbarer Untersatz, um von A nach B zu kommen. Während des Medizinstudiums in München dann war erst mal Ruhe. Erst nach dem zweiten Staatsexamen habe ich kleinere Reisen unternommen, zuerst in die Toskana, dann nach Sardinien und Korsika, später kamen die größeren Touren wie nach Südafrika dazu.
Wie hat es sich ergeben, dass Sie medizinischer Begleiter bei Motorradtouren von BMW und anderen Reiseanbietern geworden sind?
Dr. Christopher Andratschke: Da bin ich vor knapp 20 Jahren schrittweise hineingerutscht. In meine Hausarztpraxis kam ein Patient, der eine Impf- und Reiseberatung benötigte, weil er nach Sibirien fahren wollte. Weil in meiner Praxis Motorradfotos hingen, kamen wir ins Gespräch. Sechs Wochen später kam er wieder, dieses Mal mit einem gebrochenem Handgelenk. Er war in Sibirien gestürzt, und ich habe die postoperative Versorgung übernommen. Dieser Patient war für die weltweite Tourguide-Ausbildung der BMW-Instruktoren verantwortlich, die Fahrern in Enduro-Parks zeigen, wie man sich mit dem Bike sicher im Gelände oder auf der Straße bewegt. Irgendwann hat er mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, ein Erste-Hilfe-Training für die Instruktoren und Tourguides zu entwickeln. Später habe ich noch selbst eine Instruktoren- und Tourguide-Ausbildung gemacht, dann kam BMW mit dem Angebot des Tourbegleiters auf mich zu. Da ich auch Notarzt bin, passte das von der Qualifikation her sehr gut.
Welche medizinische Ausrüstung haben Sie dabei?
Dr. Christopher Andratschke: Das hängt stark von der jeweiligen Tour ab. Auf einer Enduro kann ich nur wenig mitnehmen. Meist beschränkt sich das auf Schmerzmittel, Kreislaufmedikamente, Verbandsmaterial und Schienen für Brüche. Zusätzlich fährt meist ein Geländewagen mit umfangreicherer Notfallausrüstung mit. Bei größeren Veranstaltungen oder Rallyes wird die medizinische Absicherung noch erweitert. In Albanien beispielsweise hatten wir einen örtlichen Rettungswagen mit Sanitätspersonal gemietet. Ein anderes Mal hatten wir einen Hubschrauber, in dem Krankenschwestern und einer von uns Ärzten mitgeflogen ist.
Ist die Begleitung von Reisegruppen oder Rallyes für Sie eher Urlaub oder Arbeit?
Dr. Christopher Andratschke: In meiner Praxis nehme ich mir dafür Urlaub, aber ich verbinde es ja mit Arbeit. Auf den Touren ist immer auch eine gewisse Anspannung dabei, denn wenn jemand irgendwo stürzt, klingelt das Telefon im Helm oder das Funkgerät geht los, und man muss zügig zur Unfallstelle hin. Es ist nicht nur Urlaub und Spaß beim Motorradfahren, sondern auch Arbeit, die von den Tour-Organisatoren bezahlt wird.
Welche Verletzungen kommen auf den Touren am häufigsten vor?
Dr. Christopher Andratschke: Da gibt es die Klassiker wie Sonnenstich, Durchfall oder Allergien, doch am häufigsten sind Stürze. Relativ typisch dabei sind Unterarm- oder Unterschenkelbrüche, weil man sich beim Fallen vom Motorrad oft mit den Armen abstützt oder die Beine verdreht. Schwerverletzte, also Menschen mit Rippenbrüchen, inneren Verletzungen oder starken Blutungen, kommen zum Glück selten vor. Wenn es doch passiert, ist das herausfordernd, weil man schwer Verletzte nicht wie bei uns in einer kleinen rollenden Intensivstation in die nächste große Klinik fährt, sondern teils relativ lange Transportwege mit reduzierter Ausstattung vor sich hat.
Bedeutet das Improvisation?
