Dr. Jan Leidel über Impfkritiker: „Manche Diskussionen lohnen sich, andere nicht“

8 März, 2021 - 07:15
Stefanie Hanke
Dr. Jan Leidel
Dr. Jan Leidel ist Sozialmediziner und Virologe. Von 2011 bis 2017 war er Vorsitzender der STIKO am Robert-Koch-Institut.

Impfungen gelten derzeit als die beste Möglichkeit, das Corona-Virus zu stoppen. Doch obwohl der medizinische Nutzen des Impfens wissenschaftlich gut belegt ist, bleiben viele Menschen skeptisch. Dr. Jan Leidel, ehemaliger Vorsitzender der STIKO und Autor des Buches „Impfen: 33 Fragen, 33 Antworten“ gibt im Interview Tipps, wie Ärztinnen und Ärzte Impfkritikern begegnen können.

Herr Dr. Leidel, dass Impfungen einen guten Schutz vor vielen verschiedenen Krankheiten bieten, ist wissenschaftlich sehr gut belegt. Trotzdem gibt es viele Menschen, die das Impfen ablehnen. Warum ist das so?

Dr. Jan Leidel: Das hat die unterschiedlichsten Gründe. Es gibt beispielsweise Menschen, die die sogenannte Schulmedizin, die man besser als wissenschaftliche Medizin bezeichnen sollte, ablehnen und lieber zum Homöopathen gehen – diese Menschen sind zum Beispiel auch Impfungen gegenüber eher kritisch eingestellt. Außerdem finden sich beispielsweise Aussagen wie „Ich habe ein gutes Immunsystem, ich brauche keine Impfung“, „Ich habe diese Krankheit noch nie bekommen, also lasse ich mich nicht impfen“ oder „Ich will nicht, dass meinem Kind Chemie gespritzt wird“. Aber auch Argumente wie „Diese Krankheiten gibt es doch gar nicht mehr“ hört man öfter. Als Arzt kann man dann leicht erwidern, dass es die Krankheiten deshalb nicht mehr gibt, weil wir dagegen impfen können. Es geht also oft um Fehlinformationen, aber auch um Angst. Das Robert Koch-Institut und das Paul-Ehrlich-Institut haben die 20 häufigsten Einwände gegen das Impfen zusammengestellt.

Wovor haben diese Menschen denn Angst?

Dr. Jan Leidel: Beispielsweise denke ich, dass viele eine Angst vor Spritzen hinter diesen Aussagen verstecken. Andere haben eine übertriebene Angst vor Nebenwirkungen. Aber es gibt auch andere psychologische Effekte: Wenn eine Mutter ihr Kind impfen lässt und es trägt wider Erwarten eine Schädigung davon, dann macht sich die Mutter furchtbare Vorwürfe. Wenn sie ihr Kind aber nicht impfen lässt und es erkrankt und stirbt im schlimmsten Fall, dann war das Schicksal. Damit kann man also im Zweifelsfall leichter umgehen.

Wie groß ist denn der Anteil an Impfkritikern?

Dr. Jan Leidel: Man überschätzt das leicht, weil Impfkritiker im Internet und in den Medien überdurchschnittlich präsent sind. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat dazu 2016 eine repräsentative Umfrage durchgeführt. Danach sind 54 Prozent der Deutschen Befürworter des Impfens, weitere 23 Prozent sind eher dafür. Das heißt: Mehr als drei Viertel stehen dem Impfen grundsätzlich positiv gegenüber. 18 Prozent sind unentschlossen, und nur fünf Prozent lehnen das Impfen ab – davon gehören nur zwei Prozent zu den wirklich überzeugten Impfgegnern. Diese Gruppe ist also eine ziemlich kleine Minderheit.

