Facharzt-Weiterbildung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie: Dauer, Inhalte, Perspektiven

27 Mai, 2021 - 06:52
Stefanie Hanke
Facharzt-Weiterbildung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Vom Spannungskopfschmerz bis zur Essstörung: Körperliche Erkrankungen, die auf seelische Vorgänge zurückzuführen sind, sind das Fachgebiet der psychosomatischen Medizin und Psychotherapie. Wie die Facharzt-Weiterbildung abläuft und wie lange sie dauert, erfahren Sie im Beitrag.

Auf einen Blick: Weiterbildung (Facharztausbildung)  Psychosomatische Medizin und Psychotherapie:

  • Definition: Die Psychosomatische Medizin beschäftigt sich mit Erkrankungen, die sich nicht nur durch rein körperliche Ursachen erklären lassen, sondern auch eine psychische Komponente haben. Die Patienten werden dabei als eine körperlich-seelisch-soziale Einheit gesehen. Bei der Behandlung dieser Erkrankungen spielt daher auch die Psychotherapie eine wichtige Rolle.
  • Dauer: Die Facharzt-Weiterbildung in der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie dauert 60 Monate. Davon müssen 12 Monate in anderen Gebieten der somatischen Patientenversorgung abgeleistet werden. 12 Monate können in den Bereichen Psychiatrie und Psychotherapie und/oder Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie erfolgen.
  • Anzahl der Fachärzte: In Deutschland gibt es 5.433 Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Davon sind 4.130 berufstätig. 2.842 davon arbeiten ambulant, 1.031 stationär in einer Klinik.

Unerklärliche Schmerzen, Verdauungsbeschwerden oder Hautprobleme: Symptome, die keine klar erkennbare medizinische Ursache haben, können für die Betroffenen besonders quälend sein. Wenn sich der behandelnde Arzt oder die Ärztin in so einem Fall rein auf die körperlichen Symptome konzentriert, kann die Therapie lang, kompliziert und für alle Beteiligten frustrierend werden. Hier kommt die psychosomatische Medizin ins Spiel: Sie betrachtet die Wechselwirkungen zwischen körperlichen, seelischen und psychosozialen Vorgängen.

Psychotherapeutische Ausbildung gehört zur Facharzt-Weiterbildung

Psychosomatische Medizin ist vor allem auch Sprechende Medizin: Denn wenn die Beschwerden der Patienten beispielsweise durch Schmerzmittel oder physikalische Therapie nicht gelindert werden können, kann vielleicht eine Psychotherapie helfen. Daher gehört auch eine psychotherapeutische Ausbildung zur Facharzt-Weiterbildung in diesem Bereich: Angehende Fachärztinnen und Fachärzte für Psychosomatische Medizin spezialisieren sich dabei auf eines der gängigen Therapie-Verfahren:

  • das psychodynamische / tiefenpsychologische Verfahren,
  • das verhaltenstherapeutische Verfahren,
  • das systemische Verfahren (Einzel-, Paar-, Familientherapie).

Zu diesem Bereich der Facharzt-Weiterbildung gehört auch eine Selbsterfahrung im jeweils gewählten psychotherapeutischen Verfahrensansatz. Denn wer als Psychotherapeut oder Psychotherapeutin arbeiten will, muss sich auch mit seinen eigenen Verhaltensmustern, Gefühlen und Gedanken auseinandersetzen. In der späteren Arbeit hilft diese Selbsterfahrung den Therapeutinnen und Therapeuten dabei, ihren Patienten empathisch, aber trotzdem mit professioneller Distanz zu begegnen – ohne beispielsweise unbewusst eigene Erfahrungen auf sie zu projizieren.

