Helfen in der Ukraine: Ein DRK-Arzt berichtet

30 Mai, 2022 - 07:29
Gerti Keller
DRK-Einsatz Ukraine: Erste Hilfe in Irpin
Bewaffneter Konflikt in der Ukraine: Mitarbeiter des IKRK bei einem Hilfseinsatz in Irpin, einem Vorort von Kiew. Sie leisten Menschen, die nicht aus der Stadt fliehen können, Erste Hilfe.

Täglich erreichen uns Hiobsbotschaften aus der Ukraine. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) ist mit rund 20 Einsatzkräften vor Ort. Katastrophenmediziner und Notarzt Dr. Johannes Schad berichtet aus Lviv.

Herr Dr. Schad, wo sind Sie aktuell? Und wie helfen Sie dort?

Dr. Johannes Schad: Ich bin seit März in der Ukraine und war bislang in den drei westlichen Distrikten Riwne, Wolyn und Lviv. Dort arbeitet das DRK eng mit seiner Schwestergesellschaft, dem Ukrainischen Roten Kreuz, zusammen, um dessen lokale Hilfsstrukturen in der aktuellen Krise zu stärken. Aktuell unterstütze ich mit DRK-Kollegen den Home Visiting Nursing Service, einen ambulanten Pflegedienst vom Ukrainischen Roten Kreuz. Den gab es schon vor der Eskalation im Februar, er war aber in den letzten Jahren durch Finanzierungs-Probleme etwas ins Hintertreffen geraten. Nun ist er besonders wichtig, weil unter den mehr als acht Millionen „IDPs“, den internally displaced persons, die als Binnenflüchtlinge überwiegend aus der Ost-Ukraine kommen, ebenfalls etliche Pflegebedürftige sind. Häufig konnten auch sie außer einer Plastiktüte nichts mitnehmen. 

Wo kommen diese Menschen unter?

Dr. Johannes Schad: Viele in Provisorien wie Schulen oder Kultureinrichtungen, überall, wo es Platz gibt. So werden Klassenzimmer hergerichtet, in denen sechs bis acht Leute wohnen. Allerdings ist eine Grundschule mitnichten auf pflegerische Aspekte eingerichtet. Da fehlt es an Rollatoren, Roll- oder Toilettenstühlen. Als Betten dienen oft Matratzen auf Europaletten – schwierig für einen betagten Menschen! Da muss dann ein Pflegebett her – und dann fragen wir unsere Logistiker: Was haben wir da? Was kann man am lokalen Markt besorgen und was muss international organisiert werden, da kriegsbedingt die Logistikketten eingeschränkt sind. Das betrifft auch Medikamente. Für all dies müssen die Bedarfe vor Ort abgefragt werden, wo oft genug dann die schwierige Entscheidung zu treffen ist: Wen kann man schnell versorgen, wer kommt auf die Warteliste?

Funktioniert das dort überall gut?

Dr. Johannes Schad: Die Unterbringung gerade in den Schulen ist seitens der ukrainischen Behörden ziemlich gut organisiert. Überhaupt gibt es ein großes Verständnis. Auch von den lokalen Schulleitungen. Da trifft man oft auf resolute Direktorinnen, die das Ganze kompetent managen. Natürlich ist die Versorgungsstruktur insgesamt bescheiden, was nicht nur reine Pflege-Aspekte betrifft. Es hungert zwar niemand, aber es fehlt an Hygieneartikeln und vielem anderen. Da wird irgendwo vielleicht eine Waschmaschine benötigt oder ein Duschkopf. All das ist in einer Grundschule normalerweise eben auch nicht verfügbar.

Ermitteln Sie die lokalen Bedarfe persönlich?

Dr. Johannes Schad: Nein. Das erledigen örtliche Rot-Kreuz-Kräfte, die ihre Stadt und ihren Landkreis viel besser kennen. Dafür existiert ein standardisierter Fragebogen. Ich habe einige Einrichtungen besucht, um mir einen Eindruck zu verschaffen, bin aber selbst in einem Einsatzzentrum in Lviv-City tätig. Auch behandele ich keine Patientinnen und Patienten, stattdessen bestimmt Büroarbeit meinen Tag. Ich schaue mir eher die strategische Ebene an, erstelle Lageanalysen und mache Budgetplanungen, um Projekte anzuschieben und abzustimmen. Dazu kommuniziere ich mit den lokalen Behörden und erkläre die gesundheitlichen Aspekte, zum Beispiel: Was darf eine Pflegekraft medizinisch machen? Wieviel kann ein Nursing Assistant pro Tag leisten? Das alles passiert in enger Abstimmung mit dem Ukrainischen Roten Kreuz. Denn nach den Rot-Kreuz-Statuten arbeiten wir immer mit der Nationalen Gesellschaft zusammen und sogar unter deren Ägide.

