Dr. Detlev Jung: So arbeitet ein Betriebsarzt beim Fernsehen

28 April, 2021 - 06:55
Stefanie Hanke
Kamera im Fernsehstudio, Interview

Ein Job beim Fernsehen ist für viele ein Traumberuf – genau wie die Arbeit als Arzt oder Ärztin. Dr. Detlev Jung hat es geschafft, beide Welten miteinander zu verbinden: Er ist leitender Betriebsarzt beim ZDF in Mainz. Im Interview erklärt er, was die ärztliche Arbeit beim Fernsehen so spannend macht.

Herr Dr. Jung, wie sind sie Betriebsarzt beim ZDF geworden? Haben Sie immer schon von einem Job beim Fernsehen geträumt oder hat sich das so ergeben?

Dr. Detlev Jung: Nein, vom Fernsehen geträumt habe ich nicht. Ich bin jetzt schon seit 20 Jahren Betriebsarzt beim ZDF. Ursprünglich habe ich meinen Facharzt im Bereich Innere Medizin gemacht, mich dann aber auf den Bereich Arbeitsmedizin spezialisiert, weil ich in der Prävention arbeiten wollte. In der Arbeitsmedizin geht es darum, dass die Arbeitenden an ihrem Arbeitsplatz gesund bleiben, keine Arbeitsunfälle oder Berufskrankheiten entstehen – das hat mich sehr interessiert. Ich habe in diesem Bereich lange an der Uni gearbeitet und habilitiert. Auch das hat Freude gemacht. Ich habe dann überlegt, eine Professur in Hamburg anzunehmen – dabei hat aber die Familie nicht mitgezogen. Gleichzeitig kam das Angebot vom ZDF – und das habe ich dann angenommen. Es war eher Zufall, aber ich habe diese Entscheidung nie bereut.

Was gefällt Ihnen an der Arbeit beim ZDF besonders gut?

Dr. Detlev Jung: Es ist ein großer Betrieb mit vielen Facetten. Wir haben etwa 6.800 freie und festangestellte Mitarbeiter. Und die Aufgaben hier sind vielfältig. Ich habe auch einige Freiheiten und kann beispielsweise meine wissenschaftliche Arbeit weiterführen – Anregungen für Forschungsthemen bekomme ich im Arbeitsalltag.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag denn aus?

Dr. Detlev Jung: Der Arbeitsalltag vom Betriebsmediziner beim ZDF sieht erstmal so aus wie in vielen anderen Betrieben auch. Vorsorgeuntersuchungen werden durchgeführt, im Rahmen von Arbeitsplatzbegehungen und Gefährdungsbeurteilungen prüfen wir, wo es gesundheitliche Gefährdungen für einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt. Der Vorteil des großen Betriebs ist, dass ich fest angestellt bin und daher auch einen größeren Kontext sehen kann. Ich mache beispielsweise in Kooperation mit den Führungskräften viel Konzeptarbeit. Wir schulen etwa im Bereich der Ergonomie, beschäftigen uns mit dem Thema Sucht und beraten zu psychischen Beschwerden, wir führen Gesundheitstage durch. Zudem sind wir auch akutmedizinisch tätig, etwa, wenn jemand bei der Arbeit ein gesundheitliches Problem, Erkältungen, Bandscheibenbeschwerden oder Ähnliches hat. Wir sind also Ansprechpartner in vielen gesundheitlichen Fragen.

Diese Aufgaben gibt es natürlich in vielen Betrieben. Was sind spezifische betriebsmedizinische Aufgaben beim Fernsehen?

