Was ist eigentlich ein echter „Bergdoktor“?

19 Oktober, 2022 - 07:25
Michael Fehrenschild
Berge Mittenwald

Der TV-Arzt Martin Gruber alias Hans Sigl ist ständig in den Alpen als Retter unterwegs – und das bald in der 16. Staffel! Aber gibt es so jemanden wirklich? Ist was dran am Mythos „Bergdoktor“? Der Mittenwalder Hausarzt Jürgen Mundhenke räumt mit Irrtümern auf.

Wer unterhalb der Zugspitze unterwegs ist, dem kommen zahlreiche Motorradfahrer entgegen gebraust. Einer davon könnte der Mittenwalder Hausarzt Jürgen Mundhenke sein, den nicht zuletzt die Liebe zu motorisierten Zweirädern in diesen Zipfel Deutschlands verschlagen hat. „Auf einer Motorradtour bin ich in diese schöne Gegend gekommen und dachte, hier könnte ich vielleicht mal wohnen. Etwas später habe ich meine Frau kennengelernt, die damals in Garmisch wohnte. Daher ging es dann ganz schnell, und ich zog hierhin“, erinnert er sich.

Als Arzt in den Bergen

Im Januar 2012 übernahm er eine Hausarztpraxis im oberbayrischen Mittenwald. Deutschlands höchstgelegener Luftkurort liegt etwas über 900 Meter, umringt von zahlreichen steilen Gipfeln des Karwendelgebirges. Jahre später, im September 2013, kam im kleinen Nachbardörfchen Krün eine zweite Praxis ursprünglich für einen angestellten Kollegen dazu – ebenfalls hoch gelegen. So gesehen ist Mundhenke wirklich ein echter „Bergdoktor“.

In beiden Praxen zusammen versorgt er tausende Patientinnen und Patienten im Jahr. Im zweiten Quartal 2022 waren es 1.300 Kassen- und 150 Privatpatienten. Darunter, je nach Saison, zahlreiche Urlauber. Doch nicht alle Einheimischen kommen zu ihm, worüber sich Mundhenke eher amüsiert: „Es gab vor allem anfangs wirklich Patienten, die meinten: ‚Zum Preußen gehe ich nicht!‘.“ Der Allgemeinmediziner, Internist und Diabetologe stammt ursprünglich aus Magdeburg – und wie ein Bayer klingt er bis heute eindeutig nicht.

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Mittlerweile ist der Vater dreier Kinder aus der Gegend nicht mehr wegzudenken. Die Touristen suchen ihn eher wegen Infekten und Durchfallerkrankungen auf. Manchmal haben sie auch Medikamente vergessen und brauchen deswegen nur Rezepte. Dazu kommen Verletzungen durch Radstürze, Wander- und Skiunfälle. Das wundert nicht, ist doch Deutschlands mit 7,5 Kilometern längste Skiabfahrt ganz in der Nähe. Zudem wurde das umliegende Wandergebiet des Karwendelgebirges 2007/2008 als Wandergebiet des Jahres ausgezeichnet.

Bei den Ortsansässigen herrscht dagegen immer noch ein eher „rustikaler“ Lebensstil vor, mit dessen Folgen sich Mundhenke dann beschäftigen muss. „Hier fließt die Maß Bier reichlich, auch wird gerne und viel Fleisch gegessen sowie geraucht“, erzählt er. Gerade das starke Rauchen relativiert den Unterschied zu anderen Hausarztpraxen etwa auf dem flachen Land. Denn eigentlich sollte es bei der guten Bergluft an sich weniger Asthma und Atemwegserkrankungen geben.

Auch in Oberbayern ändern sich Zeiten

Allerdings ändert sich die Zusammensetzung der Bewohner langsam etwas, wie der 58-Jährige erklärt: „In Mittenwald leben heute mehr ehemalige Urlauber im Ruhestand und auch junge Leute, die in der Gastronomie arbeiten. Außerdem sind zahlreiche Soldaten der Bundeswehr im Ort stationiert – und manche bleiben sogar hier kleben. Dieses ‚frische Blut‘ sorgt für mehr andere Ansichten und eine etwas offenere Lebensweise.“