Zu den Krankheitsbildern, die in den Bereich der Psychosomatischen Medizin fallen, gehören beispielsweise Essstörungen wie Magersucht (Anorexia nervosa), Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) oder starkes Übergewicht (Adipositas). Diesen Erkrankungen liegen meistens tieferliegende, psychische Probleme zugrunde. Viele Patienten mit Essstörungen verbringen im Laufe ihrer Therapie mehrere Wochen in einer psychosomatischen Klinik und werden im Anschluss ambulant psychotherapeutisch betreut. Fachärztinnen und Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie haben also sowohl die Möglichkeit, in einer Klinik zu arbeiten, als auch, sich mit einer eigenen Praxis niederzulassen.

Verständnis für das Zusammenspiel von Körper und Psyche

Doch bei der Psychosomatischen Medizin geht es nicht immer darum, dass seelische Probleme körperliche Symptome auslösen – das Zusammenspiel von Körper und Psyche funktioniert auch in die andere Richtung: So kann eine schwere Krebserkrankung bei den Betroffenen beispielsweise Depressionen und Ängste auslösen. Auch hier sind Fachärztinnen und Fachärzte für Psychosomatische Medizin gefragt.

Wer sich für eine Facharzt-Weiterbildung im Bereich Psychosomatische Medizin interessiert, sollte vor allem aufgeschlossen gegenüber einer interprofessionellen Zusammenarbeit mit vielen anderen Heilberufen sein. Denn Fachärzte und Fachärztinnen arbeiten in diesem Bereich eng mit anderen Medizinern zusammen – aber auch mit Psychologen, Kunst- und Körpertherapeuten oder Sozialtherapeuten. Übrigens: Wer nach der Weiterbildung seine Facharzt-Anerkennung in der Hand hält, kann sich freuen: In der Psychosomatischen Medizin besteht quasi Job-Garantie. Denn laut aktuellem Facharzt-Index gibt es hier im Vergleich zu allen anderen Fachgebieten die wenigsten potentiellen Bewerber auf jede ausgeschriebene Stelle.

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Die Weiterbildung (Facharztausbildung) Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Überblick

Die Dauer der Weiterbildung

Die Facharzt-Weiterbildung dauert 60 Monate im Bereich Psychosomatische Medizin und Psychotherapie unter Befugnis an Weiterbildungsstätten, davon

  • müssen 12 Monate in anderen Gebieten der somatischen Patientenversorgung abgeleistet werden
  • können zum Kompetenzerwerb bis zu 12 Monate Weiterbildung in Psychiatrie und Psychotherapie und/oder Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie erfolgen

Die Inhalte der Weiterbildung

Übergreifende Inhalte der Facharzt-Weiterbildung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

  • Wesentliche Gesetze und Richtlinien, insbesondere hinsichtlich Patientenrechte, Behandlung, Unterbringung und Betreuung psychisch Kranker
  • Wissenschaftlich begründete Gutachtenerstellung (Richtzahl: 3)

Krankheitslehre und Diagnostik

  • Theorie in Krankheitslehre und Diagnostik in Stunden (Richtzahl: 120)
  • Psychosomatische und psychotherapeutische Anamnese und Befunderhebung, ggf. unter Einbeziehung der Familie und der sozialen Situation einschließlich der Erfassung des psychopathologischen Befundes und der Erkennung seelisch-körperlicher Wechselwirkungen bei psychischen und somatischen Erkrankungen und Störungen, z. B. onkologische, neurologische, kardiologische, orthopädische und rheumatische Erkrankungen sowie Stoffwechsel- und Autoimmunerkrankungen, davon
    • Untersuchungen mit unmittelbarem Bericht im Konsiliar- und Liaisondienst (Richtzahl: 40)
  • Konzepte der psychosomatischen Medizin
  • Ätiologie und Chronifizierung psychischer und psychosomatischer Störungen und Erkrankungen
  • Konzepte der psychosozialen Belastungen und der Lebensqualität bei somatischen Störungen
  • Konzepte der Bewältigung von somatischen Störungen und Erkrankungen einschließlich spezieller Verfahren der Diagnostik bei seelischkörperlicher Wechselwirkung
  • Psychopathologie, psychiatrische Nosologie, Neurobiologie, Genetik und Epigenetik der psychischen und psychosomatischen Störungen
  • Verhaltensdiagnostik, Psychodynamik und Gruppendynamik, Lernpsychologie, psychodiagnostische Testverfahren
  • Generationsübergreifende neurobiologische und psychologische Entwicklungskonzepte, Psychotraumatologie und Bindungstheorie
  • Psychosomatische und psychotherapeutische Untersuchungen einschließlich psychopathologischer Befunde und deren standardisierter Erfassung, davon

