Chefarzt, bunter Vogel und Weltverbesserer: Dr. André Borsche

20 April, 2026 - 07:42
Gerti Keller
Dr. André Borsche
Dr. André Borsche ist Facharzt für Plastische & Ästhetische Chirurgie und Vorsitzender von "Interplast-Germany e.V."

Dr. André Borsche ist ein Chirurg mit großem Erfahrungsschatz im In- und Ausland. Doch wirklich zur Ruhe setzen, möchte er sich nicht – schon gar nicht angesichts des Zustands der Welt. Auch würde dann ein Farbfleck auf den Konferenzen fehlen. 

Herr Dr. Borsche, wie erleben Sie den Nachwuchs?

Dr. André Borsche: Viele starten begeistert und verlieren dann ihre „Sehnsuchtsmedizin“ schrittweise. In zahlreichen Gesprächen der letzten Jahre habe ich gesehen, wie die Augen von jungen Medizinerinnen und Medizinern anfangs leuchten. Doch im Alltag verschwindet das. Dies mitzuerleben tut mir regelrecht weh. Es gibt immer mehr Technik, immer mehr Druck und immer weniger Menschlichkeit. Und dabei haben wir so einen wunderschönen Beruf! Die Patienten und Patientinnen vertrauen uns, wir können ihnen helfen und dazu beitragen, sie wieder glücklicher zu machen. 

Sie waren 28 Jahre Chefarzt – zweimal wurde Ihre Abteilung als beste Weiterbildungsstätte ausgezeichnet. Ihr Erfolgsrezept?

Dr. André Borsche: Es ist wichtig, die Identifikationskraft seines Teams zu stärken. Es geht schlichtweg darum, das Potenzial der Mitarbeitenden so optimal zu fördern, dass sie die Aufgaben zu ihrer Sache machen. Dafür muss man ihnen Spielraum lassen. Wer mitgestalten darf, erledigt seine Arbeit mit viel mehr Herzblut. Dafür ist es hilfreich, sich ab und an in die Lage der jüngeren Kolleginnen und Kollegen zu versetzen – und sich daran erinnern, wie es war, als man selbst in der Situation steckte. 

Waren Sie streng?

Dr. André Borsche: Ich war sicherlich ein liberaler, offener, aber auch strenger Chef, insbesondere was Qualität und Behandlung der Patientinnen und Patienten anging. Sah ich irgendwelche Defizite, setzte ich alles daran, meine Mitarbeitenden auf Vordermann zu bringen. Das schafft dann auch Erfolgserlebnisse bei ihnen. Die muss man allerdings auch zulassen können, und darf gute Ergebnisse nicht nur auf die eigene Person beziehen nach dem Motto „einzig der Chef ist der Tolle in der Abteilung“. 

Ist es wichtig, sich als Chef dann auch mal zurückzunehmen?

Dr. André Borsche: Gerade im operativen Fach möchte der Nachwuchs frühzeitig Erfahrungen am Tisch sammeln. Es war für mich elementar, dass alle Mitarbeitenden von Anfang an beim Operieren mitmachen konnten. Je besser sie wurden, desto mehr durften sie tun; ich habe ihnen stundenlang dabei assistiert. Das war mit erheblichem persönlichen Aufwand verbunden, wurde aber in Treue zur Abteilung und hoher Qualität belohnt.

Wie kamen Sie überhaupt zur Plastischen Chirurgie?

Dr. André Borsche: Ich wuchs in einem Künstlerhaushalt auf. Mein Vater war Bratschist bei Karajan in der Philharmonie und Maler, daher kommt vielleicht mein ästhetisches Moment. Nach sieben Jahren als „normaler“ Chirurg habe ich mich in der Plastischen Chirurgie erst richtig wiedergefunden, weil diese so viel vereint. Die Kombination war für mich der Glücksfall schlechthin. Ich kann mein kreatives Talent anwenden, meiner Intuition folgen und empathisch agieren. Diese psychologische Komponente ist für mich sehr wichtig, ich fiebere mit meinen Patientinnen und Patienten richtig mit. 

