
Hilfe ist bitter nötig: Im Verein ParsiMed unterstützen iranisch-stämmige Ärztinnen und Ärzte sowie andere Heilberufler die Menschen in ihrem Herkunftsland – medizinisch, pharmazeutisch und auch durch Aufklärungskampagnen in Deutschland. Die Bremer Augenärztin Dr. med. Parisa Fathi berichtet.
Was genau ist ParsiMed?
Dr. med. Parisa Fathi: ParsiMed ist ein bundesweites Netzwerk mit aktuell rund 40 iranisch-stämmigen Mitgliedern aus verschiedenen Heilberufen. Die Mehrheit sind Ärztinnen und Ärzte nahezu aller Fachrichtungen, außerdem Psychologinnen, Psychologen sowie Pharmazeutinnen und Pharmazeuten. Gegründet wurde der Verein nach der Ermordung der 22-jährigen Jina Mahsa Amini. In erster Linie leistet ParsiMed jedoch medizinische Hilfe. Daneben haben wir als Ziel, die deutsche Gesellschaft über die Zustände im Iran aufzuklären. Wir organisieren unter anderem Kundgebungen und sind in der Kulturszene aktiv.
Wie sieht diese medizinische Hilfe konkret aus?
Dr. med. Parisa Fathi: Seit Jahren betreuen wir Menschen, die noch immer unter den Folgen früherer Proteste leiden. Dazu zählen zahlreiche Augenverletzungen, da Demonstrierenden aus nächster Nähe ins Auge geschossen wurde. Viele wurden bereits im Iran operiert, leiden jedoch häufig unter Folgebeschwerden wie erhöhtem Augeninnendruck oder verbliebenen Fremdkörpern. In dieser Situation haben viele Betroffene große Angst und wenden sich an uns, um unsere Einschätzung, Unterstützung und oft auch finanzielle Hilfe zu erhalten, damit die notwendigen weiteren therapeutischen Schritte möglich werden.
Was erreicht Sie darüber hinaus?
Dr. med. Parisa Fathi: Uns erreichen regelmäßig Röntgenbilder von Menschen mit Verletzungen am gesamten Körper. Manche haben 50 oder mehr Schrotkugeln unter der Haut. Notwendige Folgeoperationen können sich viele Betroffene finanziell nicht leisten – die wirtschaftliche Lage ist extrem angespannt. Wir prüfen medizinische Unterlagen, nehmen gegebenenfalls Kontakt zu den behandelnden Kolleginnen und Kollegen auf oder versuchen, finanzielle Unterstützung zu organisieren. Seit Beginn der erneuten Proteste Ende Dezember 2025 stehen wir allerdings alle unter Schock.
Bitte berichten Sie.
Dr. med. Parisa Fathi: In den vergangenen Wochen erhielten wir zahlreiche Videoanrufe von angeschossenen Protestierenden, die uns um Hilfe baten, weil sie sich nicht trauen, ins Krankenhaus zu gehen. In nahezu allen Kliniken sind Sicherheitskräfte des Regimes präsent, um Verletzte dort festzunehmen. Viele Menschen wenden sich deshalb an Tierärzte oder verstecken sich zu Hause. Wir versuchen dann, aus der Ferne zu helfen: Wir klären, ob Blutungen gestillt werden können, ob Wunden desinfiziert werden müssen, und raten – sofern verfügbar – zur Einnahme von Antibiotika. Während der wiederholten Internetsperren sind wir in großer Sorge vor dem Ausmaß der Verletzungen, das uns danach erreichen wird.
Was hören Sie aus dem Land?
Dr. med. Parisa Fathi: Augenzeugen, die sich zeitweise im Iran aufhielten und ausreisen konnten, berichten, dass Ärztinnen und Ärzte direkt am OP-Tisch an ihrer Arbeit gehindert wurden. Uns liegen Bildbelege vor, dass selbst bereits intubierte Patientinnen und Patienten gezielt getötet wurden. Zudem wissen wir, dass Sicherheitskräfte in mehreren Kliniken, insbesondere in Isfahan, medizinisches Personal festgenommen haben. Ein Chirurg berichtete, er habe während einer Operation Schüsse aus benachbarten Räumen gehört – in einem Krankenhaus. Die Liste dieser Gräueltaten ließe sich ewig fortsetzen.
Was können Sie in Phasen tun, in denen niemand im Iran erreichbar ist?
Dr. med. Parisa Fathi: Wir dokumentieren alles, was uns erreicht, und sammeln Beweismaterial. Parallel dazu konzentrieren wir uns auf internationale Aufklärung über das Massaker an den Protestierenden. Der Iran betrifft uns alle: Die Destabilisierung der vergangenen Jahrzehnte im Nahen Osten und zahlreiche aktuelle Probleme in Europa stehen in direktem Zusammenhang. Sicher ist: Die Arbeit wird nicht weniger. Die medizinische Katastrophe verliert nicht an Aktualität, nur weil Menschen zeitweise nicht auf die Straße gehen können.
Wie ist das Gesundheitssystem im Iran strukturiert?
Dr. med. Parisa Fathi: Es existiert eine teilstaatliche Gesundheitsversorgung, etwa für Beamte und Lehrkräfte, daneben Privatkliniken. Viele Menschen sind jedoch gar nicht krankenversichert. Aufgrund der katastrophalen wirtschaftlichen Lage können zahlreiche Patientinnen und Patienten selbst grundlegende medizinische Leistungen nicht mehr in Anspruch nehmen. Behandlungen müssen häufig vollständig aus eigener Tasche bezahlt werden – bei gleichzeitig hoher Inflation und massiv gesunkener Kaufkraft.
Hinzu kommt ein gravierender Mangel an Medikamenten und medizinischem Material. Ein Teil dessen, was ins Land gelangt, landet auf dem Schwarzmarkt, manches ist sogar kontaminiert. Das pharmazeutische Team von ParsiMed prüft fortlaufend, wie dringend benötigte Medikamente beschafft werden können, etwa über Reisende, die sie in den Iran mitnehmen.
Wie organisieren Sie die Arbeit bei ParsiMed?
Dr. med. Parisa Fathi: Wir kommen aus unterschiedlichen Fachrichtungen, arbeiten aber eng interdisziplinär zusammen. In regelmäßigen Zoom-Meetings besprechen wir komplexe Fälle und strategische Fragen. Häufig kooperieren wir mit anderen Netzwerken, unterstützen Menschen in Flüchtlingslagern und helfen Geflüchteten auch hier in Deutschland. Zudem entwickeln wir Konzepte für zukünftige Hilfsstrukturen, etwa medizinische Unterstützung an den Grenzen. Wir alle sind berufstätig – mit einem Bein im Klinik- oder Praxisalltag und mit dem anderen ständig bei dem, was im Iran geschieht.
Benötigen Sie Unterstützung?
Dr. med. Parisa Fathi: Ärztinnen und Ärzte, Pharmazeutinnen und Pharmazeuten sowie Psychologinnen und Psychologen können sich gern an uns wenden. Wir sind für jede Form der Unterstützung dankbar – fachlich, moralisch oder durch Spenden. Unsere Arbeit beginnt im Grunde erst jetzt.