Dr. Detlev Jung: 70 bis 80 Prozent der Mitarbeiter hier haben Bürotätigkeiten, die es anderswo genauso gibt – hier arbeiten Verwaltungsangestellte, Journalisten, aber auch viele Grafiker und Juristen. Aber es gibt schon einige Besonderheiten: Ein spezieller Bereich sind beispielsweise die Nachrichten. Dort wird einerseits sehr flexibel gearbeitet, andererseits aber auch in einem strengen zeitlichen Korsett. Es ist klar: Um 19 Uhr wird die „heute“ ausgestrahlt – davon kann man nicht abweichen. Speziell bei den Nachrichten sind die Inhalte naturgemäß nicht vorhersehbar – da müssen die Journalisten sehr schnell reagieren und sich auf ein neues Thema und eine neue Situation einstellen. Diese Verbindung von Exaktheit und zeitlich strengem Rahmen mit inhaltlicher Flexibilität führt zu einem guten Teil der psychischen Belastungen, denen die Mitarbeiter in diesem Bereich ausgesetzt sind.

Heißt das, Sie haben es als Betriebsmediziner vor allem mit psychischen Belastungen zu tun?

Dr. Detlev Jung: Ein großer Teil der Belastungen ist schon psychischer Natur. Es gibt auch Bereiche, wo außerdem eine körperliche Belastung dazukommt: Kameraleute tragen Kameras, die etwa zwölf Kilogramm wiegen – größere Modelle wiegen auch bis zu 20 Kilo. Das müssen wir natürlich berücksichtigen.

Welche Rolle spielt es medizinisch, wenn Kamerateams ins Ausland reisen – beispielsweise bei Kriegen oder Naturkatastrophen?

Dr. Detlev Jung: Die öffentlich-rechtlichen Sender sollen der Bevölkerung ein möglichst klares Bild der Welt liefern. Deshalb haben wir Teams, die jederzeit in jede Ecke der Welt aufbrechen können. Ich hatte gerade beim ZDF angefangen – da haben wir 2003 Reporter in den Irakkrieg geschickt. Später dann war es im Syrienkrieg ganz ähnlich. Die Teams nehmen bei solch einem Einsatz massive Belastungen auf sich – sowohl körperlich als auch psychisch. Wir entwickeln dann mit den Berufsgenossenschaften gemeinsam Konzepte, wie wir diese Leute schützen können.

Worum geht es da konkret?

Dr. Detlev Jung: Eine wichtige Frage ist, welche Impfungen die Kolleginnen und Kollegen brauchen, um spontan in verschiedene Länder reisen zu können – damit fängt es an. Aber wichtig ist auch: Wie können wir medizinisch und auch psychologisch helfen, dass die Belastungen gut verarbeitet werden? Das betrifft auch die Kolleginnen und Kollegen, die zwar in Deutschland bleiben, das gefilmte Material aber schneiden müssen. Aufnahmen etwa, wie IS-Kämpfer Menschen köpfen, sind weder für die Drehteams vor Ort gut, noch für die Kollegen hier in Mainz. Kriegserfahrungen sind dabei in der Regel schwerer zu verarbeiten als die Belastungen durch Naturkatastrophen. Die meisten kommen leichter mit Erlebnissen zurecht, die auf „höherer Gewalt“ beruhen. Das, was Menschen sich gegenseitig antun können, belastet schwerer. Wir entwickeln Konzepte zur psychologischen Begleitung und nachträglichen Betreuung von Menschen, die für ihren Job solchen Erfahrungen ausgesetzt sind.

Im Fernsehen geht es ja zum Glück nicht immer um Krisen und Katastrophen…

Dr. Detlev Jung: Das stimmt. Es gibt auch Teams, die Dokumentationen drehen. Die gehen letztlich in jede Lebenssituation, die es auf der Welt gibt, und berichten darüber. Und darauf müssen sie sich immer wieder neu einstellen: Neulich gab es beispielsweise eine Serie über den Ursprung des Menschen, die in Äthiopien, in Mittelamerika und an anderen Orten weltweit gedreht wurde. Ich rate dann immer dazu, eine medizinische Begleitung mitzunehmen – aber aufgrund der Kosten geht das nicht. Das ist schade – sonst könnte ich auch mal mitfahren (lacht). Aber ich reise immer mit dem Finger auf der Landkarte mit, wenn die anderen unterwegs sind.