In den Medien kann man da einen ganz anderen Eindruck bekommen…

Dr. Jan Leidel: Genau. Vor allem im Internet sind die Impfgegner so stark vertreten, dass man sie für eine Mehrheit halten könnte. Und auch in Talkshows im Fernsehen sitzen sich meistens ein Impfbefürworter und ein Gegner gegenüber. Da könnte man meinen, dass beide Lager etwa gleich groß sind. Das stimmt aber nicht. Ich denke, dass die Impfgegner hier eine zu große Bühne haben.

Was können Ärztinnen und Ärzte tun, um ihre Patienten von den Vorteilen des Impfens zu überzeugen?

Dr. Jan Leidel: Die Meinung des Arztes oder des medizinischen Fachpersonals hat schon für die allermeisten Menschen eine entscheidende Bedeutung. Aber der einzelne Arzt in seiner Praxis kann da nicht für große Meinungsänderungen sorgen. Da sind auch die Gesellschaft, Politik, Wissenschaft und Journalisten in der Pflicht, wenn es darum geht, Impfgegner in die Schranken zu verweisen.

Trotzdem hat man es ja in der Arztpraxis immer wieder mit impfkritischen Patienten zu tun. Wie begegnet man denen am besten?

Dr. Jan Leidel: Wichtig ist, dass der Arzt in so einem Fall nicht autoritär und von oben herab auftritt. Besser ist es, sich auf Augenhöhe mit dem Patienten beziehungsweise den Eltern des Kindes zu begeben. Man sollte nach den genauen Gründen fragen, warum jemand die Impfung ablehnt – und dann sollte man verständnisvoll und empathisch reagieren. Oft geht es ja um Fehlinformationen. Und wenn man weiß, worüber sich jemand konkret Gedanken macht, kann man diese Annahmen auch besser korrigieren.

Wann lohnt sich so ein Gespräch? Und wann vielleicht auch nicht?

Dr. Jan Leidel: Wir hatten am Anfang ja gesagt, dass 18 Prozent der Bevölkerung dem Impfen unentschlossen gegenüberstehen. Auch hier wird man nicht jeden überzeugen, aber es lohnt sich, in die Diskussion einzusteigen – da können Informationen helfen, die Zweifel und Ängste zu beseitigen. Wenn man es allerdings mit einem Hardcore-Impfgegner zu tun hat, sollte man irgendwann kapitulieren und akzeptieren, dass die eigene Überzeugungsarbeit an Grenzen stößt. Früher habe ich gelegentlich ironisch reagiert und zum Beispiel gesagt: „Wenn Ihnen die Impfung nicht gefällt, probieren Sie doch mal die Krankheit“. Aber damit kommt man nicht weiter – das wird nur als aggressiv empfunden.

Was raten Sie Ärztinnen und Ärzten in so einem Fall?

Dr. Jan Leidel: Erstens würde ich mir eventuell unterschreiben lassen, dass die Impfung verweigert wurde – das regt vielleicht noch mal zum Nachdenken an. Außerdem kann ich so dokumentieren, dass ich meiner Verpflichtung aus dem Behandlungsvertrag nachgekommen bin, auf die Impfung und die Risiken des Nichtimpfens hinzuweisen. Und zweitens sollte man darüber nachdenken, ob sich dieser Patient nicht einen anderen Arzt suchen sollte. Das kann man auch direkt ansprechen: Ich kann sagen, dass ich den Eindruck habe, dass der Patient kein Vertrauen zu mir als Arzt hat und ich so schlecht arbeiten kann – und dass der Patient vielleicht in einer anderen Praxis glücklicher wäre.

Machen Sie solche Fälle persönlich betroffen?

Dr. Jan Leidel: Ich halte es für schrecklich, wenn Eltern ihren Kindern den Impfstoff verweigern. UNICEF hat ja sogar mit Verweis auf die Kinderrechtskonventionen ein Recht auf Impfung gefordert. Bei Erwachsenen ist es mir allerdings inzwischen gelegentlich auch egal, wenn sie auf Impfungen verzichten wollen – das ist ihr eigenes Risiko. Natürlich ist die Lage in der aktuellen Pandemie etwas anders: Da reden wir ja auch darüber, dass der einzelne mit seiner Impfung auch andere schützt – Stichwort Herdenimmunität. Da lohnt es sich schon, Energie in Überzeugungsarbeit zu investieren. Aber das spielt bei manchen Krankheiten keine wesentliche Rolle – da geht es eher um die Betroffenen selbst.

