Jobsharing im Krankenhaus: Chefärztin in Teilzeit – das geht!

27 Januar, 2021 - 07:39
Denise Krell
Angelika Behrens und Vera Stiehr
Angelika Behrens (rechts) und Vera Stiehr teilen sich den Chefarztsessel für Innere Medizin.

Immer mehr Ärztinnen und Ärzte fordern flexible Arbeitsmodelle. Die Evangelische Elisabeth Klinik in Berlin zeigt, dass Jobsharing auch auf der Chefetage funktioniert. Angelika Behrens und Vera Stiehr teilen sich den Chefarztsessel für Innere Medizin. Das bringt viele Vorteile mit sich.

Führen in Teilzeit – funktioniert das im Krankenhaus? „Ja“, sagt Angelika Behrens. Ihr Arbeitgeber, die Evangelische Elisabeth Klinik, würde dem zustimmen. Denn bereits seit drei Jahren teilt sich die Chefärztin ihre Führungsposition mit ihrer langjährigen Weggefährtin Vera Stiehr.

Als sich die zwei Oberärztinnen im September 2017 gemeinsam auf die ausgeschriebene Stelle bewarben, glaubte keine von beiden, dass sie den Chefarztposten tatsächlich bekommen würden. „Irgendwie fanden wir es absurd, uns in einem Modell zu bewerben, das es nicht gibt“, erinnert sich Angelika Behrens. „Als dann der Anruf kam, waren wir am allermeisten schockiert“, lacht sie. Immerhin sei gerade in Berlin der Bewerbermarkt groß. „Viele habilitierte Männer von der Charité, die in Konkurrenz laufen.“ Da sei das Kollegialsystem sogar ein Vorteil in der Bewerbungsstrategie gewesen, resümiert die Chefärztin.

Hohe Fluktuation bei Chefarztstellen: Teilzeit ist eine Lösung

Gerade kleinere Krankenhäuser machen oft die Erfahrung, dass Chefarztstellen einer gewissen Fluktuation unterliegen. Die Zeiten, in denen ein leitender Arzt seine Stelle antritt und bis zum Lebensende bleibt, sind vorbei. Viele Chefärzte wechseln. Sie gehen zu anderen Kliniken oder stellen fest, dass man auch im niedergelassenen Bereich gut versorgt wird. Angelika Behrens sieht in Teilzeitmodellen eine Lösung: „Wenn zwei Medizinerinnen sich den Job teilen, können die im Alltag insbesondere durch die adminsitrative Belastungen entstehenden Frustrationen besser aufgefangen werden“, erklärt die 47-Jährige.

Im ersten Telefonat noch skeptisch, konnten die beiden leitenden Oberärztinnen Vorstand und Geschäftsführung im Laufe des Bewerbungsprozesses immer mehr mitnehmen. Am Ende waren sie von der Idee überzeugt, erzählt die Mutter eines Kindes rückblickend.

Chefärztin und Familie, ohne ständig „on call“ zu sein

Seither arbeiten die beiden Medizinerinnen in einem klassischen Teilzeitmodell. Vera Stiehr geht an ein oder zwei Nachmittagen früher. Manchmal nimmt sie sich auch einen ganzen Tag frei. Angelika Behrens kommt jede zweite Woche morgens etwas später. 80 Prozent steht in ihrem Vertrag. De facto seien es aber bei beiden 120 Prozent, gesteht Angelika Behrens. Trotzdem sieht sie den Vorteil: „Wenn ich es allein machen würde, käme ich auf 200 Prozent. Denn als Chef hätte ich das Gefühl, jederzeit erreichbar sein zu müssen. Das kann und will ich nicht leisten“, erzählt die Internistin.

Mit dem Jobsharing gelingt es den beiden Müttern, Privates und Beruf zusammenzubringen. Es ist möglich, familiäre Termine wahrzunehmen, ohne permanent „on call“ zu sein. Gleichzeitig kann sich die Klinik darauf verlassen, dass ein Ansprechpartner da ist. Der Gegenpart hält den Rücken frei.

