Geteilte Führung: Das Chefärztinnen-Trio

9 Februar, 2022 - 07:05
Gerti Keller
Drei Chefärztinnen: Anna Jacob, Setareh Huschi und Simone Klüber (v.l.).
Drei Chefärztinnen: Anna Jacob, Setareh Huschi und Simone Klüber (v.l.).

Den Chefsessel teilen? Ja, das ist möglich – und sogar in Vollzeit! Drei Medizinerinnen machen es vor. Seit April 2021 leiten Anna Jacob, Setareh Huschi und Simone Klüber gemeinsam die Gynäkologie der Asklepios Klinik Wandsbek in Hamburg.  

Da war sie: die Konzeptidee für den Sprung nach oben – wie wäre es, sich zu Dritt eine Chefarztposition zu teilen? Das fragte sich im Frühjahr 2021 Anna Jacob und kam auf den Gedanken: Warum sich nicht gemeinsam ein Konzept zur Teilung entwickeln und die Leitungsaufgaben auf mehrere Schultern verteilen? So dass man Chefärztin ist und trotzdem noch viel Zeit für die Patientinnen haben kann.

„Das Konzept der kollegialen Führung war mir bereits aus England bekannt. Und ich hatte dafür auch gleich zwei ehemalige Kolleginnen im Kopf“, erzählt die Gynäkologin. Alle drei hatten bereits früher zusammengearbeitet – und zwar rund zehn Jahre lang ohne Kompetenzgerangel. Inzwischen war jede als leitende Oberärztin in einem anderen Haus tätig. „Lange überreden musste ich die beiden nicht, sie waren sofort einverstanden“, so die Hamburgerin. Und dank guter Präsentation ihres Dreier-Modells bekam das Trio den Chefsessel auch. Das heißt: Sie dritteln nicht die Stelle, sondern die Position. Jede von ihnen arbeitet Vollzeit. Doch wie läuft das in der Praxis ab? Gar nicht so kompliziert.

Keine Alleingänge

Für alle drei Chefärztinnen beginnt die Arbeit morgens um 7.30 Uhr gemeinsam zur Frühbesprechung mit dem gesamten Team. Anschließend trennen sie sich, sodass der OP, die Station und die gynäkologische Ambulanz jeweils von einer besetzt beziehungsweise koordiniert wird. Fachlich haben sie ohnehin unterschiedliche Schwerpunkte. Jacobs Spezialgebiet sind onkologische Patientinnen, die Behandlung von Eierstocks-, Gebärmutter-, Gebärmutterhals- oder Vulva-Krebs, mit Fokus auf minimalinvasive Therapie. Der Bereich von Setareh Huschi wiederum ist die Urogynäkologie, mit Senkungs- und Inkontinenzbeschwerden. Die Dritte im Bunde, Simone Klüber, kümmert sich um Dysplasie, die Diagnostik und Therapie von Krebsvorstufen des Gebärmutterhalses, aber auch der Vulva. „Damit haben die anderen Kollegen wie auch die Patientinnen klare Ansprechpartnerinnen“, wie Klüber sagt.

Für die Allgemeine Gynäkologie sind sie gemeinsam zuständig, wobei sie sich eng abstimmen. Die diversen Administrationsarbeiten sind ebenfalls aufgesplittet. So ist Klüber zum Beispiel für die Erstellung der Standards und die Weiterbildung zuständig. Zusätzlich kommen diverse Besprechungen und Konferenzen hinzu. „Die teilen wir, wenn möglich, ebenfalls untereinander auf oder gehen, falls nötig, gemeinsam hin“, schildert Huschi und ergänzt: „Natürlich können wir in unserer Position viel nach unseren Vorstellungen gestalten. Aber Alleingänge gibt es nicht.“

Die Mehrheit entscheidet

Die Pluspunkte der geteilten Führung liegen für die Medizinerinnen klar auf der Hand. „Mit unseren verschiedenen Expertisen ergänzen wir uns optimal und können für die Patientinnen die jeweils beste klinische und operative Lösung finden. Außerdem wird man als Dreierteam nicht so schnell ‚betriebsblind‘. Wir erwarten voneinander, dass wir uns gegenseitig kontinuierlich kritisch hinterfragen“, erläutert Klüber. „Auch die Verantwortung tragen wir gemeinsam. Wir stimmen uns eng ab und besprechen uns auf Augenhöhe. Das empfinden wir sehr hilfreich, vor allem in einem Fach, in dem es kein Schwarz und Weiß gibt“, fügt Jacob hinzu.