Wie hat die Pandemie die Einstellung der Menschen zum Impfen verändert?

Dr. Jan Leidel: Es ist auf jeden Fall jetzt ein Thema, das alle beschäftigt. Die Bereitschaft, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen, schwankt ja sehr. Am Anfang, als es noch gar keine Impfstoffe gab, lag die Impfbereitschaft bei 80 Prozent. Jetzt nimmt die Ablehnung wieder zu. Neu ist, dass die Menschen bestimmte Vorlieben und Abneigungen haben, was die einzelnen Impfstoffe betrifft: dass sie beispielsweise den AstraZeneca-Impfstoff nicht wollen – unter anderem, weil die STIKO ihn zunächst nur für unter 65-jährige empfohlen hat und auch unrichtige Informationen kursierten. Das trug sehr zur Verunsicherung bei. Der Hersteller hat ja sonst bei Impfstoffen kaum interessiert.

Was kann Ärzte dabei unterstützen, Menschen vom Impfen zu überzeugen?

Dr. Jan Leidel: Ärztinnen und Ärzte sollten sich auf dem aktuellen Stand halten, was das Impfen betrifft. Wichtig wäre, dass Ärzte auch längere Beratungsgespräche mit den Krankenkassen abrechnen könnten, selbst wenn es dann nicht zu einer Impfung kommt. Es ist aus meiner Sicht ein Impfhindernis, dass ein Arzt, der viel Zeit aufwendet, um eine impfskeptische Mutter von der Wichtigkeit des Impfens zu überzeugen, keine Vergütung erhält, wenn es dennoch nicht zur Impfung kommt. Und wir wissen, dass ein gutes, EDV-gestütztes Vorgehen das Impfen deutlich erleichtert. Im Idealfall wird der Patient auf eine anstehende Impfung aufmerksam gemacht. Und wenn er dann einen Termin vereinbart, ist der Impfstoff vorhanden und er wird geimpft. Schlecht ist es, wenn der Patient sich selbst darum kümmern muss, wenn eine Impfung ansteht. Die schon erwähnte Umfrage der BZgA zeigte beispielsweise, dass 65 Prozent der Befragten von ihrem Arzt nicht auf die seit 2010 bestehende STIKO-Empfehlung einer zusätzlichen MMR-Impfung für nach 1970 Geborene ohne oder mit nur einer Masernimpfung aufmerksam gemacht wurden.

Gibt es eigentlich auch Ärztinnen und Ärzte, die das Impfen ablehnen?

Dr. Jan Leidel: Ja, die gibt es tatsächlich und ich halte das für problematisch. Medizinrechtlich hat ein Arzt die Pflicht, einen Patienten im Rahmen seines Behandlungsvertrags zumindest auf die von der STIKO empfohlenen Impfungen aufmerksam zu machen. Trotzdem gibt es Kolleginnen und Kollegen, die eine impfkritische Haltung haben – vereinzelt sogar Kinderärzte. Aber ich denke, das sind nur sehr wenige, und diese Ärzte finden dann vermutlich auch ihr passendes Klientel. Und wer sich oder seine Kinder impfen lassen möchte, wird sicher in eine andere Praxis gehen.
 


Der Experte:

Dr. Jan Leidel ist Sozialmediziner und Virologe. Er leitete mehr als 20 Jahre lang das Gesundheitsamt in Köln. Von 2011 bis 2017 war er Vorsitzender der STIKO am Robert-Koch-Institut.

Buchtipp:

Dr. Jan Leidel, Impfen: 33 Fragen, 33 Antworten
© Piper Verlag 2021
128 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31740-5
Preis: 10,00 Euro

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