
Wenn schwerkranke Kinder eine wichtige Behandlung brauchen, hilft Dr. Michael Offermann. Aber nicht als Arzt, sondern als Pilot, denn er ist einer der ehrenamtlichen Piloten, die im gemeinnützigen Verein „Flying Hope e.V.“ – zu Deutsch „Fliegende Hoffnung“ – die jungen Patientinnen und Patienten mit ihren Flugzeugen kostenlos in Kliniken oder Reha-Einrichtungen transportieren.
Herr Dr. Offermann, was ist das Besondere an Flying Hope?
Dr. Michael Offermann: Wir fliegen schwerkranke Kinder zur Behandlung in Kliniken, Hospize oder Reha-Zentren. Weil wir vor Jahren von der der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) unser eigenes Funkrufzeichen „Flying Hope 1.2.3…“ erhalten haben, und unsere Flüge mit den kranken Kindern an Bord als „Hospital Flights“ anerkannt sind, werden wir bevorzugt behandelt: Wir erhalten zum Beispiel die kürzesten Strecken und dürfen vor allen anderen starten. Die Kinder können innerhalb einer Stunde an Orte gebracht werden, für die sonst sechs oder sieben Stunden benötigt würden – falls ein anderer Transport überhaupt möglich wäre. Oft sind die jungen Patienten auch so schwer erkrankt, dass ein Transport mit dem Auto, der Bahn oder einem Linienflug gar nicht infrage käme oder sie diesen gar nicht überstehen würden. Auch die Eltern werden entlastet, weil sie selbst keine langen Strecken fahren oder komplizierte Transfers organisieren müssen. Hinzu kommt, dass die Krankenkassen grundsätzlich nur die Kosten für den Transport zur nächstgelegenen Klinik übernehmen, nicht aber zu einer gewünschten oder bestmöglichen Einrichtung.
Unter welchen Erkrankungen leiden die Kinder, die von Flying Hope transportiert werden?
Dr. Michael Offermann: Es handelt sich um Kinder, die nach Unfällen eine intensive Rehabilitation benötigen, Kinder mit komplexen Krebserkrankungen oder seltenen genetischen Defekten. Wir haben beispielsweise ein kleines Mädchen mit kindlicher Demenz, dem ein bestimmtes Enzym im Gehirn fehlt, alle 14 Tage von Mönchengladbach nach Hamburg geflogen, damit ihr dort dieses fehlende Enzym über einen Port infundiert werden konnte. Normalerweise werden Kinder mit dieser Erkrankung nicht älter als sieben oder acht Jahre. Dank dieser speziellen Behandlung ist dieses Mädchen aber inzwischen 13 Jahre alt. Es kann zwar kaum noch laufen und sprechen, lebt aber immer noch. Die Eltern sind überglücklich. Dass ich solchen Familien helfen kann, gibt mir unheimlich viel Energie und macht diese Arbeit so wertvoll.
Welche Vorbereitungen werden für die Flüge getroffen?
Dr. Michael Offermann: Vor jedem Flug klären wir alle Details mit den Eltern und den behandelnden Ärzten, es muss stets ein ärztliches Attest vorliegen. Je nach Erkrankung bringen die Familien beziehungsweise die Begleitpersonen alles mit, was in ihrem speziellen Fall benötigt wird: etwa Medikamente, Beatmungsgeräte oder Infusionssysteme.
Mit welchen besonderen Herausforderungen müssen die Piloten während der Flüge rechnen?
Dr. Michael Offermann: Es gibt Notfälle, auf die wir vorbereitet sein müssen, zum Beispiel epileptische Anfälle, Bewusstlosigkeit oder akute Verschlechterungen des Zustands. Unsere Piloten werden auf die zehn wichtigsten Szenarien geschult. Im schlimmsten Fall, dem Tod an Bord, müssten wir sofort landen, was in den 16 Jahren, in denen es Flying Hope gibt, glücklicherweise bisher nicht vorgekommen ist. Allerdings gibt es Situationen, die auch für Mediziner wie mich kaum vorstellbar sind: Einmal sollten wir einen achtjährigen Jungen aus der Nähe von Frankfurt transportieren. Er freute sich, lief zum Flugzeug und wirkte völlig gesund. Aber, was nicht sofort sichtbar war: Nach einer schweren Hirnhautentzündung war sein Atemzentrum komplett ausgefallen. Das bedeutet, er wird nachts beatmet und muss sich tagsüber ständig daran erinnern, zu atmen. „Ich muss gerade einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen …“ Während des Flugs schaute der Junge die ganze Zeit vollkommen angetan aus dem Fenster, wodurch er vor Begeisterung vergessen hatte zu atmen und plötzlich musste er beatmet werden.
Fliegen Sie nur innerhalb Deutschlands?
Dr. Michael Offermann: Nein, wir fliegen auch in andere europäische Länder. Viele Spezialkliniken sind nur an bestimmten Orten verfügbar. So haben wir beispielsweise ein 15-jähriges Mädchen alle sechs Wochen für jeweils vier Wochen in eine der besten europäischen Physiotherapiekliniken gebracht, nach Bratislava in der Slowakei. Das Mädchen hatte eine schwere Hirnblutung aufgrund eines geplatzten Aneurysmas beim Sport erlitten, war danach gelähmt und konnte nur noch die Augen bewegen. Inzwischen kann das Mädchen wieder stehen, was vorher unmöglich schien.
