Als Ärztin allein unter Männern: Prof. Babette Brinkmann gibt Tipps

2 April, 2020 - 07:50
Gerti Keller
Prof. Dr. Babette Brinkmann vom Institut für Geschlechterstudien der TH Köln

Die Medizin wird immer weiblicher. Dennoch kann es nach wie vor sein, dass man die einzige Frau im Team ist. Prof. Dr. Babette Brinkmann gibt Tipps, wie der Start gut gelingt – auch bei Gegenwind.

Stelle ergattert? Herzlichen Glückwunsch. Aber was ist, wenn alle Kollegen Männer sind? „Als einzige Frau im männlichen Team sind Sie eine extreme Minderheit. Das bedeutet, Sie werden schnell als Vertreterin aller Frauen gesehen und nicht als Individuum“, erklärt Prof. Dr. Babette Brinkmann vom Institut für Geschlechterstudien der TH Köln. Für einen guten Start ist strategisches Vorgehen daher wichtig. „Damit tun sich Frauen manchmal schwer, aber sie brauchen jetzt Verbündete, um sich zu positionieren“, so die Psychologin. Das gilt übrigens für alle Subgruppen, die weniger als zehn Prozent eines Teams ausmachen. Viel besser, als einfach nur abzuwarten, wie sich alles entwickelt, sei: „Begreifen Sie das Ganze als Spielfeld und versuchen Sie gezielt herauszufinden, wie das dort funktioniert. Und stellen Sie sich darauf ein – Sie sind nun eine Exotin.“

So bauen Sie Ihr berufliches Netzwerk auf

Folgende Schritte und Überlegungen helfen, ein Netzwerk zu knüpfen:

  • Mit wem spreche ich zunächst?
  • Mit wem tue ich mich zusammen?
  • Und wem meiner Kollegen ist was wichtig, beziehungsweise wem kann ich was anbieten?

Dabei sind breitere Koalitionen generell ratsam. „Wenden Sie sich nicht nur an einen Kollegen, mit dem Sie künftig im Doppelpack auftreten. Strecken Sie die Fühler aus und klopfen Sie mal bei dem und mal bei dem an“, erläutert Brinkmann.

So schnell wie möglich den Kontakt zur Leitung suchen

Außerdem rät sie jeder neuangestellten Ärztin, so schnell wie möglich mit der Leitung zu sprechen und dabei zu fragen: Wie sind die Regeln, wie ist die Stimmung? Und, ganz wichtig: „Versuchen Sie herauszufinden, was der Grund für Ihre Einstellung gewesen ist: War zufällig erstmals eine Frau die kompetenteste oder wird auf den Fluren über eine ‚Quotenfrau‘ gemunkelt?“, erklärt Brinkmann. Zwar sei nichts schlimm an Letzterem, aber: In diesem Fall sollte jede Ärztin besonders achtsam sein. Denn das kann durchaus dazu führen, dass bestimmte Themen auf einmal nur wieder in Hinterzimmern unter Männern verhandelt und entschieden werden. Auch das Gefühl, „irgendwie“ nicht richtig ernstgenommen zu werden, sollte beobachtet werden. Häufen sich solche Verunsicherungen, ist ein Gespräch mit dem Chef angeraten.

Faire Verteilung der Aufgaben

Vorsicht gilt zudem vor der Rolle des „fleißigen Bienchens“. „Frauen gelten als sozial kompetent und hilfsbereit. Die zugeschriebenen Stereotypen haben sich in den letzten 30 bis 40 Jahren kaum geändert“, betont die Psychologin. Gerade auf Neuankömmlinge werden schnell alle möglichen, ungeliebten Arbeiten abgewälzt. Doch auf einer solchen – für alle anderen bequemen – Funktion, kann man schnell sitzen bleiben. Natürlich gibt es Dinge, die getan werden müssen und gerade zu Beginn kann man nicht alles ablehnen. Aber auch hier sollte der Blick geschärft werden, nach dem Motto: Wie viele Kartoffeln schäle ich und wie viele die anderen? „Achten Sie darauf, nicht nur den Kollegen zuzuarbeiten, sondern auch Aufgaben zu übernehmen, die Sie weiterbringen“, empfiehlt die Expertin. Das ist insbesondere für Frauen mit Karrierewunsch unabdingbar. Brinkmann: „Gerade, wenn es um Macht und Einfluss geht, muss man abwägen. Macht mich das sichtbar? Man muss sich auf die Bühne kriegen. Sonst ist es für andere geschickter, Sie nicht zu befördern, damit Sie weiterhin diese Tätigkeiten erledigen.“

Nicht einmal jede dritte Oberarztstelle in einer Universitätsklinik mit einer Frau besetzt

Denn obwohl es immer mehr Ärztinnen gibt, werden ambitionierte Frauen in der Medizin nach wie vor ausgebremst. So hat sich ihr Anteil in Führungspositionen in der Universitätsmedizin in den letzten Jahren nur auf derzeit 13 Prozent leicht erhöht, meldete der Deutsche Ärztinnenbund im Mai 2019. Nicht einmal jeder dritte Oberarzt in einer deutschen Universitätsklinik ist weiblich. Gerade die chirurgischen Disziplinen galten lange Zeit als Männerbastion. Obwohl auch hier mittlerweile die Zahl der Chirurginnen gestiegen ist – die Verteilung ist aktuell 1:4 – befinden sich viele Abteilungen noch allein in Männerhand. Das gilt insbesondere für die Unfall- oder die Herzchirurgie. Dort herrscht nicht selten ein rauer Ton, was durchaus mit einer chauvinistisch geprägten Tradition einher gehen kann.

Genau hinhören: Macho-Spruch oder Kompliment?

Die Schwierigkeit für Jobstarterinnen ist hierbei auch: Es spielt sich vieles in einer Grauzone ab. In freundliche Sätze verpackt, lässt sich manchmal gar nicht so leicht erkennen, warum ein vermeintliches Kompliment unangenehme Gefühle auslöst. Dafür schlägt Brinkmann vor: „Denken Sie darüber nach, ob es komisch wäre, wenn Sie selbst das zu Ihrem Gegenüber sagen würden. Wenn ein Kollege Sie zum Beispiel mit den Worten begrüßt: Ich freue mich, in so ein attraktives Gesicht zu schauen, diese Formulierung umgekehrt aber unpassend wäre, wird die Diskriminierung deutlich. Sie werden auf die hübsche Frau reduziert. So merkt man das ziemlich schnell.“

Dennoch, es kann auch ein Vorteil sein, eine besondere Rolle zu haben. Man bekommt dadurch zumindest am Anfang mehr Aufmerksamkeit. Und selbst wenn das Wort Quotenfrau fällt, resümiert Brinkmann: „Ärgern Sie sich nicht. Frauen sollten mit dem Begriff Frieden schließen. Männer haben sich lange genug nur selbst reproduziert. Nur wegen der Quote ist vieles kein mens only club mehr.“

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