Dr. Christopher Andratschke: Genau. Dazu muss man in der Lage sein. Ich denke da zum Beispiel an eine private Reisegruppe mit zehn Teilnehmenden in Namibia. Eine Teilnehmerin hatte ihr Asthma verschwiegen und heimlich Sprays genommen. Auf staubigen Feldwegen zog sich die Gruppe mehrere Kilometer auseinander, dann hatte einer eine Reifenpanne, alle kamen zum Stehen, und als die Fahrerin den Helm absetzte, bekam sie einen massiven Asthmaanfall. Wir haben einen Reifenkompressor, mit dem man normalerweise Reifen aufpumpt, zweckentfremdet, um Medikamente zu vernebeln und sie zu versorgen. Wäre die Reifenpanne nicht gewesen, wäre sie wahrscheinlich irgendwo gestürzt.
Gab es sonst noch einen Einsatz, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Dr. Christopher Andratschke: In der Mongolei, wo ich vier Wochen unterwegs war, ist ein 72-jähriger Fahrer in der Wüste Gobi gestürzt und hatte sich schwer verletzt: Rippen-, Schlüsselbein-, Becken- und Oberschenkelhalsfraktur. Außerdem war der Helm zerbrochen, sodass wir zunächst nicht wussten, ob und wie der Kopf verletzt war. Wir haben ihn etwa dreieinhalb Stunden im Geländefahrzeug in einer Vakuummatratze in ein lokales Kreiskrankenhaus transportiert, das nächste größere wäre sechs Stunden entfernt gewesen. Für die Analogsedierung hatte ich nur ein Pulsoximeter und eine Blutdruckmanschette, Sauerstoff gab es lediglich über eine einfache Maske. In dem kleinen Krankenhaus stand ein altes, laut brummendes Röntgengerät, die Bilder waren unscharf, aber der Chirurg konnte etwas erkennen. Er war allein mit einer Krankenschwester und bat uns, zu helfen, bis der Patient versorgt war. Das zeigt, wie anders Notfallmedizin sein kann, wenn weder moderner Schockraum noch CT verfügbar sind. Der Patient wurde später nach Europa transportiert, hat alles gut überstanden und ist später wieder Motorrad gefahren.
Sie bieten daheim Erste-Hilfe-Kurse speziell für Motorradfahrer an. Wie läuft ein typischer Kurstag ab?
Dr. Christopher Andratschke: Die Kurse haben einen starken Praxisbezug. Vormittags gibt es einen kurzen Theorieteil zu typischen Motorradverletzungen, vor allem an den Extremitäten. Die Teilnehmenden üben dann ganz praktisch, Verbände anzulegen. Nach dem Mittagessen folgt eine gemeinsame Motorradrunde, bei der wir auf realitätsnahe Unfallszenarien treffen, zum Beispiel mit geschminkten Darstellern, die verletzt am Straßenrand liegen oder Kreislaufprobleme haben. Die Kursteilnehmer müssen dann in der Gruppe die Situation bewältigen, wobei sich der Schwierigkeitsgrad steigert: Anfangs geht es um eine einzelne verletzte Person, später können es drei oder vier Verletzte sein, die gleichzeitig versorgt werden müssen. So lernen die Teilnehmer, geordnet und im Team zu handeln. Bei den Fallbeispielen spielen wir auch Szenarien durch, wie man sich in entlegenen Regionen verhalten sollte, wenn nicht sofort ein Rettungsdienst zur Stelle ist.
Drehen Sie auch mal nach der Arbeit oder am Wochenende eine Runde auf ihrer Enduro?
Dr. Christopher Andratschke: Mittlerweile eher selten, weil mir der Verkehr einfach zu viel geworden ist. Man muss sehr aufpassen und für die anderen Verkehrsteilnehmer mitdenken. Egal, ob Auto-, Motorrad- oder Radfahrer, die plötzlich aus einer Seitenstraße rausfahren, einen direkt anschauen und dann trotzdem losfahren. Wenn ich einen anstrengenden Tag oder eine volle Woche hatte, gehe ich inzwischen lieber wandern. Motorrad fahre ich lieber auf Reisen in ländlichen Regionen oder im Gelände, auf Strecken, die mir wirklich Spaß machen. Zuletzt war ich im spanischen Hinterland unterwegs.
Welche Traumziele haben Sie noch?
Dr. Christopher Andratschke: Südamerika steht auf jeden Fall noch auf dem Plan. Davon schwärmen eigentlich fast alle Motorradfahrer, die mal da waren. Einmal die Anden durchqueren, durch die Atacama-Wüste fahren und die endlosen Schotterpisten Patagoniens erleben, das wäre schon etwas ganz Besonderes.



