Gewaltprävention: „Wer sich mental vorbereitet, kann souveräner reagieren“

8 Mai, 2020 - 07:32
Stefanie Hanke
Dr. Martin Eichhorn ist zertifizierte Fachkraft für Kriminalprävention

Ärzte werden immer wieder Opfer von gewaltsamen Übergriffen: Für das Krankenhaus Barometer 2019 hat das Deutsche Krankenhaus Instituts (DKI) einen Mittelwert von rund 83 Vorfällen pro Krankenhaus im Jahr 2018 errechnet – die Autoren gehen aber von einer hohen Dunkelziffer aus. Im Interview erklärt der Fachmann für Kriminalprävention Dr. Martin Eichhorn, warum Gewalt für medizinisches Personal immer mehr zum Problem wird und was Sie im Ernstfall tun können.

Herr Dr. Eichhorn, die Gewalt gegen medizinisches Personal nimmt seit ein paar Jahren immer mehr zu. Wieso ist das so?

Dr. Martin Eichhorn: In dem Bereich ist es ganz schwer zu spekulieren. Man kann aber insgesamt einen Blick auf die Gesellschaft werfen und feststellen, dass fast alle Berufsgruppen, die mit Menschen zu tun haben, damit zu kämpfen haben. Die Zunahme der Gewalt lässt sich nicht nur auf die medizinischen Berufsgruppen beschränken. Es könnte zum Beispiel auch eine Rolle spielen, dass wir insgesamt in einer relativ gewaltarmen Gesellschaft leben und deshalb in den letzten Jahren sensibler geworden sind. Das geht beispielsweise mit Beleidigungen los: So etwas gab es bei bestimmten Berufsgruppen schon immer. Aber mittlerweile weiß man, dass man durch Beleidigungen auch psychisch Schaden nehmen kann. Da ist unsere Sensibilität gewachsen und viele Fälle werden eher angezeigt – das ist ja auch ein völlig richtiger Schritt. Da haben sich viele früher oft einfach mehr gefallen lassen.

Gibt es Unterschiede bei verschiedenen Facharztgruppen?

Dr. Martin Eichhorn: Gynäkologen sind zum Beispiel relativ selten von Gewalt betroffen. Denn auch, wenn es natürlich auch weibliche Täterinnen und verbal übergriffige Frauen gibt, geht die Gewalt in den meisten Fällen von Männern aus. Da fallen die Gynäkologen also weitestgehend raus – es sei denn, sie bekommen Ärger mit dem Partner einer Patientin. Der zweite Punkt: Gewalt ist ein Thema, das oft mit dem Alter des Täters zu tun hat. Die meisten Gewalttäter sind jünger als 25 Jahre. Dementsprechend sind medizinische Disziplinen, die es eher mit älteren Patienten zu tun haben, auch seltener von Gewalt betroffen. Stark betroffen sind natürlich Notaufnahmen, wo es viele Menschen in Ausnahmesituationen gibt. Das trifft auch auf Notärzte und Sanitäter zu, die auf Rettungswagen fahren. Aber auch Zahnärzte haben oft mit Gewalt zu tun – das liegt daran, dass es da oft um Schmerzen, hohe Kosten und Scham geht. Das sind Faktoren, die Menschen, die ohnehin Probleme mit dem Gewaltthema haben, eher ausrasten lassen.

In welchen Situationen wird medizinisches Personal beispielsweise angegriffen?

Dr. Martin Eichhorn: Ein Faktor ist immer, wenn Menschen alkoholisiert in die Praxis kommen. Ein weiterer Faktor ist die Sorge um Angehörige – in größeren Praxen oder in Notaufnahmen gibt es das häufiger. Dann gibt es das Problem, dass Patienten häufig bestimmte Abläufe nicht nachvollziehen können. Da würde es helfen, die Menschen besser zu informieren, was als nächstes passiert und mit welchen Wartezeiten sie ungefähr rechnen müssen. Da entsteht Aggression oft aus der Unsicherheit. Selten sind Fehlbehandlungen die Ursache für Gewalt – egal, ob es um tatsächliche oder nur vermutete Fehlbehandlungen geht. Das ist so der grobe Rahmen der Situationen, in denen es zu Konflikten kommt.

Wie reagieren Menschen normalerweise, wenn sie Opfer von verbaler Gewalt wie Beleidigungen oder Drohungen werden?