Seit wann sind Sie bei Flying Hope dabei?
Dr. Michael Offermann: Ich fliege seit über zehn Jahren für Flying Hope. Ein Freund aus Berlin hat mir damals von dem Verein erzählt. Er war schon seit einem Jahr ehrenamtlich dabei und schwärmte von den Möglichkeiten, Kindern wirklich zu helfen. Ich hatte jahrelang weltweit als Notarzt gearbeitet und gesehen, wie viele Spenden nie bei den Menschen ankamen, die sie dringend brauchten. Bei Flying Hope dagegen wusste ich sofort: Hier kommt jede Hilfe direkt an. Jedes Kind, das wir transportieren, erhält die Behandlung, die es braucht. Deshalb war ich sofort begeistert. Derzeit sind wir etwa 40 Piloten, manche fliegen regelmäßig, andere seltener. Sie haben ganz unterschiedliche Berufe: Ärzte, Unternehmer, Berater, Selbstständige und sogar ein Tierarzt ist dabei. Ich bin zwar Arzt, aber im Flugzeug bin ich wie alle anderen Piloten fürs Fliegen zuständig, was hohe Konzentration erfordert. Inzwischen fliegt fast immer ein Co-Pilot oder eine Co-Pilotin mit, was für zusätzliche Sicherheit sorgt. Wir sind zwar ein gemeinnütziger Verein, doch unsere Flüge, derzeit sind es etwa 100 bis 110 pro Jahr, sind genauso professionell wie kommerzielle Flüge. Zurzeit führen wir eine Studie zur Qualität unserer Flüge durch, die eine sehr hohe Zufriedenheit zeigt.
Wer kommt als Pilot infrage?
Dr. Michael Offermann: Das ist streng geregelt. Unter anderem müssen die Piloten über eine Instrumentenflugberechtigung verfügen, wie sie auch Berufspiloten benötigen. Damit dürfen sie bei jedem Wetter fliegen. Zudem müssen sie mit dieser Berechtigung mindestens 300 Stunden Flugerfahrung nachweisen, ebenso wie 50 solcher Stunden im letzten Jahr. Außerdem müssen sie ihr eigenes Flugzeug oder das ihrer Firma mitbringen und diese Maschinen dürfen auch nicht zu klein sein. Ideal sind Sechssitzer. Den Kraftstoff für die Transporte bezahlt der Verein aus Spenden, wofür derzeit jedes Jahr rund 100.000 Euro ausgegeben werden.
Alle, die sich mit Flugzeugen auskennen, interessiert es bestimmt, was für eine Maschine Sie fliegen?
Dr. Michael Offermann: Das ist eine Jetprop, ein einmotoriges Geschäftsreiseflugzeug des US-amerikanischen Herstellers Piper Aircraft Corporation. Ich wollte ja schon als Kind Pilot werden, aber ich musste einige Umwege nehmen: Nach meinem Abitur hat mich die Lufthansa aufgrund meiner minimalen Kurzsichtigkeit nicht angenommen. Bei der Luftwaffe dann wurde ich abgelehnt, weil ich zwei Plomben hatte. Später war ich bei der Bundeswehr „Ausbildungsoffizier in Sachen Medizin“ , und da ich kurz vor meinem Studium einen Fahrlehrerschein für Autos und Motorräder gemacht hatte, konnte ich während meines Studiums als Fahrlehrer etwas dazuverdienen und das Geld in meine Flugstunden investieren. Meine erste Lizenz habe ich inzwischen seit 48 Jahren, die deutsche Berufspilotenlizenz seit 38 Jahren und die amerikanische seit 15 Jahren.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft von Flying Hope?
Dr. Michael Offermann: Mehr Kinder erreichen, mehr Piloten gewinnen und mehr Öffentlichkeit schaffen. Wir leisten großartige Arbeit, doch es gibt noch viel mehr Familien, denen wir helfen könnten. Dafür müssen wir bekannter werden. Deshalb hatte ich unter anderem die Idee, dass der US-Schauspieler Tom Cruise einmal mit uns fliegt. (Anm. d. Redaktion: Tom Cruise besitzt eine Pilotenlizenz für Flugzeuge sowie Hubschrauber und fliegt auch in manchen seiner Filme selbst.) Das würde uns auf einen Schlag sehr viel Aufmerksamkeit bringen. Leider ist es uns aber bisher nicht gelungen, mit Tom Cruise in Kontakt zu treten. Auch ein Botschafter und die Polizei in Los Angeles wollten uns helfen, doch auch sie kamen nicht weiter. Abgesehen davon benötigt Flying Hope natürlich mehr Spenden und Unterstützung durch Menschen, die unsere Arbeit fördern möchten – sei es als Pilot, als Vereinsmitglied oder als Sponsor.