Sie sind 2023 in Rente gegangen, so richtig ist das aber kein Ruhestand, oder? 

Dr. André Borsche: Das habe ich mir schon ein bisschen anders vorgestellt. Inzwischen bin ich achtfacher Großvater und besuche gerne meine Enkelkinder, die in ganz Deutschland verstreut leben. Ich verfolge gespannt, wie sie sich entwickeln und kann mich an ihnen intensiv erfreuen. Dem möchte ich auch persönlich viel Raum geben! Aber solange ich als medizinische Kapazität noch was draufhabe... Wenn Sie zufriedene Patientinnen und Patienten haben, möchten Sie das nicht von heute auf morgen aufgeben. Ich bleibe meinem Fach weiter treu, weil es meine Leidenschaft ist.

Wo sind Sie noch überall tätig?

Dr. André Borsche: Im freundschaftlichen Einvernehmen meines Nachfolgers darf ich in meiner alten Klinik in Bad Kreuznach immer noch Kinder aus dem Ausland mit Begeisterung operieren, meist auch sehr komplizierte Operationen für "Interplast-Germany e.V.". Seit 2019 bin ich zum zweiten Mal Vorsitzender dieser Hilfsorganisation, die humanitäre plastisch-chirurgische Einsätze weltweit durchführt. Seit vielen Jahren holen wir auch Schwerstbefunde nach Bad Kreuznach. So kann ich meine Erfahrung nach wie vor hier mit dem Nachwuchs teilen. Und ich bin vermehrt für "Interplast" im Ausland, letztes Jahr hatte ich vier humanitäre Einsätze. 
"Interplast" will vor allem Hilfe zur Selbsthilfe leisten. 

Bekommen Sie zu Hause auch ab und an Nachfragen von ausländischen Ärztinnen und Ärzten?

Dr. André Borsche: Ab und an ist gut… Ich kriege aus der ganzen Welt Anfragen, Befundfotos und sitze fast täglich bis Mitternacht vor dem Bildschirm. Auf diese Weise können wir auch gut planen, welche Fälle uns beim nächsten Einsatz erwarten. Für mich ist es bis heute eine tolle Challenge, mir bei komplizierten Fällen differenzierte Operationslösungen auszudenken und die Chance zu haben, sie umzusetzen. Und angesichts der Freude der Betroffenen ist danach jedes Mal Weihnachten. Zudem übernehme ich einige kleine Eingriffe in einer befreundeten Privatpraxis. Aber das sind dann rein ästhetische gesichtschirurgische Operationen wie Lid- und Augenbrauenstraffungen.

Wie vereinbaren Sie diese Parallelwelten? Hier Schönheits-OPs und im Ausland tragische Schicksale? 

Dr. André Borsche: Auch einige meiner Privatpatientinnen und -patienten haben zu mir schon gesagt: „Ich weiß, Sie helfen in Afrika – und da komme jetzt zu ihnen mit meinem kleinen Faltenproblem…“  Natürlich sind das im ersten Augenblick absolute Gegensätze. Aber jeder Mensch lebt in seiner Welt, ist gewohnt an sein Umfeld, seine Selbstverständlichkeiten. Wir haben hier eben andere Probleme, die uns zu schaffen machen. Ich kenne Patientinnen, die jahrelang ihre Angehörigen bis zum Ende gepflegt haben und jetzt einmal etwas für sich tun wollen. Und ich als Chirurg kann in einer einstündigen ambulanten Operation diesen Menschen eine Verbesserung der Lebensqualität ermöglichen – was sie ja auch selbst bezahlen müssen. Aber ich erfülle nicht jedes Wunschkonzert, und schon gar nicht, wenn man mir irgendwelche Dollarnoten auf den Tisch legt und sagt: „Ich hätte gerne dies und das“. Dann antworte ich: „Packen Sie das gleich mal wieder ein.“