Dr. Martin Eichhorn: Verbale Übergriffe sind wesentlich häufiger als körperliche Gewalt – denken Sie allein an den Straßenverkehr. Bei einer unerwarteten Beleidigung sind die meisten Menschen erstmal verschreckt, überfordert und verstummen unter Umständen. Sie wissen gar nicht, wie ihnen in dem Moment geschieht. Ich habe beispielsweise mal gehört, wie ein Patient eine Fachangestellte „Thekenschlampe“ genannt hat. In so einem Fall ist man natürlich erstmal geschockt und weiß nicht, wie man reagieren soll. Schlagfertigkeit ist in so einem Moment den wenigsten Menschen gegeben. Aber es erfordert Schlagfertigkeit, um mit solchen Leuten klarzukommen.

Welche Reaktionen empfehlen Sie?

Dr. Martin Eichhorn: Mein Rat ist, sich im Vorfeld schon Formulierungen parat zu legen, die man ohne großes Nachdenken einfach abrufen kann, wenn man beleidigt wird. Die Formulierung sollte einem gefallen und zu einem passen. Es reicht im Grunde schon eine ganz minimalistische Reaktion – äußerlich gelassen zu bleiben und einfach mit „so, so“ oder „ach was“ zu antworten. Man kann auch sagen: „Ich helfe Ihnen gern, aber nicht in diesem Ton“ und dem anderen so eine Grenze aufzeigen. Oder wenn man etwas schlagfertiger wirken möchte, kann man auch fragen: „Oh, können wir diesen Teil überspringen?“ oder „Gibt es Sie auch in nett?“. Solche Dinge können schon helfen. Sie können mit dem richtigen Spruch im richtigen Moment Leute mundtot machen. Und wenn Sie beleidigt werden, geht es genau darum: zu zeigen, dass Sie nicht als Opfer bereitstehen.

Wie sieht es bei körperlichen Angriffen aus: Wie reagiert man da spontan?

Dr. Martin Eichhorn: In unserer Gesellschaft sind gewaltsame Übergriffe zum Glück relativ selten. Das ist großartig – es bedeutet aber auch, dass die meisten Menschen komplett überfordert sind, wenn sie mit Gewalt konfrontiert werden. Naturgemäß ist es so, dass wir Menschen seit Jahrmillionen mit drei verschiedenen Reaktionsformen auf Gewalt reagieren. Erstens: Wenn wir wegrennen können, rennen wir weg. Zweitens: Wenn wir nicht wegrennen können oder das eher unserem Charakter entspricht, dann setzen wir uns zur Wehr und kämpfen. Das Dritte ist die Schockstarre – das heißt, dass man quasi einfriert und sich nicht mehr bewegen kann. Unseren Vorfahren hat das geholfen, weil viele tierische Fressfeinde auf Bewegung reagieren. Heute hilft uns das nicht mehr.

Welche Reaktion empfehlen Sie in so einem Fall?

Dr. Martin Eichhorn: Wie bei den verbalen Übergriffen gilt auch hier: Sie können nur geschickt reagieren, wenn Sie sich mental auf die Situation vorbereiten – im Sinne von: „Wenn jemand hier in meiner Praxis ausrastet – was würde ich dann machen?“ Das sollte man wirklich regelmäßig in Gedanken durchspielen – vielleicht einmal im Monat. Wenn die Situation dann wirklich eintritt, hat man einen Vorsprung – das verschafft Sicherheit und hilft einem, den Angreifer abzuwehren. Abwehr bedeutet nicht in erster Linie, Notwehr auszuüben und den anderen niederzuschlagen. Es bedeutet eher, den Angreifer zu verwirren – das gibt dem Opfer die Möglichkeit, sich aus der Affäre zu ziehen.

Was empfehlen Sie da zum Beispiel, um den Angreifer zu verwirren?

Dr. Martin Eichhorn: Als Erstes bietet es sich an, Lärm zu machen. Wenn man einen Aggressor anbrüllt, kann man Menschen tatsächlich in die Flucht schlagen. Schreien ist auch eine Frage der Übung – man muss wissen, was die eigene Stimme kann und da auch Hemmungen überwinden. Eine Alternative zur eigenen Stimme ist ein Taschenalarm: Das ist ein kleines Gerät – wenn man da an einer Kordel reißt, wird ein Alarmton von etwa 110 Dezibel ausgelöst. Aggressoren halten sich dann oft instinktiv die Ohren zu oder laufen weg. Lärm sorgt auch gleichzeitig für Öffentlichkeit – in der Praxis oder Klinik sind ja auch normalerweise andere Menschen, die dann zur Hilfe kommen können – Kollegen oder andere Patienten. Öffentlichkeit ist immer wichtig: Das macht andere Leute zu Zeugen und animiert sie dazu, eventuell weitere Hilfe zu rufen.

Haben Sie außer Lärm noch andere Tipps?