ENTWEDER

  • dokumentierte Untersuchungen im psychodynamischen / tiefenpsychologischen Verfahren, z.B. psychodynamisches Erstinterview, tiefenpsychologischbiographische Anamnese, strukturierte Interviews einschließlich Testdiagnostik, davon
    • können bis zu 20 Untersuchungen in der jeweils anderen Grundorientierung erbracht werden (Richtzahl: 60)

ODER

  • dokumentierte Untersuchungen im verhaltenstherapeutischen Verfahren, z.B. strukturierte Interviews, Testdiagnostik und Verhaltensanalyse, davon können bis zu 20 Untersuchungen in der jeweils anderen Grundorientierung erbracht werden (Richtzahl: 60)
     
  • Konfliktlehre, Ich-Psychologie, Strukturtheorie, Objektbeziehungstheorie, Selbstpsychologie, Mentalisierungstheorie
  • Sozialpsychologie, Lernpsychologie, Kognitionspsychologie sowie allgemeine und spezielle Verhaltenslehre

Therapie psychosomatischer Störungen und Erkrankungen

  • Wissenschaftlich anerkannte Psychotherapieverfahren und -methoden, insbesondere psychodynamisch/tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Verhaltenstherapie und systemische Therapie
  • Konzepte der Psychoedukation und der supportiven, imaginativen, ressourcenorientierten, achtsamkeitsbasierten und non-verbalen psychosomatisch-psychotherapeutischen Behandlungen
  • Störungsorientierte Methoden und Techniken bei psychischen und psychosomatischen Störungen und Erkrankungen
  • Verhaltensauffälligkeiten und psychosomatische Störungen im Kindes- und Jugendalter
  • Indikations- und Differentialindikationsstellung zur Psychotherapie, Somatotherapie, Soziotherapie, Kunst-, Musik- und Bewegungstherapie sowie senosmotorischen Übungsbehandlungen einschließlich Krankenhausbehandlung und Rehabilitation
  • Verhalten bei nicht-stoffgebundenen und stoffgebundenen Süchten
  • Psychopharmakotherapie und Risiken des Arzneimittelgebrauches
  • Mitbehandlung im interdisziplinären Team bei somatischen Erkrankungen/Störungen, die einer psychosomatischen und psychotherapeutischen Behandlung bedürfen
  • Psychosomatische-psychotherapeutische Gesprächsführung und Beziehungsgestaltung zur Klärung psychosomatischer Interaktionen sowie zum Aufbau eines psychosozialen Krankheitsverständnisses und von Therapiemotivation
  • Entspannungstechniken, z.B. Hypnose, autogenes Training, progressive Muskelentspannung
  • Psychosomatisch-supportive und psychoedukative Therapien bei somatisch Erkrankten
  • Psychotraumatherapien mit Anwendung von traumaspezifischen Techniken, z.B. Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR, Richtzahl: 5)
  • Theorie in Behandlungslehre in Stunden (Richtzahl: 120)
  • Psychosomatische und psychotherapeutische Behandlungen einschließlich traumabedingter und sexueller Störungen mit besonderer Gewichtung der psychosomatischen Symptomatik unter Einschluss der Anleitung zur Bewältigung somatischer und psychosomatischer Störungen und Erkrankungen
  • und/oder der multimodalen psychosomatischpsychotherapeutischen Komplexbehandlung und der multimodalen Therapie im stationären Setting in dokumentierten Fällen, davon können bis zu 20 in der jeweils anderen Grundorientierung erbracht werden (Richtzahl: 100)