Welche Rolle spielt es, dass die Reportage-Teams eigentlich ständig unterwegs sind?

Dr. Detlev Jung: Wir wissen, dass das Gesundheitsrisiko in den ersten Wochen an einem neuen Arbeitsplatz am größten ist – beispielsweise durch Unfälle. Nach einer gewissen Zeit nimmt dieses Risiko stark ab, weil man den Arbeitsplatz dann kennt. Unsere Reportage-Teams haben aber quasi ständig einen neuen Arbeitsplatz – das hält das Risiko stetig hoch, auch wenn sie nicht in besonders gefährliche Regionen reisen. Zudem müssen sie sich auf besondere klimatische Gegebenheiten, warme, kalte oder hochgelegene Regionen, einstellen – das alles spielt bei der medizinischen Betreuung eine Rolle.

Welche Rolle spielt die Corona-Pandemie aktuell für Ihre Arbeit?

Dr. Detlev Jung: Wie in fast jedem anderen Betrieb auch dominiert die Corona-Pandemie in dieser Zeit das arbeitsmedizinische Handeln. Beispielsweise bereiten wir gerade die Konzepte für die Reportageteams vor, die im Sommer zu den Olympischen Spielen nach Japan fahren. Was muss man da jetzt unter Corona-Bedingungen beachten? Die Kolleginnen und Kollegen kommen in ein Land, das aktuell eine ziemlich niedrige Inzidenz hat. Das bedeutet: Die Japaner verlangen strenge Quarantäne für alle, die einreisen. Unsere Teams werden voraussichtlich bis zu acht Wochen vor Ort sein – mit Vor- und Nachbereitung und den Paralympics, die sich an die Olympischen Spiele anschließen. Wir bereiten jetzt alles vor, damit die Teams vor Ort gut ausgestattet sind. Das bedeutet unter Corona-Bedingungen natürlich auch: Es müssen genug Tests, Masken etc. vorhanden sein. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio war dagegen das Zika-Virus Thema.

Wie sieht das medizinische Team beim ZDF aus?

Dr. Detlev Jung: Wir haben zwei Arztstellen: Ich selbst bin Vollzeit da, und zwei Kolleginnen teilen sich die zweite Stelle. Außerdem haben wir Medizinische Fachangestellte. Das ist auch ein Vorteil eines größeren Betriebs: Man kann sich immer mit anderen austauschen.

Als Betriebsarzt können Sie ja auch bei Fernsehproduktionen hinter die Kulissen schauen. Was finden Sie da besonders spannend?

Dr. Detlev Jung: Das exakte Arbeiten fasziniert mich sehr – beispielsweise, dass beim „Fernsehgarten“ auf die Sekunde genau vorausgeplant ist, was wann passiert. Einmal war ich bei der Generalprobe für „Wetten dass“ dabei. Mir hat es Spaß gemacht, Thomas Gottschalk, der sehr schlagfertig ist, bei der Arbeit zuzusehen. Die Organisation der medizinischen Betreuung bei den großen Shows fällt ja auch in unseren Bereich, aber wir müssen das nicht selbst stellen. Dafür sind Organisationen wie beispielsweise die Malteser oder das Rote Kreuz zuständig. Spannend fand ich auch eine Kochsendung mit Johann Lafer: Er war für die Toningenieure eine Herausforderung, weil er immer ganz leise zu sprechen anfing, und dann im Verlauf der Sendung immer lauter wurde. Bei solchen Formaten hat die Produktion ebenfalls ganz genaue Vorstellungen. Beispielsweise darf er eine Soße im Fernsehen nicht mit dem Finger probieren – die Szene musste wiederholt werden. In den Sendungen steckt viel exakte Arbeit.

Der Experte:

Dr. Detlev Jung

Priv.-Doz. Dr. med. Detlev Jung ist Leitender Betriebsarzt beim ZDF in Mainz.

Bild: © privat

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