Dr. Martin Eichhorn: Sehr effektiv ist es auch, Ekel beim Angreifer auszulösen. Ekel ist für uns Menschen ja eine sehr wichtige Emotion – sie soll uns schützen und setzt unseren gesamten Organismus in Alarmbereitschaft: Wenn man etwas Ekliges auf der Straße liegen sieht, schreckt man sofort zurück. Und diesen Effekt kann man ausnutzen: Denn auch Gewalttäter reagieren so auf Ekel. Es hilft also, wenn man plötzlich kräftig hustet und das zu einem Würgen steigert und wenn der Angreifer damit rechnen muss, dass man sich gleich vor seine Füße übergibt. Das ist unfassbar effektiv, weil der Aggressor dann automatisch auf Distanz geht. Und jemand, der sich vermeintlich gleich übergibt, der wird nicht mit Schlägen eingedeckt. Alternativ können Sie auch was von „Durchfall, die ganze Nacht schon“ murmeln – das ist egal. Hauptsache, bei dem anderen beginnt das Ekel-Kopfkino.

Haben Sie noch einen dritten Tipp?

Dr. Martin Eichhorn: Die dritte sehr effektive Technik wäre, eine Krankheit vorzutäuschen. Wenn Ihnen gerade jemand Gewalt antun möchte, hilft es, glaubwürdig beispielsweise einen Herzinfarkt, plötzliche Blindheit oder einen epileptischen Anfall zu simulieren. Auch damit kann man einen Gewalttäter verwirren. Das basiert natürlich auch wieder auf mentalem Training und ein bisschen Übung. Gerade medizinisches Personal ist ja oft mit den Symptomen solcher Krankheiten vertraut. Man sollte sich also etwa einmal im Monat diesen kleinen „Film“ im Kopf abrufen: So simuliere ich einen Herzinfarkt, wenn ich Opfer einer Gewalttat werde – also, das Herz halten, stöhnen, die Hand an einer Wand abstützen. Wichtig ist hier: Man darf auf keinen Fall zu Boden gehen. Wenn der andere verwirrt ist, muss man natürlich mit dem Schauspielern aufhören und die Flucht ergreifen.  

Wie schätzen Sie die Rolle von Sicherheitsdiensten ein – gerade bei Krankenhäusern?

Dr. Martin Eichhorn: Das ist mittlerweile ja wirklich sehr verbreitet, und ich halte das für eine sinnvolle Sache. Die Patienten und ihre Angehörigen sehen: Hier ist jemand, der aufpasst. Mit den Sicherheitsdiensten kann man Glück oder Pech haben – viele Mitarbeiter dort sind ja sehr schlecht bezahlt und auch schlecht ausgebildet. Es hängt immer an den einzelnen Personen, ob das gut läuft oder nicht. Aber unterm Strich ist das nur empfehlenswert.

In welchen Situationen raten Sie, die Polizei zu rufen?

Dr. Martin Eichhorn: Nach meiner Erfahrung wird die Polizei im gesamten medizinischen Bereich – Notaufnahmen klammern wir mal aus – zu selten geholt. Das medizinische Personal müsste sich klarmachen, dass die Polizei eine Dienstleisterin ist und dass man die einfach holen kann, wenn man selbst nicht weiterkommt. Die Aufgabe der Polizei ist es, Konflikte und Probleme mit Aggressoren zu lösen. Gerade bei helfenden Berufen ist aber die Schmerzgrenze, sich da Hilfe zu holen, unglaublich hoch. Das betrifft nicht nur Ärzte und medizinisches Personal, sondern beispielsweise auch Sozialarbeiter – Menschen aus diesen Berufen haben eine unglaubliche Toleranz und lassen sich viel zu viel bieten. Da wäre es schon gut, früher eine Grenze zu ziehen und die Polizei hinzuzuziehen oder zu kontaktieren – auch bei Beleidigungen oder sexueller Belästigung.
 


Der Experte:

Dr. Martin Eichhorn ist zertifizierte Fachkraft für Kriminalprävention und zertifizierter Trainer (TU Berlin). Er bietet im gesamten deutschsprachigen Raum Inhouse-Seminare zu Themen wie „Sicheres Handeln in eskalierenden Konflikten“, „Deeskalation“ oder „Umgang mit Grenzüberschreitungen und Beleidigungen“ an.

Unter anderem hat er für die Ärztekammer Niedersachsen eine Broschüre verfasst, die viele hilfreiche Tipps zum Thema Gewaltprävention aufgreift: Broschüre „Übergriffe gegen Praxisteams - Vorbeugen und abwenden“ (pdf-Datei, 785 KB)

Mehr Infos: www.martin-eichhorn.berlin

 

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