Sie haben sich auch in ihrer Zeit als Chefarzt ein Stück ihrer alten Hippie-Attitüde behalten, allein durch ihr Outfit…

Dr. André Borsche: Meine nepalesische Jacke trage ich bis heute gern auf Konferenzen. Die ist ein Dankeschön von Eltern aus dem Himalaya. Ich schlüpfe da mit einer ganz persönlichen Überzeugung rein. Es wird genügend Leute geben, die denken „was für ein Spinner“. Diesen Stress mache ich als bunter Vogel auch manchen Kontakten im Ausland – wenn die einen stromlinienförmigen Normalo-Chirurgen mit Krawatte erwarten und dann mit mir klarkommen müssen. Wenn sie aber merken, was meine wirklichen Beweggründe sind, dann schwingt das um in Begeisterung für die Sache. Wenn Sie als eine etwas anders gestrickte Persönlichkeit auftreten, enthemmt das erfreulicherweise auch die anderen – und ermöglicht ungewöhnliche Kontakte.  

Haben Sie angesichts der vielen Kriege und Krisen auf der Welt ein innerliches Erschrecken? Sie wissen ja mehr als andere, was das für die Menschen vor Ort bedeuten kann?  

Dr. André Borsche: Ich bin Pazifist und kann Kriege nur als Niederlage verstehen. Diese ganzen strategischen Überlegungen, ob ein Angriff gerechtfertigt ist oder eine Seite aus Sicherheitsinteressen dies und das braucht, sind mir unbegreiflich. Wenn man die Einzelschicksale vor Augen hat, ist es mir komplett egal, auf welcher Seite derjenige betroffen ist. Da werden in wenigen Sekunden Menschenleben zerfetzt, zerstückelt, wo Sie als Arzt Wochen und Jahre brauchen, um vielleicht ein bisschen noch was zu retten. Es ist unendlich tragisch, dass wir es nicht besser im Griff bekommen, als uns mit der großen Keule gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. 

Kann man da nicht eher dran verzweifeln?

Dr. André Borsche: Um dieser Verzweiflung nicht ganz ausgeliefert sein, versuchen wir auch in diesen Fokusländern zu helfen. Um wenigstens ein Feigenblatt aufrecht zu erhalten, nicht ganz vor dieser Gewaltspirale zu kapitulieren. Aber machen wir uns nichts vor. Auch unsere Einsätze für "Interplast" sind immer nur eine Stippvisite, ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber es ist ein Engagement, das Zeichen setzt. Gerade am Schicksal eines Kindes aus einem entlegenen Urwaldgebiet, das normalerweise keine Chance auf eine adäquate Behandlung hätte, können wir zeigen, dass es uns wert ist, seine Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte zu versorgen. Natürlich können diese Operationen in den jeweiligen Ländern meist auch in einigen Zentren durchgeführt werden, doch sind die Armen in vielen Regionen gar nicht gewohnt, überhaupt in die Stadt zu gehen. Wenn sie solchen Menschen helfen, denken diese, ein Wunder sei geschehen. Dann werden wir auch als Helfende von einer Dankbarkeit überwältigt, dass uns die Tränen kommen. Das sind Momente, wo ich dem lieben Gott danke, dass ich Arzt geworden bin. 

Der Experte:

Dr. André Borsche ist Facharzt für Plastische & Ästhetische Chirurgie. Von 1995 bis 2023 war er Chefarzt für Plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie am Diakonie-Krankenhaus in Bad Kreuznach. 2009 und 2021 wurde seine Abteilung von der Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie als beste Weiterbildungsstätte ausgezeichnet. Seit 1990 engagiert er sich mit seiner Frau Dr. Eva Eisenhardt-Borsche für Interplast-Germany e.V., aktuell als Vorsitzender.

Mehr Informationen und Kontakt: www.interplast-germany.de

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