ENTWEDER

  • Behandlungen unter Supervision im psychodynamischen / tiefenpsychologischen Verfahren, davon
  • Einzelpsychotherapien von 30 bis 100 Stunden pro Behandlungsfall einschließlich Bericht an den Gutachter (Richtzahl: 8)
  • Kurzzeitpsychotherapien von 5 bis 25 Stunden pro Behandlungsfall (Richtzahl: 50)
  • Gruppenpsychotherapien von 200 Stunden mit 3 bis 9 Patienten

ODER

  • Behandlungen unter Supervision im verhaltenstherapeutischen Verfahren, davon
  • Langzeitpsychotherapien von jeweils 30 bis 80 Stunden pro Behandlungsfall einschließlich Bericht an den Gutachter (Richtzahl: 8)
  • Kurzzeitpsychotherapien von 5 bis 25 Stunden pro Behandlungsfall (Richtzahl: 50)
  • Gruppenpsychotherapie von 200 Stunden mit 3 bis 9 Patienten

ODER

  • Behandlungen unter Supervision im systemischen Verfahren (Einzel-, Paar-, Familientherapie), davon
  • Psychotherapien von 30 bis 100 Stunden pro Behandlungsfall einschließlich Bericht an den Gutachter (Richtzahl: 8)
  • Kurzzeitpsychotherapien von 5 bis 25 Stunden pro Behandlungsfall (Richtzahl: 50)
  • Gruppenpsychotherapien von 200 Stunden mit 3 bis 9 Patienten
  • Psychodynamische/tiefenpsychologische Einzeltherapie, psychodynamische Paartherapie, Familientherapie einschließlich systemischer Therapie, Gruppenpsychotherapie und Psychotraumatherapie mit Anwendung von traumaspezifischen Techniken
  • Verhaltenstherapeutische Einzel- und Paartherapie, Familientherapie einschließlich systemischer Therapie, Gruppenpsychotherapie und Psychotraumatherapie mit Anwendung von traumaspezifischen Techniken

Prävention und Rehabilitation

  • Prävention, Früherkennung und Rehabilitation psychosomatischer Störungen und Erkrankungen
  • Indikationsstellung zur psychosomatischen Rehabilitation und Differentialindikation zur psychiatrischen Rehabilitation
  • Klassifikationsmodelle der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit von Patienten mit psychischen Erkrankungen und Störungen, z.B. International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF)
  • Befunderstellung für Rehabilitationsanträge

Notfälle

  • Krisenintervention bei Suizidialität, Traumafolgestörungen, akuten Belastungsreaktionen, akuten Angststörungen, psychotischen Zustände, Dissoziationen

Selbsterfahrung

  • Selbsterfahrung zur Stärkung personaler und Beziehungskompetenzen, welche im gleichen psychotherapeutischen Verfahren erfolgen muss, in welchem die Psychotherapiestunden geleistet werden, davon

ENTWEDER

  • im psychodynamischen/ tiefenpsychologischen Verfahren in Einzel- und Gruppenselbsterfahrung, davon
  • Einzelselbsterfahrung in Stunden (Richtzahl: 120)
  • Doppelstunden in Gruppen (Richtzahl: 40)

ODER

  • im verhaltenstherapeutischen Verfahren in Einzel- und Gruppenselbsterfahrung in Stunden (Richtzahl: 150), davon
  • Doppelstunden in Gruppen (Richtzahl: 40)

ODER

  • im Verfahren der systemischen Therapie in Einzel- und Gruppenselbsterfahrung in Stunden (Richtzahl: 150), davon
  • Doppelstunden in Gruppen (Richtzahl: 40)
  • Balintgruppenarbeit und/oder interaktionsbezogene Fallarbeit in Doppelstunden (Richtzahl: 35)

Quellen: (Muster-)Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer 2018, Ärztestatistik der Bundesärztekammer 2020, Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM), mainmedico GmbH
 


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