Das klingt im Großen und Ganzen nach einer ziemlich normalen Hausarztpraxis – den Bergen zum Trotz. Mundhenke erläutert: „Es macht letztlich keinen Unterschied, ob man in einem Dorf in Thüringen, dem Rheinland oder hier praktiziert. Wenn es überhaupt einen gibt, dann einen kleinen – und zwar den zu einer Großstadt. Hier im Dorf haben wir weniger durch Google gestählte Schlauschwätzer. Der „modernen Medizin“ steht der Alteingesessene allerdings oft eher skeptisch gegenüber. Getreu dem Motto ‚Der Herr hat´s gegeben, der Herr wird’s schon nehmen‘. Aber das ist auch fast alles...“

In abgelegene Täler und auf hohe Almen zum Hausbesuch zu fahren, gehört ebenfalls nicht zu seinem Alltag: „Das ist ein Klischee. Es gibt zwar in den Ausflugsgebieten noch einige Hütten oben auf der Alm, aber selbst von da kommen die Leute abends nach unten ins Dorf, weil sie dort wohnen“, so der Mediziner und ergänzt: „Hans Sigl, der jeden Tag auf 3.000er Gipfel raufkrabbelt, ist extrem weit von der Realität entfernt.“

Der Mythos vom „Bergdoktor“ ist Unsinn

Überhaupt wundert er sich über die immer noch vorhandene Bergromantik. „Vor 100 Jahren war das noch anders, da war der Arzt 50 Kilometer weit weg. Heute ist das nächste Krankenhaus nur 15 Kilometer entfernt, in Garmisch. Auch eine abgelegene Alpenwelt existiert schon lange nicht mehr. Das ist alles vollkommen erschlossen.“ Und es hat sich noch mehr geändert: „Mittlerweile fahren 85jährige Rentner mit dem E-Bike hoch auf die Alm. Wenn die dann 100 Meter runterfallen, kommt entweder der Leichensack oder der Notarzt mit dem Hubschrauber. Da bin ich als Praktiker nicht so gefragt.“, regt er sich ein wenig auf und klingt in diesem Moment fast ein wenig genervt vom Bergdoktor-Kitsch: „Wir haben mit unserer Routine auch so genug zu tun. Wir öffnen um acht Uhr morgens und schließen um 18 Uhr abends. Nicht selten quillt das Wartezimmer über. Ich habe daher auch samstags Sprechstunde. Da bleibt mir keine Zeit, um in der Gegend rum zu klettern und Leute zu retten.“ Alles in allem begegnen ihm „die gleiche Klientel, die gleichen Sorgen, die gleichen Klagen, die gleichen Freuden und der gleiche Ärger“ wie anderen Medizinern und Medizinerinnen auch.

Der überzeugte Flachländer meidet hohe Berge

Könnte er denn ein Retter sein, wie der Fernseh-Doktor, wenn er denn gebraucht würde? Auch das weist er weit von sich. „Als ich hierhin kam, wurde ich gefragt, ob ich in der Bergwacht mitmache. Aber ich bin einfach ein Flachländer und nicht ausgebildet für die Bergung etwa von Lawinenopfern.“ Er sei auch nicht trittsicher und wisse gar nicht, wie er sich da oben bewegen sollte. „Dafür gibt es speziell ausgebildete Bergretter, da habe ich nichts zu suchen. Das sollen die Leute machen, die das können.“

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Auf die Frage, ob er denn die Natur wenigstens privat nutzt, antwortet der echte „Bergdoktor“ lachend: „Kaum. Ich gehe mit meinem Hund auf touristische Wanderwege, aber höher als 1.200 Meter bin ich noch nie gestiegen. Ich habe es mal mit Skifahren versucht und mich gleich so auf die Nase gelegt, dass ich mich sofort von den Brettern verabschiedet habe. Ich fahre lieber mit meiner Maschine auf der Rennstrecke.“ Und das gönnt er sich jedes Jahr mit Freunden auf dem Sachsenring.

Immerhin kommt Mundhenke bei der Beschreibung der Gipfelpracht dann doch ins Schwärmen: „Es gibt hier wunderbare Naturschauspiele, die muss man gesehen haben. Ich freue mich jeden Morgen, wenn ich einen prächtigen Sonnenaufgang sehe. Und auch das Alpenglühen in der Dämmerung, wenn die letzten Sonnenstrahlen verschwinden, ist einfach sagenhaft.“

Zur Person

Jürgen Mundhenke

Jürgen Mundhenke, 58, Allgemeinmediziner, Internist und Diabetologe. Er studierte von 1986-1991 in Jena, arbeitete dann im Waldkrankenhaus „Rudolf Elle“ in Eisenberg/Thüringen, übernahm 2012 seine Praxis in Mittenwald und eröffnete 2013 eine Zweigpraxis in Krün.

Bild: © privat

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