Im Krankenhaus schafft Jobsharing Kontrolle auf Führungsebene

Das Kollegialsystem hat auch für den Arbeitgeber viele Vorteile. Zum einen erhöhen zwei Chefärztinnen die Chance, jemanden schnell zu erreichen. Zum anderen schafft das Teilzeitmodell eine Kontrolle auf Führungsebene. „Das war mir vorher gar nicht so klar“, gesteht Angelika Behrens mit einem Lachen. „Aber in einem Jobsharing haben Sie ständig einen Kontrolleur, der feststellt, ob Sie Ihre Arbeit gemacht haben.“ Außerdem fühle sie sich auch ihrer Kollegin gegenüber verpflichtet, Dinge wirklich fertigzustellen. Zudem werden laufende Prozessentwicklungen nicht durch Urlaube oder Erkrankung der Leitung unterbrochen.  Denn immer einer vor Ort hält die Stellung.

Ohne Fleißarbeit funktioniert Chefarzt in Teilzeit nicht

Wenn die zwei Ärztinnen auch „sehr stolz“ sind, dass die Arbeitsteilung so gut funktioniert, steckt dahinter jede Menge Fleißarbeit. Nicht für das Krankenhaus, sondern für die beiden Teilzeit-Ärztinnen, die sich komplett selbst organisieren. „Die Kommunikation miteinander, die ist aufwendig. Die nervt auch manchmal im Alltag“, sagt Angelika Behrens. Man müsse seinen Gegenpart schlichtweg immer informieren. Das sei das A und O, damit kein Kollege oder Patient auf ein Informationsdefizit trifft.

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Hinzu kommt eine große Toleranz. „Der andere trifft Entscheidungen. Ganz klar, diese soll er ja auch eigenverantwortlich treffen. Aber manchmal hätte man diese selbst anders gehandhabt“, erklärt die Chefärztin. In ihrem Fall sei die Entscheidungsfindung glücklicherweise sehr homogen. Durch die langjährige Zusammenarbeit konnten die beiden Frauen die gegenseitige Arbeitsweise sehr gut einschätzen. In einigen Themen teilen sich die beiden Leiterinnen die Verantwortlichkeiten auch klar auf, um die Abstimmung gering zu halten. Hierunter fallen beispielsweise Projektthemen wie Prozessstrukturierungen in der IT.

Die Zusammenarbeit verlagert sich auf die Sachebene

Ihre unterschiedliche Persönlichkeit kommt den beiden Frauen bei der Arbeitsteilung zugute. „Zwei verschiedene Ansprechpartner zu haben, finden die meisten Kollegen positiv.“ Gleichzeitig werde dadurch eine emotional belastete Zusammenarbeit zwischen Chef und Oberarzt vermieden. „Wenn man zu zweit ist, ist die Abhängigkeit nicht so stark. Denn ich weiß: Da steht noch jemand links neben mir, der die Aufgabe sofort für mich erledigt. Ich habe das Gefühl, dass wir dadurch mehr auf Sachebene miteinander arbeiten“, sagt Angelika Behrens. Ein Miteinander, das die Ärztin, sehr positiv empfindet.

Ohne flexible Teilzeitmodelle geht Krankenhaus nicht

Die beiden Chefärztinnen selbst haben in ihrer Abteilung viele Teilzeitkräfte beschäftigt. Ein Muss für die beiden Karrierefrauen. Schließlich leben sie dieses flexible Modell selbst vor. Gerade von jungen Bewerbern und Ärzten werde das Jobsharing auf Führungsebene als sehr modern empfunden. Auch in Vorstellungsgesprächen sind eigene Teilzeitwünsche immer Thema, sagt die Abteilungsleiterin.

Ein zukunftsweisendes Modell also? Auf jeden Fall, meint Angelika Behrens. „Wir werden zunehmend mehr weibliche Mitarbeiter haben. Wenn wir das nicht schaffen, flexible Arbeitszeitmodelle umzusetzen, dann wird Medizin im Krankenhaus nicht gelingen.“

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Health Relations, dem Online-Magazin des Deutschen Ärzteverlags für die Healthcare-Branche (12.01.2021).

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