Generell ist jede Chefärztin für ihren Schwerpunkt eigenverantwortlich und weisungsbefugt. Für alle anderen Fälle und Fragen bemühen sie sich um eine gemeinsame Entscheidung. Sollte es einmal Uneinigkeit geben, entscheidet eine Zweidrittel-Mehrheit. Für Ausnahmesituationen gibt es ein Vetorecht.

Der Arbeitsteilung kommt auch zugute, dass „der Chef“ nun mehrere Charaktereigenschaften und Talente vereint. So sagen sie über sich selbst, dass Chefärztin Huschi sehr hartnäckig ist, wenn es darum geht, eine effektive Lösung zu finden. Sie mag keine ausgetretenen Pfade und geht den Dingen immer wieder gerne auf den Grund. Das Argument „das haben wir schon immer so gemacht“, ist für sie die schlechteste Begründung. Chefärztin Klüber wiederum ist sehr strukturiert, schnell und fokussiert. Auch in stressigen Situationen behält sie einen kühlen Kopf. Chefärztin Jacob wiederum besitzt durch ihre Erfahrung in der Krebstherapie ein hohes Maß an diagnostischen und operativen Fähigkeiten. Diese können – je nach Befund – auch den Patientinnen der Mitchefinnen zugutekommen. Zusätzlich hat sie ein Talent dafür, diplomatische Lösungen zu finden und verschiedene Interessen unter einen Hut zu bringen. Auch befinden sich alle drei in unterschiedlichen Lebensaltern, von 37 über Mitte 40 bis Anfang 50. Damit stehen sie an jeweils anderen Punkten im Leben. Daher kann jede von ihnen für unterschiedliche Patientinnen gerade in der Gynäkologie die richtige Ansprechpartnerin sein.

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Entspannt beim Familientreffen

Falls dieses deutschlandweit noch einzigartige Konzept Schule macht, könnte es dazu beitragen, die hierarchischen Strukturen von Kliniken insgesamt flacher zu gestalten. Ob es für den Arbeitgeber teurer wird oder nicht, muss dabei jede Verwaltung für sich entscheiden. Chefarztgehälter werden schließlich individuell verhandelt. In Hamburg ist man zufrieden: „Wir bekommen alle drei das gleiche und fühlen uns nicht unterbezahlt“, war die Auskunft. Auf rein weibliche Teams muss das übrigens nicht beschränkt sein. „Klar könnten wir uns das Modell auch mit einer Männerbeteiligung vorstellen. Es geht eher darum, dass die Akteure gut miteinander vertraut sind“, betont Jacob. Den vielleicht einzigen kleinen Nachteil sehen sie darin, dass gute Kompromisse häufig etwas Zeit brauchen. Das nehmen sie aber gern in Kauf, um am Ende das beste Ergebnis zu erreichen.

Persönlich gibt es noch weitere Vorteile. Der Haupt-Pluspunkt ist: Ihnen bleibt mehr Zeit für die klinische Arbeit und die Patientinnen. Denn alle drei tun dies „leidenschaftlich gern“. Aber auch die Work-Life-Balance tritt nicht ganz in den Hintergrund. Jede kann auch im Privatleben Ziele umsetzen, ohne permanent auf Abruf zu sein und sich sorgloser in den Urlaub oder die Fortbildung verabschieden. Denn für Klinik und Patienten ist immer eine Chefärztin da – und meistens sogar zwei.

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