Die Zusammenarbeit mit dem Internationalen Roten Kreuz (IKRK)

Das DRK unterstützt das IKRK mit einer großen Menge an medizinischem Material und Einsatzfahrzeugen. Zudem werden deutsche Delegierte, etwa als Notfallsanitäter, Projektleiter oder Pflegekräfte, dem IKRK zur Verfügung gestellt. Entsprechend den Genfer Konventionen leistet das IKRK auch die Versorgung Kriegsverletzter. Erfahrungsgemäß ist diese Arbeit meist schwierig und auch für die Einsatzkräfte belastend.

Zudem bemüht sich das IKRK permanent darum, dem „humanitarian space“ im Krieg Raum zu verschaffen, in dem es beide Konflikt-Parteien an die jeweils unterzeichneten Konventionen erinnert. Dies betrifft auch den besonderen Schutz medizinischer Einrichtungen. Mehr als 100 Krankenhäuser und weitere 100 Gesundheitseinrichtungen wurden dennoch bisher in der Ukraine beschädigt. Diese Verstöße werden auch vom ukrainischen Gesundheits-Cluster der WHO regelmäßig gesammelt, überprüft und dokumentiert.  

Wenn Sie zwischendurch auch mal privat unterwegs sind, was bekommen Sie von der Stimmung mit?

Dr. Johannes Schad: Hier im Westen findet ein Stück weit normales Leben statt. Das heißt, die Leute gehen einkaufen, sogar ins Café. Wenn man in Lviv auf die Straßen schaut, sieht das wie ein normaler Alltag aus, zumindest an der Oberfläche. Anders dann bei Luftalarm, da leert sich alles schnell. Das findet regelmäßig ein-, zweimal am Tag statt, manchmal dreimal. Die Menschen sind aber eher gefasst, nicht panisch. Doch in den Tagen vor dem 9. Mai hatten viele schon einen gewissen Bammel, was da auf sie zukommen könnte. Das ist eine Frage, die auch hier keiner so richtig einschätzen kann. Insgesamt herrscht eine große gesellschaftliche Solidarität mit der Ostukraine.

Was hören Sie von den ärztlichen Kolleginnen und Kollegen aus der Ost-Ukraine?

Dr. Johannes Schad: Dort wurden ebenfalls Hospitäler besucht und konkrete Bedarfe erhoben. Das wurde unter anderem in Charkiw, Poltawa oder Sumy gemacht. Bislang funktioniert es zumindest da noch in einem normalen Modus. Die Personalsituation in den dortigen Krankenhäusern ist ebenfalls stabil. Sie sind nicht komplett von der Logistik-Kette abgeschnitten und können von der Materialversorgung her arbeiten. Insofern ist da ein Stück weit noch eine Routine gegeben. Geplante Operationen werden aber alle verschoben, da wird jetzt elektiv nicht wirklich viel gemacht. Anders sieht es natürlich in den Gebieten aus, die direkt in Kriegshandlungen involviert waren oder sind. Da gibt es zum Teil erhebliche Schäden an der Infrastruktur. Und dort fehlen auch Mitarbeitende, sodass oft nur noch eine Erstversorgung gemacht werden kann und die kritischen Fälle weiter verlegt werden müssen.

Wie sieht es überhaupt mit der medizinischen Infrastruktur des Landes aus?

Dr. Johannes Schad: Die ist überdurchschnittlich gut. Das stammt teilweise noch aus Sowjetzeiten, in der die Gesundheitsstrukturen stark gefördert wurden. Entsprechend gibt es sehr viele Hospitäler. Die Ukraine hat zudem als Ausbildungszentrum für Ärztinnen und Ärzte aus dem Nahen Osten, aus Jordanien und Palästina, fungiert. Das Know-how der Kolleginnen und Kollegen ist wirklich sehr hoch, es ist beileibe kein Land mit Entwicklungsbedarf. Was die Krankenversicherung betrifft: Die ist zwar zu einem sehr günstigen Preis zu haben, allerdings ist selbst der aktuell für viele unerschwinglich. Unmittelbare Notfälle werden versorgt, alles was darüber hinausgeht nicht. Natürlich gibt es auch einen privaten medizinischen Sektor. Dennoch: Im Großen und Ganzen funktioniert das ganz gut. Deswegen werden wir als internationale Ärztinnen und Ärzte hier auch nicht direkt für Behandlungen gebraucht, außer in den Fällen, wo explizit Spezialisten angefordert werden.

Wie flächendeckend ist die Grundversorgung?

Dr. Johannes Schad: Diese ist über die Primary Healthcare Center in den urbanen Gegenden gewährleistet. Schwierig wird es allerdings in den ländlichen Gebieten, zum Beispiel Richtung belarussischer Grenze. Da wird es auch für die Flüchtlinge sehr problematisch. Vor allem für die, die kein Auto haben und eben auch nicht den Bus nehmen können. Manch ein betagtes Ehepaar trifft da mitten im Nirgendwo ein... Um all diese Menschen zu erreichen, soll es künftig auch mobile medizinische Teams geben. Diese sind dann zum Beispiel in Minibussen unterwegs, besetzt mit einem einheimischen Arzt plus Krankenschwester und zwei Ehrenamtlichen von uns. Das ist das zweite Programm, welches das DRK mitunterstützt.

Wann wird das starten?

Dr. Johannes Schad: Wir rechnen mit Juni. Auch hierfür ist die Medizin das kleinste Problem. Die große Herausforderung ist die Logistik, diese ganze Materialbeschaffung über Berlin oder andere Länder. Gebrauchtfahrzeuge sind fast doppelt so teuer geworden, ebenso ist Sprit hier sehr schwierig zu bekommen. Man wartet im Moment zwei bis drei Stunden vor einer Tankstelle und erhält dann nur 20 Liter. Es gibt zwar für die kritischen Infrastrukturen Tankgutscheine, aber die Distrikte sind riesig. Deswegen befürchte ich, dass sich das Ganze ein wenig verzögert. Es dauert auch, bis alle Fahrzeuge versichert und steuerlich angemeldet sind etc. Das geht leider nicht von heute auf morgen, weil es eben kein klassischer Erdbeben-Einsatz ist, wo man „quick and dirty“ alles dabeihat und sofort loslegen kann. Man muss sich trotz des Krieges an die Vorschriften des Landes halten.

Es gab ja auch von deutscher Seite ein großes Engagement. Mehr als 1000 Ärztinnen und Ärzte hatten sich hierzulande für einen Einsatz in der Ukraine gemeldet, was ein wenig im Sande verlaufen ist…

Dr. Johannes Schad: Ja. Das ging zwischen den Behörden und anderen Stellen hin und her und war letztlich enttäuschend für die Kolleginnen und Kollegen. Die Hauptschwierigkeit ist, dass ich als Arzt auch für die Ukraine eine Akkreditierung brauche. Wer sich engagieren möchte, sollte das längerfristig sehen. Auch wir schicken keinen „da raus“ ohne explizite Vorbereitung. Wenn Sie für eine Hilfsorganisationen arbeiten möchten, müssen Sie vorab spezielle Kurse absolvieren, auch um die Organisation und die Herangehensweisen zu verstehen. Man ist Teil einer komplexen Gesamtstruktur. Auch ich muss den Stab immer wieder weiterreichen.

Persönlich gefragt: Haben Sie in den letzten Wochen Angst gehabt?

Dr. Johannes Schad: Nein. Klar, es hat Luftschläge gegeben, auch in Lviv. Aber ich persönlich sehe das hier im Westen als kalkulierbares Risiko an. Da kommt mir auch meine Erfahrung zugute. Ich war bereits in einigen Kriegs- und Konfliktgebieten wie dem Gaza-Streifen oder dem Irak. Natürlich müssen wir auch hier Sicherheitsauflagen befolgen, wie die Ausgangssperre nach 22 Uhr. Was für mich jedoch immer wieder spannend ist: Ich lerne in jedem Einsatz dazu. Diese Erkenntnisgewinne bringe ich als Katastrophenmediziner dann mit nach Hause um zu reflektieren: Wie ist das denn bei uns in Deutschland? Inwieweit sind wir auch vorbereitet? Natürlich gehen auch mir einige Schicksale nahe, aber schlussendlich hat man es im Alltag als Notfallmediziner oft mit schwierigen Situationen zu tun – und menschliche Abgründe gibt es überall.

Was ist denn eine neue Erkenntnis?

Dr. Johannes Schad: Was wirklich schmerzt ist, dass diese slawischen Brüdervölker aufeinander losgehen. Das ist für mich persönlich das Verwunderlichste an der ganzen Sache. Das war bis vor kurzem kaum vorstellbar und ist eine solche Tragödie, durch die so viele Beziehungen für lange Zeit gekappt werden. Und erst diese atomare Drohkulisse. Inwieweit man sich darauf vorbereiten kann oder muss, wirft Fragen auf, die leider wenig Antworten ermöglichen.

Der Experte

Dr. Johannes Schad

Dr. Johannes Schad ist Ärztlicher Leiter der Stiftung des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin. Er ist Facharzt für Chirurgie und leitender Notarzt. Außerdem ist er Alumnus und Lehrbeauftragter des Master-Studiengangs für Katastrophen-Management und Risk-Governance an der Universität Bonn/BBK und internationaler Delegierter für das DRK und IKRK in Genf. Einsätze führten ihn nach Kenia (2009), Haiti (2010), Gaza (2010), Irak (2011), Philippinen (2013), Jordanien (2014), Liberia (2015), Nepal (2015) Mossul (2017) und Bangladesch (2018).
 

Bild: © privat

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